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  1. #1
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    all die farben

    .

    lange
    hatten sie flausen
    schluckten sonnengelb
    spuckten zinnoberfeuer über die wälder -
    jauchzende akrobaten

    sie erlernten salomes tanz
    im flug
    legten uns knisternde schleier
    zu füßen


    nun
    ordnen sie ihr aschehaar
    stecken es hoch
    mit glitzernden reifspangen
    die elfenbeinkalten

    und nun

    ziehe ich
    meiner verletzlichen nacktheit
    das verwaschene traumhemd über

    endlich
    ungestraft von farben
    darf ich die berge verwischen
    die flüsse mit feldern wiesen und wege
    den himmel über unserem nebelhaus
    und fast vergessene gesichter

    den sonnenbestäubten grasnarben deiner augen
    folge ich

    zurück
    in glatten nächten
    aus poliertem ebenholz
    überwintern meine verse
    die eisblauen
    in deinem kalten mund
    geborgen
    ein paar gelbe funken in hohlen händen

    und
    ich trete ins leere weiß der himmel
    wo ich aufpralle
    weiß das mohnblütenrot




    .

  2. #2
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    Liebe albaa,

    die poetischen Bilder haben mich sofort gefangen!
    Ich dachte beim Lesen zunächst, es geht um die Jahreszeiten (das wäre auch schön gewesen und ist ja in sich wieder eine Metapher) doch dann in S 4 die unerwartete Wendung.

    Zwei Bilder erschließen sich mir nicht:

    den sonnenbestäubten grasnarben deiner augen
    das klingt für mich schauerlich (nach Horrorfilm) und

    wo ich aufpralle
    weiß das mohnblütenrot
    scheint mir als Ende etwas überladen (vielleicht weil es sich mir nicht so recht erschließt und ich in eine "falsche" Richtung denke?).

    Trotzdem Hochachtung! So würde ich auch gerne schreiben können...

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  3. #3
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    Liebe Okotadia,


    Es freut mich, dass es dir gefällt. Danke für dein Feedback und natürlich auch für deine Stimme im Wettbewerb.

    Zu deinen Anmerkungen:

    den sonnenbestäubten grasnarben deiner augen
    folge ich
    Das findest du gruselig? Dabei meint es nichts anderes als grüne Auge mit so gelben Sprenkeln in der Iris. Da fließen einfach verschiedene Bilder in einander, also das Ganze ist sehr simpel und ungefähr so gedacht: Wir sind ja in der Natur, das Thema ist "Farben: Das LI geht einen Weg entlang mit einer (noch grünen) Grasnarbe, es erinnert sich an bestimmte Augen und das "sonnebestäubte" steht im Gegensatz zur nebeligen (undurchsichtigen) Wirklichkeit.


    wo ich aufpralle
    weiß das mohnblütenrot
    findest du überladen?


    Die ganze Strophe/Abschnitt geht so


    ich trete ins leere weiß der himmel
    wo ich aufpralle
    weiß das mohnblütenrot
    Das ist zunächst einmal ein Wortspiel (Apokoinu):

    Ich trete ins Leere

    Ich trete ins leere Weiß der Himmel
    (Assoziationen sind vermutlich klar?: Nebel/Hochnebel/Unbekanntes)

    Weiß der Himmel, wo ich aufpralle (als Ausruf: "Weiß der Himmel!" oder Hoffnung vielleicht mit ?)

    Wo ich aufpralle, weiß das Mohnblütenrot.



    Deine Überlegung, du würdest in die "falsche Richtung" denken, könnte durchaus in die "richtige Richtung" führen. Es ist nämlich ein ganz simples Gedicht: Das LI steht einfach irgendwo an einem eher ruhigen Punkt in seinem Leben. Die Jahreszeitenassoziationskette weist in die fast vergessene Vergangenheit und eine unbekannte Zukunft; das Unbekannte scheint dem LI bedrohlich (wo ich aufpralle) vielleicht kompliziert (wie die Apokonius, dieses "vor zurück vor zurück"), ob es zuversichtlich sein kann oder nicht, wird letztlich davon abhängen, was der Leser mit "Mohnblütenrot" assoziiert.


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (18.12.2018 um 21:17 Uhr)

  4. #4
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    Liebe albaa,

    auch nach Deiner Erklärung muss ich sagen, dass die Zeile mit Grasnarbe und Augen bei mir die Vorstellung von schleimiger Verwesung aufruft.
    Der kalte Mund klingt auch ein bisschen nach Tod und das Ende hat (aus diesem Zusammenhang heraus) etwas von Apotheose.
    Schade, dass sich sonst niemand zu Wort gemeldet hat.

