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    Amberg in der Oberpfalz, 1. Neujahrstag 2019

    In den letzten Jahren führte mein Weg ein paar Mal nach Amberg in der Oberpfalz. Da ich meist mit den Zug unterwegs bin, zunächst Mal an den Hauptbahnhof. Anschlusszug in 40 Minuten. In der Bahnhofs-Gaststätte bestellte ich mir das ein oder andere, meist einen kalten Imbiß, will heißen ein längliches Brötchen mit Salami, mit Hering oder gekochten Eiern.
    Ich schätze diesen Ort sehr, da man in dieser Imbissstube anstandslos aufs Klo gehen kann, was mittlerweile alles andere als selbstverständlich geworden ist an den Bahnhöfen dieses Landes. Dieses Imbissrestaurant war in letzter Zeit von einer Schar von Flüchtlinge bevölkert, die vielleicht Bekannte, Verwandte, Freunde hier in Empfang nahmen, auf sie warteten, oder weil es hier am schönsten war in dieser Stadt, befindet sich vor der Imbiß-Gaststätte doch eine Holzveranda, einen Meter über dem Boden errichtet, von wo aus man einen super Blick in die Fußgängerzone mit ihren barock-bayerischen Häuserfassaden der oberpfälzischen Altstadt hat, auf die zudem, da südlich hinausgehend, die Sonne im kalten Winter klar und in breiter Front ihrer kurzen täglichen Laufbahn direkt herunterscheint.
    Der Laden, in dem ich mich nach meiner Ankunft als erstes begab, wird von einer Kette von Imbissen geführt, die über ganz Nordbayern verstreut ist mittlerweile, unter anderem auch Nürnberg, mein Ausgangsort. Dort hatte ich mir just an solch einer Filiale ein Getränk gekauft, dessen Flasche ich nun in Amberg wertstoffbewusst gegen den Pfandbetrag von 25 Cent einlösen wollte.
    (Ich denke mit Grausen an das so schöne Frankreich, wo die Flaschen achtlos in den Straßengraben geworfen werden oder in den kleinen, schönen Fluß, der durch das ein oder andere putzige, alte französische Städchen fließt oder noch schlimmer einfach in einen Wald).
    Meine Pfandflasche hat ein Wertstoff-Logo draufgedruckt, das einem die Möglichkeit gibt, den beim Kauf zu zahlenden Aufschlag fürs Pfand so ziemlich in jedem größeren Lebensmittelgeschäft, nicht zu reden von den Discountern, einzulösen, nachdem man den Inhalt konsumiert hat. Eine prima Sache: ich kaufe mir in Nürnberg eine Flasche Aqua Mineralis, trinke sie auf meiner Fahrt ins 80 Kilometer entfernte Amberg im Zug, um die leere Flasche schließlich dort, wenn ich aussteige, einzulösen. Man muss sich nicht mit dem Herumtragen leerer Flaschen abplagen, der Umwelt kommt es zudem zugute, niemand wird diesen gebrauchten Gegenstand, die leere Flasche, einfach achtlos in einen Papierkorb werfen. Meist haben die Hauptbahnhof-Filialen dieser Imbisskette einen Automaten, in dem man die Flasche reinstecken kann, um mit einem Quittungsbon über den Pfandwert entgolten zu werden, den man an einer Verkaufskasse einlösen kann.
    Nicht so in Amberg.
    (Amberg hat ein sehr gutes Leitungswasser, wofür es angelegte Schalt-, Schnitt- und Austragsstellen gibt, wo man sich Kostproben von diesem kostbaren Nass in leere Flaschen füllen kann. Auch ich hätte dies tun sollen, meine leere Mineralwasserflasche mit klarem Bergwasser füllen und schleunigst mich wieder auf die Socken machen, mir selbst Fersengeld geben, wenn...)
    Dort muss man sie einer Verkäuferin am Tresen überreichen, die einem dann die 25 Cent ausbezahlt –so sollte es ein wenigstens.
    „Sie haben es nicht hier gekauft, ich kann sie Ihnen leider nicht einlösen!“
    „Aber sehen Sie, die Flasche hat dieses Pfand-Logo am Bauch, wofür ich extra einen Viertel Euro habe bezahlen müssen und das einem die Gewähr gibt, dieses überall im jeden Lebensmittel oder Getränkemarkt einzulösen.“
