Shakespeare: Romeo und Julia

In der nun folgenden Interpretation werde ich aufzeigen, was Shakespeares eigene Idee in dem berühmten Stück ist und was wir heute, nach über 400 Jahren daraus lernen können.

Ich gehe davon aus, daß Leute, die sich für eine Interpretation interessieren, das Stück bereits kennen, sei es vom Theater, vom Englischunterricht in der Schule oder aus einer Verfilmung des Dramas. Wem die Handlung nicht (mehr) geläufig ist, findet bei Wikipedia unter „Romeo und Julia“ eine gute Zusammenfassung.

Romeo und Julia entstand im Zeitraum von 1594 – 96. Shakespeare hat die Geschichte nicht erfunden, sondern sich Quellen aus der Vergangenheit bedient. Neben zwei italienischen Novellen gab es vor allem das aus 3000 Versen bestehende epische Gedicht von Arthur Brooke The Tragicall Historye of Romeus and Juliet aus dem Jahre 1562. Der Unterschied zu Brooke besteht nicht nur darin, daß aus einem drögen Prosagedicht ein mitreißendes und sprachlich brilliantes Bühnenstück wurde, sondern auch in der moralischen Bewertung der Geschichte. In dem Vorwort zu seinem Gedicht informiert der Autor den „frommen Leser“ darüber, was "die Folge gottloser Leidenschaft und geheimer Liebe" ist sowie was aus dem "Ungehorsam zu Gesetz und Rat der Eltern" folgt.

The pious reader (should) note what comes of unholy passion and secret love, of disobeying the law and parents’ advice.
Bei Shakespeare haben die Liebenden ihr tragisches Ende nicht selbst verschuldet, es ist vielmehr ihr Schicksal so zu enden. Schon am Anfang sagt der Chor das Ende in diesem Sinne voraus.

Entsprungen aus den fatalen Lenden dieser beiden Feinde werden ein Paar von chancenlosen Liebenden sich das Leben nehmen.

From forth the fatal loins of these two foes
A pair of star-crossed lovers will take their lives. (prolg. 4-5)
Das von Shakespeare verwendete „star-crossed lovers“ bedeutet so viel, als daß die Sterne im astrologischen Sinne alle ihre gutgemeinten Pläne durchkreuzen werden.

Um diesen Gedanken zu verstehen, brauchen wir uns nur einen Autounfall vorstellen. Zwei Autos treffen zur exakt derselben Zeit am selben Ort aufeinander. Hätte nur einer der beiden Fahrer in dem Ablauf davor ein wenig Zeit verloren oder gewonnen, so wäre es zu diesem Unfall nicht gekommen. Wenn eine Nichtigkeit ausschlaggebend für ein tragisches Erreignis ist, kann man dann von Schuld der Beteiligten sprechen? Wäre der von Friar Lawrence geschickte Bote mit dem Brief rechtzeitig bei Romeo angegkommen, wäre Julia eine Minute früher von ihrem todesähnlichen Schlaf erwacht, wäre der Tod der beiden vermieden worden. Romeo und Julia waren dazu bestimmt, mit ihrem Tod die beiden verfeindeten Familien zu versöhnen, der Ungehorsam ist dabei unbedeutend.

Bei Shakespeare werden die Liebenden nicht bestraft, weil sie ungehorsam sind, sondern die Gesellschaft, weil sie die beiden in den Tod getrieben hat. Nachdem die beiden ihr Leben verloren haben, sagt Prince Escalus zu den Anwesenden: "All are punish’d".

Sowohl Juliets als auch Romeos Vater wollen beiden jeweils eine Statue bzw. ein Grabdenkmal errichteten lassen. Baut man mißratenen ungehorsamen Kindern nach ihrem selbstverschuldeten Tod ein Denkmal? Wohl kaum!

I will raise her statue in pure gold (V,III.298) ... of true and faithful Juliet (V.III.301)
Was ist es nun, was die beiden auszeichnet? Es ist die Tatsache, daß sie ihrer Liebe bis in den Tod treu geblieben sind, allen Hindernissen und Zwängen zum Trotz.

Für Julia gilt vor allem, daß sie sich ihren Ehemann selbst erwählt und diese Entscheidung nicht ihren Eltern überläßt. Am Anfang erfahren wir, daß County Paris bei Lord Capulet um die Hand seiner 14jährigen Tochter anhält. Wohlgemerkt: er fragt den Vater und nicht Julia selbst. Julia ist nicht begeistert von dem Anliegen, würde aber zunächst noch aus Gehorsam einwilligen. Als Lady Capulet ihr mitteilt, daß sie auf dem anstehenden Fest County Paris zu Gesicht bekäme, verspricht sie folgsam, daß sie versuchen werde ihn zu mögen, ist sich aber nicht sicher, ob der Anblick auch ihre Sympathie befördert.

