1. #1
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    Gang am Neujahrstag


    Gang am Neujahrstag


    Letzte Zecher in der Früh gegangen.
    Bleiern schichten sich die Wolken.
    Minuskälte vor der Tür.
    Wind treibt Nebelschwaden
    schleiertanzend einen Berg hinan,
    hascht, fängt jeden Zipfel,
    hüllt den Wald hoch bis zum Gipfel
    in ein nieselfeuchtes Weiß.
    Kiefern- Fichtenstämme schwanken,
    taumeln wie betrunken hin und her,
    ihre Silhouetten driften immer mehr,
    immer weiter weg, schwinden,
    bis mein Blick im Niemandsland.

    Rauer nun das Rauschen,
    ähnlich dem bei Sturm am Meer.
    Tanz von Bäumen wird riskanter.
    Seh mit einem Male
    schaumgekrönte weiße Wellen,
    wie vom Wind gewollt.
    "Undurchschaubar wie das neue Jahr",
    geht mir durch den Sinn.
    "Wie anders wäre diese Szene,
    wenn die Sonne schiene?"

    Immerhin hat jedes Jahr
    zumindest zwei Gesichter,
    wie Janus, der Gott;
    eines für Dunkles,
    ein anderes für Licht,
    für Anfang und Ende.
    Geändert von Carolus (02.01.2019 um 17:17 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Carolus,

    da wird viel und vieles über schlechte Texte geredet...während gleichzeitig gute, wie der deine, untergehen. Da ist jemand mit wachen Augen dem neuen Jahr entgegen spaziert. Dein Text wirkt auf mich erfrischend unverbraucht. Das heißt nicht, dass ich kein Haar in der Suppe finden konnte. Eine Vers-Endung wie
    bis mein Blick im Niemandsland.
    habe ich einfach und gerne übersehen.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  3. #3
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    Lieber Carolus,
    "bis mein Blick im Niemandsland" würde ich leicht verändern, vielleicht so: "wie mein Blick ins Niemandsland".
    Ansonsten: Deine typische "Handschrift" scheint durch Deine Verse und zeigen mir, dass eine gute Beobachtung der Natur schon fast von selbst ein gutes Gedicht entstehen lässt und nur der "Veredelung" (z.B. durch Deine verwendeten Alliterationen) bedarf.
    Dieses stimmungsvolle Gedicht habe ich zum Jahresbeginn gern gelesen!
    Liebe Grüße,
    Heinz

    PS. A propos Alliterationen: Wäre es denkbar für Dich, aus dem Vers "wie Janus, der Gott;" so einen zu machen: "wie Janus, jener Gott;" ?

  4. #4
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    Hallo AndereDimension,

    herzlichen Dank für dein besonderes Lob ("Dein Text wirkt auf mich erfrischend unverbraucht."). Gerade dieser Satz ging mir nahe, berührte er doch eine meiner Vorstellungen, was brauchbare Lyrik leisten sollte. Ich freue mich diesbezüglich über jeden kleinen Fortschritt und gehe diesen Weg gerne weiter.

    Natürlich weiß ich als Verfasser, dass nahezu jedes Gedicht von mir noch treffender formuliert, rhythmisiert, insgesamt noch überzeugender gestaltet werden könnte. Das Schreiben ist somit ein Prozess, um dem Wesen der Lyrik und zugleich sich selbst Stück für Stück näher zu kommen.
    Dass du dich an der Zeile "bis mein Blick im Niemandsland." stören würdest und sie großzügig "übersiehst", spricht für die Souveränität des Kritikers. Ich hab gespürt, diese Formulierung ist noch nicht "das Gelbe vom Ei", aber ich hatte beim Schreiben keine bessere und keine Geduld,
    also ließ ich sie einfach stehen, was natürlich die falsche Reaktion beinhaltete.

    Freundlichen Gruß
    Carolus



    Lieber Heinz,

    du weißt ebensogut wie ich, was ein Lob aus berufenem Mund (zum Jahresbeginn gern gelesen!"), verbunden mit profundem Rüstzeug, für den Empfänger bedeutet: Freude und Ermunterung, beim nächsten Mal ähnlich Gutes bzw. vielleicht noch Besseres zu liefern.
    Treffend formulierst du, und hier fühle ich mich voll verstanden, "dass eine gute Beobachtung der Natur schon fast von selbst ein gutes Gedicht entstehen lässt." In der Tat: Die Natur liefert eine Fülle existentieller Themen, deren Gleichnisform sich dem Betrachter durch genaue Beobachtung, Eingebungen und Nachdenken fast wie von selbst erschließt.

    Zwei Änderungsvorschläge deinerseits möchte ich gerne übernehmen:
    - "wie mein Blick ins Niemandsland".
    - "Wie Janus, jener Gott;"
    Schmunzeln musste ich bei dem Doppelgesichtigen, hatte ich doch die Alliteration "wie Janus, jener Gott" im Manuskript und auch in der ersten Wiedergabe des Textes. Warum ich das geändert habe, kann ich nicht mehr genau feststellen.

    Ein herzliches Dankeschön für deine Mühe!
    Liebe Grüße
    Carolus

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