    Mir würde am besten gefallen, wenn Du die Zeilen 25/26 und die letzte Strophe einfach weglassen würdest und mit den gelben funken hohlen händen endest.

    Aber es ist natürlich Dein Gedicht!

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
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    Liebe Okotadia,

    Danke, dass du nochmals wiederkommst.

    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen
    auch nach Deiner Erklärung muss ich sagen, dass die Zeile mit Grasnarbe und Augen bei mir die Vorstellung von schleimiger Verwesung aufruft.
    Der kalte Mund klingt auch ein bisschen nach Tod und das Ende hat (aus diesem Zusammenhang heraus) etwas von Apotheose.
    Schade, dass sich sonst niemand zu Wort gemeldet hat.
    Das ist ein sehr interessanter Zugang. Zu Apotheose: Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde; aber Tod (ob endgültig oder als eine Wandlung) steckt natürlich drin.


    Zitat Zitat von Okotadia
    ... die letzte Strophe einfach weglassen würdest und mit den gelben funken hohlen Händen endest.
    Ja, das ginge schon und wäre ein schönes Ende. Aber ich weiß nicht, mir würde etwas fehlen, wie soll ich das ausdrücken ... der Schritt, der aus der Erstarrung/Kälte führt, der durch dieses Funken-Bild eingeleitet wird, vielleicht? Die Funken wollen ja gerettet werden (eine Art Wintersonnenwende im Kleinen). Aber das LI hat Angst weiterzugehen (wo ich aufpralle). Das würde mir glaube ich fehlen, das könnte ein Ende mit der Funkenzeile vermutlich nicht transportieren, oder?


    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    Ich könnte mir z.B. vorstellen ein paar gelbe funken in furchtsamen (oder zitternden - würde auch gut zum Winter passen) händen

    Nun bin ich leider immer noch die einzige, die dieses schöne Gedicht kommentiert hat. Insofern ist meine Meinung eine einzelne und nicht unbedingt maßgeblich.
    Wenn Dir etwas fehlen würde, solltest Du es lassen wie es ist.

    LG und guten Rutsch!
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  7. #7
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    Wenn es Mathe wäre kämen wir ohne Potenzierung und Wurzelziehen aber nicht dahin wo es herkam. Nämlich aus dem sich Selber da entstehen lassendem Ort der so ist wie du es beschreibst was er alles zu bieten hat wenn Augen mehr sind als nur optische Bauelemente. Und Worte mehr als Weichen ins Bunt.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  8. #8
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    okotadia, das ende magst du wirklich nicht aber adjektive können auch nicht wirklich die
    lösung sein.



    terrorist (bitte ändere deinen nick endlich!) danke für diesen poetischen kommentar und wenn ich dich richtig verstanden habe, dann magdt du auch die augenmetapher und ... mir reichten weichen ins bunt schon.

    ich wünsche euch ein schönes, kreatives und glückliches neues jahr!

    lieben gruß
    albaa

  9. #9
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    terrorist (bitte ändere deinen nick endlich!)
    Bring die Moderation dazu mich zu sperren, die haben ihn ja auch erlaubt. Da ich ihn wegen meiner Frau trage und die Erinnerung an einen der schlimmsten Hexenprozesse aufrechterhalten werden muss. ansonsten muss ich mich doch schon sehr fragen wer du glaubst dass du bist? Jemand mit der korrekten Einstellung der alles liebhaben muss?
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  10. #10
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    liebe albaa,

    ich finde es wunderschön, wie du deine eigenen verse beschreibst. zuerst der jugendliche übermut der verse, die ausgelassen mit den sonnenfarben spielen, sich auch mal aufs drahtseil wagen oder drachengleich *zinnoberfeuer über wälder spucken*. dann die bereits etwas geordnetere form im tanz und durch das ablegen der schleier die öffnung hin zum verstehen. in der nächsten strophe sind sie bereits abgeklärt, gereift, können gemessenen schrittes ihrer wege gehen, sind aber auch schon nahe der grenze zum vergehen. schon etwas melancholisch. doch das LI findet sich damit nicht ab, streift das metaphorische traumhemd über und verwischt die grenzen zwischen traum und vers, zwischen jung und alt, zwischen ausgelassen und gemessen. die so entstandenen verse werden geborgen in einem LD, einem wunsch nach schutz und ruhe und sicherheit, damit sie nicht wieder erlöschen. reicht das? werden die gelben funken zu asche oder werden sie nach dem winter mohnblütenrot aufblühen? das LI ist sich nicht sicher und tritt ins leere, wohl wissend, dass ein aufprall folgen wird. lese ich das ende positiv, dann weiß das mohnblütenrot (im sinne von wissen), dass es beim aufprall aufblühen wird. lese ich es negativ, verwandelt sich das rot beim aufprall in weiß (= asche, winter, erstarren, tod). das neue jahr ist noch so jung, ich entscheide mich für die positive variante.

