1. #1
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Burgenlandkreis
    Beiträge
    1.049

    Farben sind Erinnerung...

    an bunte Haut in Kindertagen,
    die sanft aus Lila und auch Blau
    ins Grün, zu zartem Gelb getragen
    und eine Mutter, die sie färbte.

    an dunkles Rot auf meiner Hand,

    es tropfte still mir von der Stirn,
    umspielte sacht das Weiß der Wand
    und an ein Herz, dass nicht mehr schlägt.

    Ich malte einst die Muster nach
    auf so unendlich vielen Flecken,
    schlug meinen Kopf an harten Stein,
    um Schmerz mit Schmerz zu überdecken.

    Die Farben der Erinnerung,
    von meinem Körper längst verschwunden,
    sie geben mir die Kraft zu steh'n,
    in manchen farbenreichen Stunden.
    Geändert von Susigrün (16.12.2018 um 13:49 Uhr)
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

  2. #2
    Registriert seit
    Jan 2017
    Ort
    "Schäl Sick"
    Beiträge
    2.379
    Liebe Susigrün,

    ich schrieb ja schon im WBL-Faden, dass mich dein Gedicht anspricht und warum. Nur die letzten zwei Verse geben mir Rätsel auf und deren Bedeutung kann ich nicht nachvollziehen: Wie kann massive Gewalterfahrung in der Kindheit im späteren Leben Kraft geben? Und was sind die farbenreichen Stunden? Erneute Gewalt im Jetzt? Deshalb passen die letzten zwei Verse für mich nicht ins Bild.

    Lieben Gruß nochmal
    Richy

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Burgenlandkreis
    Beiträge
    1.049
    Hallo Richy,

    eigentlich ist ja nur die erste Strophe wirkliche Gewalt von außen, die zweite beschreibt meine Trauerbewältigung als mein Mann starb, da habe ich meinen Kopf immer und immer wieder gegen die Wand geschlagen….

    Als Kind habe ich gelernt, dass ich okay bin (ich habe noch zwei Geschwister denen es auch so ging und wir konnten nicht alle falsch sein), nur meine Mutter eben nicht und als mein Mann starb habe ich gelernt, dass ich auch das schaffe, ich hatte in diesem Jahr wirklich sehr viele Probleme und musste, um mich zu schützen aufgeben…ich hatte schon einen guten Plan um endgültig aufzugeben, aber (das ist wieder eine andere Geschichte) ich habe es geschafft, ich war wirklich wirklich sehr tief unten…

    Das gibt mir die Kraft an mich zu glauben und zu kämpfen für das was ich möchte, ich weiß nicht warum ich dadurch stärker geworden bin, aber ich bin es. Vor allem hat mich diese Zeit aber gelehrt, dass es okay ist, zu verlieren, dass es okay ist nein zu sagen und dass ich immer auf mein Herz hören kann, es sagt mir schon was richtig ist.

    Die Farbenreichen Stunden sind all diese Erfahrungen, die einem nun mal passieren, Freunde sterben, Liebe und das Ende davon, Krankheit, alles was das Leben so hergibt…Farbenreiche Stunden heißt einfach nur weitere Erinnerungen, die man mit Farben verbindet.. die weißen Wände im Krankenhaus, die ich angestarrt habe als ein guter Freund gehen musste, das rosa Hemd, das er anhatte, als er mich verlassen hat….nun all diese Farben…

    Ich hoffe ich konnte es dir einigermaßen erklären….

    Liebe Grüße Susi
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

  4. #4
    Registriert seit
    Apr 2012
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    819
    Liebe Susigrün,

    ohne Deine Erklärung wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass sich die 2. Strophe nicht auf die gewalttätige Mutter bezieht.
    Als Leserin hatte ich also eine furchtbar schreckliche Vorstellung von der Kindheit des LI und es ging mir wie Richmodis: Ich konnte das "glückliche Ende" nicht verstehen.

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.759
    Hallo Susigrün!

    Du hast dich aaO beschwert, dass ich dein Gedicht „in der Luft zerrissen und in den Dreck getreten“ hätte. Was ich nicht getan habe, ich habe es kritisiert und mache mir nun nochmals die Mühe, genauer zu erklären, wie ich es sehe, damit du es vielleicht besser verstehen kannst.

    Wenn dich ehrliche Kritik (ich sage nicht unfehlbare!!) verletzt (ich habe keinen Grund dir persönlich nahe treten zu wollen, weil ich dich gar nicht kenne und nicht einmal im Forum habe ich bisher etwas von dir gelesen, also weder Gedichte noch Kommentare), dann solltest du vorsichtig sein, wenn du Aufarbeitungsgedichte einstellst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie weh das tut, wenn ein sehr persönliches Gedicht verrissen wird und bei Lesern ganz anders ankommt, als beabsichtigt – und vor allem, weil das auch noch an meinen mangelnden sprachlichen/lyrischen Fähigkeiten liegt.

