1. #1
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    Relativitätstheorie

    Ich schlief und träumte letzte Nacht,
    du seist ein Traum, nichts als ein Traum,
    und ich erschrak und bin erwacht
    und war allein in Bett und Raum.

    Du warst nicht da, dein Anzug hing
    verstaubt im großen Schrank.
    In meiner Brust, das Flickending,
    riss auf und ich ertrank

    im Wissen um den Traum im Traum,
    der Ahnung einer Wirklichkeit,
    in der Geträumtes Gnadenzeit

    und das Gelebte Schaumrest ist,
    ein Krönchen auf dem Wellenkamm
    im Meer, in dem ein Steinchen schwamm.
    Wir lesen uns!

  2. #2
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    Hallo Isaban,

    rhythmisch und klanglich für mich ein sehr schönes Gedicht. Ich habe nicht vor auf inhaltliches einzugehen. Aber ich möchte anmerken, dass mir, trotz der Sonettform, ein klangliches Abschlussbild für das "ist" fehlt. Während der Traum mit Raum und einem anderem Traum im selben Vers ein Ende bekommt, fehlt es eben doch beim Ist und das stößt mir sauer auf.

    Liebe Grüße

  3. #3
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    Liebe Sabine,

    der Titel kommt arg theoretisch rübern und kontrastiert zu dem gefühlvollen und nachdenklichen Inhalt. Ansonsten mag ich dieses Sonett im Verwirrspiel um Traum und Wirklichkeit sehr. Das solitäre IST (vom Miaukuh oben moniert) habe ich eher als Rafinsse wahrgenommen, natürlich ragt es heraus, dieses 'so ist es und nicht anders' wird durch den Schaumrest relativiert. Der Reim ist ja da, nur ist er ins Versinnere gewandert.
    Auch das Flickending, für das man sich andernorts weniger erwärmen konnte, mag ich sehr, weil es so anschaulich ist. Auch damit brichst du aus dem Übrigen, recht sachlich gehaltenen, ein wenig aus, zwar nicht reimtechnisch, aber doch bildlich!
    Der Anzug, der verstaubt im GROßEN Schrank hängt deutet darauf hin, dass LD schon lange abwesend ist und immer noch vermisst wird, in diesem Vermissen zugleich auch immer noch da ist, die Verbindung nicht gerissen auf einer anderen Ebene tragfähig und auf ihre Art real ist.
    Das Enjambement mit dem du aus dem 2. Quartett ins 1. Terzett gleitest ist auch eines meiner Highligts . Und überhaupt wieder sehr gekonnt, wie du mit Sprache, ohne sie zu verbiegen (Klang-)Effekte erzielst, etwa das schrittweise Aufwachen in S1 durch die Häufung der UND abbildest:
    und ich erschrak und bin erwacht
    und war allein in Bett und Raum.
    Zum Schluss möchte ich noch das schwimmende Steinchen erwähnen, das so viel Raum für eigene Überlegungen lässt, darüber wie physikalische Gesetze einfach ausgehebelt werden, oder doch nicht, das Steinchen eben nicht schwimmt, sondern nur so aussieht als ob und in einer anderen Ebene etwa vom Wellengang hochgewirbelt wird ...?

    Sehr überzeugend und ein Lesegenuss für mich!

    Liebe Grüße
    mona

  4. #4
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    Hallo mona,

    Zitat Zitat von monalisa Beitrag anzeigen
    Das solitäre IST (vom Miaukuh oben moniert) habe ich eher als Rafinsse wahrgenommen, natürlich ragt es heraus, dieses 'so ist es und nicht anders' wird durch den Schaumrest relativiert. Der Reim ist ja da, nur ist er ins Versinnere gewandert.
    meinst du den Reim auf "Rest" also "ist" / "Rest"? Das ist mir zu dicht dran, es schlägt klanglich direkt nach. Wie "Haufen, saufen, kaufen".
    Oder meintest du sogar von weiter vorher "wissen" / "riss"?

    Für mich fehlte irgend ein Pendant in die Richtung noch nach dem "ist", aber nicht zu dicht daran.
    Das war jedenfalls mein allererster Leseeindruck, weil alles sonst so schön und rund klang, war hier doch irgendwie etwas für mich fehlend.

    Worte hallern nach, "vor hallern" können sie nicht.

    Wenn also für zwei Vers-Enden hier Reime verwaisen, ("Traum" und "ist"), dann hat das entweder für mich einen schönen Klang, - wie bei Traum, Traum, Raum der Fall, weil es dicht genug zusammen fällt, wieso auch immer! -

    wirkt "rest" und "ist" selbst zusammen mit "wissen" und "riss" aus den Versen davor zu fern und eben nicht klanglich wohl geordnet.

    Aber, hey, mal ehrlich: ich weiß auch, dass ich sonst nichts ausszusetzen habe und das ist im Moment für mich schon ein großes Lob.
    Deswegen soll das hier ja auch so zu verstehen sein:
    Es liest sich nicht nur rhythmisch, sondern auch klanglich, bis auf die "ist" stelle, für mich rundum sehr angenehm.
    Damit vergebe ich dem Gedicht mein Prädikat: wohlklingend.

    Worüber ich mich dennoch wunderte, aber die kommende Kritik gilt für viele Sonette aus heutigen Federn:
    Warum ist das hier in einer Sonettenform?
    Beispielsweise in der ersten Strophe ist offensichtlich, dass jemand, der erwacht, auch in irgendeiner Form von Raum ist.
    Hier ist das Wort dem Reim schuldig geworden, aber nicht dem Sinn, denn diese Information, dass es sich eben um einen Raum handelt, ist völlig logisch und nicht erwähnenswert und damit unnötig, könnte also wegbleiben und würde einen Reim freigeben.

    Aber das ist für mich schon das Sezieren eines Gedichtes, das gar nicht tot ist und deswegen nicht seziert werden muss.

    Mir hats Spaß gemacht, es zu lesen.

    Das Reimschema der Strophen ist:

    abab cdcd bee fgg

    Vielleicht störte mich, dass b (aum) bei drei Vers-Endungen im Gedicht vorkommt, während f (ist) nur einmal vorkommt.
    Es ist zudem die paarweise Symmetrie verletzt, was mich vielleicht auch stört.

    Liebe Grüße
    Geändert von MiauKuh (09.01.2019 um 09:58 Uhr)

  5. #5
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    Entschuldige Miaukuh, da habe ich mich wohl nicht klar genaug ausgedrückt.
    Der Reim zum Traum wurde vorgezogen und findet sich im SCHAUMrest im Versinneren, und ich mag gerade diese Abweichung von der Regel. Das ist natürlich Geschmacksache, aber dass es hier nicht ganz rund läuft, ergibt für mich durchaus Sinn und macht für mich gerade das Besondere an dem Sonett aus.

    Liebe Grüße
    mona

  6. #6
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    Der Text wirft für mich die Frage auf warum er sich so leicht zerreden lässt? Hat sein kaum greifbares Thema in Verbindung mit einfachster Wortwahl etwas in uns ausgelöst dem wir schwer etwas entgegensetzen können was uns in Relation zu dieser Relativitätstheorie des menschlichen Lebens hält? Wie eben dieses Wissen um den Traum im Traum der Ahnung einer Wirklichkeit unserem Texterlebnis zu gleichen hat?
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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