Thema: Dezembersonne

  1. #1
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    Dezembersonne

    Dezembersonne
    ruht auf dem sterbenden Laub
    leuchtet rot und warm


    Version 2:

    Dezembersonne
    rot auf dem sterbenden Laub
    wieder geht ein Jahr
    Geändert von ~rosenrot~ (08.12.2018 um 09:01 Uhr)
    Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
    und mal es auf Goldgrund und groß,
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    (Rainer Maria Rilke)

  2. #2
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    Hallo Rosenrot,

    deine Dezembersonnen gefallen mir beide gut. Beginnend beim Wort "Dezembersonne" allein das erschafft schon ein Bild und ein Gefühl.
    In der ersten Version gefällt mir "ruht auf dem sterbenden Laub" besonders gut . Die zweite Version finde ich im Schluß ausdrucksstarker.
    Fast fände ich diese Version am besten:


    Dezembersonne
    ruht auf dem sterbenden Laub
    wieder geht ein Jahr


    Dann wäre für mich alles vereint was mir an beiden Versionen besonders gefällt
    In jedem Fall konnte ich diesen Augenblick den du hier eingefangen hast sehen und spüren.
    Viele Grüße
    question

  3. #3
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    Version 2, sie bietet mehr Information und ist etwas nüchterner. Die Sonne leuchtet (rot- im Dezember steht sie bei uns tief) und wärmt (ein bisschen), ruht aber ganz sicher nicht auf dem Laub. Alles ist in Bewegung, alles vergeht, auch das Jahr. Sehr schön!
    Trägerin des Verdienstordens 'Kämpferin wider die Schokoladenostereier'

  4. #4
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    Liebe Quijote,

    ich danke dir sehr herzlich für diese klare und hilfreiche Rückmeldung. Nun hat das Haiku seine endgültige Form gefunden!

    Die zweite Version war eigentlich meine erste, was wieder einmal beweist, dass man seinen Eingebungen vertrauen kann und vielleicht nicht immer so viel daran herumändern sollte. Ich hatte nämlich die Befürchtung, Z3 sei zu banal, irgendwie, und Du hast jetzt alles in einen Zusammenhang gebracht.

    Also ganz herzlichen Dank, und ein schönes Wochenende!

    rosenrot
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  5. #5
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    Hallo rosenrot,

    in beiden Versionen stoße ich mich etwas an dem Wort "sterbenden":
    Für mein Verständnis eines Haiku, dass ja m. E. durch nüchternes Beschreiben eines Bildes die Vorstellungskraft oder Empfindungen im Leser erst wecken soll, steckt darin schon zuviel subjektive Wahrnehmung und Pathetik. Mir ist so, als wolle die Autorin den Lesern das Gefühl zum Bild quasi "vorschreiben". Ähnlich geht es mir bei Version 2 letzter Vers: "Wieder geht ein Jahr". Ist das nicht eher ein Gedanke, der beim Leser durch eine nüchterne Beschreibung der Autorin ausgelöst werden sollte, als von dieser vorgegeben?

    Freue mich über eine Antwort von Dir und ggf. Meinung anderer Leser dazu.

    Liebe Grüße
    Richmodis

  6. #6
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    Liebe Richmondis,

    vielen Dank für Dein Feedback und Deine Frage. Da Du auch die anderen Leser angesprochen hast (so es welche gibt ), wollte ich ihnen den Vortritt lassen. Nun - es kam nichts - also nehme ich jetzt selbst dazu Stellung

    Welche Gefühle hattest Du denn beim Lesen, und welche davon erschienen Dir als vorgeschrieben? Das ist jetzt keine rhetorische Frage, sondern es interessiert mich wirklich.

    Denn eigentlich habe ich, ganz regelgerecht, zwei Komponenten gestaltet, darüber hinaus ist die Jahreszeit benannt, auch die Vergänglichkeit findet sich wieder. Dass an sonnigen Spätdezembernachmittagen das Sonnenlicht auffallend rot erscheint, ist ebenso eine Tatsache wie das sterbende Laub und das Zuendegehen eines Jahres. Das Jahr endet in unserem Kulturkreis für jedermann, und das macht das Jahr jedes Jahr wieder. Alle damit verbundenen Gefühle von reiner Freude bis hin zu tiefster Melancholie entstehen im Leser.

    Bleibt das sterbende Laub. Gewiss, nüchterner wäre es, das welkende Laub zu sagen, also:

    "Dezembersonne
    rot auf dem welkenden Laub
    wieder geht ein Jahr"

    Besser? Nüchterner auf jeden Fall.




    Ich bin sehr gespannt auf Deine Antwort!

