1. #1
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    Ein bisschen bei Hölderlin geklaut

    Nur diesen November schenkt, ihr Gesegneten,
    vielleicht den Dezember, den adventlichen,
    dazu und schließt das Maul dem unsäglichen Sänger,
    dass störungsfrei das Jahr uns friedlich verlasse.

    Der Dichter, dem es niemals gelang ein Gedicht
    in anmutigen Versen zu schreiben, er möge
    im Orkus der Schattigen Nerven zerreißen,
    vielleicht wird sein Klagschrei zur Ode gerinnen.

    Willkommen sag ich der geheiligten Stille!
    Zufrieden bin ich, wenn dieses Lied zur Leier
    den Abgang des endlich Verstummten begleitet;
    mehr bedarfs nicht mich glücklich zu machen.

  2. #2
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    Lb. Heinz,

    so wie ich Dich und Deine Gedichte kenne, ist dies sicher ein sehr gutes Gedicht. Ich gehe davon aus, dass es meinen mangelnden lyrischen Kenntnissen geschuldet ist, dass ich dabei weder eine sinnvolle Aussage noch einen klangvollen Leserhythmus finden konnte. Vielleicht kannst Du dazu noch eine hilfreiche Erklärung abgeben, damit auch weniger geschulte Leser in den Genuss dieser Lyrik kommen.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
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    Mein lieber Hans,
    vorweg: Du bist nicht mit dem "unsäglichen Sänger" gemeint.
    Ich frage ernsthaft: Ist ein Gedicht in dieser Form tatsächlich so schwer lesbar?
    Das "Gerüst" lieferte Hölderlin, den ich hier missbraucht habe. Das litIch gibt einen Stoßseufzer von sich und bittet die "Gesegneten" (Götter) darum, einem "unsäglichen Sänger" für den Rest des Jahres das Maul zu stopfen.
    Statt dem litIch auf die Nerven zu gehen, soll er den "Schattigen" (den Toten im Orkus) was vorjammern.
    Das litIch freut sich über die eintretende Stille und ist zufrieden und glücklich, wenn sein Seufzer den o.g. unsäglichen Sänger zum Abgang bringt.

    Hinsichtlich des Versmaßes habe ich mich dicht an Hölderlins Ode "An die Parzen" gehalten. Der Inhalt seiner Ode ist ein fast gegensätzlicher, aber lesen musst Du sie schon selbst. Wenn Du es laut sprichst, stellt sich der Lesefluss fast von selbst ein: "Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen, und einen Herbst zu reifem Gesange mir, dass williger mein Herz, vom süßen Spiele gesättiget, dann mir sterbe."

    Beste Grüße,
    Heinz

  4. #4
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    lieber Heinz,
    Vorweg: Das ist hier kein Gedicht, nur eine etwas theatralische Antwort!
    Auch ich, o werter Genosse des schier unermesslichen Leidens,
    bewirkt durch immerwährendes lyrisches Quaken,
    schließe mich von ganzem Herzen deinem so trefflich gestalteten Gedicht -
    nebst der darin formulierten Aussage - an.
    Möge uns das friedvolle Ende eines leidvollen Jahres beschert sein!

    LG, Cara
    Geändert von Cara 1963 (21.11.2018 um 20:50 Uhr)

  5. #5
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    Lb. Heinz,

    danke für Deine Erklärungen aus welchen ich auch schließe, dass es ein Gedicht für den kleinen Kreis der Kenner von Göttergeschichten ist. Ich als diesbezüglicher Laie lese nur die gestelzte Sprache mit fehlendem Metrum ohne Reime und kann die Qualität des Gedichtes nicht erkennen. Nachfolgend die Metrumanalyse

    Str.:1, Ver.:1 Nur die-sen No-vem-ber schenkt, ihr Ge-seg-ne-ten,
    Str.:1, Ver.:2 viel-leicht den De-zem-ber, den ad-vent-li-chen,
    Str.:1, Ver.:3 da-zu und schließt das Maul dem un-sä-gli-chen Sän-ger,
    Str.:1, Ver.:4 dass stö-rungs-frei das Jahr uns fried-lich ver-las-se.

    Str.:1, Ver.:1 Silben: 12 Betonung: xXxxXxXxxXxx Versfuß: Unbestimmt
    Str.:1, Ver.:2 Silben: 11 Betonung: xXxxXxxXxxX Versfuß: Daktylus
    Str.:1, Ver.:3 Silben: 13 Betonung: XxXxxXxxXx Versfuß: Unbestimmt
    Str.:1, Ver.:4 Silben: 12 Betonung: xXxxXXxXxxXx Versfuß: Unbestimmt

    Reimschema(Strophe): abcd


    Str.:2, Ver.:1 Der Dich-ter, dem es nie-mals ge-lang ein Ge-dicht
    Str.:2, Ver.:2 in an-mu-ti-gen Ver-sen zu schrei-ben, er mö-ge
    Str.:2, Ver.:3 im Or-kus der Schat-ti-gen Ner-ven zer-reißen,
    Str.:2, Ver.:4 viel-leicht wird sein Klag-schrei zur Ode ge-rin-nen.

    Str.:2, Ver.:1 Silben: 12 Betonung: xXxXxXxxXxxX Versfuß: Unbestimmt
    Str.:2, Ver.:2 Silben: 13 Betonung: xXxXxXxxXxxXx Versfuß: Unbestimmt
    Str.:2, Ver.:3 Silben: 12 Betonung: xXxxXxxXxxXx Versfuß: Daktylus
    Str.:2, Ver.:4 Silben: 12 Betonung: xXxXxXxXxxXx Versfuß: Unbestimmt

    Reimschema(Strophe): abcd


    Str.:3, Ver.:1 Will-kom-men sag ich der ge-hei-lig-ten Stil-le!
    Str.:3, Ver.:2 Zuf-rie-den bin ich, wenn die-ses Lied zur L-eier
    Str.:3, Ver.:3 den Ab-gang des end-lich Ver-stumm-ten be-glei-tet;
    Str.:3, Ver.:4 mehr be-darfs nicht mich glück-lich zu ma-chen.

    Str.:3, Ver.:1 Silben: 12 Betonung: xXxXxXxXxxXx Versfuß: Unbestimmt
    Str.:3, Ver.:2 Silben: 12 Betonung: xXxXxxXxXxXx Versfuß: Unbestimmt
    Str.:3, Ver.:3 Silben: 12 Betonung: xXxxXxxXxxXx Versfuß: Daktylus
    Str.:3, Ver.:4 Silben: 10 Betonung: xxXxxXxxXxx Versfuß: Anapäst

    Reimschema(Strophe): abbc

    LG Hans
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  6. #6
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    Hey ihr,

    zu Übungszwecken und zum Abgleich:
    Zitat Zitat von Festival Beitrag anzeigen
    Nur diesen November schenkt, ihr Gesegneten,
    xXxxXxXxxXxx
    vielleicht den Dezember, den adventlichen,
    xXxxXxXxXxx
    dazu und schließt das Maul dem unsäglichen Sänger,
    xXxXxXxxXxxXx
    dass störungsfrei das Jahr uns friedlich verlasse.
    xXxXxXxXxxXx

    Der Dichter, dem es niemals gelang ein Gedicht
    xXxXxXxxXxxX
    in anmutigen Versen zu schreiben, er möge
    xXxxXxxXxxXx
    im Orkus der Schattigen Nerven zerreißen,
    xXxxXxxXxxXx
    vielleicht wird sein Klagschrei zur Ode gerinnen.
    xXxxXxxXxxXx

    Willkommen sag ich der geheiligten Stille!
    xXxxXxxXxxXx
    Zufrieden bin ich, wenn dieses Lied zur Leier
    xXxxXxXxXxXx
    den Abgang des endlich Verstummten begleitet;
    xXxxXxxXxxXx
    mehr bedarfs nicht mich glücklich zu machen.
    XxXxxXxxXx
    Ich sehe hier auch keinen einheitlichen Rhythmus, aber, soweit ich mich erinnere, war ja Hölderlin kein Rhythmusfreak, sondern ein Ausdrucksgenius, der eine wunderschöne sprachliche Melodie erschaffen hat.

    Mir gefielen insbesondere "Der Rhein" und "Der Neckar" von ihm.

    Ich stimme übrigens auch mit ein, in den Gesang, allerdings mit verstummten Versen!
    Das Lesen war mir hier ein Genuss.

    Liebe Grüße!

  7. #7
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    Liebe cara 1963,

    kaum hab ich's gewagt, in gestelzter Sprache eine Ode zu schreiben,
    schon kommt der Hans, bezichtigt mich heimlich des Hochmuts:
    Göttergeschichten soll ich verwendet und Unkundige verwirrt,
    Metrik verachtend kaum Verständlichen getextet haben.

    Da freut sich das Herz über liebliche Worte, die voller Verständnis
    die Form und den Inhalt des spöttischen Werkes loben, den Reim
    nicht vermissen und Hölderlins Hilfe bemerken.

    Mit einfachen Worten: Danke für Deinen Kommentar!

    Lieber MiauKuh,
    nach erstem flüchtigen Darüberfliegen kann ich nur bemerken, dass Deine metrische Analyse der Wahrheit wesentlich näher kommt als die von Hans. Ich nehme mal die erste Strophe als Beispiel:

    Nur diesen November schenkt, ihr Gesegneten,
    vielleicht den Dezember, den adventlichen,
    dazu und schließt das Maul dem unsäglichen Sänger,
    dass störungsfrei das Jahr uns friedlich verlasse.

    xXx xXx Xxx Xxx
    xXxxXx/xxXxx
    xXxXxXxxXxxXx
    xXxXxXxXxxXx

    Das käme meiner Intention der Betonung am nächsten.

