Thema: Gitano

  1. #1
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    Gitano

    Die letzte Nacht in Málaga,
    ein blasser Mond, ein warmer Hauch.
    Bei weißem Wein, mit sattem Bauch
    saß ich herum vor einer Bar.

    Die Glocken von San Agustín
    verhallten in der Dunkelheit,
    und wie im Flug verging die Zeit,
    ich sollte schleunigst weiterziehn.

    Doch plötzlich griff das Schicksal ein,
    als du mit der Gitarre kamst
    und Platz zu meinen Füßen nahmst
    und spieltest, ganz für mich allein.

    Mit wirrem Haar und tiefem Blick
    aus Augen, schwarz wie jene Nacht,
    hast du mich fröhlich angelacht,
    und ach, ich lächelte zurück.

    Für den Moment nur ich und du
    vor einer Bar in Málaga.
    Ein Zauber war's, was da geschah.
    Du riefst mir noch "te quiero" zu.
    Geändert von Halbe Frau (31.10.2018 um 00:17 Uhr)
    El sueño va sobre el tiempo
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    Camarón de la Isla

  2. #2
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    Hallo Halbe Frau,

    die vermittelte Atmosphäre bestärkt mich, endlich mal nach Südspanien zu reisen ...

    das Gedicht gefällt mir sehr gut, bis auf die folgende Stelle:
    Zitat Zitat von Halbe Frau
    ach, und ich lächelte zurück.
    Hier fliege ich vom Rhythmus irgendwie raus. Sowohl das "ach" und das "ich" ziehen dort in meinem inneren Ohr den Akzent auf sich. Den Wechsel der Betonung am Versanfang nimmt man ja wegen der besonderen inhaltlichen Bedeutung problemlos hin, doch dann gleich darauf kollidiere ich mit dem Hebungsprall zwischen "ich" und "lächelte". Im dritten oder vierten Anlauf versuche ich es damit, das "ach" in die Länge zu ziehen und die beiden Einsilber zwischen "ach" und "lächelte" als zwei unbetonte Silben hüpfen zu lassen, doch hat die Stimmung bis dahin durch die Suche nach der richtigen Akzentuierung schon etwas gelitten. Wenn Dir das "ach" wichtig ist, könnte eine Dopplung des "ich" vielleicht helfen: "Ach und ich, ich lächelte zurück ...".

    Da es im Gedicht in erster Linie um die Spannung zwischen dem LI und dem Gitarrenspieler geht, und die Gruppe, mit der das LI in der Stadt unterwegs ist, offenbar keine Rolle spielt, würde ich anstelle des "wir" dort beim "ich" bleiben, auch wenn die reale Vorlage des Gedichtes anders war. So bleibt das "wir", indirekt in den Raum gestellt durch das "ich und du", dem LI und dem Gitano zumindest für einen kurzen Moment vorbehalten. Natürlich darf der Esel auch mal reimgeschuldet voran gehen .

    LG Eremit
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  3. #3
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    Hallo Halbe Frau,

    ein Urlaubsflirt ist Balsam für die Seele und kann über lange Zeit mit positiven Gefühlen schmeicheln. Solange kein fester Partner an der Seite eines Flirtenden dabei eine Rolle spielt, ist alles Bestens.

    Ich erinnere mich heute noch an meinen Urlaubsflirt vor gefühlten 100 Jahren. Er war Animateur in einer Clubanlage und eine gemeinsame Zukunft war aussichtslos. Aber ich hatte meine Armbanduhr zu Hause lange Zeit nicht auf die Mitteleuropäische Zeit umgestellt und so war ich gefühlsmäßig noch lange mit ihm verbunden …

    Jetzt aber Scherz beiseite. Dein Gedicht gefällt mir richtig gut.

    In der vorletzten Strophe, Vers 4 stolpert es ein wenig. Mein Vorschlag:

    Mit wirrem Haar und tiefem Blick
    aus Augen, schwarz wie jene Nacht,
    hast du mich fröhlich angelacht,
    und ach, ich lächelte zurück.
    Ich denke, dass durch die beiden ausgetauschten Wörter „ach, und“ die Metrik erhalten bleibt.

    Aber ich bin nur Laie , höre und lese (teils nach Erlerntem, manchmal auch nur nach Gefühl ... )

    Sehr gerne gelesen.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  4. #4
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    Liebe Halbe Frau,
    ich habe mir beim wiederholten Lesen Deines Gedichts das Stück "Malaguena", gespielt von Gitano ins Gedächtnis gerufen, (bis auf die schwarzen Augen ist alles stimmig - er hat blaue). Bitte lass alles so stehen und scher Dich nicht an akribischen Fummelversuchen hinsichtlich der Metrik.
    Ein romantischer Abend und die südländische Versicherung am Ende bringen den Wermutstropfen in die ansonsten überfließende Süße.
    Schön geschrieben - gern gelesen und die Malaguena ins Gedä#chtnis gerufen.
    Liebe Grüße,
    Festival

  5. #5
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    Hallo Eremit,

    eine Reise nach Andalusien kann ich dir nur empfehlen! al-Andalus ist sehr vielfältig, sowohl die Menschen als auch die Landschaft, die Architektur, Kunst und Kultur.

