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    Bienchen und Blümchen

    Bienchen und Blümchen

    Voller Mut lief er hinaus, Richtung Wald.
    Die Angst wollte er hinter sich lassen. Alles schien normal.

    Es war ein warmer Sommertag. Vereinzelte Wolken durchzogen das tiefe Blau des Himmels. Im Wald angekommen, fühlte er sich befreit. Es war der erste Spaziergang, nach 9 Jahren Einsamkeit in seinem Zimmer. Das chaotische Lied der Vogelgesänge war lauter als normal, und auch die Bäume wirkten höher, als er es gewohnt war. In diesem Moment fühlte er sich, als würde er gemeinsam mit den Bäumen wachsen. Die Welt um ihn erschien größer, aber zugleich auch kleiner als sonst. Er überlegte bei sich, ob die lauten Töne durch seine Krankheit verzerrt waren, oder ob er nur die Normalität nicht mehr gewohnt war.

    Einige Minuten waren verstrichen, als er ein leises Hintergrundrauschen vernahm. Es gab ihm das Gefühl, von einer höheren Macht umgeben zu sein. Er war sich nicht sicher, ob diese Macht gut oder böse war, aber es schien, als wäre Alles miteinander verbunden.

    Sein Blick traf auf vereinzelte Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch das Geäst der Baumwipfel fanden, und sich in den Staubteilchen brachen, die fröhlich durch die Luft tanzten. An manchen Stellen entstand der Eindruck von Nebel. Nadelbäume schienen eine Art Dunkelheit auszustrahlen, Laubbäume hingegen, erschufen eine freundliche, helle Atmosphäre. Zielgerichtet bewegte er sich in die Richtung der freundlicheren Zeitgenossen. Wenn es eine helle und eine dunkle Macht geben würde, würde er den Zeichen der hellen Macht folgen.

    Ein leichter Wind strich über seinen Körper. Das Laub unter seinen Füßen knirschte. Überall um ihn war ein leises Rascheln zu vernehmen. Anfangs fand er Gefallen, an dem beruhigendem Rauschen und Rascheln von Blättern und Wind. Er bewegte sich in gleichmäßigem Takt, und spielte mit dem Knirschen seiner Bewegung. Alles fügte sich zusammen, zu einem Lied, gefüllt mit positiver Energie.

    Durch lautes Gezwitscher und schnellen Flügelschlag wurde seine innere Ruhe durchbrochen. Das Rauschen des Windes änderte sich blitzartig zu einer gefühlten Bewegung des Schattens. Das Rascheln von Blättern wurde zu einer unübersichtlichen Anzahl von kriechendem Ungeziefer aus den Tiefen der Hölle. Das Ungeziefer war auf der Suche nach Tod – und auf der Suche nach ihm.

    Angsterfüllt rannte er durch den Wald. Als schwarzer Schatten auf seiner linken Schulter sitzend, entdeckte er sein Schicksal, das ihm lachend Dinge ins Ohr flüsterte. „Du Feigling! Deinem Schicksal wirst du nie entkommen! Unwürdige Kreatur! Stelle dich!“

    Er versuchte, sein Schicksal von der Schulter zu schütteln, doch es funktionierte nicht. Er rannte schneller, aber auch das half nicht weiter. Je intensiver der Versuch, desto lauter das Lachen. „Die Schönheit der Dinge musst du erkennen! Fliehe nicht vor dir Selbst!“. Erschöpft blieb er stehen und dachte über die Worte des Schicksals nach. Er wird nicht entkommen. Er kann nicht vor sich selbst fliehen.

    Während dieser Erkenntnis, flog eine Biene gemächlich auf eine Blüte, die mit ihrer Pracht eine Pflanze vor ihm schmückte. „Die Schönheit der Dinge soll ich erkennen…“ – der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Es schien, als wolle ihn die höhere Macht auf seine Blindheit bezüglich der kleinen Dinge des Lebens hinweisen. Kleine Details und kleine Wunder, die man nur zu gerne übersieht.

    Er ließ sich neben der Blume auf dem Boden nieder, und beobachtete die Biene bei ihrer täglichen Arbeit. Alles schien plötzlich heller als zuvor. Eine Stimme sprach zu ihm: „Dies ist der göttliche Blick! Er wurde dir geschenkt, um die Schönheit zu erkennen.“

    Die Dunkelheit ließ er fürs erste hinter sich. Seine ganze Konzentration fiel auf die Biene und auf die Pflanze, die sich vor ihm erhob. Es dauerte sicher sehr lange, bis ein winziger Samen zu solch einer Blütenpracht heranwachsen konnte. Eine Biene wie diese, die sich direkt in seinem Blickfeld befand, trug wohl dazu bei, dass die Blume überhaupt das Licht der Welt erblicken durfte. Er betrachtete die Biene genauer.

    Jedes Härchen und jede Facette der Augen waren zu sehen. Die Beine wirkten auf einmal wie kleine Werkzeuge. Es gefiel ihm, wie das Bienchen behutsam Blütenstaub in ihren Taschen versteckte, und immer wieder mit den Vorderbeinen über Kopf und Fühler strich. Sachte summte sie vor sich hin. Sie schien froh und glücklich zu sein. Scheinbar grinsend änderte sie immer wieder ihre Position und erfreute sich an ihrem Tun. Nach ein paar Minuten schien die Arbeit getan, und das hübsche Tier zog weiter. Wie in Zeitlupe erkannte er jeden Flügelschlag und das gitterartige Muster der Flügel. Ein letztes Mal betrachtete er das eifrig arbeitende, schwarzgelbe Bienchen, und freute sich darüber, dass schon bald eine weitere Pflanze die Möglichkeit des Lebens als Geschenk erhalten würde.

    „Du bist auf dem richtigen Weg!“, sagte der Schatten auf der linken Schulter „aber es ist nicht genug!“.

    Voller Bewunderung wanderten seine Augen über die Pflanze, die nun scheinbar allein vor ihm Stand. Dank des ihm verliehenen Blickes, erkannte er, dass sich diverse kleine Tierchen auf der Pflanze tummelten. Er wusste nicht, ob sie sich von dieser ernährten, oder ob es sich um eine Art von Symbiose handeln würde. „Alles Leben schenkt Leben, auch im Tod!“, sagte die Stimme.

    Er widmete weiterhin seine völlige Aufmerksamkeit dem Gewächs. Es war wohl nicht einfach, sich von einem winzigen Samenkorn zu einer solchen Farbenpracht zu entwickeln. Wie eine von rot zu gelb verlaufende, strahlende Krone wurden die Blütenblätter vom Grün der Kelchblätter getragen. Insekten werden – wie jetzt auch er - von der Schönheit und dem Duft der Kronenpracht angezogen, und tragen neben dem Wind die Pollen der Blüten weiter. Nur wenn der Fruchtknoten einer Pflanze durch Blütenstaub befruchtet wird, kann diese Pflanze einen Samen entwickeln, der nur an geeigneten Orten, und nur mit den richtigen Bedingungen, die Entwicklung eines neuen Pflanzenwunders ermöglichen wird. Wie leicht könnte man die ganze Schönheit übersehen, und kleine Wunder mit Füßen treten.

    Als er sich von der Pflanze verabschieden wollte, erkannte er jedes kleine Detail. Es kam ihm vor, als würde er jede Pore und jede Faser erkennen. Er stellte sich vor, wie jedes kleine Staubkorn dieser Blüte zu neuem Leben erwachen würde. Während vor seinem inneren Auge eine Vielzahl von bunten Blumenwiesen das Licht der Welt erblickte, kamen ihm die Tränen. „Das ist es!“, sagte der Schatten. „Die höhere Macht erwartet, dass du die Schönheit der kleinen Dinge wieder zu schätzen lernst.“

    Nachdem er die gewonnenen Eindrücke einige Zeit sacken lies, lief er gedankenversunken weiter. Er versuchte, jede Pflanze auf diese Weise zu betrachten, doch schon wenige Minuten später gelang es nicht mehr. Der göttliche Blick war verschwunden. Das Dunkel kam zurück. Ungeziefer auf der Suche nach totem Leben brach durch Laub und Unterholz. Ungeziefer, das auch die Pracht der Pflanze zerstören könnte, die ihn zu Tränen rührte.

    „Das größte Ungeziefer ist der Mensch!“, flüsterte der Schatten. Wieder floss eine Träne.
    Diesmal nicht vor Bewunderung, sondern vor Trauer und Mitleid.

    Lightning
    Geändert von Lightning (16.01.2019 um 19:21 Uhr)
    Des langen Tages Arbeitslohn
    ist die Nacht - ich schlafe schon.

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