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  1. #1
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    vergessenes leben

    nur schattenhaft kehrt die erinnerung zurück
    eine leise ahnung von liebe und glück.
    familie und freunde werden nicht mehr erkannt,
    mit fremden namen sie benannt.

    in weite ferne rückt gelebtes leben
    und keiner kann es ihnen wieder geben.
    mit stillen händen und leerem blick
    sehen sie auf ein für sie fremdes leben zurück

    in vergessenheit ist ihr altes dasein geraten.
    es ist kein lichtblick mehr zu erwarten
    nur mühsam geht der alltag dahin
    ohne erkenntnis was war und ohne sinn.
    Geändert von Margot (26.12.2018 um 22:10 Uhr)

  2. #2
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    hallo margot,

    du malst ein sehr düsteres und hoffnungsloses bild von menschen, die an demenz leiden. es ist schlimm, wenn man sich an sein leben nicht mehr erinnern kann. aber glück definiert sich nicht ausschließlich über erinnerungen. leben besteht aus augenblicken und der bedeutendste augenblick ist immer der gegenwärtige, denn er ist der unwiederbringliche, einzig wahre moment. und der kann durchaus glücklich machen, wenn er schön ist. erinnerungen sind auch schön, aber eben nur ein schatten dieser momente.

    zum gedicht lasse ich dir ein paar meiner gedanken da, die nur als anregung dienen sollen. vielleicht kannst du das eine oder andere nachvollziehen und bekommst lust, deine verse nochmal zu überarbeiten.

    nur schattenhaft kehrt die erinnerung zurück
    kehrt die erinnerung tatsächlich zurück oder legt sich der schatten nicht eher auf die erinnerung und macht sie unkenntlich? das bild ist so, wie es dasteht, für mich etwas schief.
    eine leise ahnung von liebe oder glück.
    warum *oder*? ist liebe nicht auch glück und kann glück nicht auch liebe sein? ich wäre hier für ein *und*.
    familie und freunde werden nicht mehr erkannt,
    mit fremden nahmen sie benannt.

    beim namen hat sich ein fremdes *h* eingeschlichen.

    in weite ferne rückt gelebtes leben
    und keiner kann es ihnen wieder geben.

    für mich ist das die schlüsselstelle im gedicht.
    mit stillen händen und leerem blick
    sehen sie auf ein für sie fremdes leben zurück

    das kann ich mir nicht vorstellen. wenn ich mein leben vergessen habe, kann ich nicht mehr darauf zurücksehen. wenn ich mein vergessenes, mir fremdes leben erzählt bekäme, würde mich das nicht interessieren, denn es wäre nicht das leben, an das ich mich erinnere (oder eben nicht erinnere). darauf schaue ich also noch weniger zurück. da du außerdem den zurück-reim bereits in der ersten strophe benutzt hast, könntest du den vers nochmal überdenken und neu ordnen.

    in vergessenheit ist ihr altes dasein geraten.
    es ist kein lichtblick mehr zu erwarten

    hier gibt es nur einen klangreim - so gewollt? ich würde das reimen durchziehen. wenn du auf *geraten* keine vernünftigen reime findest, kannst du das wort ja gegen ein gefälligeres tauschen.
    nur mühsam geht der alltag dahin
    ohne erkenntnis was war und ohne sinn


    ist ein leben ohne vollständige erinnerungen wirklich völlig sinnlos? kann man nicht trotzdem immer noch lieben, lachen, glückliche momente erleben? vielleicht leiden die angehörigen, welche nicht mehr erkannt werden, mehr unter dieser krankheit als die betroffenen selbst, die *im moment* glücklich sein können? ich weiß es nicht.

    lg
    lilisarah

  3. #3
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    liebe lilisarah

    ich danke dir für deinen kommentar
    man denkt von sich aus,es geht diesaen menschen so wie man es selbst sieht,
    aber wir wissen nicht wie sie es sehen. sie können natürlich noch glücklich und zufrieden sein
    auch wenn sie ihr gelebtes leben vergessen haben.

    du hast es alles sehr gut beschrieben

    liebe grüsse margot

  4. #4
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    Es ist voller Kraft des Gegensätzlichen so als wäre man in sich darin gefangen was gerne schöner wäre ohne aber zu wissen wie etwas funktioniert, so als könnte etwas sich dadurch bewegen dass wir ihm die Ruhe entziehen. Die es brauchte um zu sein wie wir es mal so waren dass das dann ein Bild schuf was beim Verblassen immer fremder wird. Als könnten wir den Betroffenen nicht schnell genug in passende Kleider kleiden und nur noch in Kommunikation über ihn, über sie treten ohne dass sie noch miteinbeziehbarer wäre als die pure Vergleichbarkeit mit früher.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    hallo terrorist

    du hast es rchtig beschrieben.man müste mit ihnen reden und nicht nur über sie.
    aber das gelingt nicht immer weil sie ja für uns in in ihrer eigenen welt leben.
    ich freue mich sehr,wenn ich mich mit euch gedanklich über ein thema austauschen kann.
    ich danke dir für deinen kommentar

    liebe grüsse margot.

