1. #1
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    Magischer Moment

    Heute bist du mir nah, friedvolle Spätherbstnacht,
    graue Wolken und Wind treiben ihr altes Spiel,
    dunkler Waldboden atmet
    schwere feuchtkalte Schwaden aus.

    Fröstelnd zieht es mich heim, fort aus dem stillen Hain,
    Nebel treiben vorbei, reiten auf Baum und Strauch,
    hauchen Schleier auf meine
    Brille, gaukeln mir Wände vor.

    Lichter winken von fern, wärmende Feuerglut,
    Glühweinschwaden und Lärm locken mich hin zur Stadt,
    heiße Bratäpfel duften.
    Zeichen nahender Weihnachtszeit.
    Dichten und dichten lassen

  2. #2
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    Zitat Zitat von Sidgrani Beitrag anzeigen
    Heute bist du mir nah, friedvolle Spätherbstnacht,
    graue Wolken und Wind treiben ihr altes Spiel,
    dunkler Waldboden atmet
    schwere feuchtkalte Schwaden aus.

    Fröstelnd zieht es mich heim, fort aus dem stillen Hain,
    Nebel treiben vorbei, reiten auf Baum und Strauch,
    hauchen Schleier auf meine
    Brille, gaukeln mir Wände vor.

    Lichter winken von fern, wärmende Feuerglut,
    Glühweinschwaden und Lärm locken mich hin zur Stadt,
    heiße Bratäpfel duften.
    Zeichen nahender Weihnachtszeit.

    Hallo Sidgrani,

    ein magischer Moment ./ tritt der späte Herbst seine Latschen langsam in die winterlich Zeit, streift die Natur Schritt um Schritt ihr fröstelnd samt_Kleid über, ahnt sie schon vom fernen Duft heißer Bratäpfel - eine schöne Vorstellung;

    konkret zu deiner Umsetzung : ist mir persönlich deine assoziative Melange zu Worte überladen, zu breit erklärend [ zu viele Einzelbider ] ... bleibt mir als Leser zu wenig Raum, meine eigene Magie in ihrem Zwischendasein, parallel zum Text, zu entdecken.

    Mal meine Inspiration, sehr entschlackt [ klar, einzig meine Brille , ] ... sähe dann so in etwa aus :


    -

    Magischer Moment

    bist da.
    spät_

    Herbst

    volle .... Nacht
    ......... Wolken
    ...... Boden atmet

    ...... Fröstel
    ... auf Baum
    ..und Strauch

    ..zieht heim

    .. Schleier ferne
    ..... Lichter
    ........ winken

    ....... heiße Bratäpfel

    Zeit


    -----------------------------------------


    Sidgrani, bin gerne mit deiner Wegung ein Stückweit mitgeschlendert, ahnt sich hinten schon Bratäpfelduft , … einen Gruß Dochtel


    -
    Geändert von Dochtel (28.11.2018 um 11:43 Uhr)
    Streichholz am Docht, Vorsicht ...

  3. #3
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    Hallo Dochtel,

    Zitat Zitat von Dochtel
    konkret zu deiner Umsetzung : ist mir persönlich deine assoziative Melange zu Worte überladen, zu breit erklärend [ zu viele Einzelbider ]
    da es sich hier um eine Odenstrophe handelt, eine sogenannte asklepiadeische Ode, folgt der Text einem sehr strengen Aufbau (nach antikem Verständnis). Da muss der Leser mit leben.


    Zitat Zitat von Dochtel
    bleibt mir als Leser zu wenig Raum, meine eigene Magie in ihrem Zwischendasein, parallel zum Text, zu entdecken.
    Den Eindruck erwecken deine ersten drei Zeilen aber ganz und gar nicht. Da hat dich die Magie der Ode doch bestens eingefangen.


    Und durch deine Brille betrachtet, erkenne ich nach der „Entschlackung“ wie du es nennst, leider mehr Schlacke als Poesie (durch meine Brille betrachtet).

    Danke, dass du dich mit meinem Text auseinander gesetzt hast.

