1. #1
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    Familie Rippenprecht





    Familie Rippenprecht

    I

    Die Rippenprechts sind schon betagt,
    sie leben zwischen Hund und Katz,
    oft wird sich wegen nichts beklagt
    und jeder hat so seinen Platz.

    Sie leben ein deutsches Einerlei,
    das von außen wirkt wie nichts.
    Aufgeräumt und faltenfrei,
    im Fleiße ihres Angesichts.

    Das kleine Haus mit großem Garten,
    ist seit kurzem abbezahlt,
    nach ungezählten Monatsraten,
    von eher mittelmäßigen Gehalt.

    Ihr Eigenheim ist eins von vielen,
    drinnen steht ein hübsch Klavier,
    doch bitte nicht um drauf zu spielen.
    Das Möbel ist von schönster Zier.

    Auch eine Sanduhr, vielleicht antik,
    glänzt aus der Schrankwand still entgegen.
    Dem Paar gefiel das schöne Stück,
    auf einer Reise, der Hochzeit wegen.

    Und jeder hat sie schon gedreht,
    um den Körnern zuzusehen,
    der Zeit die sich hinabbewegt,
    um wenig später stillzustehen.

    II

    Rings ums Haus erblüht die Heide,
    die Wanduhr zeigt auf Viertel Eins.
    In der Küche sitzen beide,
    Monika und Gatte Heinz.

    Die Küche ist ein Podium
    der inhaltsarmen Diskussionen,
    die ihr Gatte eher stumm,
    sich langweilt ihnen beizuwohnen.

    Dieser rührt sich still und leise,
    kopfgeneigt am Mittagstisch.
    In seiner angespannten Weise
    Murmelt er „schmeckt gut der Fisch“.

    Frau Rippenprecht erwidert heftig,
    „im Angebot gab’s heute zwei,
    dafür ist er nicht so kräftig
    und außerdem nicht grätenfrei.

    Beim Einkauf hab ich wiedermal
    Dein Fräulein Sommer angetroffen.
    Ist mir eigentlich egal,
    ich dacht sie hätt sich totgesoffen.“

    Hat sofort Reißaus genommen,
    als sie mich gesehen hat.
    Mit rotem Kopf ist sie entkommen.
    Die setz ich schach und auch gleich matt.

    Und auf dem Parkplatz sprach mich gleich,
    vom Notar die Schwester an.
    Sie fragte, ob wir doch vielleicht
    wie früher wieder Kegeln fahrn.

    Das letzte Mal, ich weiß es noch,
    als sie etwas auf uns gaben,
    war beim Streit am Neujahrstag,
    vor mittlerweile 13 Jahren.

    Ich hab natürlich abgelehnt,
    gesagt: du seiest recht verwirrt
    und ich hab auch gleich erwähnt,
    dass dein Zustand schlechter wird.

    Frau Rippenprecht hat’s nicht so gern,
    wenn man über Früher spricht.
    Sie sagt bei jeder Fotoschau:
    „Guter Wein braucht wenig Licht“.

    Wenn sie bedenkt wie’s einmal war,
    wird ihr bewusst, was heute ist.
    Drum bedient sie offenbar,
    nur allzu gern sich dieser List.

    Auch pflegt sie ohne Unterlass
    Den bunten Garten vor der Tür
    Und fürchtet doch das Mittelmaß
    In ihrem Mittelstandsrevier.

    Und lebt zufrieden, wie sie meint,
    mit Mann, mit Katz und Hund im Haus.
    Doch tränen die sie einsam weint
    Verraten ihr, sie hält nur aus.

    III

    Herr Rippenprecht bewegt sich leise,
    Das Messer gleitet in den Fisch.
    Zum Dessert gibt’s Götterspeise,
    sein leerer Blick schwebt übern Tisch.

    Erinnerungen schlagen ihn
    und machen viele Tore auf,
    durch die sie in sein Herze ziehn.
    Das ist der übliche Verlauf.

    Seine Frau trug bunte Kleider,
    ein Kind ging damals ein und aus.
    Die Nachbarsleut, Familie Schneider
    kamen gern ins kleine Haus.

