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    Maupassant: L'Exil - Leben in der Fremde

    Maupassant: l’Exil – Leben in der Fremde


    Warum in Frankreichs Vorstädten die Autos brennen

    Regelmäßig, zu Silvester und zur Feier des 14. Juli brennen in Frankreichs Vostädten die Autos. Silvester 2017 waren es 1031, im Jahr 2009 insgesamt 46.800, im Durchschnitt also 128 pro Tag.Die betroffenen banlieues werden mehrheitlich von Menschen mit nord- oder schwarzafrikanischen Wurzeln bewohnt, so daß es naheliegt, daß sie die Urheber der Brandstiftungen sind. Die deutschen Medien berichten nur spärlich darüber. Wer mehr darüber wissen will, gebe in google die Stichwörter „Frankreich, brennende Autos“ ein.

    Ein Aufsatz von Guy de Maupassant, vom 8. Februar 1883 in der Pariser Tageszeitung Le Gaulois, gab mir den Anstoß, hierüber nachzudenken.

    Maupassant (1850 – 1893), großer französischer Romancier des 19. Jahrhunderts, ist unübertroffen in seinen psychologischen Analysen, wobei Analyse das zwar gebräuchliche nicht aber treffende Wort ist. Der Dichter zerlegt ja nicht die „Seele“ seiner Protagonisten. Er versetzt sich vielmehr kraft seiner liebenden Einbildungskraft in die Situation eines anderen und schildert dann, was diesen bewegen und was ihm zu denken geben könnte.

    Die Verbannung, schreibt Maupassant, ist die schlimmste Strafe, mit der man bestimmte Menschen schlagen kann (frapper certains hommes). Der Mensch ist Teil der Gegend, in der er geboren wurde. Er nährt sich von ihren Früchten, trinkt ihr Wasser und ihren Wein, ißt das Fleisch ihrer Tiere. Unser Organismus paßt sich dem besonderen Klima an. So sind wir also mehr „die Söhne unserer Heimat als die unserer Mütter“.

    Was Maupassant nicht eigens erwähnt, sind die Sprache, in die wir in derHeimat hineinwachsen, die Menschen, mit denen wir kommunizieren, die Gesetze, Sitten und Gebräuche, die uns Orientierung und Lebenssinn geben.

    Durch die Verbannung wird der Mensch von seinem lebendigen Ursprung getrennt und muß künftig in einem fremden Land leben.

    Maupassant warnt jeden Machthaber davor, die ihnen nicht genehmen Leute zu verbannen. Er macht sie sich dadurch nur zum unversöhnlichen Feind, der im Exil darauf sinnen wird, ihm wie immer möglich zu schaden, ihn bei gegebener Gelegenheit gar zu stürzen.

    Als Beispiel für Exilierte erwähnt Maupassant zwei arabische Stammesfürsten aus Algerien, die von den französischen Invasoren (envahisseurs) auf eine Festung auf Korsika verbannt wurden und bei untergehender Sonne traurig in Richtung Afrika blicken. Den Dichter erinnern die beiden Gestalten an Löwen und Geier in einem zoologischen Garten.

    Nach seinem Tode ist Maupassants Warnung an die Herrschenden wahr geworden. Mit dem Algerienkrieg (1954 – 1962) wurden die französischen Kolonisten des Landes verwiesen und die von ihnen Verbannten kehrten ins Land zurück. Bemerkenswert, daß ausgerechnet die algerischen jungen Männer aus den Pariser Vororten die feurigsten Kämpfer der Befreiungsarmee waren. Sie schossen ohne Skrupel auf die Soldaten ihres Gastlandes. In der Fremde leben, bedeutet nicht, seinen Ursprung und seine Loyalität zu vergessen

    Was haben nun Maupassants Exilanten mit den brandstiftenden Jugendlichen der französischen Vorstädte zu tun? Beide Gruppen leben heinatlos in der Fremde.

    Oft hört man sagen, die banlieues seien Ghettos und damit eine Quelle von Unzufriedenheit und Zorn. Andererseits sind sie aber auch eine Art Heimat, denn dort sind die Migranten unter sich und können, so weit wie möglich, nach ihrer Fasson leben. Aus diesem Grund hassen sie es auch, wenn Polizei in ihre Viertel eindringt um dort nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Empfinden der Bewohner hat sie dort nichts zu suchen. Für die Polizei ist die Präsenz in den banlieues eine gefährliche und undankbare Aufgabe. Es kommt zu Beleidigungen und Übergriffen. Es hat Fälle gegeben, da wurden Streifenwagen mit Molotow-Cocktails beworfen, so daß die Beamten Brandverletzungen erlitten.

    Die heftigsten Aufstände waren zweifellos die aus dem Jahre 2005 (les émeutes de 2005). Der Anlaß dazu war ein tragischer Unfall, für den jedoch niemand etwas konnte. Ein Streifenwagen fuhr am 27. Oktober 2005 durch den Pariser Vorort Clichy-sous-Bois und zwei Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren glaubten, sie würden polizeilich gesucht. Sie flüchteten panisch in ein Transformatorenhäuschen mit Hochspannung, erhielten einen Stromschlag und starben an Ort und Stelle.

    Daraufhin brannten 21 Tage lang in verschiedenen Stadtteilen Paris wie auch in anderen Großstädten Frankreichs die Autos; 9193 an der Zahl; 56 Polizisten wurden verletzt und es gab zudem zwei Tote. Neben den brennenden Autos verübte man Brandstiftung und Wandalismus an öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Kindergärten. Der Tod der beiden Jugendlichen war lediglich der Anlaß nicht aber der Grund für die Ausschreitungen, denn es stand schnell fest, daß die Polizei keine Schuld an dem Tod der beiden traf.