    Einen spätherbstlichen Gruß
    Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  4. #4
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    Lieber Sid,

    freut mich sehr, mal wieder asklepiadeische Strophen zu lesen! Naturbeschreibungen und Stimmungsbilder kannst Du sowieso gut in Worte kleiden, und hier passen sie sich prima in die Form ein. Das Thema kommt mir auch bekannt vor. Ich hab geschaut, ob ich das Gedicht schon mal irgendwo anders kommentiert habe, konnte aber nichts finden. Auf jeden Fall hast Du mir wieder Heißhunger auf Bratäpfel gemacht, auch wenn ich den spätherbstlichen Spaziergang schön gemütlich vom Schreibtisch aus verfolgt habe.

    Sprachlich ist es ganz Sidgrani, reich bebildert und gefühlvoll, aber immer schön natürlich und nicht zu abgehoben. Da kann ich gut mitgehen und mich führen lassen. Lesen lassen sich Deine Verse auch einwandfrei. Es gibt allerdings einige metrische Spitzfindigkeiten, die Du vielleicht beim nächsten Mal noch berücksichtigen könntest. Das ist vor allem die Handhabung der Doppelsenkungen. Ich zeichne mal die Stellen, an denen die Doppelsenkung nicht ideal verwirklicht ist, blau ein:


    Heute bist du mir nah, friedvolle Spätherbstnacht,
    graue Wolken und Wind treiben ihr altes Spiel,
    dunkler Waldboden atmet
    schwere feuchtkalte Schwaden aus.

    Fröstelnd zieht es mich heim, fort aus dem stillen Hain,
    Nebel treiben vorbei, reiten auf Baum und Strauch,
    hauchen Schleier auf meine
    Brille, gaukeln mir Wände vor.

    Lichter winken von fern, wärmende Feuerglut,
    Glühweinschwaden und Lärm locken mich hin zur Stadt,
    heiße Bratäpfel duften.
    Zeichen nahender Weihnachtszeit.



    Da hast Du jeweils eine sehr schwere zusammen mit einer sehr leichten Silbe in der Doppelsenkung. Das passiert, wenn zweisilbige Wörter bzw. der zweite Teil eines Kompositums wie Brat-Äpfel die Senkung bilden. In diesem Gedicht wird sich das nicht mehr ohne große Umbauarbeiten ändern lassen. Wie gesagt, es sind Feinheiten. Die Betonungen sind eindeutig, so dass sich die Verse ohne Schwierigkeiten lesen lassen.

    Ausgesprochen gut gefallen mir dagegen die Komposita mit drei aufeinanderfolgenden schweren Silben wie Spätherbstnacht, Weihnachtszeit und ganz besonders Glühweinschwaden, bei denen die mittlere Silbe in eine Einfachsenkung fällt.

    Was in der zweiten Strophe heraussticht, sind die Assonanzen und teilweise Binnenreime auf ei und au. An sich ist das ein feines Stilmittel. Nur hier lenken mich die vielen Gleichklänge zu sehr von der schönen Versbewegung ab. Die Assonanz heim-Hain empfinde ich sogar als störend. Sie wirkt wie ein Endreim auf die beiden Halbverse und reißt den Vers an der Zäsur auseinander? Das würde ich, glaube ich, ändern. Ganz anders empfinde ich das bei den Stabreimen "Wolken und Wind", "schwere Schwaden" oder "winken ... wärmende", die finde ich hier gut!

    Hat Spaß gemacht, mit Dir in den Wald zu gehen und mich mit Deinen Versen zu beschäftigen! Wo kriege ich denn jetzt Bratäpfel her?

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (01.12.2018 um 09:33 Uhr)
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  5. #5
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    Hallo Sidgrani,

    Ja, endlich wieder einmal eine schöne alte Form. Ich freu mich.


    Asklepiadeische Ode - ich weiß gar nicht, ob ich das stolperfrei aussprechen könnte.


