Hochzeitsreise mit Maupassant


Für Dagi und Guy


Das Abenteuerliche einer Reise besteht darin, das Vertraute zu verlassen und sich dem Unbekannten auszusetzen. Pläne werden geschmiedet, Zeitpläne aufgestellt, um Überraschendes möglichst kleinzuhalten. Doch gänzlich ausschließen läßt es sich nicht. Und vielleicht ist gerade das Überraschende, ob angenehm oder unangenehm, genau jenes, was nach Ende einer Reise am längsten im Gedächtnis lebt.

Zwei junge Studenten auf ihrer Hochzeitsreise arbeiten keine präzisen Pläne aus. Sie wollen nur eines: das Land sehen und erleben, wo Guy de Maupassant gelebt und gearbeitet hat.

Maupassant, großer französischer Dichter des 19. Jahrhunderts. Hundert Jahre älter als ich. Im eigenen Land zählt er nicht zu den ganz Großen, im Ausland jedoch wird er mehr gelesen als jeder andere Franzose. In den USA gilt er als der Wegbereiter der short story; keine überflüssigen Sätze, das Wesentliche ist genug. Im übrigen wurde kein französischer Literat so oft verfilmt wie er.

Maupassant, Du hast mich die französische Sprache gelehrt. Nachdem ich Dein erstes Buch in Händen hielt, wollte ich alles lesen, was Du in Deinem doch so kurzen Leben geschrieben hast. Ich war von Anfang bis Ende fasziniert.

Wer Ende Oktober von Deutschland aus eine Reise unternimmt, kann damit rechnen, daß spätestens um 17.30 Uhr die Dämmerung hereinbricht und es um 18.00 Uhr dunkel sein wird. Da wir erst spät aufgebrochen waren, überraschte uns die Dunkelheit, noch ehe wir Köln erreicht hatten.

In der Dunkelheit verschwinden die Konturen der Gebäude und nur noch die Lichter verbleiben. Sie glühen, hell oder verhalten, so als wären sie selber Gegenstände.

Schlußlichter und Scheinwerfer der Autos auf der Autobahn. Sie scheinen gleichmäßig aufgereiht wie an einer Schnur; nur ab und an, beim Überholen, schert eines aus der Reihe.

Zuweilen fällt der Blick auf das Lichtergeflecht einer Stadt unten im Tal. Häuser wachsen an Hängen wie Pilze an einem faulen Stamm. Lichter strahlen, als hätte ein löchriger Berg die Sonne verschluckt.

Maupassant, er war Zeuge, als man begann, die Stadt Paris mit Laternen zu beleuchten, becs de gaz. Nach hundert Jahren ist das Straßenlicht allgegenwärtig.

Belgische Autobahnen wirken nachts wie ausgestorben. Kaum einmal überholen wir ein verschlafenes Auto, geistert eines lautlos an uns vorbei. Rechts und links herrscht undurchdringliches Dunkel; zuweilen glotzt einäugig ein einsames Bauernhaus uns nach.

Belgiens Autobahnen: ein endloses Spalier orangegelber Straßenlaternen vergoldet die Fahrbahn.

Gigantisch der Autobahnring bei Brüssel. Kreuz und quer, auf Pfeilern und zu ebener Erde begegnen uns Zubringer und Abfahrten, winden sich heran, schlängeln sich weg. Man fährt darüber, darunter und zwischenrein, und alles ist, wie auf allen belgischen Autobahnen: hellerleuchtet und ziemlich leer.

In Gent nervöse Suche nach einem Quartier. Uns scheint, als gäbe es in der ganzen Stadt kein Hotel. Endlich finden wir eine Art Jugendherberge. Das Mobiliar ist neu, praktisch und billig. Abwaschbare Kunststoffoberflächen bei den Möbeln erinnern an ein Kinderzimmer. Zwei Stahlrohrbetten zusammengestellt zu einem Doppelbett. An den Fenstern keine Gardinen, nur rechts und links zwei schmale Vorhänge. Draußen eine schmale Gasse mit gelbbeleuchtetem Kopfsteinpflaster ohne Bürgersteig. Zwischen den Fassaden spannt sich ein Elektrokabel. In seiner Mitte schwankt eine Straßenlaterne unruhig im Wind. Im Zimmer ist es so hell, daß man ein Buch lesen könnte.

