1. #1
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    Ich liebe den Blankvers

    Den Blankvers, ja, den liebe ich, und schreib
    nur allzu gern in diesem Metrum und
    entziehe mich mit Lust des Reimes Zwang.
    Die Iphigenie Goethes prangt mit Versen,
    die kein Geklingel eines platten Reims
    vertragen, anmutsvoll sich tief im Herz
    versenken, unvergessen ewig bleiben.

    Wie könnte ich, ein Zwerglein neben Riesen,
    auch Shakespeare schrieb in Jamben diese Verse:
    „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ ,
    dem Klang und Rhythmus schnöde mich entziehen
    und nicht versuchen, Höhen zu erreichen,
    von denen man in Täler blickt, wo Reime
    allein bestimmen, was Gedichte sind.

  2. #2
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    kp
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
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    (StadtHaiku)

  3. #3
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    Lieber Festival,

    wer ein Drama oder eine Tragödie schreiben will, wird das klugerweise in den von dir bevorzugten Blankversen tun, doch wer ist heute noch dazu in der Lage, es den großen Dichtern gleichzutun?
    Von Liliencron (Trutz, blanke Hans) und Ina Seidel (Regenballade) sind gute Beispiele dafür, dass auch Reime ein gutes Gedicht ausmachen können. Ich vermute, deine Ode auf den Blankvers hat einen ganz bestimmten Hintergrund.

    Der Blankvers, Dichter, schafft es nicht allein,
    den Versen eine Botschaft mit zu geben.

    L.G. Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  4. #4
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    Lieber Kaspar,
    kurz und treffend. Danke!
    Lieber Sidgrani,
    mein Bekenntnis zum Blankvers bedeutet nicht, dass ich andere Versformen ablehne. Du kennst ein paar meiner Gedichte und weißt, dass ich auch Gereimtes zu Papier bringe und mich an anderen Versformen versuche. Gibt es also einen Hintergrund? Ein bisschen schon: Ich möchte dem Missverständnis entgegen wirken, dass gereimte Werke automatisch Gedichte sind. Du kennst wie ich diese RSM (Reimscheißmaschinen), für die der Grundsatz zu gelten scheint: Reim dich oder ich fress dich! Der Blankvers war lange Zeit die bevorzugte Versform (und ich freue mich insgeheim, wenn ein Leser/eine Leserin anmerkt: Ich habe gar nicht bemerkt, dass der Reim "fehlt"). Ob der Blankvers meine bevorzugte Art des Schreibens ist, wage ich anhand meiner Werklein zu bezweifeln. Aber - ich liebe ihn.
    Liebe Grüße,
    Festival

  5. #5
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    Lieber Festival,

    Zitat Zitat von Festival
    Den Blankvers, ja, den liebe ich, und schreib
    nur allzu gern in diesem Metrum und
    entziehe mich mit Lust des Reimes Zwang.
    Diese drei Zeilen (insbesondere wegen der Formulierung: "des Reimes Zwang") ließen mich vermuten, dass du dem gereimten Gedicht neuerdings ablehnend gegenüber stehst. Dein "Gereimtes" kenne ich natürlich, keine Frage. Den RSR (Reimscheißroboter) kann ich nur empfehlen, es auch mal mit anderen Gedichtformen zu versuchen.

    "Ich habe gar nicht bemerkt, dass der Reim "fehlt", ist ein aufrichtiges Kompliment, auf das man ruhig ein wenig stolz sein kann.

    L.G. Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  6. #6
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    Ja lieber Festival, so isses; mit dem Reim ist die Versuchung sehr groß, Scheiße in Bonbonpapier einwickeln zu wollen. Trotz dass ich ca. 800m Luftlinie von dem Hüttchen entfernt wohne, wo J.W.G. den vierten Akt seiner Iphigenie aus dem Hirn gekitzelt hat, will mich dieser Äther einfach nicht richtig bedampfen. Da teile ich deine Meinung und meine, da oben steht schon was von dieser Höhenluft.

    Sehr gern gelesen!

    Vll kannst du da noch mehr bringen?

    VG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  7. #7
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    Lieber Sidgrani,
    "entfliehe ich mit Lust des Reimes Zwang" - das ist ein Tanz auf Messers Schneide. Wenn der Reim weniger Gestaltungsmittel und mehr Zwang ist, dann stimmt der Vers für mich. Im Hinterkopf habe ich immer, wenn das Wort "Zwang" auftaucht, aber auch Schillers Wort: Freiheit ist der Zweck des Zwanges/wie man eine Rebe bindet/dass sie statt im Staub zu kriechen/frei sich in die Lüfte windet. Hier bin ich wieder ganz auf Schillers Seite, aber er schreibt ja nicht, dass dieser Zwang der Reimzwang ist. Ich denke, er sprach von dem Zwang der Form und Formen gibt es eine Menge.
    Schiller sagt aaO: "Der Meister kann die Form zerbrechen/mit weiser Hand, zur rechten Zeit" (und sicher meinte er damit nicht nur den Glockengießermeister.
    Um es klar auszudrücken: Es gibt Formen, die mir geläufiger sind als andere. Der Blankvers ist mir sehr lieb, ich liebe auch gereimte Gedichte, wenn der Reim nicht herbei geprügelt wird, Inversionen in Kauf genommen werden, ich bin ein Liebhaber von allen möglichen Formen, scheue mich aber nicht, an der einen oder anderen Stelle mal auszubrechen.