    Das ist nicht einfach zu schreiben. Deshalb will ich auch das eher altbewährte lyrische Material
    nicht kritisieren, mit dem du deine Ode gebaut hast.
    Und es wundert auch nicht, dass es selbst bei dir erfahrenem Schreiber doch etwas verkrampft (es fließt nicht) und gestelzt wirkt.

    Ich habe lange überlegt, woran das liegen könnte. Zunächst einmal sicher an der Sprache, dieser sonderbaren Mischung aus alt und modern. (zB "Hain" für Wald; "Nebel die Schleier auf Brillen hauchen" - ist schon ziemlich sonderbar für sich beschlagende Brillen, oder!?; "wärmende Feuerglut" und "Stadt" gehen heutzutage nicht mehr so wirklich zusammen).

    Aber vielleicht könnte man - rein klanglich - der teilweise hölzernen Wirkung auch dadurch entgegensteuern, indem man die Versbeginne etwas "auflockert": Deine Hebungen am Versanfang und -ende sind fast durchgehend „schwer besetzt“, auch im Sinne von sinntragenden Worten.

    Wenn du zB bei Hölderlin, dem Oden-Meister, schaust, wirst du sehen, dass er da oft „leichte“ Einsilber (also einfache Satzbauworte) verwendet, zB aus „Die Launischen“:

    Doch du rührest sie kaum, Liebende! freundlich an,
    Sind sie friedlich und fromm; fröhlich gehorchen sie;
    Du lenkst, Meisterin! sie mit
    Weichem Zügel, wohin du willst.


    Z3 ist übrigen sehr ungewöhnlich gebaut, das sind so die netten Spielereien von Hölderlin, die man uns HobbydichterInnen wohl eher nicht durchgehen lassen würde.



    oder aus "Heidelberg"

    Wie der Vogel des Walds über die wehenden
    Eichengipfel so schwingt über den Strom sich dir
    Leicht und kräftig die Brücke,
    Die von Wagen und Menschen rauscht.

    In dieser Strophe sieht man auch am Versende viel "Leichtes", in Z1 ein Anceps "wehenden mit einer ganz leichten Silbe, das macht er auch gerne.


    Nur kurz ein paar Anmerkungen zu der schon von Claudi angesprochenen letzten Strophe:

    Lichter winken von fern, wärmende Feuerglut, - Zur "Feuerglut" siehe schon oben und noch unten. "winken", nein oder? Das klingt nach Kindergartengedicht.

    Glühweinschwaden und Lärm locken mich hin zur Stadt, - ich denke eher das LI will nicht nur „hin zur“, sondern auch „in die“ Stadt; aber irgendwie kriegt man die beiden Silben nicht unter; vielleicht könnte man auch einfach "Dorf" nehmen? Ich kann mir nach den schwergewichtigen "Glühweinschwaden" auch durchaus ein leichteres "in" an der Hebungsstelle vorstellen (also "locken mich in die Stadt") - aber das mögen andere anders sehen oder besser hören.

    heiße Bratäpfel duften. – Claudi sprach schon den Pfingstochsen „Bratäpfel“ an; "heiße" bringt keinen Mehrwert für den Text, ist also überflüssig, denn keiner denkt an kalte Bratäpfel und bringt hier noch zusätzlich Schwere hinein, sodass sich dieser Vers besonders eignet, ihn leichter zu machen.

    Zeichen nahender Weihnachtszeit. – "Zeichen"? klingt wie ein Orakel - irgendwie bedrohlich, in dieser ansonsten eher anheimelnden Strophe �� - aber vielleicht wolltest du das auch so, Weihnachten hat ja durchaus etwas Bedrohliches, zumindest für die Geldtasche



    Also meine Idee zu deiner letzten Strophe. (Wobei man statt "wärmende Feuerglut" vielleicht "rußige Heizungsluft" oder "dreckige Feinstaubluft" oder etwas ähnliches nehmen könnte; dann könntest du auch das bedrohliche "Zeichen" beibehalten . Nein, Spaß beiseite, aber was wäre für die heimelige Stimmung einfach "wärmende Fröhlichkeit", das passte auch zu den Glühweinschwaden??):


    Lichter blitzen von fern; wärmende Fröhlichkeit,
    Glühweinschwaden und Lärm locken ins Dorf zurück,
    wo gebratene Äpfel
    duften, kurz vor der Weihnachtszeit.


    und zum direkten Vergleich noch einmal deine Strophe:

    Lichter winken von fern, wärmende Feuerglut,
    Glühweinschwaden und Lärm locken mich hin zur Stadt,
    heiße Bratäpfel duften.
    Zeichen nahender Weihnachtszeit.