In Gent besuchen wir die beeindruckende Kathedrale, dann geht es weiter nach Brügge. Es ist sonnig und die Autobahn mit vielen Autos belebt. Zu beiden Seiten der Straße dehnt sich saftiges, dunkelgrünes Weideland, auf ihm lagern verstreut die schwarzscheckigen Kühe. Flach und grün, das ist Flandern bei Tage.

Brügge erinnert an Amsterdam. Auf dunklem Wasser gleiten in Kanälen flache Touristenboote lautlos dahin. Überall rötlichbraune Sandsteinfassaden. Gotischer Stil beherrscht den Marktplatz. Eines der Gebäude gleicht den Houses of Parliament in London.

Dann weiter Richtung Nordsee. Blankenberge wirkt still und verlassen. Sommers, so ahnt man, tummeln sich zehntausende Touristen an den Stränden, doch Ende Oktober wirkt es öde und leer.

Nach Blankenberge Ostende. Die Straße führt am Meer entlang, doch zu sehen ist es kaum. Zu viele Häuser versperren die Sicht. Ab und an klafft eine Lücke, und dann grüßt es herauf: blau, doch müde mit kraftlosen Wellen.

Nach Calais färbt der Himmel sich grau und es wird düster. Regen fällt. Die Straße nach Boulogne-sur-Mer windet sich sanft durch hügeliges Dünenland. Zuweilen fällt der Blick unverstellt aufs weite Meer.

Graue Schotterpiste zum Parkplatz am Felsvorsprung des Cap Blanc. Kalter regennasser Wind schlägt uns ins Gesicht, reißt an den Haaren, treibt uns Tränen ins Gesicht. Von Dünengras umwachsen ragen noch die Betonfundamente der Geschütze und Bunker aus der deutschen Besatzungszeit. Kanonen richteten einst ihre schwarzen Mündungen gen Norden. Dutzende von Augenpaaren bespähten unablässig mit Feldstechern den diesigen Horizont.

Krieg: Maupassant war glühender Pazifist, hat er doch den deutsch-französischen Krieg am eigenen Leib erfahren. La guerre! ... se battre ! … tuer ! … massacrer des hommes ! schrieb er 1881 in der Pariser Zeitung Le Gaulois.

Der französische Kaiser ärgert sich über ein deutsches Telegramm und erklärt Preußen den Krieg. Zehntausende verlieren dafür ihr Leben. 70 Jahre später fliegen alliierte Bombergeschwader Einsätze gegen nordfranzösische Städte, legen sie erbarmungslos in Schutt und Asche. Caen, Vire, Lisieux, Saint Lô, Falaise. Zweihunderttausend Normannen verlieren ihr Leben. Sinnloses Sterben im Namen der „Befreiung“.

Zurück im Auto erfüllt uns Dankbarkeit, denn dort finden wir Schutz und behagliche Wärme. Regentropfen zerplatzen an der Windschutzscheibe, noch ehe sie unser Gesicht erreichen können. Im Innenspiegel sehe ich nasses Haar und ein rotwangiges Gesicht.

Boulogne-sur-Mer : dunkel und regennaß. In den Straßen spiegeln sich verschwommen die Lichter der Autos und Schaufenster. Nach einigem Suchen finden wir in der Altstadt ein bescheidenes Hotel. Die Wirtin, eine hellhaarige, herbe abgearbeitete Frau mittleren Alters zeigt uns wortkarg unser Zimmer. Es erinnert an das 19. Jahrhundert. Altes Mobiliar, ein abgewohnter roter Teppich auf hölzernen Dielen, kein Badezimmer, keine Toilette. In der Ecke ein kleines Waschbecken, darüber ein Spiegel ohne Rahmen. Wir sind des Suchens müde und akzeptieren. Zudem ist das Zimmer auch recht billig.

Nach dem Essen sitzen wir mit der Wirtin und einigen einheimischen Gästen in der einfachen Wirtsstube und sehen einen Film mit Jean Gabin im Fernsehen. Plötzlich öffnet sich die Tür und herein tritt eine vor Nässe triefende jugendliche Gestalt. Sein wurstförmiger Schlafsack, verpackt in einer Hülle aus blauem Nylonstoff sowie zwei gewichtige Plastiktüten fallen zu Boden, versperren den Weg von der Eingangstür zum Tresen. In einem Kauderwelsch aus englisch und französisch versucht er sich verständlich zu machen. Die Wirtin versteht nicht. Nach einer Weile wendet sie sich wortlos wieder Jean Gabin auf dem Bildschirm zu.