  6. #6
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    Liebe Margot,

    sehr bedrückend der Gedanke, dass man selbst oder nahestehende Menschen eines Tages von dieser schrecklichen Krankheit betroffen sein könnten.

    Vor ein paar Tagen lief die Tragikomödie „Honig im Kopf“ im Fernsehen. Ich habe mir den Film zum 2. Mal angeschaut und war wieder emotional sehr berührt. Tränen der Betroffenheit, aber auch Tränen vor Lachen lösten eine Achterbahn der Gefühle in mir aus. Ich schämte mich beinahe meiner Lachtränen, denke aber, dass es von Til Schweiger gewollt war, ein Gefühlschaos beim Zuschauer heraus zu kitzeln. Dieter Hallervorden spielte übrigens seine Rolle als an Alzheimer Erkrankter hervorragend, ebenso die Tochter von Till Schweiger in der Rolle als Tilda.

    Ob betroffene Menschen trotz ausgelöschter Erinnerungen glücklich sind, wage ich zu bezweifeln. Es fängt harmlos an und der Betroffene weiß in dieser Phase noch, wie es enden wird, wenn die Diagnose festgestellt wurde. Er wird sich selbst im Spiegel und seine Lieben nicht mehr erkennen. Wenn der Höhepunkt der Erkrankung erreicht ist, wissen sie nicht mehr, was mit ihnen passierte. Ich denke, dass je nach Charakter des Menschen das Krankheitsbild unterschiedlich ausgeprägt ist. Manche Menschen werden sehr aggressiv, andere sind in sich gekehrt. In jedem Fall sind sie nicht mehr dazu in der Lage für sich selbst zu sorgen.

    Du hast das Krankheitsbild in Deinem Gedicht gut auf den Punkt gebracht.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  7. #7
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    liebe dabschi

    es ist wirklich sehr traurig wenn ein mensch sein altes leben vergist,
    ab und zu bricht das dunkel durch, und ein lichter augenblick erscheint.
    ich war vor langer zeit mit meiner bastelgruppe in einem altenheim.bei uns war eine alte frau in einem rollstuhl.
    sie sah nur vor sich hin. als wir gingen sagte sie zu uns wann kommt ihr wieder?
    die schwestern waren fassungslos. diese alte dame hatte sehr lange nicht mehr gesprochen.
    das war der lichtblick in ihrer dunkelheit.

    liebe dabschi ich danke dir für deinen kommentar

    liebe grüsse margot

  8. #8
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    Hi Margot, aber auch Grüße an die Kommentatoren vor mir
    als ich dein Gedicht laß mußte ich auch überlegen ob der Demenzkranke Mensch nicht vieleicht doch auch glückliche oder wenigstens lebensfrohe Empfindungen hat. Nicht zu vergleichen aber doch irgendwo ähnlich ist meine eigene Erfahrung. In Zusammenhang mit einem Schlaganfall, hatte ich eine TGA, eine Kurzzeitamnesie. Die dauerte etwa 12 Stunden. Ich wußte nicht mehr wo ich war, wer ich bin, wo ich wohne und kannte keins meiner 5 Kinder. Ich begann zu grübeln über diese Leere und bekam extreme Angst. Ich wollte dem Krankenhaus entfliehen, wußte aber nicht welche Sachen in welchem Schrank mir gehören. Bin dann aber doch heimlich bis an die Straße gekommen und hielt ein Taxi an, jedoch konnte ich dem Fahrer kein Fahrziel nennen. Ich bin dann resigniert, weinend in die Station zurückgekehrt und hab mich in mein Krankenbett gelegt.
    Am nächsten Vormittag erkannte ich meine Frau und wollte ihre Hand garnicht mehr loslassen. Schon am nächsten Tag war alles wieder da und das Leben ging weiter wie vorher.
    Ich bin eigentlich überzeugt das in einem langen Abschnitt der Demenzkrankheit , die Menschen um Ihr Handycap wissen und sehr unglücklich damit sind. Liebe und Zuneigung kann ihnen bestimmt das Gefühl von einem "unsinnigen Dasein" nehmen.