    Hallo Hans,
    dass dieses Gedicht nur einem kleinen Kreis von Kennern der Göttergeschichte vorbehalten ist und in gestelzter Sprache daher kommt, ist, ich sag es mal ungestelzt, Quatsch. Deine Bemühungen, meine Ode in ein Dir geläufiges metrisches Gefüge zu quetschen, hättest Du Dir ersparen können. Sie treffen nicht den Kern und MiauKuh ist da um Längen besser.

    Lieber MiauKuh,
    hab Dank für Deine Mühe! Du hast er erfasst: Hier geht es nicht um metrisches Eintakten, sondern um eine Sprachmelodie (und Dein Heine ist an ungezählten Stellen ein Beispiel für sprachliche Musikalität).

    Liebe Grüße Euch dreien!

    Festival

  8. #8
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    Lieber Heinz,

    Ui, wenn als Überschrift "ein bisschen Hölderlin klauen" steht, du von einer "Ode" sprichst und dich auf "An die Parzen" beziehst, dann sollte schon auch drin sein, was drauf steht.

    Dein Gedicht hat jedenfalls nichts mit der strengen Form der alkäischen Ode zu tun:

    ◡—◡—◡ ‖ —◡◡—◡—
    ◡—◡—◡ ‖ —◡◡—◡—
    ◡—◡—◡—◡—◡
    —◡◡—◡◡—◡—◡

    Hier die von die angeführte Strophe aus Hölderlins "An die Parzen":

    Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
    ◡—◡—◡ ‖ —◡◡—◡—
    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    ◡—◡—◡ ‖ —◡◡—◡—
    Daß williger mein Herz, vom süßen
    ◡—◡—◡—◡—◡
    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
    —◡◡—◡◡—◡—◡

    Wobei du hier auch eine für weniger handwerksbewanderte schwer nachvollziehbares Strophenbeispiel angeführt hast, weil Hölderlin hier auch anceps verwendet (Gewaltigen xXxX und williger XxX)

    Zitat Zitat von Festival
    Nur diesen November schenkt, ihr Gesegneten,
    vielleicht den Dezember, den adventlichen,
    dazu und schließt das Maul dem unsäglichen Sänger,
    dass störungsfrei das Jahr uns friedlich verlasse.

    xXx xXx Xxx Xxx
    xXxxXx/xxXxx
    xXxXxXxxXxxXx
    xXxXxXxXxxXx


    Beim Xen sieht man, dass die Form nicht stimmt. Wenn man beide Strophen laut liest, erkennt man gut, dass deins (mit Verlaub) im Vergleich zur richtigen alkäischen Strophe melodisch nix taugt.

    Ich habs allerdings auch schon mit wenig Erfolg versucht.
    und hier

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (23.11.2018 um 19:18 Uhr)

  9. #9
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    Hi albaa,

    ich habe mich über deinen kleinen Betonungscheck gefreut, wunderte mich aber über die Zäsur in Strophe 1, Zeile 2.
    Ist das garantiert sicher so, oder siehst du da einen SPielraum?
    Der Dezember ist ja "der" adventliche Monat schlechthin, also würde eine Betonung auf dem "den" verständlich sein.

    Ich freue mich, wenn du mir da mithilfst

    Liebe Grüße

  10. #10
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    Lieber Miauku

    Die von mir zitiete Strophe wurde von Festival selbst geiXt. Die Zäsur in z2 lese ich schon, aber mE müsste das "den" abgesehen vom Inhalt eigentlich schulmäßig sowieso betont werden (und siehe auch S2V1 der Parzen unten) , denn es gibt grundsätzlich keine drei unbetonten Silben hintereinander.

    Mir ging es aber nicht um einen "Betonungscheck" von Festivals Verse an sich, sondern nur um einen Vergleich zu der alkäischen Ode "An die Parzen", wobei Hölderlin die Zäsuren (markiert mir ||)der "schulmäßigen Ode" (siehe mein Muster oben) auch in der von mir zitierten S überspielt, und schon sehr speziell, also Hebungen fallen auf bloß untergeordnete Satzbauworte - ich habe sie unten unterstrichen und auch die anceps , vermutlich gibt es klassischere Beispiele für alkäische Oden. Aber es klingt doch schön, oder?:

    Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    Daß williger mein Herz, vom süßen
    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

    Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
    Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
    Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
    Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

    Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
    Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
    Mich nicht hinab geleitet; Einmal
    Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (23.11.2018 um 20:48 Uhr)

  11. #11
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    Liebe Albaa,
    Du hast mit allem Recht!
    Ich habe ja auch ganz verschämt in der Humorrubrik erwähnt, dass ich ein bisschen bei Hölderlin geklaut habe. Ich bin nicht so vermessen, als dass ich glaube, eine alkäische Ode dieses Großmeisters nachbilden zu können.
    Wie man allerdings Hölderlins Ode rezitiert, Betonungen setzt, ist nicht allein durch das Versmaß bestimmt und festgelegt. In einem meiner Lieblingsgedichte in der ersten Strophe Betonungen auf Gewaltigen und williger zu legen - das dürfte selbst Hölderlin nicht von mir verlangen.
    Liebe Grüße,
    Festival

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