Selbstfindungstrip

Eine Stunde nach dem Einwurf der MDMA-Pille, stand er auf der Tanzfläche: Um ihn herum schwitzende, tanzende Menschen, Frauen in knappen Kleidern. Ein Lichtwirrarr und überall wo er hinblickte, wirkte alles wie von einem Scheinwerfer bestrahlt. Er war im angesagtesten Elektro-Lokal von Bern und high as fuck. Er hatte es geschafft! Er fühlte sich unsterblich, dachte an einen Neuanfang.

Was hat diese Impression eigentlich mit Selbstfindung zu tun? Gar nichts. Nur eine Erinnerung an einen schönen Moment, den er geniessen konnte. Der Protagonist dieser Geschichte wollte, dass ich diese Szene erzähle. Ich muss aber aufpassen, dass ich nicht abschweife, denn in dieser Geschichte geht es um Selbstfindung (und sonstigen Scheiss) und du erwartest beim Titel „Selbstfindungstrip“ vermutlich Erkenntnis und eine Anspielung auf Drogen.

Eineinhalb Jahre später hat seine Freundin mit einem anderen Typen gevögelt und ihn verlassen. Das ist schon eine geeignetere Ausgangslage für eine Selbstfindung. Um aber
dieser Freundin fair gegenüber zu sein: Es war etwas komplizierter und die Geschichte ist nicht ganz so eindeutig, wie er sie erzählen möchte. Jedenfalls ist sie jetzt weg und vögelt einen anderen Typen und er ist am Boden zerstört.

„Du musst die Geschichte von Anfang an erzählen“, sagte er.
„Zweieinhalbjahre bevor deine Freundin mit einem anderen Typen gevögelt hat?“
„Ja, das passt!“

Er stand kurz vor Sonnenuntergang auf einem Parkplatz vor einem Landgasthof und verstaute seinen Messerkoffer im Kofferraum. Heute war sein letzter Arbeitstag als Koch. Er stieg ein, liess das Verdeck des Autos nach unten, startete den Motor und fuhr los. Er fühlte frei vom Alltagstrott und gesellschaftlichen Verpflichtungen. Endlich würde er Zeit finden, sich zu definieren, den Sinn seiner Existenz zu finden.

Er spazierte um 2 Uhr nachts durch verlassene Landstrassen, Wälder, vorbei an Stoppelfeldern. Stellte sich Fragen:
"Warum bin ich rastlos und unglücklich, wenn ich doch alles habe?“
Er versuchte seine Gedanken in Worte zu fassen und scheiterte daran kläglich:

die symmetrien der wohnung
engten mich ein
ich suchte nach veränderung
schmiss die bücher
durch den raum


wir gingen nach draussen,
und fickten in einem
viel zu engen schlafsack
leider passiert mir so was viel zu selten

„Ein bisschen selbstironisch und klingt nach Bukowski, aber Stoppelfelder - das wirkt für mich zu kitschig und unglaubwürdig“, sagte ich zu ihm.
„Ich bitte dich, meine Erlebnisse ernst zu nehmen“, antwortete er empört.
„Ich nehme deine Geschichte ernst, aber der Leser könnte eine so düstere Atmosphäre als kitschig empfinden und das möchte ich verhindern.“ fügte ich hinzu. Er ist sensibel und hat noch Minderwertigkeitskomplexe: Deshalb bitte ich dich: murmele „klingt einleuchtend“ oder „kann ich verstehen/nachvollziehen.“ während du die nachfolgenden Zeilen liest.

Er suchte krampfhaft nach Veränderung z.B. in dem er jedes gerade stehende Buch im Bücherregal nach links oder rechts neigte oder Symmetrien in der Wohnungseinrichtung zerstörte. Die Veränderung kam aber erst als seine Freundin diesen besagten Typen vögelte und er am Boden zerstört war.

Jetzt denkst du sicher: bald müsste der Protagonist dir seine Erkenntnis mitteilen quasi als Pointe der Geschichte oder ich löse mit etwas Moralischem wie „Carpe Diem“ auf. Nein, diese Geschichte ist anders:

Nach zahlreichen Therapien war ich nicht mehr selbstmordgefährdet und hatte sogar ein bisschen Freue am Leben. Ich bemerkte: Alles was ich brauchte, hatte ich. Ich war aber unfähig gewesen, diese Momente zu geniessen. Unfähig zu leben.

„Ich erzähle die Geschichte und ich sagte doch, es gebe keine Pointe! “, sagte ich zu ihm.
„Ich möchte, dass andere aus meinen Fehlern lernen. Zudem enthält jede gute Short Story eine Pointe“, versuchte er mir zu erklären.
Ich erwiderte nichts und schmunzelte nur: Er nimmt alles noch zu ernst, aber Ich mag ihn trotzdem, denn ohne ihn wäre ich nicht ich.