    Liebe Grüße
    rosenrot
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  7. #7
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    Liebe Rosenrot,

    gern antworte ich nochmal. Meine Empfindungen beim Lesen habe ich oben beschrieben und dem eigentlich nicht viel hinzuzufügen, außer: Klar, Melancholie kam bei mir auf. Aber die wird mir ja quasi aufgedrängt durch "Sterbendes Laub" und "wieder geht ein Jahr".

    Es steckt ja schon in "Dezembersonne", dass das Jahr zu Ende geht. "Und wieder geht ein Jahr" ist einfach für meinen Geschmack dann "to much".

    Erlaube mir mal ein Beispiel aus meiner eigenen Haiku-Mottenkiste: Ich schrieb mal in einem anderen Forum (das war nach Neujahr):

    Sterbende Tannen
    aus warmen Stuben verbannt
    säumen die Straßen


    Mal davon abgesehen, dass es sachlich falsch war (denn die Tannen sterben ja schon direkt nach dem Abholzen) verbesserte man mich und schlug "ergraute" Tannen vor. Das ist nüchterner, ja: Aber es entsteht dennoch ein Bild. Und das gefiel mir besser als das pathetische "Sterbende".

    Ich habe mich beim Haiku-en auch von der 5-7-5-Regel verabschiedet, die japanischen Moren sind ja eh mit den deutschen Silben nicht 1:1 gleichzusetzen. M. E. wirken alle Deine vorgeschlagenen zweiten Verse (in diesem Gedicht hier) unnötig in die Länge gezogen, um irgendwie auf 7 zu kommen. Warum - in deinem letzten Vorschlag z. B. - nicht "rot auf welkem Laub"?

    LG
    Richmodis

  8. #8
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    Liebe Richmondis,

    vielen Dank für Deine schnelle und ausführliche Antwort. Das hat mir weitergeholfen. Offenbar hängt es vor allem an dem "sterbenden" sowie Z3.

    So bleibt letztlich übrig:

    "Dezembersonne
    rot auf welkem Laub"

    also punktgenau das, was ich tatsächlich gesehen habe, ohne weitere Gedanken.

    Dein Tannen-Haiku hat mir von seinem Gedanken her gut gefallen: Bäume, die man gefällt und aus dem Wald geholt hat, damit sie für ein paar Tage die Wohnung schmücken, und die danach abgelebt und vertrocknet auf ihre Entsorgung warten. Ergraut finde ich nicht ganz so geglückt, denn sie sind braun, und ergraut erinnert an Haare. Aber sei´s drum, das wurde ja bereits an anderer Stelle diskutiert.

    Dir eine angenehme Woche, und vielen Dank für den Austausch!

    Liebe Grüße
    rosenrot
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  9. #9
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    @rosenrot


    Grüße

    Es ist im Feenreich verboten im späten Frühjahr dem Winter zu huldigen.

    Der Haiku hat kein „sterben“, der Senryu schon. Also was nimmst du??

    Haiku:

    Dezembersonne
    Mücken tanzen in der Luft
    rot leuchtet das Laub


    Senryu:

    Dezembersonne
    ruht auf dem sterbenden Laub
    wieder geht ein Jahr

    Die Zeit rast, es klopft schon bald der Sommer an. Gestern habe ich Weißdornblüten gesammelt, aber warum??
    Ganz einfach, die kommen ins leere Gurkenglas mit 40 % Wodka, aber warum??

    Grins, tschüss.

  10. #10
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    Lieber Horst,

    vielen Dank für dein feedback, ich habe es eben erst gesehen und will dir gleich antworten.

    Das hilft jetzt wirklich, und nach kurzer Überlegung nehme ich das Senryu, denn es beinhaltet das, was ich sagen wollte.

    Niemals käme ich auf die Idee, im späten Frühjahr dem Winter zu huldigen, deshalb hatte ich die Dezembersonne schon am 5. 12. gepostet Sobald sich der Frühling zeigt, habe ich den Winter vergessen

    Ja, warum??? Bei mir stehen die Weißdornblüten in einer Vase, eine kurze aber dekorative Freude. Mit dem Wodka könnte ich mich nicht so anfreunden

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

    rosenrot
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  11. #11
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    Zitat Zitat von ~rosenrot~ Beitrag anzeigen
    Ja, warum??? Bei mir stehen die Weißdornblüten in einer Vase, eine kurze aber dekorative Freude. Mit dem Wodka könnte ich mich nicht so anfreunden

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

    rosenrot
    Grüße,
    suche in Google:

    Hexenwerk: Wildkräuter-Sammelsurium rund um's Jahr

    Und dann auf der seite oben eingeben:

    weißdornblüten mit wodka


    So, dann haben wir das Rätsel auch gelöst.

    tschüss.

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