1. #1
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    Verschleiert (Klangstudie)

    Verschleiert

    Verzweigte Gräser kleiden einen Weiher,
    in dessen Spiegel sich ein Mond besieht.
    Nur ab und an verdeckt das Bild ein Schleier,
    der langsam über das Gewässer zieht.

    Die Trauerweide senkt verweinte Zweige
    gebärdenreich ins Spiegelende hinein.
    Verschwiegen geht darin der Tag zur Neige
    und hört am Grunde auf zu sein.





    Hallo zusammen,

    den obigen Text betrachte ich als kleine Fingerübung für eine Klangstudie. Der Inhalt bedient sich altbekannter Motive (Grünzeug + Mond + romantische Lichteffekte) und bedarf keiner tieferen Betrachtung (Originalität = 0). Der Focus liegt hier auf dem Studium der Wirkung bestimmter Laute in Kombination mit fünfhebigen jambischen Versen (der letzte Vers wurde verkürzt).

    Die Wirkung von klanglichen Strukturen ist relativ subjektiv, folgt aber dennoch bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Da ich selbst die Zeilen geschrieben habe stehe ich nun aber vor einem Problem: Ich bin vorbelastet was die Intention betrifft und kann daher keinen Abstand gewinnen.

    Darum meine Bitte: Wenn jemand Lust hätte doch kurz zu beschreiben was der unmittelbare (klangliche) Eindruck beim (lauten?) Lesen war. Das kann von „Ich musste nach dem Lesen kacken“ bis „es klang langweilig und ich musste gähnen“ alles sein. Natürlich dürft ihr auch den Inhalt kritisieren, Rechtschreibfehler korrigieren, oder nach Belieben kommentieren, zerpflücken oder auch spammen.

    lg
    geo
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  2. #2
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    Hallo GEO,

    ich finde es ausgesprochen schön! Soviel zum Inhalt, um den es Dir nicht geht. ("Grünzeug")

    Klanglich mein unmittelbarer Eindruck: Für mich weich, wohlklingend. Erinnert mit seiner Melodie an Rilkes Panther, auch der verkürzte letzte Vers.
    Das einzige, was ich - im Vergleich mit dem Rest - als etwas sperrig empfunden habe, steht direkt am Anfang: Verzweigte Gräser.

    LG
    Richmodis

    Ergänzung:
    S2 V2 Spiegelnde (1 e zuviel)
    Geändert von Richmodis (12.12.2018 um 20:01 Uhr)

  3. #3
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    Hallo GEO,

    eine interessante Aufgabe, die Du uns da gestellt hast!

    Mir fällt auf, dass in S1/V1 und 2 die Vokale der Reime (ei, ie) sehr dominant sind, was an sich kein Wunder ist, da sie häufig vorkommen.
    Erstaunlicherweise gilt das aber auch für V3 und 4 obwohl hier andere Vokale häufiger sind. Trotz der klanglichen Dominanz der Reimvokale, bilden die anderen Vokale eine willkommene Auflockerung. Hättest Du in Vers 3 und 4 statt dessen weitere ei und ie eingestreut, wäre das wohl klanglich too much.
    Für S2 gilt im Prinzip das gleiche, mich stört aber in diesem Fall der metrische Holperer in V2 ein bisschen. Dies wäre vermutlich in einem Gedicht, das weniger auf Wohklang ausgelegt ist, nicht der Fall.

    So mein Eindruck, ich hoffe Du kannst etwas damit anfangen.

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  4. #4
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    Die Phonetische Wirkung wird für mich vom Charakter der Vokale bestimmt.
    ie - ei - umlaute - und h verlängern; konsonantensammlung und doppelkonsonanten verkürzen die vokale.
    Zeilen mit viel langen Vokalen erhöhen die "Schwere"
    Zeilen mit mit viel kurzen Vokalen erhöhen die Munterkeit
    Mischen sich beide Längen, wirkt die Zeile lebendiger

    [QUOTE=GEO;994566]Verschleiert

    Verzweigte Gräser kleiden einen Weiher,..... durchgehende Ruhe ( ei und Umlaut)
    in dessen Spiegel sich ein Mond besieht...... schneller Beginn mit steigender Ruhe ( ie und offenes O in Mond)
    Nur ab und an verdeckt das Bild ein Schleier...... schneller Beginn, mit Schleier einsetzende Ruhe
    der langsam über das Gewässer zieht.... schneller Anfang, ab z"ie"ht Ruhe

    Die Trauerweide senkt verweinte Zweige....usw
    gebärdenreich ins Spiegelende hinein....
    Verschwiegen geht darin der Tag zur Neige,,,,
    und hört am Grunde auf zu sein......



    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #5
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    Hallo ihr drei,

    Ihr seid super! Ich hoffe ich kann mich bei Zeiten mit einer Textarbeit bei euch revanchieren.
    Mit etwas Arbeit lässt sich aus den Zeilen sicher noch etwas machen. Bislang ist da nur der Kondensationskeim – ein Anfang.

