Thema: Publikum

  1. #1
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    Publikum

    Sie wirken wie Skelette,
    die ihre Handknochen
    klappernd aufeinanderschlagen.

    Als wäre Klatschen das einzige,
    zu dem sie noch in der Lage sind.

    Sie klatschen sich wund,
    während der Wahnsinn ihnen
    - attackierenden Kung-Fu-Kämpfern gleich -
    aus den verzerrten Gesichtern springt.

    Dabei lachen sie,
    als hätten sie soeben freiwillig
    die Grenze zur geistigen Behinderung
    überschritten.

    Ihr wieherndes Gelächter
    stochert tief in meine Seele,
    wie der lange, dünne Mittelfinger
    eines Aye-Ayes in einem Astloch.

    Betrunkene Bestien
    aus dem Fiebertraum
    eines Wahnsinnigen...

    .
    .
    .

    Fröhliche Menschen
    sind schwer zu ertragen,
    wenn man der Meinung ist,
    dass sie aus den falschen Gründen
    fröhlich sind...

  2. #2
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    Das ist ein starker Text, der mMn durch zwei Dinge geschwächt wird. Zum einen finde ich die Verwendung des Wahnsinns etwas inflationär hier. Wenn der Beobachter wie die Beobachteten gleichermaßen wahnsinnig ist, können die gegensätzlichen Positionen der beiden Parteien nicht gegeneinander abgewägt werden. Auch wenn du mit der letzten Strophe Abhilfe dafür schaffst und das lyrische Ich deutlich positionierst, bleibt irgendwie die Frage, wer denn nun wahnsinnig ist. Außer - und das ist mir beim Schreiben eingefallen - du wolltest es exakt so, aber dann wäre die bereits erwähnte letzte Strophe zumindest nicht konsequent. Wie man es dreht und wendet, das Thema um sowie die Verwendung von dem Wort "Wahnsinn" kommt mir etwas zu oft vor. Zumal geistige Behinderungen in einem Rutsch miterwähnt werden.

    In S3 V3 sehe ich den zweiten Punkt, der den Text mE schwächt. Diese Stelle passt weder zum Inhalt, noch zum Stil.

    Kannst du mir eventuell Anhaltspunkte für S5 V3-4 geben? Da bin ich ratlos.

    Wie gesagt, ein starkes Gedicht, dessen Wirkung sich für mich erst bei der letzten Strophe entfaltet hat und ich ein Gefühl des Wiedererkennens hatte.

    gerne gelesen

    mfG
    .
    цой жив

  3. #3
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    Wo sitzt der Wahn? Im Kopf des Betrachters? Sähe ich nicht die Kung-Fu-Kämpfer aus den Stirnen springen, wäre ich dann nicht normal und einer der ihren, der Fröhlichen? Ohne Kung-Fu nur ein Lehrgedicht.
    KP
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  4. #4
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    Statt stochern vielleicht stottern. Und inflationärer als der Wahnsinn ist nur der Versuch das glauben zu machen. Denn wenn es nicht klar dargestellt wäre, käme die Skelettwirkung dem Publikumscharakter näher als was es selber von sich halten darf. Und darin haste mal wieder jeden Schluck kredenzt den ich brauchte.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    Hallo zusammen,

    es sollte heißen: Die Menschen im Publikum wirken auf den Betrachter wie Gestalten aus dem Fiebertraum eines Wahnsinnigen. Ob der Betrachter selbst wahnsinnig ist, geht daraus nicht hervor. Es ist allerdings ein bisschen unglücklich formuliert, auch wegen des doppelten Wahnsinns.

    Das Aye-Aye wird auch Fingertier genannt und stammt von Madagaskar. Es hat einen lange, knochige Mittelfinger, mit denen es u.a. Larven aus Bäumen puhlt und wird von den Einheimischen als Dämon angesehen. Ich finde es putzig.

    Vielen Dank für eure Anmerkungen!

    LG
    k

  6. #6
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    Liebe/r klaatu

    den Herrn Sauerbier kennt wohl jeder in sich, und ist ihm aus der tiefsten Seele gesprochen. Die Situation, wenn der völlig unfreiwillig und nüchtern in ein Oktoberfest oder eine Karnevalfeier gerät, jener Ruhegestörte der den rheinischen Frohsinn miterleben muss, und dann puhlt da noch so ein Faultier an ihm rum, und nagt an seinen Nerven, schrecklich, mit einem leisen Hauch vom Fluch der Karibik. Ist aber auch schon alles auf kleinen Geburtstagsfeiern erlebbar. Auch hier muss über Integration nachgedacht werden:
    Trink doch ene mit, prost.
    tolles Leseerlebnis!
    L.G.A.
    Geändert von Anjulaenga (24.10.2018 um 16:27 Uhr)

  7. #7
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    Hi Anjulaenga,

    ich bin im Rheinland aufgewachsen, diesen "Frohsinn" kenne ich also sehr gut. Fand es schon als Kind immer äußerst verstörend, wenn an Karneval plötzlich Leute als Clown o.ä. verkleidet grölend und lachend durch die Gegend torkelten, die man sonst nur griesgrämig und verstockt erlebte. Das hat mich wohl tief geprägt...

    LG
    k

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