    besonders das ende hat mir sehr gut gefallen, aber auch insgesamt hat mich deine wortwahl verzaubert. einzig die grasnarben ließen mich stutzen. auch wenn der begriff botanisch richtig ist, assoziiere ich hier in verbindung mit den augen die narben als alte wunden. wenn du die farben nicht schon hättest, würde ich einfach grasfarben daraus machen. oder von grassoden sprechen, das wäre ein adäquater begriff.

    sehr gern gelesen!

    liebe grüße
    lilisarah

    (PS: freiheit für nicknamen!)

  11. #11
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    @terrorist: deine spekulationen zu meinen bedürfnissen erspar dir bitte, stattdessen könntest du versuchen, meine meinung zu respektieren: ein terrorist ist jemand der wahllos unschuldige menschen ermordet, weil er durch irgendeine gesinnung oder religion fehlgeleitet wurde. wundert dich da, dass ich dich so nicht ansprechen möchte und es auch gegenüber den terroropfern unvertretbar ist, sich selbstgefällig so zu nennen ? aber diese diskussion gehört sicher nicht in diesen faden zu meinem gedicht. falls du noch darüber diskutieren willst, und damit allenfalls auch andere mitdiskutieren können, würde ich vorschlagen, dass du einen eigenen diskussinsfaden aufmachst.

    liebe lilisarah,

    vielen dank für dein ausführliches feedback, ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut. wenn du in den "grasnarben" auch die bedeutung von alten wunden erkennen kannst, dann will ich diesen begriff schon gar nicht mehr aufgeben.

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (02.01.2019 um 18:20 Uhr)

  12. #12
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    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    liebe albaa,

    ich finde es wunderschön, wie du deine eigenen verse beschreibst. zuerst der jugendliche übermut der verse, die ausgelassen mit den sonnenfarben spielen, sich auch mal aufs drahtseil wagen oder drachengleich *zinnoberfeuer über wälder spucken*.
    sehr gern gelesen!

    liebe grüße
    lilisarah

    (PS: freiheit für nicknamen!)
    Gesundes Neues ihr Beiden.

    Danke, lilisarah, endlich ist das Scheunentor aufgegangen. Ich schlich um den Text herum und fand den Schlüssel nicht.

    Jetzt, muss ich gestehen, der Text ist nach seiner Öffnung wirklich gut gelungen. Metapher stark, die Bilder. eben gelungen. Wobei, man hätte den Einstieg etwas leichter gestalten können.

  13. #13
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    Dir auch ein gesundes Neues Jahr, lieber Horst!

    Es freut mich, dass dir lilisarah den Schlüssel reichen konnte. Vielen Dank für dein Feedback!

    Meinst du mit "Einstieg" die ersten Verse? Gerade die sind aus meiner Sicht "leicht".

    Lieben Gruß
    albaa

  14. #14
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    @albaa



    Grüße.

    Die Kleinschreibung verschleierte den Sinn etwas.

    Zitat:
    lange
    hatten sie flausen /// sie als Mehrzahl lässt tausend Richtungen frei
    schluckten sonnengelb
    spuckten zinnoberfeuer über die wälder -
    jauchzende akrobaten

    Return:


    zuerst,
    sortierten sie geschmack,
    farben, licht und schatten
    und liebevolle hände

    später dann hatten sie flausen
    schluckten sonnengelb
    spuckten zinnoberfeuer über die wälder -
    jauchzende akrobaten

    sie erlernten salomes tanz
    im flug
    legten uns knisternde schleier
    zu füßen


    tschüss.

  15. #15
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    Oh, ich denke, du hast den Schlüssel doch noch nicht gefunden .

    "sie" bezieht sich auf die Farben. Man muss den Titel mitlesen. lilisarah hat dann nur die Metaphorik entschlüsselt.

    Wer sind "sie" bei dir?:

    zuerst,
    sortierten sie geschmack,
    farben, licht und schatten
    und liebevolle hände

    Lieben (etwas verwirrten) Gruß
    albaa

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