    „Aber nicht bei uns!“
    „Aber ich hab’s sie auch in Nürnberg bei ihrer Filiale gekauft.“
    „Aber nicht hier.“
    „Aber!“
    „Ich darf nicht!“
    Schluß, Ende der Diskusssion.
    Ich bin erzürnt, ich bin machtlos, ich bin nervös.
    Leider habe ich nichts mehr zum Rauchen. Mangels Alternative gehe in den Nebenraum dieser Gaststätte nach kurzem Zögern - was bleibt mir übrig? - in diesem Bereich für Allerlei, Getränke, Snacks, verpackte Süßigkeiten, Alkoholika undsoweiter, um mir eine Packung Tabak zu holen. Beim Herausgeben gibt mir eine andere junge Verkäuferin falsch heraus. Ich schaue das Geld einen langen Moment an, das da auf meiner flachen Hand liegt, dann ins Gesicht des jungen Dings. Dieses blickt arglos drein, als sei alles in Ordnung, wenngleich mir der falsche Betrag geradezu ins Auge zu stechen scheint. Ich kann es nicht glauben, als mein Gegenüber die Kassenlade zuschiebt, sich stracks umdreht, als wäre damit die Sache erledigt und alles in bester Ordnung. Das Wechselgeld ist einfach zu offensichtlich falsch, so dass ich das Geschehen immer noch nicht kaum glauben kann.
    „Moment mal, junge Dame!“, kann ich mich endlich fassen.
    „Ja!“ Sie dreht sich wieder zu mir her.
    Ich zeige auf meine Hand, worauf das Wechselgeld ruht. „Ich habe Ihnen einen 10-Euro-Scheingeld gegen, der Tabak kostet aber nur 4 Euro 80 Cent. Zwanzig Cent habe ich herausbekommen. Sie kraust die Stirn, sagt: „Ach ja“, und berichtet die Summe endlich. Keine Entschuldigung kommt über ihre Lippen. „Sind Sie deutsch?“ Sie lächelt: „Aber ja!“ Der Akzent ist eindeutig oberpfälzerisch, zudem sind die Sätze korrekt. Das Aussehen ist nicht fremdländisch, etliche Verwandte habe ich hier im Umkreis, um dies beurteilen zu können, das junge blonde Mädchen stammt von hier. Um so verwunderter bin ich.
    Immerhin lächelt sie nach diesem peinlichen Vorfall verschämt, oder bilde ich mir dies ein deswegen, aber vielleicht auch rührt das Lächeln aus dem Spaß, der Aufregung und der Spannung her, über den Versuch, jemanden übers Ohr gehaut haben zu wollen?
    Meine Wut ist zum Überkochen gestiegen: eine Pfandflasche nicht einlösen gedurft, und nun dies! Wie hätte ich da Gelassenheit wahren können? Sodann das junge Ding zudem noch bloß mit einem Achselzucken über diesen Vorfall hinweggeht, ohne Entschuldigung!
    Mein Blick fällt auf die Uhr. Der Anschlusszug wird bald eintrudeln, ich muss mich beeilen, renne durch die Unterführung aufs Gleis 2 hinüber. Glücklicherweise hat die Bahn wieder ein paar Minuten Verspätung. Ich kann mir noch ein paar Züge von einer Selbstgedrehten gönnen, zur Beruhigung. Hastig reiße ich Steuermarke von der Packung, die Innenverklebung auch entzwei und Papierchen, Filter, schnell, schnell. Zwar ist der Tabak merkwürdig, aber schnell! Während ich den Rauch durch meine Lungen ziehe, sehe ich es deutlich: Der Tabak ist völlig ausgetrocknet, er muß schon längst über das Verfallsdatum liegen. Tut er auch! Er ist über ein Jahr im Sortiment gelegen oder im Lager, so dass er nicht mehr frisch ist und ungenießbar, wie es die Marke ausweist.
    Einer weiteren Unverschämtheit bin ich aufgesessen. Was ist das für eine Unverfrorenheit, einen solchen zu lang gelagerten Tabak noch zu verkaufen?
    Soll ich schnell zurückgehen und ihn zurückgehen lassen? Ob ich damit durchkäme? Nach dieser Erfahrung mit den beiden Bediensteten dort?
    Mein Zug fährt ein.
    Noch einmal eine Stunde Aufenthalt, herumstehen, warten?
    Ich steige ein und lasse mich wegbringen von diesem unseligen Ort, Amberg Bahnhof, mit diesem äußerst unangenehmen Erlebnissen gerade.