    @ Richmondis,

    ich bin ziemlich baff, dass du das mit dem verkürzten Vers und der Ähnlichkeit zu Rilkes Panther erkannt hast. Über die „verzweigten Gräser“ stolpere ich auch noch etwas. Das Bild scheint mir nicht ganz stimmig zu sein. Es gibt zwar durchaus verzweigte Gräser, aber das Attribut „verzweigt“ ist eventuell in diesem Kontext ungewöhnlich. Ich muss darüber noch mal nachdenken.

    @ Okotadia,

    auch an Dich ein Dankeschön für das Feedback. Die vielen ei-Laute waren tatsächlich ein Hauptelement beim Experimentieren. Und auch mit dem Rest deiner Anmerkungen hast du mir auf jeden Fall weiter geholfen. Der Holperer ist mir doch glatt entgangen. Der lässt sich natürlich leicht ausbessern.

    @Artname,

    Danke für die tolle Analyse. Mir hilft so etwas ungemein. Deine Punkte gehen ja auch in Richtung der Vorredner und bestätigen auch meine Überlegungen.

    Lg
    geo
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  6. #6
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    Hallo @ Geo , dein Begleittext machte mich neugierig. Über die Jahre ist mein Interesse an der Phonetik gewachsen. Wahrscheinlich sogar weltweit das gesellschaftliche Interesse. Wenn man überlegt, wie die krudesten Rapper mit feinsten Ohren für Assonanzen, Alliterationen und natürlich Mehrfachreimen den modernen Müll der Gesellschaft durchstöbern.

    Erzähl doch bitte mal etwas näher, warum du speziell ein Feedback zur Klangwirkung deiner Zeilen erbittest.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #7
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    @Artname,

    bislang habe ich mich primär auf das Sprachgefühl verlassen und das Geschriebene klanglich mit dem Inhalt verglichen. Wenn Soll und Istwert auseinander lagen, habe ich den Text angepasst und den Prozess von neuem gestartet. Das wiederhole ich dann meist so lange, bis das Gefühl die Bestätigung gibt, dass es nun passt. Diese "Regelschleife" ist gewissermaßen das Kernelement im Schaffensprozess.

    Aber die Theorie (Phonetik/ Klang) habe ich bislang etwas vernachlässigt und mich kognitiv nicht tiefer mit dem Thema auseinander gesetzt. Experimentiert habe ich allerdings schon immer mit dem Klang von Wörtern und Betonungen.

    Das Thema Rap ist schon spannend, weil da teilweise sehr artistisch mit Klang und Rhythmus umgegangen wird. Im Prinzip handelt es sich um eine moderne Form von Poesie. Eventuell ist auch der Poetryslam da eine Art Bindeglied zur „klassischen“ Lyrik, weil auch dort das gesprochene Wort im Zentrum steht.

    Hast du denn ein paar Geheimtipps im Bezug auf Rap oder andere Kunstformen, die es sich lohnt anzuschauen?

    Grüße
    geo
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  8. #8
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    ich liebe diesen irren Klangfetischisten, der Eminems Songtexte fulminant analysiert.


    Ab 2:01 beginnt er mit einer seiner sehr anschaulichen und feurig vorgetragenen Klanganalysen. Ich höre sie meist mit Tempo 50 % und genieße, wie Eminem Klang und Verve mit unübertroffener Effektivität verbindet. Meine Englischenntnisse sind höchstens durchschnittlich, aber ich finde das, was mir diese Videos bieten, völlig ausreichend, um total animiert zu werden, ähnliche Klangketten mit deutschen Texten zu versuchen.

    Seitdem ich regelmäßig Unabbashedly Reggies Videos schaue, entblößt sich mir zum Beispiel der Zauber von Rilkes Versen immer deutlicher! Kannst du das nachvollziehen?


    Liebe Grüße
    Geändert von Artname (16.12.2018 um 22:09 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  9. #9
    Dr. Üppig Guest
    @ GEO:

    Für eine Klangstudie ist der Text ziemlich rund, und es haben sich schon einige zu Wort gemeldet. Allerdings will ich dir ganz im Sinne deines Eingangsposts meinen Eindruck dazu liefern:
    Ei-Laute finde ich persönlich zu sprunghaft, bei einer derartigen Häufung habe ich als erste Assoziationen Schluckauf oder den Hoppa Hoppa Reiter in Gedanken. Zu viele Diphtonge im Allgemeinen finde ich zu aufgebauscht, zumal sie metrisch quasi als ein Vokal behandelt werden. Wenn also viele Doppelvokale zusamentreffen, erscheinen mir die Verse schwer und unhandlich; die inhaltliche/thematische Ausrichtung sollte also zumindest etwas darauf Rücksicht nehmen, um eine gezielte Häufung zu rechtfertigen bzw. das klangliche Empfinden damit zu versöhnen.

    mfG

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