    Nun, nach der Darstellung deines persönlichen Schicksals, kann eine Kritikerin (also in dem Fall ich) nur die Böse sein, die deine Gefühle verletzt hat. Aber da frage ich mich dann halt auch, ob es vor diesem Hintergrund, dann letztlich nicht zwei Opfer gibt. Es sind jedenfalls durchaus farbenreiche Stunden für mich.

    Gut zum Gedicht:

    an bunte Haut in Kindertagen,
    die sanft aus Lila und auch Blau
    ins Grün, zu zartem Gelb getragen
    und eine Mutter, die sie färbte. – bei dieser ersten Strophe dachte ich noch an eine bittere Satire, wegen der "Schönfärberei" und und den Kitsch-Reizwörtern „sanft“, „zart“ und den Verben „getragen“ und „färbte“, die so gar nicht zu Gewalt passen wollen.

    Auch bei der zweiten Strophe ging ich immer noch von Satire aus:

    an dunkles Rot auf meiner Hand,
    es tropfte still mir von der Stirn, - „dunkles Rot tropft still“: wieder so ein beschönigendes "Ausweichmanöver". Und noch dazu dieses sinnfreie Füllsel „still“. Das ist kein assoziativer Text, wieso schreibst man dann nicht einfach „Blut“ und statt dem unpassenden „still“ dann die Farbe?

    umspielte sacht das Weiß der Wand – „sacht“ schon wieder Kitsch; ebenso „umspielte“ – auch falsch: da müsste das Blut um die Wand herumrinnen, abgesehen davon, dass dieses Verb im Kontext völlig unpassend ist; diese letzten beiden Verse wirken, als ob sich das Gedicht selbst parodieren würde.

    und an ein Herz, dass nicht mehr schlägt. – Wie du erklärt hast, soll diese S also erzählen, dass du, als dein Mann starb, deinen Kopf gegen die Wand schlugst. Das ist sehr traurig. Aber diese Kurve kriegt der Leser nicht. Weil wir gerade noch bei der schlagenden Mutter waren. Aber gut, es wäre nachvollziehbar, dass es hier um die tote Mutter geht. Ich las es also ohne Vorwissen so, dass die Mutter das Kind so geschlagen hat, dass Blut von der Stirn tropfte und an die Wand spritzte. Und nun ist die Mutter tot, wahrscheinlich einfach eines natürlichen Todes gestorben. Von Gegengewalt lese ich eigentlich nichts.

    Ab hier wurde mir aber bewusst, dass ich mit meiner ersten Einschätzung, es sei als Satire oder Persiflage angelegt, falsch lag. Mir wurde bewusst, dass da jemand versucht, ein ernstes Gedicht zu schreiben:

    Ich malte einst die Muster nach – „einst“ wieder so ein hilfloses Füllsel
    auf so unendlich vielen Flecken,
    schlug meinen Kopf an harten Stein, - wieder ein Füllsel „harter Stein“
    um Schmerz mit Schmerz zu überdecken.

    Die Farben der Erinnerung,
    von meinem Körper längst verschwunden,
    sie geben mir die Kraft zu steh'n,
    in manchen farbenreichen Stunden. – Das hat mich dann vollends verwirrt: Ohne deine Erklärung hätte ich es so interpretiert wie Richmodis und offensichtlich auch Okotadia. Ich dachte - verstört: Kann das wahr sein, da schreibt jemand über schlimmste Gewalt unter Verwendung aller nur erdenklichen Verharmlosungs-Kitsch-Verzierungen wie „sacht, zart, still, sanft“, „umspielte“ (für Blutflecken an der Wand), „färbte“ (fürs Schlagen), „dunkles Rot“ (für Blut) und teilt uns am Ende noch mit, dass ihm die Gewalt „Kraft gibt“ neuerliche Gewalt zu ertragen. Wie hätte ich „farbenreiche Stunden“ auch anders interpretieren können, wo du das Gedicht zunächst so aufbautest, dass du allen Gewaltätigkeiten mit Farben unterlegtest?

    Aber mir wurde bald klar, weil das Ganze eben ein sehr mangelhafter lyrischer Text ist, dass das einfach nur ein in diesem Kontext falsch gewählte Metapher sein konnte. Aber wofür sie dann stehen sollte, blieb mir bis zu deiner Erklärung ein Rätsel. So etwas völlig Unausgegorenes kann man dem Leser nicht einfach so aus dem Zusammenhang gerissen hinwerfen, nach dem Motto "friss oder stirb".


