1. #1
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    Adjektive: Tötet sie!

    Hallo zusammen!

    Adjektive soll man jagen und umbringen, wenn man ihrer habhaft werden kann. Das war jedenfalls die Ansicht von Mark Twain.

    wie seht ihr das? Passiert es auch auch manchmal, dass sich kleine Adjektiv-Nester in den Zweigen eurer Texte einnisten? Zückt ihr sodann eure Flinte und ballert drauf los, oder ist euch der Befall noch gar nicht aufgefallen?

    Jeder kennt die Situation:
    Holla die Waldfee, meine Silbenanzahl ist ja noch gar nicht voll und mein Versmaß unvollständig, also wird schnell noch ein Adjektiv zum Stopfen eingefügt (sind ja noch genug davon da). Der kalte Winter und der weiße Schnee lassen grüßen und auch der Regen ist ziemlich nass.

    auch große Lyriker haben schon regen Gebrauch von diesen kleinen Quälgeistern gemacht. Es muss also nicht immer im Desaster enden.


    Ein Beispiel:

    die zweite Strophe von "Der Panther" von Rilke:

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    In der betäubt ein grosser Wille steht.


    Nun gehört der Panther ohne Zweifel zu den wirklich hochkarätigen Gedichten. Es muss also nicht immer schlecht sein, wenn die Adjektive sich häufen.

    Grade für den Anfänger erscheint es jedoch ratsam möglichst sparsam (und bewusst) mit dieser Wortart umzugehen.

    Habt ihr weitere Beispiele für Gedichte mit vielen oder wenigen Adjektiven (gute und schlechte Beispiele). Was sind eure Gedanken zum Thema?


    Grüße,
    Geo
    Geändert von GEO (09.12.2018 um 20:30 Uhr)

  2. #2
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    Lieber GEO,
    ich denke, Du solltest Mark Twain nicht sinnentstellend zitieren. Geschrieben hat er: "...Wenn Sie ein Adjektiv fangen, töten Sie es. Nein, ich meine das nicht völlig, aber töten Sie die meisten - dann wird der Rest wertvoll. Sie werden schwächer, wenn sie nahe beieinander liegen. Sie geben Kraft, wenn sie weit voneinander entfernt sind. ..."(Die Hervorhebung durch Fettschrift stammt von mir.

    Über "kalten Winter", "weißen Schnee" oder andere Pleonasmen oder Oxymorone brauchen wir kein Wort zu verlieren. Aber was ist gegen schmückende Adjektive einzuwenden? Ich gebe Mark Twain Recht, wenn er vom übermäßigen Gebrauch von Adjektiven abrät. Aber: Was wäre der Pfau ohne seine schmückenden Federn? Er würde nackt umher stolzieren und ... frieren.
    Sei bitte nicht zu rigoros. Rilke, einen Großmeister der deutschen Sprache, hast Du zitiert. Wenn es um Raubtiere geht, siehe Schiller: "... und rings auf hohen Balkone/die Damen in schönem Kranz/.../auf tut sich der weite Zwinger/und hinein mit bedächtigem Schritt/.../und sieht sich stumm/ringsum/ mit langem Gähnen...".
    Wie langweilig wäre die reportagehafte Schilderung ohne die Adjektive!
    Liebe Grüße,
    Festival

  3. #3
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    Hi, mit den adjektiven (und den adverbien) ist es wie mit dem dünger (und der gülle): weniger ist meist mehr und verdreckt nicht das grundwasser. lg W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  4. #4
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    Über "kalten Winter", "weißen Schnee" oder andere Pleonasmen oder Oxymorone brauchen wir kein Wort zu verlieren. Aber was ist gegen schmückende Adjektive einzuwenden? Ich gebe Mark Twain Recht, wenn er vom übermäßigen Gebrauch von Adjektiven abrät. Aber: Was wäre der Pfau ohne seine schmückenden Federn? Er würde nackt umher stolzieren und ... frieren.
    Hallo Festival,

    Der Eingangspost bediente sich der Überspitzung. Selbstverständlich gehören Adjektive zum Text dazu. Ich finde Walthers Kommentar eigentlich ganz treffend. Weniger ist einfach mehr. Das Problem ist einfach, dass vielen Autoren gar nicht bewusst ist, dass diese Wortart wie Salz in der Suppe wirkt. Grade bei metrisch strukturierten Gedichten ist die Verlockung sehr groß aus purer Bequemlichkeit (und dem Versmaß zuliebe) den Vers mit Adjektiven aufzufüllen. Der Grund ist einfach: Man kann Adjektive nach Belieben aneinander reihen und es gibt sehr viele davon (irgendwas passt immer irgendwie rein).

    lg
    geo

  5. #5
    Dr. Üppig Guest
    Selbst wenn man die Hyperbel des Eingangsposts konventionell richtig interpretiert (als Hyperbel, sprich: ein Stilmittel), finde ich die Aussage zu pauschal, um sie zu bestätigen oder zu dementieren. Adjektive sind zunächst einmal Wörter mit einer semantischen Bedeutung, und mit Wörtern zu arbeiten ist mE ein wichtiger Aspekt eines literarischen Textes. Von daher ist bei einer Textproduktion die Verwendung von Adjektiven, sowie deren Häufigkeit, keineswegs vorgegeben, sondern ist je nach Textausrichtung zu wählen.

    mfG

    EDIT: Ich finde, dieser Thread sollte nicht in die Bibliothek, sondern eher ins Sprechzimmer.
    Geändert von Dr. Üppig (31.12.2018 um 13:26 Uhr)

  6. #6
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    Zitat Zitat von Dr. Üppig Beitrag anzeigen
    Selbst wenn man die Hyperbel des Eingangsposts konventionell richtig interpretiert (als Hyperbel, sprich: ein Stilmittel), finde ich die Aussage zu pauschal, um sie zu bestätigen oder zu dementieren. Adjektive sind zunächst einmal Wörter mit einer semantischen Bedeutung, und mit Wörtern zu arbeiten ist mE ein wichtiger Aspekt eines literarischen Textes. Von daher ist bei einer Textproduktion die Verwendung von Adjektiven, sowie deren Häufigkeit, keineswegs vorgegeben, sondern ist je nach Textausrichtung zu wählen.

    mfG
    werter Dr. Ü, das ist avatarmäßig passend das, was deine beiden vorredner sagten. adventsgruß W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  7. #7
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    hallo geo,

    ich habe mich gerade gefragt, ob ich schon mal adjektive aus purer bequemlichkeit benutzt habe. ich bin mir nicht ganz sicher, meine aber, dass ich meine adjektive immer anständig gefüttert und gestreichelt und mir dann immer nur das ausgesucht habe, welches am lautesten schnurrte. mag aber durchaus sein, dass ich ab und zu auch mal den ganzen wurf mitgenommen habe, weil sie alle einfach unwiderstehlich waren.

    lg
    lilisarah
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