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  1. #1
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    Aron Manfeld: ein wenig überm boden

    wenn man in deine wohnung kommt
    im dritten stock in hannover linden
    hängt links ein lippenstiftverschmierter spiegel
    darunter ein abgesägtes regal mit schuhen
    rechts im zimmer liegst Du mit Deinem laptop
    auf dem bauch Dein lächeln Deine wärme

    wie oft bin ich zu Dir gekommen um mit Dir zu schlafen
    so wie ich gedichte schreibe
    herzlos und kalt
    ich will Dich um verzeihung bitten

    einmal kam ich und überall war polizei
    sie gingen mit mir auf den dachboden
    wo deine rotlackierten zehenspitzen hingen

    doch ich sehe immer noch nach rechts

    so wirst Du immer für mich bleiben

    so

    wirst

    Du

    immer

    für

    mich

    bleiben
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Aron Manfeld

  2. #2
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    Aron,

    das ist sehr gut gemacht.
    Der Blick des Lesers folgt zunächst dem LI, nach links, nach rechts, auf den Dachboden (ein wenig überm boden), bleibt aber hängen am LI, an seiner gefühlten Schuld, seiner Hilflosigkeit, dem Mantra zur Manipulation seiner Erinnerung.
    Und am Ende guckt man zu sich selbst.

    Chapeau
    Okotadia

    P.S. ich würde das immer in Zeile 15 streichen
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  3. #3
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    Hallo Aron,

    ich schließe mich an: Das ist wahnsinnig gut! Und auch ich würde das "immer" in Zeile 15 streichen, so bekommt das "immer", das darauf folgt, eine noch größere Wucht.

    LG
    k

  4. #4
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    wenn ich das immer in zeile 15 wegmache, wirkt das wie ein scheiss goethe gedicht.
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Aron Manfeld

  5. #5
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    na das kann ja keiner wollen!
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  6. #6
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    Mein Liebster,

    Die fett markierten Dinge würde ich allenfalls weglassen; es ist immer eine Gratwanderung zwischen Kitsch und großartiger Lyrik. Vielleicht liege ich aber auch falsch ... ich überlege gerade: vielleicht könnte man die Behauptung "herzlos und kalt" bildlicher fassen, sodass auch ein Leser, der Aron nicht kennt, begreift; aber ich glaube es ist auch ohne diese Zeilen und ohne Aron-Kenntnis in der schnörkellosen Verkürzung klar genug (? - frage ich auch in die Dichterrunde!).

    Lieben Gruß
    albaa



    Zitat Zitat von Aron Manfeld Beitrag anzeigen
    wenn man in deine wohnung kommt
    im dritten stock in hannover linden
    hängt links ein lippenstiftverschmierter spiegel
    darunter ein abgesägtes regal mit schuhen
    rechts im zimmer liegst Du mit Deinem laptop
    auf dem bauch Dein lächeln Deine wärme

    wie oft bin ich zu Dir gekommen um mit Dir zu schlafen
    so wie ich gedichte schreibe
    herzlos und kalt
    ich will Dich um verzeihung bitten


    einmal kam ich und überall war polizei
    sie gingen mit mir auf den dachboden
    wo deine rotlackierten zehenspitzen hingen

    doch ich sehe immer noch nach rechts

    so wirst Du immer für mich bleiben

    wirst

    Du

    immer

    für

    mich

    bleiben
    Geändert von albaa (14.11.2018 um 19:40 Uhr)

  7. #7
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    Ich bin jetzt einfach nur in der Stimmung, mit Menschen schlafen zu wollen - ohne Sinn und Verstand Haut an Haut.
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Aron Manfeld

  8. #8
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    Tja, rote Zehennägel an blauen Zehen können durchaus Sehnsucht nach warmer Haut und Ekstase auslösen.

  9. #9
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    Liebste albaa,

    da bin ich mal nicht Deiner Meinung- was Deinen ersten Kommentar angeht.

    Für mich ist die Zwiesprache mit der Toten, die Entschuldigung als Selbstabsolution und das Ende des Gedichtes mit seiner Selbstbeschwörungsformel das eigentlich Interessante an diesem Gedicht. Für mich geht es weniger um die traurige Geschichte als um das, was das LI veranstaltet, um sie hinter sich zu lassen.
    Ich würde gerne wissen, was die Gehirnforschung dazu sagt. Ob das wirklich gelingt, das eine Erinnerungsbild vom anderen zu entkoppeln?
    Ob man nicht mit dem einen das andere immer wieder mit aufruft?

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  10. #10
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    es reicht manchmal ein Wort/Metapher/Wind/Zeit/Position, denke ich und es ist da.

    Gruß
    Unum
    ...
    Herz ist nicht mit mir.
    Herz ist nicht mit dir.
    Herz ist weit weg. V.Butusov *Das Lied "aus dem Fluss"

  11. #11
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    Die ganze Scheisse am Leben ist, dass wir sterben müssen - eine Verrücktheit, die sich Gott im Suff ausgedacht haben muss.

    Scheisse.
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Aron Manfeld

  12. #12
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    Zitat Zitat von Aron Manfeld Beitrag anzeigen
    Die ganze Scheisse am Leben ist, dass wir sterben müssen - eine Verrücktheit, die sich Gott im Suff ausgedacht haben muss.

    Scheisse.

    Das Gedicht ist jedenfalls besser, als dieser misslungen gemeinplätzige Versuch einer Provokation. In der großrotschriftigen Form der Signatur hat es noch dazu etwas von pubertärer Hybris.

    Lieben Gruß
    albaa

  13. #13
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    Tja lieber Aron, so ist das.
    Der Tod weist uns einen Platz in der Zeit zu und die Zeit einen Platz in der Bedeutungslosigkeit und die vielen immer in deinem Gedicht sind verdammt klein.
    Das Gute: In der Bedeutungslosigkeit gibt es viel Platz für Spielerisches.
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  14. #14
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    Zitat Zitat von Aron Manfeld Beitrag anzeigen
    wenn ich das immer in zeile 15 wegmache, wirkt das wie ein scheiss goethe gedicht.
    hab nicht verstanden, was der arme Göthe damit zu tun hätte, ob mit der Zeile 15, oder ohne - egal.
    Die ganze Scheisse am Leben ist, dass wir sterben müssen - eine Verrücktheit, die sich Gott im Suff ausgedacht haben muss. Aron Manfeld.
    Was du bist steht am Rand
    Anatomischer Tafeln.
    Dem Skelett an der Wand
    Was von Seele zu schwafeln
    Liegt gerad so verquer
    Wie im Rachen der Zeit
    (Kleinhirn hin, Stammhirn her)
    Diese Scheiß Sterblichkeit.
    - ohne großrotschriftige Form, aber wirkt.

  15. #15
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    Hallo Aron Manfeld,
    das Gedicht hat mich echt berührt und ich musste im Nachhinein immer wieder daran denken.
    Ich glaube, du hast großes Talent!
    Poetry is language for its own sake.

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