Thema: Der Glykoneus

  1. #1
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    Der Glykoneus

    Hallo!

    Ich schreibe mich gerade wieder einmal in einige Verse ein, diesmal antike; und dachte mir, es mag sich vielleicht auch der eine oder die andere aus der Riege der Foristen an ihnen versuchen? Der Vers, den ich dabei hier vor allem vorstellen möchte, ist der Glykoneus:

    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ —

    Dabei meint — eine stark betonte, schwere Silbe und ◡ eine schwach betonte, leichte Silbe. Auf diesen Vers bin ich gekommen, weil er sich zum einen wirklich einfach schreibt - man braucht keinerlei "antikes Rüstzeug" (lediglich die beiden leichten Silben in der Versmitte sollten wirklich so leicht wie irgend möglich sein); zum anderen kann er auf viele verschiedene Arten verwendet werden! Man kann ihn reihen, man kann ihn im Zusammenspiel mit anderen Versen für Distichen nutzen, man kann ihn zum Hauptvers einer Strophe machen oder nur einen Vers einer Strophe mit ihm gestalten. All das, wohlgemerkt, ungereimt; aber auch dem hier im Forum hochgeschätzten Reim verweigert sich der Glykoneus nicht, eine Beispielstrophe von Friedrich Rückert, zur Jahreszeit passend aus "Herbstgefühl":

    Wie das sterbende Blatt sich schmückt,
    Küsst es weinend der Sonnenstrahl;
    Frühlingstäuschung, die mich beglückt,
    Ach, du lächelst zum letzten Mal.


    Auch als Ausgangspunkt für andere Verse taugt der Glykoneus: erweitert man ihn "von innen", entstehen der kleine und der große Asklepiadeus; fügt man Silben ans Versende an, kommt man etwa zum Phaläkischen Vers; streicht man die letzte Silbe des Verses, erhält man einen Pherekrateus. Alles eigenartige Namen, aber auf die kommt es nicht an - eher schon, dass all diese Verse miteinander verwandt sind und daher gut im selben Gedicht stehen können! Man kann sie auch zu noch anderen Versen verbinden - ein Glykoneus und ein Pherekrateus verschmelzen zu einem Priapeus:

    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ — || — ◡ — ◡ ◡ — ◡

    Beispielsweise wie hier - der Vers, zweigeteilt in der Mitte,
    Gibt den Redenden Raums genug, alles, was sie beschäftigt,
    Auszubreiten; der Hörer Ohr schätzt die Art, wie der Vers sich
    Vielgestaltig bewegt, und gern folgt's dem derart Gesagten.


    Genau: Das ist der Vers, den ich just heute "auf dem Amboss habe". Auch eine Verbindung, die dem Reim nicht abhold ist:

    Schafft nur Wein, und Gesang zum Wein;
    Ewig bleiben wir munter,
    Geh' im Zank um das Mein und Dein
    Alles über und unter!
    Wein im Glase, du blinkst wie Gold,
    Blinkst wie Gold in den Flaschen!
    Und du, Nachbarin, treu und hold,
    Schälst uns Äpfel zum Naschen!


    - Johann Heinrich Voss, "Mein und Dein", erste Strophe. Das sind, eigentlich!, vier Priapeen, an der Zäsur auseinandergenommen und mit kreuzgereimten Halbversen?! Aber immer noch schwungvoll und frisch.

    Gut. So weit erst einmal ... Wer neugierig geworden ist, kann den Glykoneus hier im Faden versuchen und wird dann wahrscheinlich von verschiedener Seite Rückmeldung bekommen; wer ein in diesem Maß geschriebenes Gedicht ins Forum stellt, lässt vielleicht einen Link hier im Faden, damit der Text auch gefunden wird?! Wer zu einer der vielen genannten Verwendungsmöglichkeiten des Glykoneus gerne mehr wüsste, sollte das auch hier im Faden kundtun - möglicherweise weiß ich, oder weiß jemand anderes etwas darüber.

    Gruß,

    Ferdi

  2. #2
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    Hallo Ferdi,

    gute Idee! Mit dem Glykoneus kann man einiges machen. Er ist ja auch der vierte Vers in der asklepiadeischen Odenstrophe. Da kann ich schon mal ein Gedicht beisteuern. Und einen neuen Versuch:


    Aufgestapeltes Essgeschirr
    trägt Karl-Heinz; das Serviertablett
    neigt sich, kippt - und der Turm gehorcht
    krachend der Schwerkraft.


    LG Claudi
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  3. #3
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    Hallo Claudi!

    Da kann ich ja gleich allgemein etwas zum "kleinen Asklepiadeus" schreiben, nämlich wie er aus dem Glykoneus ableitbar ist. Wenn man den so unterteilt:

    — ◡ | — ◡ ◡ — | ◡ —

    -dann sieht man, das ist ein in der Mitte aufgetrenntes — ◡ ◡ —, in das ein weiteres — ◡ ◡ — eingeschoben ist? Und wenn man da noch eins einschiebt ...

    — ◡ | — ◡ ◡ — | — ◡ ◡ — | ◡ —

    ... ist's der kleine asklepiadeische Vers, und bei noch einem weiteren eingeschobenen — ◡ ◡ — entsteht der große asklepiadeische Vers:

    — ◡ | — ◡ ◡ — | — ◡ ◡ — | — ◡ ◡ — | ◡ —

    Weswegen die asklepiadeische Strophe vier sehr nahe Verwandte verwendet:

    — ◡ — ◡ ◡ — — ◡ ◡ — ◡ —
    — ◡ — ◡ ◡ — — ◡ ◡ — ◡ —
    — ◡ — ◡ ◡ — ◡
    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ —

    - zwei kleine Asklepiadeen, einen Pherekrateus und einen Glykoneus. Was du alles wusstest, aber vielleicht der eine oder die andere so noch nicht wahrgenommen hat?!

    Dein "zwei schwere Silben in einen Wort", "Voller Beutel im Staubsauger und kein Ersatz!" (in dem verlinkten Gedicht) kenne ich für den kleinen Asklepiadeus nur von Voss, gelegentlich - ich werde darauf achten, ob das andere auch so machen. Ansonsten wünschte ich mir etwas mehr Bewegung über die Versgrenzen hinweg, das ist ja, was diese antiken Odestrophen dem Schreibenden ermöglichen ...

    Deine "Geschirr-Zerdepper-Strophe", drei Glykoneen und ein Adoneus, — ◡ ◡ — ◡, liest sich gut!

    Drei glykonische Verse schließt
    Meist ein Pherekrateus, meint,
    Dass die Art der Bewegung gleich
    Bleibt, doch endet sie früher;

    Aber nur des Verfassers Ohr
    Zählt, und was ihm genehm ist, schließt
    Sehr mit Recht das Gedicht: der ihm
    Eigene Wohlklang.


    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (05.10.2018 um 12:01 Uhr)

  4. #4
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    Just eingestellt: Verlass

    — ◡ — ◡ ◡ — ◡
    — ◡ — ◡ ◡ — ◡
    — ◡ — ◡ ◡ — ◡
    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ —

    - die pherekratische Strophe, drei Pherekrateen und ein schließender Glykoneus. Als jahreszeitlicher Gegensatz die beiden letzten Strophen aus Höltys "Maigesang":

    Rot und grün ist die Wiese,
    Blau und golden der Äther,
    Hell und silbern das Bächlein,
    Kühl und schattig der Buchenwald.

    Das Geklingel der Herden
    Tönt vom Tale herüber,
    Und die Flöte des Hirten
    Weckt den schlummernden Abendhain.
    Geändert von Ferdi (06.10.2018 um 17:24 Uhr)

  5. #5
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    Hab auch mal die pherekratische Strophe probiert: Leberwurst
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  6. #6
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    Gerne reiche ich hiermit in diesen Thread auch meine Satanische Pherekrateen nach.

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  7. #7
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    Hallo!

    Strenggenommen gibt es drei glykonische Verse; je nachdem, wo der Choriambus sich befindet, spricht man vom ersten (vorn), zweiten (Mitte) oder dritten (hinten) Glykoneus:

    — ◡ ◡ — ◡ — ◡ —

    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ —

    — ◡ — ◡ — ◡ ◡ —

    Wobei der zweite sicher der am häufigsten gebrauchte ist und immer gemeint ist, spricht man allgemein von "Glykoneus". Aber auch mit den anderen lässt sich manches anfangen! Friedrich Rückert zum Beispiel setzt aus dem zweiten und dem ersten Glykoneus einen Langvers zusammen,

    — ◡ — ◡ ◡ — ◡ — — ◡ ◡ — ◡ — ◡ —,

    und diesen Vers nutzt er dann, um ein Ghasel zu schreiben, mit viersilbigem Überreim und allem:


    Das ist dein Amt

    Leucht', o flammendes Sonnenaug', über die Welt; das ist dein Amt.
    Lenz! mit blühendem Rosentraum schmücke das Feld; das ist dein Amt.
    Mond am Himmel! O schlafe nicht! Denn hier auf Erden wollen sein
    Liebesnächte von deinem Strahl lieblich erhellt; das ist dein Amt.
    Sing', o liebende Nachtigall, was du von Rosen-Schönheit weißt,
    Sing' und stirb im Gesang, zu Sang bist du bestellt; das ist dein Amt.



    Das Ghasel ist noch viel länger, aber für einen ersten Eindruck reichen diese sechs Verse?! Gerade die letzten beiden gefallen mir wirklich gut! Und wer es selbst versuchen will, kommt sogar mit vier Versen aus: Form wie gezeigt, Reimschema aaxa.

    Gruß,

    Ferdi

  8. #8
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    Schlichter Versuch, in Rückerts Spuren wandelnd:

    Dichterherbst

  9. #9
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    Hallo!

    Wer mag, kann Glykoneen auch einfach reihen und so erzählend nutzen. Aus Boethius' berühmtem "De Consolatione Philosophiae", übersetzt von Richard Scheven, der Schluss der Orpheus-in-der-Unterwelt-Geschichte:

    Endlich auch unterliegt dem Sang
    Hades selber, der Schatten Herr:
    "Losgekauft von des Liedes Macht,
    Führe, Sänger, die Gattin heim!
    Doch das eine Gebot vernimm:
    Wende nimmer den Blick zurück,
    Wenn des Tartarus Reich du fliehst!"
    – Doch wer hemmte der Liebe Drang,
    Die sich selber allein Gesetz?!
    Dicht am Ausgang zurückgewandt
    Sah, verlor und verdarb zugleich
    Orpheus' Blick das geliebte Weib!


    - Klingt selbst 1500 Jahre später und in Übersetzung noch überzeugend genug?!

    Gruß,

    Ferdi

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