    Im Garten sang ein Amselpaar,
    das linke Bein tat noch nicht weh.
    Im Keller gab es eine Bar,
    im Sommer ging man oft zum See.

    Und sonntags trägt er seinen Hut,
    spaziert so eine ganze Stunde,
    wenn die Welt des Mittags ruht,
    stets die gleiche treue Runde.

    Er geht, und lässt sich niemals hetzen,
    nach all den Jahren völlig blind
    zu manchen altbekannten Plätzen
    die seiner Frau kein Thema sind.

    Die Straßen tragen Blumennamen.
    Das erstritt man vor Gericht.
    Und Frollein Sommers Straße gaben
    sie den Namen Vergissmeinnicht.

    Und ihr Eigentum das liegt,
    nicht zufällig auf seiner Route.
    Wenn er in die Straße biegt,
    so um die dreißigste Minute.

    Dann verlangsamt er den Schritt,
    wagt einen kurzen Blick, nicht mehr,
    spürt kurz nur was er damals litt,
    ach das ist schon lange her.

    IV

    So gingen die Jahre wie Tage ins Land
    und selbst die Abendstunden schwinden,
    wie der feine, im Glas gefangene Sand
    ohne sich jemals zu verbinden.

    Nachts schlafen beide im selben Zimmer.
    Sie haben sich‘s nie abgewöhnt
    und vermuten einen Hoffnungsschimmer,
    doch lassen sie es unerwähnt.

    Zwei Betten, wie Inseln im eiskalten Meer,
    so manche Lust ist dazwischen erfroren.
    Der Schlaf ist mühsam, die Träume sind leer.
    In greisen Köpfen wird nichts Neues geboren.

    Zum Schlafen gehn beide wie zum Schafott,
    in’s Wasserglas fallen die dritten Zähne.
    Alles passiert im bekannten Trott,
    auf saubere Laken fällt manche Träne.

    V

    Mit Schneiders hat man sich zerstritten,
    das ist schon viele Jahre her.
    Das Haus ist frei von Kinderschritten,
    die meisten Zimmer stehen leer.

    Durch diese Leere geht der Wind,
    ganz leise, man bemerkt es kaum,
    zieht dorthin wo zwei Menschen sind,
    zum einzig noch belebten Raum.

    Und schwebt an Rippenprechts vorbei,
    zwischen Herd und Oberlicht.
    Es dampft im Topf Kartoffelbrei,
    über Kinder spricht man nicht.

    Und man liest nicht zwischen Zeilen,
    denn Worte sind schon lange aus.
    Das einzige was sie noch teilen,
    sind Name, Katz und Hund und Haus.

    Was Rippenprechts sich sagen wollen
    weiß man wohl, sie wissen’s nicht.
    Drum schweigen sie, die Erbsen rollen,
    das Messer in den Brotlaib sticht,
    so hört sich’s an, wenn Glück zerbricht.
    Geändert von Claudi. (04.11.2018 um 19:52 Uhr) Grund: Video eingebunden

  2. #2
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    hallo
    ein echtes Epos.
    ein echtes Epos erklärt sich selbst.
    deshalb ist zumindest die letzte zeile zu viel.
    der Tod ist die Sehnsucht des lebens nach sich selbst. dieser Tod hier wird hinausgezögert. warum? wo ist das Kind geblieben? was soll die katze?
    das dicke ende kommt und kommt nicht. aber der geist von fräulein sommer geht einkaufen.
    also ein durch und durch gutbürgerliches Epos. die götter gibt es nicht mehr.
    gerade deshalb eine schöne geschichte.
    kp
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  3. #3
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    Vielen Dank, Du glaubst gar nicht wie lange ich mit der letzten Zeile gerungen habe, gerade weil es den unangenehmen Eindruck macht, dass sich das Gedicht dadurch selbst zu analysieren versucht.


    Ich hatte den Gedanken zur Seite gelegt aber jetzt hast Du ihn wieder hervorgeholt und ich will ihn nicht so recht zulassen obwohl er es allemal verdient hat.

    Auf mich selbst wirkt die letzte Zeile unter anderem wie ein Paukenschlag der jede Hoffnung auf ein Happy End zerstört. Dies gefiel mir immer daran.
    Geändert von LEX (02.11.2018 um 20:36 Uhr)

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