    Lieber Uwe,
    ich fass es nicht - Du bist Thüringer! Jetzt mal aus dem Gedächtnis: Goethe hat seine Iphigenie sicher in Thüringen (sag bloß, er hat auf dem Kickelhahn die letzten Federstriche gemacht) geschrieben. Meines Wissens hat er die Prosa-Urfassung aber in Italien in Jamben (bis auf das Parzenlied) umgeschrieben. Zur Iphigenie bin ich gekommen, weil sich eine Kommilitonin dieses Werk als Prüfungsaufgabe gewünscht hatte und ich ihr beim Lernen helfen sollte. Für mich war die Antwort des Königs auf Iphigenies Bekenntnis ihrer Herkunft: "Du sprichst ein großes Wort gelassen aus" Anlass für meine Nachforschung, was denn da so ein großes Wort war. Mein lieber Schwan - schon hatte ich die griechische Göttergeschichte am Hals. Goethes Zeitgenossen/innen, die seine Stücke auf der Bühne sahen (weißt Du, dass Goethe selbst bei der Uraufführung in Weimar den Orest spielte?), brauchten nicht wie ich ganze Bände verschlingen - die hatten dieses Hintergrundwissen.
    Ob ich noch mehr bringen kann - was? Blankverse? Mach ich bestimmt, aber sie tauchen in allen möglichen Gedichten von mir auf. Ein Beispiel schick ich Dir als PN.
    Liebe Grüße Euch beiden,
    Festival
    Geändert von Festival (Gestern um 19:28 Uhr)

  8. #8
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    Lieber Heinz,


    nein wirklich, auf dem Schwalbenstein bei Manebach/Ilmenau hat er den vierten Akt an nur einem Tag geschrieben. Guckst du hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Manebach

    Danke für die PN, es ist mir ein Vergnügen und ich werde mich mal mehr auf Recherche bezüglich deiner Werke machen und Kritik dazu ablassen (wenn mal wieder bisl mehr Zeit) Bin gerade nur noch hauptsächlich Mitleser hier).

    LG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  9. #9
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    Lieber Arkadier,
    es ist immer schön, wenn zweie Recht haben. Das Bühnenstück "Iphigenie auf Tauris" führte zur Uraufführung in Weimar (und Deine Info, dass er den letzten Akt in der Nähe von Ilmenau "rausgehauen" hat, ist richtig. Mit dem Kickelstein war ich ja schon nahe dran. Im April 1779 war die Uraufführung der Prosafassung - die heute nur noch gelernte Germanisten kennen. Sieben Jahre später begab er sich an die Umformung der Prosafassung in ein theaterfreundliches Versdrama (so, wie es heutzutage aufgeführt wird).
    Goethes Partnerin war Corona Schröter (als Iphigenie).
    Liebe Grüße,
    Heinz

  10. #10
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    Zitat Zitat von Festival Beitrag anzeigen
    "entfliehe ich mit Lust des Reimes Zwang" l
    Grüße Heinz



    Da kann ich ebenfalls unterschreiben. Wobei ich dazu auch , A: den richtigen Text dazu brauche, also der Inhalt, ist in der regel was Besonderes, und B: einen guten Tag dazu brauche, nicht jeder Tag ist Inspirationstag.

    Und ja, es gibt hier viel gereimter Schnulli, wo man abwinken könnte.

    Ich gehe sogar weiter, ein gutes Gedicht muss keiner metrischen Vorgabe folgen, wenn andere Inhalte überzeugen. Aber das wiederum ist schwer, aber es kann funktionieren.


    Tschüss.

  11. #11
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    Lieber Horstgrosse2,
    ich habe ein kleines Problem mit Deiner Aussage: "...ein gutes Gedicht muss keiner metrischen Vorgabe folgen...". Da bin ich anderer Meinung.
    Für mich gilt, dass Lyrik "gebundene" Rede, Prosa "ungebundene" ist. Die "Bindungen" können ganz unterschiedlich sein. Wenn gar keine spürbar ist, kann ich dann noch von Lyrik sprechen? Wenn Lyrik etwas mit Kunst zu tun hat, dann darf ich doch annehmen, dass der Lyriker die Kunst beherrscht,
    mit unterschiedlichen Gestaltungsmitteln ein sprachliches Kunstwerk zu schaffen. (Selbst wenn er, alle "Regeln" missachtet, folgt er den bekannten Regeln - nur eben mit dem Kunstgriff, alles Hergebrachte auf den Kopf zu stellen. Manche beginnen mit dem "Auf den Kopf stellen" und halten das schon für Kunst.
    Liebe Grüße,
    Festival

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