    Was macht man mit seiner Wut, seinem Ärger über unberechtigtem, schlechtem Behandeltwerdens? Ich bin dazu zu gut „erzogen“, um auf die Barrikaden zu gehen, so sieht es aus.

    Ein halbes Jahr später höre ich in den Nachrichten, dass alkoholisierte Jugendliche aus dem Nahen Osten dort randaliert haben, Menschen zu Dutzenden an der Zahl tätlich angegriffen haben. Als ich das letzte Mal in Amberg am Bahnhof war, habe ich sie gesehen, die vielen jungen und älteren Menschen, sogenannte Flüchtlinge, Zugewanderte, wie sie neudeutsch heißen, wie sie dort im Imbiß-Restaurant herumsaßen, ihren Kaffee trinkend und sich freundschaftlich gegenseitig begrüßend.
    (Hier findet also noch Stammtisch-Treffen statt, ein sehr bayerische Tradition, die aber radikalen Aussterben unter der einheimischen Bevölkerung bedroht ist; hier findet sie noch statt, allerdings von Ausländern; eine kultur-wert-schätzende Einrichtung, so ein Stammtisch, dass, weil es unter der art-aussterbenden Spezies gezählt wird, mittlerweile von einem extra in Bayern neu etablierten Heimatministerium mit Fördergeldern zur Re-Etablierung unter Artenschutz steht und versucht wird, zu konservieren oder bereits, wo es längst zu spät ist, zu reanimieren. Mit diesem Art-Schutzprogramm wird versucht, alte Wirtshäuser vorm Verschwinden und vor der definitiven Extinktion zu beschützen. Aber hier in Amberg, in Bahnhofs-Gaststätte lebt die gute alte bayerische Tradition noch auf und ist durchaus lebendig!)


    „Ja, diese Flüchtlinge haben sich einfach zu schlecht benommen, weil sie so schlecht „erzogen“ worden sind –bislang“, denke ich.

    Der Innenminister, gleichfalls ein Bayer, hat sich dahingehend einer Boulevard-Zeitung geäußert: „Wenn Gesetze nicht ausreichen, solchem Vandalismus zu begegnen, dann müssen sie geändert werden. Es müssen neue her, um dem wirksam, entschieden und nachhaltig zu begegnen. Notfalls müssen solche Personen schnell und umfassend ausgewiesen werden.“ Weiter hieß es: Er, der Innenminister sei sehr aufgewühlt gewesen über diese schlimmen Dinge, die da an Sylvester geschehen sind und ihm zu Ohren gekommen waren. Es klang, als hätten ihn diese den schönen Neujahrstag und den Start ins neue Jahr vermiest.
    Das verstehe ich, wirklich! Wer kann das nicht verstehen? Ich weiß nicht genau, was da vorgefallen ist, wer wie attackiert und verletzt worden ist. Es hieß immerhin auch, dies hätten auch einheimische Jugendliche tun können, an Sylvester, unter Alkoholeinfluß, im jugendlichen Aufbekehren kann so etwas passieren.
    Ich weiß nur eins mit Gewissheit: ich war das letzte Mal, als ich in Amberg war, auch sehr, sehr aufgewühlt.

    Hommage an Heinrich Böll Erzählung von der „Waage der Baleks“.

    © Werner Pentz
    Geändert von pentzw (23.01.2019 um 14:48 Uhr)

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