Wir sprechen den jungen Mann auf englisch an und erfahren, daß er aus Manchester stammt und nach der Überfahrt von Dover per Anhalter nach Spanien reisen wollte, um dort einen Freund zu besuchen. Und so stand er stundenlang im Regen an der Lamdstraße und kein Autofahrer wollte anhalten um ihn mitzunehmen. Nun wollte er hier übernachten, hatte aber kein französisches Geld, nur spanische Peseten. Wir berichten der Wirtin und sagen, daß wir notfalls für ihn bürgen würden, käme er morgen von seinem Gang zur Bank nicht wieder zurück.

Wir fühlen uns privilegiert. Wir haben ein Auto, sprechen fließend französisch, besitzen französisches Geld und haben vor allem – einander. Dem jungen Engländer begegnet das Dasein in seiner vollen Härte. Man nennt Maupassant pessimistisch, weil er die Welt so beschreibt wie sie ist: ungerecht. Es gibt Reiche, Schöne, Intelligente und Willensstarke, sie alle führen ein besseres Leben als Arme, Häßliche, Einfältige und Schwache. Meistens wollen diejenigen auf der Sonnenseite nichts mit jenen im Schatten zu tun haben. Nicht so Maupassant. Er hat ein Auge für alle Facetten des Lebens und ein unerhörtes Talent, diese uns nahezubringen. Ist das Pessimismus? Manche Literaturwissenschafter gaukeln sich vor, etwas zu verstehen, allein weil sie fertige Kategorien zur Hand haben.

Dieppe. Maupassant erwähnt diesen Ort in drei seiner Novellen. Die schönste Beschreibung finden wir in L’Enragée (Die Tollwütige). Ein frischvermähltes Ehepaar macht dort Etappe auf seiner Hochzeitsreise. Sie erreichen Dieppe zu später Stunde. Die Frau drängt es an den nächtlichen Strand. Dort trifft sie auf eine Sommernacht, wie sie schöner nicht sein könnte. Sie wünscht sich Arme wie Flügel, um hoch aufzusteigen und den Himmel zu küssen. Uns ist solches Glück nicht beschieden. Dunkle Wolken ziehen am Himmel, es regnet und es ist kalt.

Château Miromesnil nahe Dieppe. Maupassants Eltern haben es 1849 für drei Jahre gemietet. Guy de Maupassant erblickte dort am 5. August 1850 das Licht der Welt. Am Eingang zum Schloßpark steht auf einer halbkreisförmigen niedrigen Mauer eine Büste des Dichters. Ich denke zurück an unseren Besuch an Maupassants Grab in Paris im Januar. Schneidende Kälte auf der Cimetière Montparnasse. Nachdem wir es endlich gefunden hatten, waren wir schon auf der Treppe zur Métro, als ich plötzlich ein Würgen verspürte und wir auf der Stelle umkehrten. Charles Baudelaire hatte Blumen auf seinem Grab und Maupassant hatte keine. Wir kauften Tulpen und ich legte sie weinend auf seinen Grabstein.

Trotz der Verbotsschilder dringen wir in den Schloßgarten ein. Eine aufgeregte Frau in Arbeitskleidung kommt uns wild gestikulierend entgegen. Das Schloß ist für Besucher nicht mehr zugänglich. Wir machen einige Fotos und fahren zurück nach Dieppe.

Nahe der Strandpromenade finden wir ein kleines schmalbrüstiges Hotel mit Namen Les Tourelles. Dieser verweist auf zwei gegenüberliegende dicke Steintürme, die Ähnlichkeit mit dem Lübecker Holstentor aufweisen. Vielleicht waren sie einstmals der Eingang zur Stadt mit der höhergelegenen Zitadelle.

Die Wirtin, eine lebhafte, redselige Person ist das glatte Gegenteil zu jener in Boulogne-sur-Mer. Ihr dichtes schwarzkrauses Haar bündelt am Hinterkopf eine Spange zu einem Pferdeschwanz. Sie sei sehr wählerisch mit ihren Gästen, Araber und Leute vom Hafen sind nicht willkommen. Mit ihren Stammgästen pflege sie jedoch ein Verhältnis wie in einer „grande famille“.

Als sie erfährt, daß wir auf den Spuren von Maupassant sind, erzählt sie uns von einem ihrer Stammgäste, einer der „größten Köpfe Dieppes“. Er könne uns bei unserer Suche sicher helfen.

