Spaziergang

Der Drang nach Freiheit, die Lust auf Natur, der Genuss des Augenblicks, Erlebnis, Ruhe - Selbstfindung. Ohne Ziel beginnt meine Reise, mal bergauf und mal bergab. Im Gepäck eine Flasche Wasser und die Hoffnung einen Ort zu finden, an dem ich den Moment genießen kann.

Leichtfüßig lasse ich Teerstraßen und Ortsschilder hinter mir, den Blick auf einen unbekannten Hügel in der Ferne gerichtet. Ein Stück dahingeschlendert, trifft mich plötzlich der Gedanke, dass sich meine Hoffnung auf der Spitze des Hügels befindet.
Spontan erhöhe ich die Geschwindigkeit, um das Ziel schneller zu erreichen. Der Genuss des Augenblicks erwartet mich auf dem Hügel - ich muss mich beeilen. Mein Spaziergang muss Sinn ergeben! Ich überspringe Hindernisse, als wären sie keinerlei Beachtung wert.

An zu Vielem laufe ich vorbei, ohne es wahrzunehmen. Schweißtropfen rinnen mir in die Augen und trüben die Sicht. Das Atmen fällt schwerer. Meine Hoffnung die Spitze des Hügels zu erreichen? Noch immer weit entfernt. Je länger ich zu dem Hügel laufe, desto mehr wird er zum Berg.

Langsamen Schrittes nähere ich mich einer alten Steinbank, die mir von einer kleinen Anhöhe aus zulächelt. Auch ich schenke ihr ein Lächeln, und etwas von meiner Zeit. Ich setze mich zu ihr und genieße den Moment.

Gefühlvoll und sanft streicht der Wind über meinen Körper. Er kühlt den Schweiß. Kalte Schauer laufen ziellos über den Rücken. Gänsehaut überkommt mich. Sinnlichkeit ist erwacht. Kleinste Veränderungen werden wahrgenommen. Jedes Härchen spürt, wie es zärtlich umspielt wird. Bäume und Gräser neigen sich in harmonischem Durcheinander. Wolken gleiten schwerelos am Horizont und ändern scheinbar beliebig ihre Gestalt. Ruhig und doch in ständiger Bewegung zieren sie den tiefblauen Himmel. Voller Vertrauen treiben sie in die Unendlichkeit, mit dem Ziel, Wasser und Leben zu schenken. Behutsam und voller Schönheit brechen einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Das Licht betrachtet sein Spiegelbild im Quarz des Granits und gibt ihm dafür Farbe, Glanz und Wärme. Die Sitzfläche verwandelt diese Geschenke voller Mitgefühl in Wohlbefinden für Rastlose. Ausgeruht und mit neuer Kraft wird man die Steinbank verlassen.

Ich schließe die Augen und höre den Gesang, das Heulen und das Toben des Windes. Ich höre das unruhige, doch gleichmäßige Rauschen von Blättern, die zu seiner stürmischen Melodie tanzen. Ich höre unzählige Wassertropfen, einen Fluss - ich höre das Meer. Ein Regenbogen präsentiert stolz seine Farbenvielfalt vor dem Dunkel des Himmels.

Ein Fremder rüttelt mich. Hektisch bewegt er seine Lippen. Entweder sagt er nichts, oder ich kann ihn nicht verstehen. Er zeigt nach oben und ich stelle fest, dass es in Strömen regnet. Ich werde den Hügel heute nicht mehr erreichen.

Dankbar verabschiede ich mich vom Gestein und fülle meinen Rucksack mit neuer Hoffnung. Ein letztes mal blicke ich zurück, auf den wachsenden Berg. Unerreichbar scheint er zu sein, umhüllt von grauem Nebel. Ich schenke ihm ein Lächeln und genieße die Heimreise im Regen.

Der Weg ist das Ziel.

Lightning