    Ja, du hattest recht. Habe es so gemacht, wie Dabschi es dann auch vorgeschlagen hat: „Und ach, ich lächelte…“

    Das "Wir" habe ich verwendet, weil ich mit vier Frauen unterwegs war, die ins Hotel wollten, und ich zu brav und zu schüchtern war, um einfach dazubleiben. Doch für einen kurzen Moment gab es nur ihn und mich auf der Welt. Um fünf Minuten hatte ich noch gebeten, um der Musik zuzuhören, womit meine Begleiterinnen einverstanden waren. Aber dann sind wir leider gegangen. Wie im alten züchtigen Spanien.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau

    ***

    Hallo Dabschi,

    genau. Dein Vorschlag trifft den Nagel auf den Kopf.

    Ansonsten bleibt alles unverändert. Genauso wie meine Überzeugung, dass das Schicksal seine Hand im Spiel hatte bei dieser Liebe auf den ersten Blick.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau

    ***

    Hallo Festival,

    ich trinke Cream Sherry, der gar nicht bitter schmeckt, sondern mich an sein süßes Lachen erinnert, und höre eine Alegría, denn die passt zu ihm, besser als die Soleá und mein Abschiedsschmerz.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau
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  6. #6
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    Hallo Halbe Frau,

    Zitat Zitat von Halbe Frau
    Das "Wir" habe ich verwendet, weil ich mit vier Frauen unterwegs war, die ins Hotel wollten, und ich zu brav und zu schüchtern war, um einfach dazubleiben. Doch für einen kurzen Moment gab es nur ihn und mich auf der Welt. Um fünf Minuten hatte ich noch gebeten, um der Musik zuzuhören, womit meine Begleiterinnen einverstanden waren. Aber dann sind wir leider gegangen. Wie im alten züchtigen Spanien.
    Ich hatte mir schon so etwas gedacht. Dir war doch aber die vierköpfige Leibgarde Deiner Schüchternheit offenbar nicht wichtig genug, im Text verwortet zu werden. Sicherlich verzichtetest Du darauf, um den gut entwickelten erotischen Spannungsbogen nicht durch nebensächliche Quasselei zu verzetteln. Da bin ich ganz bei Dir. Mein Gedanke war es nur, dann konsequenter Weise auch auf das "wir", das sich auf das im Text nicht erwähnte Thema bezieht, zu verzichten und es so im Kopf des Lesers lieber für das LI und den Gitano als (nicht erfüllten) Traum stehen zu lassen.

    LG Eremit

    Bitte lass alles so stehen und scher Dich nicht an akribischen Fummelversuchen hinsichtlich der Metrik.
    Ich hatte mal von einem honorigen Forendichter mit einem an einen nicht ernstgenommenen Funktionären erinnernden Alias um die Ohren gehauen bekommen, dass die Metrik die Lehre von den Versmaßen sei. Ich sehe Niemanden in diesem Faden, der sie befummelt hätte ... (brgr)
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  7. #7
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    Hallo Eremit,

    habe es mir noch mal durch den Kopf gehen lassen und gebe dir recht. Der reisetagebuchartige Hinweis, dass ich nicht allein unterwegs war, ist für den geneigten Leser wirklich nicht von Interesse, wirkt vielleicht sogar ein bisschen verwirrend. Der geänderte Text gefällt mir jetzt besser.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau
    Geändert von Halbe Frau (26.10.2018 um 00:48 Uhr)
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  8. #8
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    Früher hast Du uns mal mit einer Judas-Geschichte amüsiert, nun hast Du auf Gitano umgesattelt (einen anderen, der unsere hätte sicherlich drei Worte gebraucht). Interessant ist, wer wird der nächste sein, o Du Halbe Frau und ganze Dichterin,der Dir als Vorlage dient.

    Das Gedicht geht in Ordnung bis auf V4 S3, der mich tief ins Mark getroffen hat. Ein absolutes "no go" hätte AD gesagt, wäre er nicht mundtot geworden. Ein guter Rat ist teuer und da wir ihn (AD) nicht mehr zu Rate ziehen können, müssen wir auf unsere bescheidenen Fähigkeiten zurückgreifen, die in ganz normalen Dimensionen zuhause sind. Von daher:

    "direkt ins Herz hast mir gespielt." - scheint mir eine geeignete Medizin zu sein die klaffende Wunde provisorisch zu verarzten.
    Es steht nicht jedem frei mir zu widersprechen.

  9. #9
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    Ach, der Judas, dass du dich an den noch erinnerst. Wenn ich an ihn und diese verrückte Geschichte denke, muss ich immer schmunzeln.