Und am Abend ist der da, der große Kopf von Dieppe, und wir werden ihm vorgestellt. Auch er sei Maupassant sehr zugetan und er kenne den Schwiegersohn des Schloßbesitzers von Miromesnil. Dieser sei als „Conservateur“ auf der Zitadelle von Dieppe tätig. Mit einem Kugelschreiber verfaßt er dann ein Empfehlungsschreiben auf ein kleines Stück Papier.

Nachts im Bett rücken wir eng zusammen. Das Bettzeug ist kühl und klamm, die Fensterscheiben beschlagen, die Heizung nicht in Betrieb.

Am nächsten Morgen, die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel, und wir machen uns auf den Weg hinauf zur Zitadelle. Oben erwartet uns ein weiter Ausblick auf Dieppe und das Meer.

Durch das Empfehlungsschreiben werden wir vom Conservateur freundlich empfangen. Einen Besuch von Schloß Miromesnil könne er uns leider nicht ermöglichen. Zudem seien auch nur wenige persönliche Gegenstände des Dichters dort zu sehen. Ja, auch er finde, daß Maupassant in Frankreich vielfach unterschätzt werde. Eine Ausnahme bilde der Président de la République (Giscard d’Estaing). Im Fernsehen bekannte er sich unlängst in der Sendung « apostrophes » zu Maupassant als seinem Favoriten.

Nach der Besichtigung der Zitadelle ein Bummel durch den offenen Markt von Dieppe. Wenn man die Fischer und Bauern aus Maupassants Werk kennt, dann trifft man sie hier wieder. So treffend hat er sie geschildert, so wenig haben sie sich verändert.

Als Maupassant zehnjährig in Etretat lebte, hörte er gerne die Legenden und Geschichten der Fischer, hatte er ein offenes Ohr für die Erzählungen der Bauern. Maupassants Werk: auch ein literarisches Archiv normannischer Folklore.

Fécamp: Maupassant kam als Kind oft hierher, um seine Großmutter zu besuchen. Von ihrem Haus konnte er den Hafen mit den ankommenden und ausfahrenden Schiffen sehen. Er träumte davon, ein großes Schiff in die weite Welt zu steuern. Später erfüllte er sich diesen Traum und kaufte die Segelyacht Bel Ami. Heute kann man von Großmutters Haus den Hafen nicht mehr sehen. Eine hohe Zeile moderner Appartmenthäuser mit Meerblick versperrt die Sicht.

Zwischen Hafen und Straße ein massiver Deich aus Beton. Auf einem Sockel steht die steinerne Statue einer Seemannsfrau, die mit wehendem Haar und Gewand Ausschau aufs Meer hält. Wieviele Matrosen und Fischer mögen von ihrer Fahrt aufs weite Meer nicht wiedergekommen sein?

Im Hafenbecken verlaufen lange begehbare Piers mit Holzplanken. Unter ihnen bewegt sich dunkel das Wasser. An der Kaimauer reibt in regelmäßigen Abständen eine Welle ihre schaumige Schulter.

Etretat: eine kleine Bucht unterbricht die kilometerlange ockerfarbene Mauer der Steilküste. Rechts und links im Meer schützen zwei Felswände wie Paravents den Ort. In beide Wände höhlte das Meer im Lauf der Zeit bogenförmige Tore aus dem Felsen, so groß, daß ein Boot hindurchfahren kann. Die westliche der beiden gleicht einem „Elefanten, der seinen Rüssel in die Fluten tunkt“ (Maupassant: Une Vie)

Schon zu Zeiten des Dichters war Etretat ein beliebter Badeort. Vor hundert Jahren reichten die Badeanzüge noch vom Hals bis an die Knöchel.

Maupassant lebte als kleiner Junge in Etretat, nachdem sich seine Mutter Laure von ihrem verschwenderischen und zuweilen rabiaten Ehemann Gustave getrennt hatte. Später als erfolgreicher Schriftsteller baute er sich dort eine Villa, la Guillette, und erholte sich da zeitweilig wie ein Tourist im eigenen Ferienhaus. Heute gehört das Anwesen einer Amerikanerin und ist nicht zu besichtigen.

Der Strand von Etretat besteht aus Millionen runder dunkelgrauer Kieselsteine, die sich beim Überschwappen der flachen Wellen leis bewegen, so als stießen Tausende von Glasperlen aneinander. Über unseren Köpfen kreisen heiser schreiend die Möwen.

