Thema: Beim Nussbaum

  1. #1
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    Beim Nussbaum

    Sie haben wirklich keine Müh gescheut,
    die Vogelfreunde bei der Futtergabe,
    damit auch jedes Tier zu fressen habe.
    Die Körner liegen überall verstreut
    im Schnee und mittendrin die Vogelschar,
    beobachtet von einem Augenpaar.
    Zuoberst auf dem Nussbaum sitzt ein Rabe.

    Am lautesten benehmen sich die Spatzen;
    es herrscht ein Kampf um jedes Futterkorn:
    Sie flattern wild am Boden rum und schwatzen.

    Derweil gelingt es einem Amselmann
    – den Federn nach ein ziemlich alter Knabe –
    sich vollzufressen. Er verschwindet dann.

    Minuten später nähert sich von vorn
    ein Gimpelweibchen, sachte, und es kann
    sein Bäuchlein füllen, denn man lässt es ran.
    Es kriegt nichts ab von all dem Spatzen-Zorn.

    Das grosse Fressen ist noch voll im Gang,
    und keiner schert sich um die Sicherheit,
    da schleicht der Kater am Gestrüpp entlang.
    Er macht sich zum finalen Sprung bereit.
    Ein Krächzen nur, mitnichten ein Gesang,
    vereitelt hoch vom Nussbaum Katers Fang.
    Kein Vogel ist zu sehen, weit und breit.

    Hi, i / gugol
    Geändert von Gugol (10.01.2019 um 10:15 Uhr) Grund: Änderung am Text, Ursprungsfassung in Beitrag #4

  2. #2
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    Die Anmerkung musste ich nicht lesen - ich erriet es beim zweiten Raben. Allerdings stimmt es so nicht ganz, da dir für Rilkes Reimschema in der 1. Strophe ein Vers fehlt.

    Das ist ein Gedicht, das mMn hervorragend die Bedeutung von Textgestaltung näherbringen kann: Bei Rilke erfüllen das Reimschema, die metrische/rhythmische Wandlung sowie die Versepipher einen Zweck, und zwar ein unbewusstes Gefühl, tatsächlich einem Karussell beizuwohnen. Die Refrain-Verse hier haben diese Wirkung nicht, die Wiederholung scheint eher fehl am Platz und lästig.
    Ein wenig schade finde ich es schon, denn deine eigene metrische und rhythmische Gestaltung ist hier ausgezeichnet und auch passend für den Inhalt, die steigende Spannung und eine Handlung. Die Verswiederholungen dagegen fühlen sich leblos an.

    mfG

  3. #3
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    Hey Dr. Üppig, danke für dein Interesse an dem Text. Uups, wo ist denn dieser achte Vers in S1 verloren gegangen? Das muss ganz am Anfang passiert sein. Nun denn, es soll ja keine Nachahmung des Rilke-Gedichts sein, ist auch kein eigentliches Ding-Gedicht wie das Karussell, weil nicht der Nussbaum beschrieben wird, sondern das, was sich in der Nähe abspielt. Der Hinweis auf Rilke steht ohnehin nur da, damit nichts nach "geklaut" aussieht. Genau, der immer wiederkehrende Elefant ist mit der Drehung des Karussells natürlich als Bild gegeben. Die Wiederholung hier soll dagegen mehrfach auf den stillen Beobachter aufmerksam machen, der am Ende die entscheidende Rolle spielt.
    Wir könnten ohne Weiteres auf die Anlehnung an das übernommene Reimschema verzichten und diese wiederholten Verse rausnehmen (nun wo in S1 ein Vers fehlt erst recht), denn Form in Ehren, aber der Inhalt/unsere Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und die scheint ja erfreulicherweise anzukommen. Wir werden drüber nachdenken. Merci und LG gugol
    Geändert von Gugol (04.01.2019 um 23:17 Uhr)

  4. #4
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    Hi Dr. Ueppig, danke fuer deinen fachkundigen Kommentar. Nach einiger Beratung entschliessen wir uns, deiner Argumentation zu folgen, obwohl wir in unserer Refrainzeile aehnlich wie bei Rilke durchaus eine Funktion sehen: Rund um den Nussbaum ist ein Kommen und Gehen, herrscht ein Treiben, das in drei Strophen beschrieben wird. Der Rabe auf dem Baum dagegen ist der ruhende Pol durch das Gedicht hindurch und duerfte deshalb wiederholt werden.

    Wir entscheiden uns trotzdem dagegen, weil wir es grade sehr verlockend finden, zugunsten einer uebberraschenden Pointe den Raben erst am Ende wieder ins Spiel zu bringen, nachdem er in S1 nur am Rande erwaehnt worden war. LG Hi, i & gugol

    Wir haengen die Ursprungsfassung hier an, damit die Diskussion nachvollziehbar bleibt:

    Beim Nussbaum

    Sie haben wirklich keine Müh gescheut,
    die Vogelfreunde bei der Futtergabe,
    damit auch jedes Tier zu fressen habe.
    Die Körner liegen überall verstreut
    im Schnee und mittendrin die Vogelschar,
    beobachtet von einem Augenpaar.
    Zuoberst auf dem Nussbaum sitzt ein Rabe.

    Am lautesten benehmen sich die Spatzen;
    es herrscht ein Kampf um jedes Futterkorn:
    Sie flattern wild am Boden rum und schwatzen.

    Derweil gelingt es einem Amselmann
    - den Federn nach ein ziemlich alter Knabe -
    sich vollzufressen. Er verschwindet dann.

    Und oben auf dem Nussbaum sitzt der Rabe.

    Minuten später nähert sich von vorn
    ein Gimpelweibchen, sachte, und es kann
    sein Bäuchlein füllen, denn man lässt es ran.
    Es kriegt nichts ab von all dem Spatzen-Zorn.

    Und oben auf dem Nussbaum sitzt der Rabe.

    Das grosse Fressen ist noch voll im Gang,
    und keiner schert sich um die Sicherheit,
    da schleicht ein Kater am Gestrüpp entlang.
    Er macht sich zum finalen Sprung bereit.
    Ein Krächzen nur, mitnichten ein Gesang,
    vereitelt hoch vom Nussbaum Katers Fang.
    Kein Vogel ist zu sehen, weit und breit.

    Reimschema in Anlehnung an Rilkes “Das Karussell”

  5. #5
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    Zitat Zitat von Hi, i
    Der Rabe auf dem Baum dagegen ist der ruhende Pol durch das Gedicht hindurch und duerfte deshalb wiederholt werden.
    Das ist selbstverständlich eine legitime Gestaltungsintention. Immerhin habe ich ja nur eine Meinung präsentiert, und ich erhebe keinen Anspruch auf unbedingte Gültigkeit. Ich persönlich sehe die Wiederholungen eher als ein Bewegungsmoment, weniger als Ruhepol, aber, wie gesagt, kann und darf das durchaus auch anders betrachtet werden.

    Außerdem muss ich meine ursprüngliche Meinung relativieren: Eine Wiederholung gegen Ende wäre meiner Ansicht nach inhaltlich gerechtfertigt, sodass nach einigen Versen wieder auf den Raben aufmerksam gemacht wird.

    mfG

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