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    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Radikaler Wandel

    Ich bin in einem afghanischen Bergdorf in einer Talibanfamilie aufgewachsen und eigentlich bin ich froh, dass ich als Jugendlicher nach Europa kam und damit den strengen Glaubenszwängen unter denen ich aufgewachsen bin entfliehen konnte. Ich durfte das engstirnige der dort allenthalben gelebten Religionsinterpretierung hinter mir lassen und endlich darauf hoffen mich in einer aufgeklärten, aber mir noch unbekannten Welt frei entfalten zu dürfen.

    Doch als ich mich zum ersten mal in dieser großen westlichen Stadt ankam und in der U-Bahn fuhr, erschrak ich sehr. Anstatt freien Menschen zu begegnen schien mir, dass die Leute die ich sah unter noch größeren Zwängen lebten als ich es damals in meinem abgeschiedenen Bergdorf getan hatte.
    Sie schienen zwar nicht wie ich, seinerzeit, ihre Gedanken auf einen Gott zu fixieren indem sie fünf mal am Tag beteten und dazu niederzuknien hatten, aber dennoch war es als ob sie sich unablässig in einer Form von religiöser Hörigkeit, schweigend, mit demütig geneigtem Haupt auf etwas konzentrierten, das ich damals nicht auszumachen vermochte. Viele von ihnen schienen mir darüber hinaus krank zu sein oder an schweren Verletzungen zu leiden, denn sie hingen, ähnlich wie ich es damals, als ich mit meinen Kriegsverletzungen in ein ferngelegenes Feldlazarett gebracht wurde, auf der Krankenstation gesehen hatte, an irgendwelchen Kabeln die mir wie Infusionsschläuche anmuteten.
    Erst später wurde mir bewußt, dass die mir aufgefallenen Schläuche and den Köpfen der U-Bahnpassagiere nicht der intravenösen Zuführung von Medikamenten dienten und dass die Aufmerksamkeit dieser Leute nur einem technischen Apparat geschuldet war, welcher es den Menschen ermöglicht einer computergesteuerten interaktiven Wirklichkeit zu huldigen.

    Anders als früher, lebe ich heute in einer Welt, in der man sich mit seinen Fragen und Wünschen nicht mehr an Gott wendet, sondern an Google. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie macht mir die virtuelle Realität meiner präsenten Zukunft manchmal mehr Angst, als die spirituelle Wahrheit meiner gelebten Vergangenheit.
    Geändert von Frank Reich (11.12.2018 um 09:56 Uhr)

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