    So nun erlaube ich mir, noch einen Vorschlag für dein Gedicht mit weniger pseudolyrischem Schnickschnack zu machen, wobei ich dabei bleiben möchte, wie ich es eben beim Lesen vor deinen Erläuterungen verstand: Also bei der Mutter; kantiger im Rhythmus und das Ende ist offen gestaltet:

    Erinnerungen an...

    … wunde Haut in Kindertagen,
    Lila, Rot und Blau,
    Grün, zum rosa Kleid getragen
    und an Mutters Wut.

    … rotes Blut auf ihrer Hand;
    wie es tropfte von der Stirn,
    Schlieren an der weißen Wand -
    Mutterherz, du schlägst nicht mehr!

    Längst bist du verschwunden,
    wie die Muster der unendlich vielen Wunden.
    Doch in schwarzen Stunden
    male ich sie nach.


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (16.12.2018 um 13:17 Uhr)

  6. #6
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Burgenlandkreis
    Beiträge
    1.049
    Hallo Okotadia,

    ja, dieses Problem hatte ich beim Schreiben auch, ich hatte überlegt den Titel noch einmal zwischen
    S 1 und S2 zu setzen, aber ich dachte dann, das es reichen würde die jeweils ersten und letzten verse kursiv zu stellen und die 2.S in Kleinschreibung zu beginnen.

    Farben sind Erinnerung… an…..

    Hat wohl nicht so ganz geklappt….

    Hallo albaa,

    vielen Dank für deine Kritik und nein, ich habe mich nicht beschwert, ich habe lediglich festgestellt, dass ich es nicht mache.

    Wenn ich hier ein Gedicht oder einen
    „sehr mangelhaften lyrischen Text“
    einstelle, dann rechne ich mit Kritik und habe damit auch kein Problem.

    Du hast meine Gefühle in keiner Weise verletzt, da brauchst du dir keine Gedanken machen.

    Meine Kitschwörter habe ich bewusst genommen, weil sie (für mich ) dem Ganzen einen Kontrast geben, welcher (für mich) sehr schön ist.

    Ich habe bewusst Worte wie Schläge und Blut vermieden, ich empfinde ungesagte Worte einfach sehr kraftvoll.

    Dass Weiß der Wand sollte übrigens die abgeschlagene Wand Farbe darstellen, welche eben auch auf die Hand fiel.

    Deine Version entspricht leider nicht meinem Stil…aber vielen Dank für deine Mühe.

    Ja das es sich hier um zwei verschiedene Erinnerungen handelt ist schwer herauszulesen, ich habe für dieses Problem leider noch keine Lösung gefunden.

    Liebe Grüße Susi
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

  7. #7
    Registriert seit
    Nov 2011
    Beiträge
    1.013
    Hallo Susigrün,
    auch ich habe für dieses gestimmt; stark beeindruckt hatte mich die eindringliche Wirkung des krassen Kontrasts zwischen Inhalt und Tonfall, d.h. dem, was albaa als unpassenden Kitsch bezeichnet. Aber es passt gerade deswegen, weil es dem Inhalt so gegenläuft, es ist durchaus ganz bewusste buchstäbliche Schönfärberei als Traumabewältigungsstrategie, so habe ich es zumindest interpretiert gehabt. Dass sich das Ich den Schmerz sanftredet, damit er nicht mehr so schmerzt. Dann wäre dieses Gedicht äußerst performativ, indem es diese Strategie selbst umsetzt; literarische Bearbeitung könnte eine weitere sein.
    LG BS

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  8. #8
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Burgenlandkreis
    Beiträge
    1.049
    Hallo Blobstar,

    auch hier bitte ich um Entschuldigung für die späte Antwort…Ich freue mich sehr über deine Stimme und über deine liebe Kritik.
    Da ich hier Erinnerungen beschrieb, entstand die Sanftheit, weil eben diese Geschehnisse abgeschlossen sind und man mit Wehmut und freundlichen Auges auf sich selbst als Kind schaut oder eben auf Ereignisse, die man nie geglaubt hätte zu überstehen.

    Vielen Dank und liebe Grüße Susi
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Sag mir, wo die Dichter sind - wo sind sie geblieben...
    Von Stimme der Zeit im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 23.01.2011, 22:24
  2. Farben
    Von TheLord im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 24.02.2009, 03:00
  3. Such dir die Farben aus
    Von Woitek im Forum Diverse
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 07.06.2006, 21:46
  4. farben der erinnerung
    Von farbenlos im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 24.01.2004, 17:49
  5. farben der erinnerung
    Von farbenlos im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 23.01.2004, 23:36

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden