1. #1
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    Eichendorff - Wünschelrute

    Eichendorff: Wünschelrute

    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    Die da träumen fort und fort,
    Und die Welt hebt an zu singen,
    Triffst du nur das Zauberwort.

    Auf dieses Eichendorff-Gedicht stieß ich, als ich GEOs Beitrag Die lyrische Eingangspforte las. Seine dort gegebene Interpretation finde ich nicht überzeugend, weshalb ich nun meine eigene hierzu präsentieren möchte.

    GEO assoziiert mit der Zeile „Schläft ein Lied in allen Dingen“ Technik und Atomkraft. Eichendorff kann letztere unmöglich gemeint haben, denn zu seiner Zeit gab es diese noch nicht. Hinzu kommt, daß Romantiker dem technischen Denken gegenüber allgemein kritisch eingestellt waren, warum sollten sie diesem ein Lied singen?

    Daß ein Lied in Musikinstrumenten „schlafen“ könne, ist zwar ein schöner Gedanke, denn ein Instrument erwacht ja beim Bespielen quasi zum Leben, doch ist es der Musiker, der das „Lied“ hineinbringt, er findet es nicht im Instrument. Ohne Musiker ist das Instrument tot.

    Dem Hinweis auf Interpretationen im Netz bin ich nachgegangen aber nicht sehr glücklich damit geworden. Die Interpretationen, die ich dort fand, sind zumeist von Leuten, die das Interpretieren so betreiben, daß es den Ansprüchen der akademischen Literaturwissenschaft genügt. Letztere ist eine Wissenschaft und das bedeutet, daß man ein wissenschaftliches Verständnis von Sprache und Dichtung hat. „Schlafende Lieder“ und „träumende Dinge“ sind dem wissenschaftlichen Denken jedoch nicht zugänglich.

    Interpretieren bedeutet „vermitteln“. Der Interpret macht dem Leser eines Gedichtes etwas verständlich, das ihm ohne seine Hilfe so nicht zugänglich ist. Das bedeutet nicht, daß der Interpret persönliche Assoziationen zu den im Gedicht verwendeten Begriffen von sich gibt, sondern vielmehr, daß er die Aussage des Gedichts auf der Grundlage einer gemeinsamen Erfahrung dem Leser oder Hörer nahebringt.

    In „Wünschelrute“ beschreibt Eichendorff eine Erfahrung von Sprache, die ganz anders ist als die bei uns allgemein vorherrschende von wissenschaftlichen Theorien geprägte.

    Man sagt, der Mensch drücke seine Gedanken mit Sprache aus. Er sei das Subjekt, die Sprache das Mittel und das Gesagte oder Geschriebene ein Objekt. Dieses läßt sich mit Hilfe von Wörterbuch und Grammatik beschreiben. Da man jeden Satz in eine fremde Sprache übersetzen kann, folgert man, daß das in ihm Gemeinte auch unabhängig von der jeweiligen Sprache existiert. Die Linguistik lehrt uns die Theorie vom Sender und Empfänger. Der Sender verschlüsselt (codiert) seine Botschaft mittels Sprache und verlautbart diese. Der Empfänger vernimmt sie, entschlüsselt sie und weiß dadurch, was der Sender gemeint hat.Das alles klingt logisch, entspricht aber nicht der Erfahrung der Sprache.

    Stellen wir uns vor, wir träfen einen Buchdrucker vor seinem Setzkasten und bäten ihn, uns doch einen Gedanken zu codieren. „Welchen“ wird er fragen. „Irgendeinen“ so unsere Antwort, „Hauptsache, er ist uncodiert“. „Ich habe nur codierte Gedanken im Kopf“ wird er sagen. „Und wer hat diese codiert?“, fragen wir. „Niemand!“ „Jetzt drehe ich den Spieß aber um“, erwidert daraufhin der Setzer. „Ich drucke euch einen sprachlich verschlüsselten Satz und ihr sagt mir dann, was übrigbleibt, wenn ihr ihn vom Code befreit habt.“ - „Nichts!“

    Alles, was wir denken, sagen und schreiben ist schon Sprache. Jenseits der Sprache ist nichts. Es gefällt uns Menschen zu denken, wir seien die Macher und die Sprache sei ein Mittel, dessen wir uns bedienen. Tatsächlich ist es aber so, daß die Sprache der „Macher“ ist und der Mensch der Ort, in dem sie agiert.

    Dichter und Schriftsteller kennen das Phänomen der "Schreibblockade". Es fällt ihnen nichts ein, jedenfalls nichts Brauchbares. Wenn der Mensch Subjekt, also Macher wäre, gäbe es so etwas nicht. Ein Handwerker kennt keine kreative „Blockade“.Aus der Erfahrung wissen wir auch, daß uns erst später etwas einfällt, das wir bei einer Diskussion gut hätten sagen können. Wann und ob uns etwas einfällt, ist nicht von unserem Willen abhängig, es geschieht – zuweilen auch nicht.

    Für Eichendorff bedeutet Dichten nicht das Herstellen eines Gedichtes anhand von Wortschatz und Grammatik, sondern das Hören, auf das, was die Dinge ihm sagen könnten. Wie ein Wünschelrutengänger – deshalb auch der Titel des Gedichts – geht er umher und spürt instinktiv, daß er fündig werden könnte. Die Dinge halten mit ihrem „Lied“ jedoch an sich. Es bedarf einer Art Initialzündung, damit das Gedicht im Dichter entstehen kann. Das ist die Bedeutung des „Zauberworts“. Dieses gilt es zu „treffen“ wobei „treffen“ nicht ein Abschießen wie mit einem Gewehr bedeutet, sondern begegnen. Das Zauberwort begegnet ihm so, wie man einen Freund auf der Straße trifft - unvorhergesehen. Ohne diesen magischen Anfang entsteht kein Gedicht. Das Gedicht ist auch kein sprachliches Produkt, das der Dichter am Ende auf einen Gegenstand „projiziert“, es entsteht vielmehr in der Begegung mit dem „Ding“, so als wäre es „schlafend“ immer schon in ihm gewesen.

    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    Die da träumen fort und fort

    Übrigens sprach auch ein anderer romantischer Dichter, nämlich Novalis (1772 – 1801), von einem „geheimen Wort“, das der Auslöser für eine neue geistige Welt ist. In dem Gedicht: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ heißt es am Schluß:

    (Wenn) man in Mährchen und Gedichten
    Erkennt die wahren Weltgeschichten,
    Dann fliegt vor Einem geheimen Wort (!)
    Das ganze verkehrte Wesen fort.

    Sollte ich ein Beispiel für das verborgene „Lied in allen Dingen“ nennen, dann fällt mir - wohl angesichts der jetzigen Jahreszeit - die Geschichte „Der Tannenbaum“ von Hans Christian Andersen (1805 – 1875) ein. In diesem Märchen singt uns ein Tannenbaum auf ergreifende Art und Weise das Lied seines Lebens.


    Weiteres zum Thema Erfahrung von Sprache:
    Und wozu Dichter ... ?
    Zu romantischer Dichtung:
    Die blaue Blume (Novalis)
    Zu Hans Christian Andersen:
    Stille Tage in Kerteminde

  2. #2
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    Hey Friederich,

    zunächst mal ein großes Dankeschön für die Arbeit, welche du dir da gemacht hast. Absolut Top!

    GEO assoziiert mit der Zeile „Schläft ein Lied in allen Dingen“ Technik und Atomkraft. Eichendorff kann letztere unmöglich gemeint haben, denn zu seiner Zeit gab es diese noch nicht. Hinzu kommt, daß Romantiker dem technischen Denken gegenüber allgemein kritisch eingestellt waren, warum sollten sie diesem ein Lied singen?
    Du unterliegst da einem Missverständnis. Lies mal den Hinweis direkt unter dem Kommentar zum Gedicht, dann wird die Intention klarer. Eventuell sollte ich die entsprechende Stelle noch etwas hervorheben (Hab es mal rot markiert). Keine der Kommentare von dort bezieht sich streng auf den geschichtlichen Kontext, oder die direkte Intention der Autoren. Das war ganz ausdrücklich so gewollt.

    Die Möglichkeit der Freistellung von Kunst aus ihrem geschichtlichen Kontext ist eine ganz wichtige und schöne Eigenschaft von Kunst im Allgemeinen. Texte und sogar Musik werden immer wieder neu interpretiert und in die heutige Zeit übersetzt. Nur so bleiben die Werke der Vergangenheit lebendig. Sogar Johann Wolfgang Goethe wurde schon zitiert, wenn es um den strahlenden Abfall von Atomkraftwerken geht (Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los...).

    Der zeitliche Kontext ist hingegen interessant, wenn man sich für die Künstler und Epochen von damals interessiert und die Begleitumstände verstehen will (Dafür sind klassische Interpretationen gut und wichtig).

    lg
    geo
    Geändert von GEO (08.01.2019 um 20:12 Uhr)
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  3. #3
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    Hallo GEO

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Nein, ich habe Dich nicht mißverstanden und Deine Intention in bezug auf das Thema auch gelesen. Ich hätte meine Interpretation auch schreiben können, ohne Deinen Namen zu nennen und ohne einen Link zu Deiner Arbeit einzufügen. Ich habe es deshalb getan, weil ich der Meinung bin, daß Du da insgesamt einen sehr lesenswerten Beitrag geliefert hast. (Die Anzahl der Clicks zeigt ja auch, daß er reges Interesse gefunden hat.

    Mein Ansatz ist nicht derselbe wie Deiner. Man kann das feststellen, ohne den eigenen damit zu verabsolutieren. Du nennst meinen Ansatz einen, der "aus dem zeitlichen Kontext" heraus interpretiert. Ich denke, das trifft es nicht. Allein den zeitlichen Kontext herzustellen, in dem ein Werk entstanden ist, schafft eine gewisse Distanz zu diesem - damals waren die Umstände anders als die heutzutage. Ich würde meine Art zu interpretieren eher "textimmanent" oder auch "hermeneutisch" nennen. Im aktuellen Fall könnte man ihn auch "praktisch" nennen.

    Professoren der Literaturwissenschaft sind selbst keine Dichter. Käme ein Student zu ihnen mit der Bitte, ihm das Dichten zu lehren, bekäme er wohl zur Antwort: "Bei mir sind Sie hier an der falschen Adresse, ein Kunsthistoriker kann schließlich auch nicht malen". Ginge er nun zu Eichendorff, so könnte dieser ihm sagen: "Lies meine Wünschelrute". "Die verstehe ich leider nicht, sagen Sie es mir doch einmal in Prosa". "Nun", so könnte er fortfahren, "suche Dir einen Gegenstand, von dem Du glaubst, daß er Dir etwas zu sagen hat (Wünschelrute). Warte solange, bis er sich plötzlich auftut (Zauberwort), schreibe dann auf, was Dir der Gegenstand mitteilt und höre nicht auf, bevor Du nicht sicher bist, daß nichts mehr kommt". Diese Kurzform des Gedichts in Prosa ist meine Interpretation. Dabei sieht man allerdings auch deutlich, wie unendlich viel schöner die poetische Originalform ist.

    Insgesamt bin ich ja schon froh, daß es in unserer smartphonesüchtigen LRS-Gesellschaft überhaupt noch Leute gibt, die sich für Lyrik und Literatur interessieren und sich darin auch praktisch erproben. Ob sie dabei nun Deine oder meine Art der Interpretation bevorzugen, ist in diesem Sinne von untergeordneter Bedeutung.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  4. #4
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    Ich denke, dass vor allem der Begriff der Aura (Benjamin) auch in Lyrik eine Bedeutung hat.
    Gerade Menschen mit Synästhesie haben nochmal einen komplett differenzierteren und sensibleren Zugang zur Sprache.
    Schläft ein Lied in allen Dingen, heißt ja, dass etwas Gutes in allem liegt.


    vlg ev

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