    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (02.12.2018 um 14:31 Uhr)

  6. #6
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    Zitat Zitat von Sidgrani Beitrag anzeigen
    Hallo Dochtel,

    Zitat Zitat von Dochtel Beitrag anzeigen
    konkret zu deiner Umsetzung : ist mir persönlich deine assoziative Melange zu Worte überladen, zu breit erklärend [ zu viele Einzelbider ]

    da es sich hier um eine Odenstrophe handelt, eine sogenannte asklepiadeische Ode, folgt der Text einem sehr strengen Aufbau (nach antikem Verständnis).

    Da muss der Leser mit leben.

    Zitat Zitat von Dochtel Beitrag anzeigen
    bleibt mir als Leser zu wenig Raum, meine eigene Magie in ihrem Zwischendasein, parallel zum Text, zu entdecken.

    Den Eindruck erwecken deine ersten drei Zeilen aber ganz und gar nicht. Da hat dich die Magie der Ode doch bestens eingefangen.


    Und durch deine Brille betrachtet, erkenne ich nach der „Entschlackung“ wie du es nennst, leider mehr Schlacke als Poesie (durch meine Brille betrachtet).

    Danke, dass du dich mit meinem Text auseinander gesetzt hast.

    Einen spätherbstlichen Gruß
    Sidgrani

    Hallo Sidgrani,


    hi hi, findest du also meine persönliche Inspiration aus deinem Stück "leider mehr Schlacke als Poesie" … klar, warum nicht,

    … obwohl (mMn), versucht wenigstens meine lyrische Inspiration deine konkluse, inhaltliche Leichtigkeit, oder wie es albaa sagte: Fröhlichkeit in gleichwerten Worten und Form widerzuspiegeln [ von jenem naturalen ersten Ungewiss des Herbstes in den Winter hinüber zu latschen ./ erkennt der Zeitwechsel in seinerselbst im ersten Ungewiss ein lockendes hinten_Licht hinüber in einen verführenden Bratäpfelduft ].

    Sehe ich in deiner Elegie [ wie du es formulierst: Da muss der Leser mit leben … mit dieser strengen Form ] mehr dekorative und worte-schwere Überladungen, sowie telling'eske Korsettagen,

    als jenem Hinüberschritt in eine quasi wieder neue Lebendigkeit eine entsprechende Umsetzung zu geben ./ … vielleicht ist ja von dir für diesen Inhalt auch die falsche klassische Erzählform [asklepiadeische Ode ] gewählt? … oder oder?


    und zudem, gab ich ja auch nur meine [ nicht unbemühende ] Meinung wider, die dir, scheint's zu unschmusig ist ,

    aber klar doch, wenn dir dein Stück in Umsetzung, Form und Inhalt eine lyrische Einheit [ für einen fremden Leser ] für dich okay ist, ist's doch wunderbar ,


    einen Gruß Dochtel

    -
    Streichholz am Docht, Vorsicht ...

  7. #7
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    Hallo Claudi, albaa und Dochtel,

    ich freue mich über eure ausführlichen Kommentare, die mir zeigen, dass ihr euch intensiv mit dem Text auseinander gesetzt habt. Leider fehlt mir im Moment die Zeit, euch angemessen darauf zu antworten. Ich bin noch bis in die nächste Woche mit meinen Nikolausgedichten und Geschichten beschäftigt, die ich in einigen Grundschulen vorlese.

    Ich bitte um Verständnis.

    Liebe Grüße
    Sidgrani
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