    Grüße nochmal
    Heinz
    Geändert von Heinz Geigelath (02.01.2019 um 17:21 Uhr)
    silbern ist mein Haar nicht grau

  9. #9
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    Und nicht zu vergessen, wir leiden selbst an Demenz oder wissen wir wirklich wer wir sind? Reichen die "Daten", die Erinnerungen wirklich aus um sich und damit andere zu (er)kennen?
    Lg, Skirke

  10. #10
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    lieber heinz

    demenz ist eine schwere krankheit. du hast es selbst erlebt,wie es ist nicht
    mehr zu wissen wer man ist es ist ein grosses glück,das es bei dir vorüber ging.einige haben dieses glück nicht.
    die letzte zeile in meinem gedicht ist nicht so gelungen. man kann es für diese menschen nicht als sinnlos bezeichnen.
    es kann trotz allem ein sinnfolles leben sein, wenn man liebevoll von der familie aufgefangen wird.

    ich danke dir für deinen kommentar

    liebe grüsse margot


    hallo skirke

    ich habe mein gedicht aus erfahrung in meiner nächsten umgebung geschrieben.
    aber du schreibst,das wir alle an demenz leiden und wir nicht wissen wer wir sind?
    ich habe eine lange lebenserfahrung und ich wußte immer wer und was ich bin.
    das hat garnichts mit demenz zu tun

    ich danke dir für deinen kommentar.

    liebe grüsse margot.
    Geändert von Margot (02.01.2019 um 23:23 Uhr)

  11. #11
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    Hallo Margot, ich arbeite sehr oft mit Menschen mit Demenz. Eigentlich seit 1994 und meine es wirklich ernst, wissen wir wirklich wer wir sind?
    Liebe Grüße, Skirke

  12. #12
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    hallo skirke

    wenn wir mal darüber nachdenken kommt man zu dem schluss,das wir wirklch nicht wissen wer wir sind.
    du arbeitest mit menschen die an demenz erkrankt sind.daher hast du einen tieferen einblick in ihre seele.
    auch wenn wir nicht wissen wer wir sind.eine antwort werden wir nie bekommen.
    danke für deine erneute antwort

    ich wünsche dir ein gutes neues jahr

    liebe grüsse margot

  13. #13
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    Dir auch ein schönes neues Jahr, Margot.
    Lg, Skirke

  14. #14
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    Zitat Zitat von Skirke Beitrag anzeigen
    Hallo Margot, ich arbeite sehr oft mit Menschen mit Demenz. Eigentlich seit 1994 und meine es wirklich ernst, wissen wir wirklich wer wir sind?
    Liebe Grüße, Skirke
    Hallo Skirke,

    beim Lesen Deines 1. Kommentares an Margot dachte ich: „Der spinnt“ Bitte nicht persönlich nehmen. Nach Deinem 2. zitierten Kommentar wurde ich nachdenklich. „Was könnte er damit meinen?“ waren meine Gedanken und ich wüsste es wirklich allzu gern, was es Deines Erachtens damit auf sich hat, ob wir wirklich wissen wer wir sind?

    Ich finde aber, dass es nichts mit dem Thema „Demenz“ hier im irdischen Leben, in dem wir uns derzeit gerade alle befinden, zu tun hat. Margot beschrieb die Krankheit „Demenz“, die uns hier und jetzt beschäftigt.

    Ob wir schon mal geboren wurden oder wie oft wir noch geboren werden steht m. E. auf einem anderen Blatt, falls Du es damit meinen solltest, dass wir deshalb nicht wissen, wer wir sind.

    Ich bin sehr ehrfürchtig, was das betrifft und bemüht, mich offen und ehrlich durchs Leben zu wursteln, solange ich jetzt hier bin. Aber wer weiß …

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  15. #15
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    Hallo Dabschi,

    an Wiedergeburten habe ich gar nicht gedacht.(Das ist eine andere Geschichte.) Ja, mir ist das Thema Demenz auch wichtig. Vielleicht wollte ich auch "nur" darstellen, dass wir nicht irgendwie "besser" sind als sie, nur weil wir uns an eine Geschichte erinnern, die eine Geschichte ist. Nicht mehr und nicht weniger. "Unterhalb" der Geschichte liegt aus meiner Sicht das was wir sind, wobei es auch die Geschichte einschließt und auch Demenz und alles. Eben weil es "unterhalb" liegt und wir so sehr vergessen haben, das Geschichten Geschichten sind.. haben wir auch vergessen.. wer wir sind. Meine Sicht. Und was bei Menschen mit Demenz, egal in welchen Stadium trotzdem geht ist damit in Verbindung zu kommen. Dafür braucht man gar nichts, noch nicht mal die Erinnerung daran, männlich der weiblich zu sein.

    Herzlich, Skirke
    (ich bin weiblich)
    Geändert von Skirke (05.01.2019 um 11:38 Uhr)

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