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    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Das Türkenhaus

    Alles war auf einmal ungewohnt und neu, als wir vom Land in die Stadt zogen. Den Komfort unseres Haus mit Garten und Schwimmbad hatten wir nun gegen ein 110 m2 Appartement einzutauschen, indem wir Kinder unsere Zimmer mit unseren Geschwistern teilen mussten. Meine Mutter war trotzdem erleichtert gewesen als sie den Mietvertrag unterschreiben durfte. Als Einzelerziehende mit 5 Kindern hatte sie schon lange erfolglos eine Wohnung in der Stadt gesucht. Das Appartement war an sich auch nicht schlecht. Parkettböden, große Deckenhöhen, man konnte daraus durchaus etwas machen. Dazu kam, dass wir gleich zwei Lebensmittelläden und einen Aldi sowie die Schule für mich und meinen Bruder um die Ecke hatten.
    Meine Schwestern konnten in ihren alten Klassen bleiben, hatten dafür aber ein bisschen weiter aufs Gymnasium. Unsere Nachbarschaft setzte sich, abgesehen von einer alten Dame, die schon seit 40 Jahren in dem Mietshaus lebte und sich ständig über dessen demographische Entwicklung beklagte, ausschließlich aus türkischen Einwandererfamilien zusammen.
    Ich erinnere mich noch heute an die fremden Gerüche beim Betreten des Treppenhauses, an die vielen Schuhe vor den Wohnungstüren, die Frauen mit ihren Kopftüchern und ihren langen Kleidern, an die türkischen Worte die ich nicht verstand, an die, wahrscheinlich von Sprachbarrieren bedingte, zurückhaltende Höflichkeit der Nachbarn, an die Neugier der Nachbarkinder und wie sie versuchten uns das Zählen auf Türkisch beizubringen, an ihre schwierig auszusprechenden Namen, an die Hochzeit eines Mädchens aus der Nachbarschaft und die schockierte Bemerkung meiner Schwester, dass das Mädchen ja weinte. Auch erinnere ich mich an die auf einmal spärlicher werdenden Besuche von Verwandten und Schulfreunden meiner Schwestern.

    Eine Episode aber blieb mir besonders im Gedächtnis. Eines Abends als wir, damals im Heranwachsendenalter, wie gewöhnlich allein zu Hause waren, weil meine Mutter Nachtschicht arbeiten musste, stockte die Toilette und schwappte schon bald über, so dass der Fußboden des Toilettenraums innerhalb kürzester Zeit unter Wasser stand. Weder meine Geschwister noch ich, wussten uns aus der schwierigen Situation zu helfen und irgendwann klingelte die über uns wohnende, wahrscheinlich von dem ungewöhnlichen Treiben angelockte und als besonders neugierig geltende türkische Nachbarin an die Tür. Nachdem sie sich zunächst selbst ein Bild vom Ernst der Lage gemacht hatte, schickte sie unverzüglich ihren Gatten, einen unscheinbaren, relativ kleinen und dicklichen Mann den wir nur vom Grüßen im Treppenhaus her kannten, zu uns herunter. Wie er die Toilette letztendlich wieder reparierte, weiß ich nicht. Ich kann mich aber noch erinnern, dass der gute Mann im Laufe seiner Intervention irgendwann einmal knöcheltief im mit Toilettenpapier durchwachsenen Dreckwasser stand und er nach Abschluss seines Einsatzes auch sauber machte. Wir dankten dem Mann, der uns daraufhin in seinem unbeholfenen deutsch zu sagen versuchte, dass er dies für selbstverständlich erachtete, recht herzlich. Er wollte weiter nichts für seine nachbarschaftliche Notfallhilfe.

    Ungefähr ein Jahr später wurden wir eines Nachts von lautem Geschrei und wildem Tumult im Haus geweckt. Seine Frau hatte den etwa fünfundfünfzigjährigen Mann, dessen Namen wir noch immer nicht kannten, tot in seinem Bett aufgefunden.
    Ich hatte nie Näheres über diesen türkischen Nachbarn in Erfahrung bringen können. Ich wusste nichts über seine berufliche Tätigkeit noch die Umstände, die ihn nach Deutschland gebracht hatten. Bestimmt war er einer dieser vielen Gastarbeiter die zu uns gekommen waren, in der Hoffnung sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft sichern zu können. Wahrscheinlich hatte er dafür eine dieser undankbaren, von den Einheimischen geschmähten Arbeitsstellen bei der Stadt oder irgendeinem Betrieb angenommen, für die man nicht nur mit seiner Zeit sondern auch mit seiner Gesundheit bar zahlen musste. Er war mit Sicherheit einer dieser Gesellschaftsdiener, die sich damit begnügen unter Deck, anonym und titellos im unwirtlich schmutzigen und gefährlichen Motorraum unseres Wohlstandstraumschiffs zu arbeiten, damit dieses, im Interesse seiner Kreuzfahrtpassagiere, immer schön sauber am Laufen und über Wasser gehalten werden kann. Er war damit auch einer dieser Menschen, deren Bescheidenheit fast etwas Erhabenes innewohnt, weil sie mit ihren verdienstvollen aber ungewürdigten Taten mehr zum Wohle unserer Gesellschaft beitragen, als jene die sich, ordengeschmückt, allein mit großen Worten zu ihren Interessenvertretern proklamieren.
    Geändert von Frank Reich (11.12.2018 um 09:57 Uhr)

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