1. #1
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    Des Dichters Tod

    Wenn meine Leidenszeit zu Ende geht
    und mich Gevatter Hein mit kaltem Hauch anweht,
    wenn ich dann die Gewissheit habe,
    dass nicht Languste oder Hummer
    waren meiner Liebsten Kummer,
    sondern Krebs mich flott zum Grabe
    hingeführt hat, habe ich nur eine Bitte:

    Macht doch nicht so lange Gesichter!
    Ihr tragt zur Grube nur ‚nen toten Dichter,
    der endlich Schluss macht mit dem Reimen.
    Hört auf zu loben und zu schleimen
    und singt ein Lied zu seinem Preis,
    bildet einen großen Kreis
    und tanzt für mich die Tarantella -
    hoch das Bein und höher noch Italia!

    Ihr ängstigt euch vor jener schwarzen Pforte?
    Ich gebs ja zu: Es gibt viel schönre Orte.
    Schmeißt mir paar Rosen hinterher
    sagt ein paar Worte, recht bedeutungsschwer
    und fragt das rotbezopfte Weib,
    ob sie zu meinem Zeitvertreib
    nicht mit mir in die Grube will
    (ich glaube, sie heißt Ruth, vielleicht Sybill).

    Doch ganz egal ob Billi oder Ruth,
    es tät mir kalten Leiche gut,
    sie läg bei mir und wärmte mein Gebein
    und neidisch wäre Bruder Hein,
    wenn sie noch einmal zittert oder bebt,
    ihr Röckchen hoch und höher hebt
    und flüstert: Dieser Dichter hat gelebt!
    Jetzt könnt ihr flott zum Wirtshaus laufen,
    um des Dichters Fell, das meine also, zu versaufen.

    Vorher noch erlebt die bass erstaunte Menge
    ein nie gekanntes, ganz poetisches Spektakel:
    Der Rotschopf springt mit einem Satz ins kühle Bett ,
    zu teilen für die Ewigkeit des Sarges arge Enge;
    ein Musentroll nur seufzt begeistert: O, wie nett!
    Für alle andern ist der Casus ein Mirakel.
    Und sieh! Der totgeglaubte Dichter-Jüngling hebet
    aus dem Grabe sich empor
    und in seinen Armen schwebet
    die Geliebte mit hervor.
    Es freu'n sich alle Dichterlinge über rotgeschopfte Sünder;
    unsterbliche Poeten tragen verlorene Kinder
    mit feurigen Armen durchs himmlische Tor..
    Geändert von Festival (29.11.2018 um 18:52 Uhr)

  2. #2
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    hi festival, gehörte das nicht eher unter "Satire"? lg W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  3. #3
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    Lieber Heinz,

    vielleicht bin ich übergeschnappt, einem Dichter-Ass wie Dir (*schleim*) ...

    ... aber was hieltest davon, wenn der letzte Vers so lauten würde:

    um Dichters Fell, das meine also, zu versaufen.

    Dein überaus gelungenes Werk hat so gut wie keine Schnittstellen mit Trauer und Düsteres, allein schon der Nichthummer und die Nichtlanguste!

    Hinfort damit und ab in die Rubrik Satire!

    LG
    Richy
    "Aber es muss gehen, andere machen es doch auch!"
    Loriot

  4. #4
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    Hallo Heinz,

    Ich mag deinen unverwüstlichen Optimismus. Während kaspar's alterndes LI klein beigibt, soll auf deines selbst noch Bruder Hein neidisch sein.

    Aber ich weiß trotzdem nicht wirklich, ob ich das abnicken soll: Du bist knapp dran, überschreitest aber nicht wirklich die Grenze zum (sexistisch) Geschmacklosen.

    Dass sich das ansonsten anonym bleibende "rotbezopfte Weib" zu der Leiche des LI in die Grube legen soll, ist bei aller Selbstironie creepy und erinnert mich irgendwie an Witwenverbrennungen, aber andererseits finde ich diese unzerstörbare Sehnsucht nach dem Weiblichen auch wieder irgendwie charmant und strahlt der Text Wärme aus. So etwas kannst nur du schreiben! Erklär mir warum!?


    Lieben Gruß
    albaa

    p.s.

    sagt ein paar Worte, recht bedeutungsschwer


    um des Dichters Fell, das meine also, zu versaufen.
    Geändert von albaa (28.11.2018 um 20:34 Uhr)

  5. #5
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    Liebe albaa,
    ich glaube, ich hab eine Strophe vergessen. Sie sollte Anklänge an Goethes "Der Gott und die Bajadere" und selbstverständlich ein wunderbares Ende haben, so in der Art
    " Und mit ausgestreckten Armen
    springt sie in das kühle Bett.
    Doch der Dichter-Jüngling hebet
    aus dem Grabe sich empor,
    und in seinen Armen schwebet
    Die Geliebte mit hervor.
    Es freu'n sich die Poeten rothaariger Sünder;
    Unsterbliche heben verlorene Kinder
    Mit feurigen Armen zum Himmel empor."
    Deine Änderungen in Verbindung mit der von Richmodis habe ich gern übernommen. Danke!
    Ja, der Kaspar - der hat noch nicht die Gelassenheit meines Alters erreicht und vielleicht noch nicht die Erfahrungen des LI gemacht.
    Erklären - was? Meinen unverwüstlichen Optimismus? Oder wieso nur ich so etwas schreiben kann? Wenn das so sein sollte, ist das ein Riesenkompliment. Oder vielleicht die Tatsache, dass im LI mehr von mir versteckt ist, als ich zugebe? Vielleicht auch, dass ich bei ca. 200 Beerdigungen dabei war und einige davon so unglaublich komisch waren, dass die Beschreibung völlig unglaubwürdig wäre.
    Vielleicht sollte ich die angedachte Strophe doch noch anfügen? Sag Du mir, was Du davon hältst.
    Liebe Grüße,
    Heinz

    Liebe Richmodis,
    jetzt weiß ich nicht, wer von uns beiden Meister oder Meisterin der Satire ist. Als langjähriger Skatspieler würde statt des Vergleiches mit einem Ass der Gedanke an einen Dichterbuben (aber dann natürlich Herzbube) mir mehr Vergnügen bereiten.
    Deinen Änderungsvorschlag habe ich sofort und gern übernommen.
    Satire? Du denkst also, das Ding sei satirisch gemeint? Mitnichten. Die Hintergründe verrate ich nicht, zumindest nicht im Forum.
    Danke für Deinen Kommentar und für die Versoptimierung!
    Liebe Grüße,
    Heinz

    Lieber Walther,
    da greif ich mal hinein ins volle Menschenleben bzw. -ableben und Du meinst, das sei Satire?
    Ich lass es erst einmal in dieser Rubrik. Wenn es noch mehr Stimmen pro Satire gibt, werde ich meine Meinung schlagartig ändern.
    Danke fürs Reinschauen!
    Liebe Grüße,
    Festival
    Geändert von Festival (29.11.2018 um 19:18 Uhr)

  6. #6
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    Liebe Kommentatoren und -innen,
    ich habe doch noch eine Strophe angefügt.
    Liebe Grüße,
    Festival

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