    "Roma, Sinti, Manuš, Kalé, Gitanos, Cinganos" - Eigenbezeichnungen, und die Gitanos sind stolz auf ihren Namen. Anders als die im deutschsprachigen Raum "umherziehenden Gauner", wie der Volksmund die Sinti und Roma bezeichnet haben wollte, obwohl der Name schon aus viel früherer Zeit stammt und eine andere Bedeutung hatte. Welche, ist nicht ganz klar.

    Aber, aber, den Ratschlag vom AD brauchen wir doch nicht. Stimmt, etwas schwülstig ist das Bild schon. Zumal es sich ja nicht um einen bis an die Zähne bewaffneten "umherziehenden Gauner" handelt, sondern vermutlich um einen ortsansässigen Musiker (der vielleicht in einer Höhle wohnt? ).
    Denn in der Gegend um Málaga gibt es viele Gitarrenbauer, und viele Gitarristen verdienen ihr Geld mit Straßenmusik, so auch der Eine und Einzige.

    Passend dazu:
    "Du saßest auf den Stufen dann
    und hast ein Ständchen mir gespielt."

    Lieben Gruß
    Halbe Frau
    Geändert von Halbe Frau (30.10.2018 um 13:14 Uhr)
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  10. #10
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    Liebe Halbe Frau!

    Hast du schon einen Flug gebucht, diesmal ohne Freundinnen!?

    Wirklich ein nettes Gedicht, das Laune und Lust macht.

    S3 schwächelt ein bisschen im Vergleich zu den anderen, beginnend schon mit V2, dieses Umgangsprachendeutsch mag mir zu dem Setting nicht wirklich gefallen, und danach dann das "saßest", das dann (hin)gekünstelt (unnatürlich) wirkt. Mir fällt im Moment nichts ein. Aber im letzten Vers ließe sich jedenfalls die unschöne Inversion leicht vermeiden: und hast allein für mich gespielt/ für mich allein hast du gespielt / und hast mir etwas vorgespielt / oä

    Gern gelesen!
    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (30.10.2018 um 11:07 Uhr)

  11. #11
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    Liebe albaa,

    gebucht noch nicht, dafür muss ich noch ein bisschen sparen. Ins Auge gefasst sehr wohl, natürlich beflügelt von meiner Romanze. Aber auch ohne sie ist Andalusien einfach wunderschön und eine Reise wert!

    S3 gefiel mir selbst nicht. Doch unbekümmert wie ich bin hätte ich die Strophe einfach so gelassen, aber beim Lesen immer ein komisches Gefühl gehabt. Da schätze ich es sehr, wenn Forenkritiker sagen, so geht es aber nicht, und mir vielleicht sogar neue Perspektiven eröffnen. Wenn sie mich veranlassen, meine Begleiterinnen und die Welt um mich herum zu vergessen, wie Eremit es tat. Die Glocken von San Agustín waren schließlich auch schon verklungen. Wenn sie das "Spiel" ins Spiel bringen, wie Akibarubin (?) es vorschlug, und damit der Kunst des Gitanos Raum gewähren, denn seine Gitarre war bis dahin gar nicht zu hören. Und wenn sie mich, dank deiner Anregung, davon träumen lassen, dass er "allein für mich gespielt" hat, was mein Herz höher schlagen lässt.

    Doch plötzlich griff das Schicksal ein,
    als du mit der Gitarre kamst
    und Platz zu meinen Füßen nahmst
    und spieltest, ganz für mich allein.

    Bei Z3 schwankte ich zwischen "mir gegenüber" und "zu meinen Füßen". Letzteres ist zwar etwas dick aufgetragen, weil er mir eigentlich auf der Treppe gegenüber saß und ich höchstens ein bisschen erhöht auf einem Stuhl, ein paar Schritte von ihm entfernt. Aber diese künstlerische Freiheit möchte ich mir gönnen, zumal er im Gedicht nunmehr nur für mich allein spielte, was bestimmt nicht so war, denn er verdient ja sein Geld damit. Auch wenn es Liebe auf den ersten Blick war, war es nur eine flüchtige Begegnung. Wie schade und wie romantisch.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau
    Geändert von Halbe Frau (31.10.2018 um 00:17 Uhr)
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  12. #12
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    Liebe Halbe Frau,

    Ja, deine neue Lösung gefällt mir schon besser. Jetzt müsste nur noch das "Schicksal" weg, das ist ein bisschen zu groß/zu ernst, findest du nicht?
    Mir würde vielleicht "der Himmel oder ein Engel" gefallen, ein bisschen augenzwinkernd.

    Lieben Gruß
    albaa

  13. #13
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    Liebe albaa,

    zu der Annahme, dass diese Begegnung schicksalhaft war, veranlasste mich u.a. die Wahrsagekunst der Roma. Ich finde auch, das passt gut zur romantischen und zauberhaften Atmosphäre dieses Gedichts.

    Der schlichte Zufall wird oft als schicksalhafte Fügung verstanden. Ich würde dem zustimmen, denn in zufälligen Situationen traf ich in meinem Leben ein paar Menschen, zu denen ich eine besondere Nähe empfand und zu denen ich heute noch eine innige Verbindung habe.

    Lieben Gruß
    Halbe Frau
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