    In seinem Aufsatz beschreibt Maupassant Exilierte, die sich regelmäßig an den Pariser Wehranlagen (fortifications) treffen. Sie schreiten traurig einher und erzählen einander vom Leben in der verlorenen Heimat. Einige werden krank vor Heimweh, andere sterben daran, denn es fehlt ihnen an Lebensmut.

    Die Bewohner der banlieues sind keine Verbannten im eigentlichen Sinne, denn niemand zwang sie, ihr Land zu verlassen. Und dennoch leben sie wie Verbannte in der Fremde, denn ihre Heimat bietet ihnen keine Chance, dort in einer von ihnen gewünschten Weise zu leben. Die Heimat selbst hat sie exiliert.

    Warum brennen ausgerechnet am 14. Juli und an Silvester die Autos? Nun, an beiden Daten feiern die Franzosen sich selbst. Im Juli die Revolution, Ende Dezember ein gemeinsames Fest zum Jahreswechsel. Die Bewohner der banlieues gehören nicht dazu und so könnte ein Ressentiment entstehen, vergleichbar dem, das eine Frau empfindet, wenn ihre beste Freundin ihren Traummann heiratet während sie selbst allein bleibt. Andererseits ist es auch denkbar, daß die Vorortbewohner mit den Krawallen sich selbst feiern als Gegenveranstaltung. Sie erleben eine Einigkeit wie im Algerienkrieg, brennen ihr eigenes Feuerwerk ab und leben gleichzeitig ihren Frust über ihre Heimatlosigkeit aus.

    Was ist nun das Besondere der Herangehensweise, wie sie Maupassant praktiziert? Der Mensch wird so als Mensch erkannt und gilt nicht nur als Faktor, mit dem eine Gesellschaft rechnet. Die politisch Rechten sehen in der Migration ein trojanisches Pferd, das der Staat in naiver Weise durch seine Tore läßt. Dies wird ihm wie einst dem alten Troja, zum Verhängnis. Bei jedem Mord, bei jedem Attentat und bei jedem Fall von sexuellem Übergriff sieht er sich in seiner Annahme bestätigt und fordert strenge Konsequenzen. Die Linken sehen in jedem Migranten einen potentiellen Freund und eine Bereicherung für das Land. Wenn es problematische Leute gibt, dann sind es die, die Masseneinwanderung strikt ablehnen. Ginge es nach den Linken, dann sollten die dummen und bösen Rechten in die Kriegsgebiete und Armutsregionen abgeschoben werden und nicht die armen Migranten.

    Während die Rechten darauf hinweisen, daß in der Geschichte fremde Ethnien immer schon ein Problem für die Mehrheit der Bevölkerung waren, seien es nun die Iren angesichts der englischen plantations oder die vertriebenen deutschen Minderheiten in Polen, und der Tschechei, so ist die Historie für die Linken kein Argument, geht es ihnen doch um den neuen Menschen. Dieser ist nicht national, schon gar nicht „nationalistisch“, sondern polyglott. Heimat ist für sie nur überflüssige Gefühlsduselei. Ubi bene, ibi patria. (Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland).

    Die Anleger an den Börsen sind nur an der Arbeitskraft der Menschen interessiert nicht aber an ihren Befindlichkeiten. Wenn durch Migranten billiger produziert und höhere Gewinne für die Unternehmen erzielt werden können, dann ist Migration nichts Schlechtes. Die globalisierte Welt ist eine grenzenlose Welt, grenzenlos für Investitionen, für Arbeits- und Absatzmärkte.

    Das älteste Beispiel in der Literatur für das Verstehen ist meines Wissens Jesu Eingreifen, als es um die Steinigung der Ehebrecherin geht (Joh. 8,1-11). Während die Leute nur die Tat und das Gesetz sehen, begreift er die Frau als einen Menschen, dem es nicht immer möglich ist, alle Gesetze vollkommen zu erfüllen. Deshalb auch sein berühmter Satz: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Verstehen heißt nicht billigen. Deshalb sagt er: „ Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr.“

    Im übrigen hatte auch Maupassant Verständnis für Ehebrecherinnen. Anläßlich einer erregten öffentlichen Debatte darüber, ob ein Ehemann in einem Theaterstück (Pot Bouille) auf einen Ehebruch ohne große Empörung reagieren dürfe (Ma femme est votre maîtresse, gardez-la!), schrieb er am 15.1.1884 in der Pariser Zeitung Gil Blas dazu einen Artikel: Les Trois Cas. Darin argumentiert er, daß es durchaus verständlich ist, wenn ein Mädchen, das bereits im zarten Alter von 15 Jahren von ihren Eltern an einen ungeliebten Mann verheiratet werden kann, diesen eines Tages mit dem Mann ihres Herzens betrügt.

    Zuletzt könnte man zum Thema „brennende Autos“ noch einwenden, daß unter den Brandstiftern auch Pyromanen sein können, einfache Gewalttäter (casseurs) oder auch Leute, die für ihr altes Auto eine Versicherungsprämie kassieren wollen, doch das schmälert den Wert des verstehenden Ansatzes nicht. Dieser besagt, daß es „verständlich“ ist, daß jemand, der in der Fremde lebt und unter dem Verlust einer Heimat leidet, seine Gefühle auf diese Weise ausleben kann.

    Allen Freunden von dot.com – Autoren wie Lesern – wünsche ich ein fröhliches und friedliches Neujahrsfest und ein erfolgreiches Neues Jahr 2019!
    Geändert von Friedrich (31.12.2018 um 02:28 Uhr)

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