1. #1
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    Lass das Reimen

    Lange musst ich überlegen,
    Anna, sprich und sage an:
    Sind es Reime, die bewegen?
    Solches Klappern kann doch jedermann.
    Drossel, Amsel, Fink und Star,
    alle Vögel zwitschern ohne Reime,
    sie und die gesamte Vogelschar
    raten ab vom Wortgeleime.
    Es freut sich jeder, wenn sie tirilieren,
    im bunten Federkleid, hoch in Baumes Wipfel,
    machen sie‘s uns vor und jubilieren
    einfach so drauflos, erstürmen jeden Gipfel,
    niemals reimen sie, entziehn sich allem Zwang,
    lassen ihre Melodien erklingen;
    ich wünschte mir, in gleicher Art im Klang -
    etwa den der Lerche - schön zu singen.
    Brav hab ich wohl tagelang geübt,
    es ertönte nur ein trauriges Gewinsel,
    rasch erkannte ich: Wenn man wie ich verliebt,
    wird man schnell zum Einfaltspinsel.
    Immerzu verweigerte Apoll den rechten Reim,
    lieber sollte ich die ungereimten Wege gehen,
    Lieder dichten und der Liebsten ganz geheim
    in Akrostichen mein Herzensweh gestehen,
    Charme versprühen, ob in Jamben oder Trochäen,
    hielt der Gott für nebensächlich -
    Dichten, meint er, sei ein Säen,
    ein Erwarten und allmählich
    ist sein Rat auf meines Herzens Grund gedrungen:
    Nicht der Reim betört der Liebsten Ohr.
    Erst wenn du gleich wie 'n Engelschor geklungen,
    kann‘s was werden mit l'amour.
    Überflüssig wird alsbald der Reime Pflicht,
    spürt sie doch aus Holperzeilen,
    schön verpackt in Leistenversen und -gedicht,
    eine Woge heißer Liebe zu sich eilen,
    sie erwärmt ihr Herz auch ohne Reimerei,
    Poesie kann ohne Pflichten leben.
    Über allem schwebe nur ein wenig Schwärmerei,
    rasselt auch dein Reim daneben,
    eines sei dir stets ein sanftes Ruhekissen:
    Nie ist es der Reim, der sie verführt zum Küssen.
    Geändert von Festival (01.10.2018 um 22:23 Uhr)

  2. #2
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    Liebes Festival,

    es bleiben viel Fragen, und sie führen uns immer wieder an den Anfang.
    Da will sich mir sofort die Frage aufdrängen:

    ist Anna die Muse?

    Dein kleiner Ausflug führt uns in die Tiefen der Philematologie, warum nicht.
    Letztendlich ist ja eine reine Frage des Geschmacks. Reimen und Küssen geht das überhaupt?
    Sollte man seine Kussvisionen doch nicht zu schnell begraben, deine Zeilen legen es nahe.
    Das Gedicht ist ein kleiner Hoffnungsschimmer und Ansporn für all die triebgesteuerten schrägen Vielreimer,
    bei ihrem Kick im Bemühen um einen läpschen Kuss, die Sucht nach dem ultimativen Klick.
    Doch wann macht es endlich Klick?

    Manche denken viel zu kompliziert an früher zurück, als Anna Pest und Cholera vermutet hatte,
    und sich schnell mit dem gepflegten Stab Reim und raus zufrieden gab.
    Vögeln und Reimen aber ist die Lust zur Seite gestellt worden.

    Und hier ist nichts weiter als der Geistesblitz gefragt, die Lust an der Entdeckung.

    ,,Ich habs!", mag der eine oder andere nach deinen vielen Hinweisen
    begeistert aufschreien, und hat sofort den Bruderkuss von Breschnew und Honecker auf der Zunge.
    Der Kuss am Rande, wo sich zunächst keiner einen Reim drauf machen wollte,
    der Kuss unter Gleichgesinnten,
    bevor überhaupt etwas ausgesprochen wurde,
    hauptsache links.

    gerne gelesen,, A.

  3. #3
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    Liebes Festival,

    LASS Das rEimen lieBer wIlL iCh DeiNE kÜsse sPÜreN.

    In solchen Fällen empfehle ich üblicherweise, jeden Versanfang per se zu kapitalisieren. Vollständig kapitalisiert lässt sich auch die Losung leichter lesen als in so einem Auf und Ab, wenn das nicht auch exakt der Groß- und Kleinschreibung der Losung entspricht.

    LG BS

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  4. #4
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    Lieber Blobstar,

    so kommt aber Festival ganz sicher nie zu seinem Kuss.
    Von einer Kapitalisierung würde ich dringend abraten, das ist einfach zu plump. Weiß doch die Angebetete sofort, was der Dichter von ihr will, d.h. wenn es sich beim LI und LD um Mann und Frau handeln sollte, die ist doch nicht blöd. Außerdem scheint es sich bei der Losung um einen belehrenden Rat an den Dichternachwuchs zu handeln. Und bei dieser kapitalisierten Zaunpfahlmethode gehen die Schotten zu, damit ist dem Leser vielleicht, aber nicht dem LI geholfen. A.
    Geändert von Anjulaenga (02.10.2018 um 13:13 Uhr)

  5. #5
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    Lieber Anjulaenga,
    meine Antwort kommt spät, weil ich für paar Tage in Berlin war, um dort mit einer Poetin aus dem Forum a) in der Komischen Oper eine Jaques-Offenbach-Operette (Ritter Blaubart) besucht und b) mit der Dame den ehemaligen Stasi-Knast in Hohenschönhausen besucht habe. Die Empfindungen waren, wie Du Dir vorstellen kannst, recht unterschiedlich.
    Nun zu Deinem Kommentar:
    Nein, Anna ist nicht die Muse. Es gab ein Akrostichon, ein recht hübsches, das ungereimt verfasst ist. Der Kommentar Annas bezog sich auf das Ungereimte des Akrostichons. Ich bin der Ansicht, dass ein Akrostichon nicht unbedingt gereimt sein muss, habe aber in gereimter Form geantwortet (eigentlich nur, um zu zeigen, dass ich des Reimens mächtig bin). Das nächste wird, nur um Anna ein bisschen zu ärgern, zwar ein regelmäßiges Metrum aufweisen (und ich bin gespannt, ob sie heraus bekommt, welche Versform ich gewählt habe.
    Die leichte Kritik Blobstars kann ich vertragen. Da ich alle Gedichte gemäß der Groß-und Kleinschreibung schreibe, wäre der jeweilige Versbeginn mit Majuskeln zu sehr Holzhammermethode. Mit der Philematologie hast Du mich erwischt. Ich wusste nicht, was ich mit dem Begriff anfangen sollte (aber wozu gibt es Google?). Nein - keine Philematologie, sondern eine Antwort auf die Forderung, Akrostichen in gereimte Form zu bringen.

    Lieber Blobstar,
    aus meiner Antwort an Anjulaenga kannst Du ablesen, was ich von Majuskeln bei Akrostichen halte. Wenn ich ein Gedicht schreibe und die Versanfänge groß schreibe, weiß jed/r sofort: Das ist ein Akrostichon. Und so leicht will ich es niemanden machen.
    Danke für Deine Beschäftigung mit der kleinen Fingerübung!

    Liebe Grüße Euch beiden,
    Festival
    Geändert von Festival (05.12.2018 um 13:43 Uhr)

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