Ein Fischerboot kommt von offener See herangerudert. Männer in dicken dunkelblauen Pullovern und Gummistiefeln springen behende heraus und ziehen das Boot an Land. Der Fang wird sortiert. Unverkäufliche Krustentiere fliegen in weitem Bogen auf die Kiesel, schlagen auf und bleiben liegen. Lange noch bewegen sich hilflos die Beinchen, Scheren und Fühler. Leute scharen sich um die Fischer, wollen sehen oder kaufen.

Wir finden ein Hotel in einer Seitenstraße zum Strand, essen dort zu Abend. Danach gehen wir in der Dunkelheit spazieren. Durch den schwarzen Vorhang der Nacht dringt das Rauschen des Meeres. Wir fühlen uns klein und unbedeutend vor der schwarzen hochaufragenden Wand der Steilküste. Maupassant muß einst auch hier gewesen sein. Vielleicht sogar genau an dieser Stelle.

Am nächsten Morgen entdecken wir im Fenster eines Buchhändlers sechs weniger bekannte Bücher aus Maupassants Werk. Alle in grünes Kunstleder gebunden und nicht einmal besonders teuer. Danach erklimmen wir den steinigen Weg hinauf zur westlichen Felsklippe. Von dort gleitet der Blick weit über das blaue Meer, fällt herab auf das tiefliegende malerische Etretat.

Trouville: schon zu Zeiten Maupassants ein beliebtes mondänes Seebad. In zwei Werken wird es beschrieben (Pierre et Jean; Bombard) In Bombard leuchtet der Strand in der Julisonne und gleicht in Maupassants Beschreibung einem impressionischen Bild Claude Monets, einem Zeitgenossen. Doch nun ist es Ende Oktober und Nacht. In den hellerleuchteten Restaurants sitzen nur wenige Gäste. Auf den leeren fein gedeckten Tischen stecken weiße Stoffservietten in Weingläsern, zu Blumen gefaltetet oder zu Hörnern gedreht. Kellner stehen müßig und gelangweilt umher, warten auf Kundschaft.

Maupassant kannte die melancholische Stimmung der Nachsaison. „Die Dagebliebenen fühlen täglich neu wie eine langsame, unendliche, tödliche Traurigkeit von ihnen Besitz ergreift, so daß sie das Meer des Sommers nicht wiedererkennen“.

Das Schöne, wenn es zuende geht, erfüllt den Menschen mit Traurigkeit. Im Jahre 1877, drei Jahre bevor er mit Boule de Suif seine Karriere als Schriftsteller beginnt, erfährt Maupassant, daß er sich mit Syphilis infiziert hat. Nun weiß er, daß er nicht sehr alt werden kann. Und so schreibt er in zehn Jahren sein gesamtes imposantes Werk: sechs Romane, 15 Bände mit Erzählungen und Nouvellen, drei Reiseberichte und zahlreiche Artikel in franzöischen Zeitungen.

Nach dem Abendessen im Hotel ein Spaziergang an den Strand. In der Dunkelheit fühlen wir uns wie Eindringlinge in ein nächtliches Fabrikgelände, wie Spione auf einem leeren Truppenübungsplatz. Plötzlich das schwarze Stangengerippe eines Klettergeräts für Kinder. Keine Menschenseele weit und breit. Dann unter unseren Füßen: Holzplanken. Sind das die Planken auf denen sich einst Bombard in seine englische Witwe verliebt hat?

Ich habe genug. Etwas in mir summt und flimmert wie eine defekte Neonröhre. Das Abenteuerliche, das Überraschende sind auf die Dauer zuviel für mich. Ich sehne mich danach, mit einem Ort vertraut zu werden. Wir beschließen die Heimreise.

Am nächsten Morgen ballen sich wieder dunkle Wolken am Himmel. Wir erreichen gerade noch das Auto, als ein Wolkenbruch über uns hereinbricht. Die Scheibenwischer können die Wassermassen nur mit Mühe verdrängen.

Nach Rouen läßt der Regen nach, und wir halten auf einem Parkstreifen neben der Landstraße. Der Wind zerrt heftig an dem flatternden grauen Müllbeutel an einem Pfahl. Ist das nicht ein Sinnbild für das Leben der Schwachen und Mittellosen? Gewaltige Kräfte wirken auf sie ein, sie können nichts dagegen setzen, doch halten sie zäh ihre Stellung.

Weiter geht es nach Reims, Verdun, Saarbrücken und abends sind wir endlich wieder zuhause. Das Abenteuer Hochzeitsreise ist zuende.

Ende Oktober 1979