I’ll look to like, if looking liking move. (I.4.98)
Als Julia sich in Romeo verliebt hat, ist sie es, die ihn fragt, ob er sie heiraten wolle. Wenn seine Neigung zu ihr ernst gemeint ist, dann solle er morgen einem von ihr geschickten Boten mitteilen, ob er sie heiraten wolle.

If that thy bent (inclination) of love be honourable,
Thy purpose marriage, send me word tomorrow,
By one that I’ll procure to come to thee .. II.2.143-145)
Es gab vor Shakespeare schon andere berühmte Liebespaare in der Literatur: Petrarch und Laura, Dido, Cleopatra, Helena und Hero sowie Pyramus und Thisbe, die wie Julia ein tragisches Ende fanden. Mercutio macht sich lustig darüber (II, 4, 38-43).

Im Unterschied zu den Heldinnen der Literatur ist Juliet jedoch ein Mädchen, dessen Denken und Fühlen nicht gemäß einer Idee von großer Liebe ersonnen ist, vielmehr der Realität entspricht, so daß wir alles auch heute noch nachvollziehen können. Nachdem sie auf dem Fest ihres Vaters eine Liebe auf den ersten Blick erfahren hat, sind ihr ihre Gefühle nicht ganz geheuer. Sie befürchtet, ihre Liebe könnte wie ein Blitz aufleuchten und dann erlöschen. Es ist ihr bewußt, daß man der schwärmerischen Liebe junger Männer nicht immer trauen kann, oft ist sie nur von kurzer Dauer. Sie weiß auch, daß man als Mädchen normalerweise seine Gefühle nicht so ohne weiteres offenbaren sollte, gerät man doch damit in den Verdacht, ein „leichtes Mädchen“ zu sein. Sie fragt ihn deshalb, ob es ihm lieber sei, sie wäre widerspenstig.

If thou think’st I am too quickly won,
I’ll frown and be perverse, and say thee nay (LI, 2. 95-96)
Was Julia auszeichnet, ist ihre unbedingte Treue zu ihrem Ehemann. Wenn es ihm ernst mit ihr ist und er sie heiraten wolle, ist sie bereit, ihm alles zu geben und ihm bis zum Ende der Welt zu folgen.

And all my fortunes at thy foot I’ll lay
And follow thee, my lord, throughout the world (II. 2. 147-148)
Daß ihre Loyalität nicht nur so dahingesagt ist, zeigt die Szene, als ihr bekannt wird, daß Romeo ihren Cousin Tybalt getötet hat. Die Amme bezeichnet dabei alle Männer als untreu und verlogen und endet mit einem
Shame come to Romeo! (III.2.89)
Daraufhin wünscht ihr Julia die Krätze auf die Zunge, wenn sie so schlecht über ihren Ehemann spricht.

Blistered be thy tongue
For such a wish! He was not born to shame. (III, 2, 89-91
Noch deutlicher wird es, nachdem Lord Capulet sie zwingen will, County Paris zu heiraten und die verzweifelte Julia ihre Amme um Rat fragt. Diese ist pragmatisch und rät ihr dem Wunsch ihres Vaters zu entsprechen, da mit dem verbannten Romeo ohnehin nicht mehr zu rechnen sei. County Paris sei zudem der stattlichere Mann. Ihm gegenüber gleiche Romeo einem „Spüllappen“.

I think it best you married with the County.
O, he’s a lovely gentleman!
Romeo’s a dishclout to him (III, 5, 219-221)

Daraufhin sind Julia und die Amme, die sie doch seit ihrer Kindheit kennt und stets ihre Vertraute war, geschiedene Leute.

Go, my counsellor;
Thou and my bosom henceforth shall be twain (III, 5, 240-341)
Auf eine harte Bewährungsprobe wird Julias Treue gestellt, als es darum geht, die von Friar Lawrence erstellte Tinktur einzunehmen, um für 48 Stunden in einen todesähnlichen Schlaf zu fallen. Julia graut vor dem Gedanken daran. Es kommt ihr in den Sinn, daß Friar Lawrence sie vielleicht töten wolle, um seine Schuld an der illegitimen Trauung zu vertuschen. Sie stellt sich vor, in der Familiengruft der Capulets zu erwachen, umgeben von all den Toten. Könnte sie den Anblick ertragen, ohne dabei wahnsinnig zu werden? Möglicherweise könnte sie an dem Verwesungsgeruch in der Gruft ersticken. Doch aus Liebe zu Romeo und in der Hoffnung, mit ihm bald wieder vereint zu sein, tut sie den schweren Schritt.

Als sie nach ihrem Erwachen in der Gruft den Leichnam ihres Geliebten vorfindet, löst sie ihr im Obstgarten gegebenes Versprechen ein. Sie folgt ihrem Ehemann nicht nur überallhin in der Welt, sondern sogar noch in den Tod.

Was können wir Heutige aus Shakespeares Drama lernen? In der Literatur der Vergangenheit begegnen wir mit dem Dichter einem intelligenten Menschen, der vor uns gelebt hat und uns in seinem Werk seine Lebenserfahrung mitteilt. Wenn wir uns damit auseinandersetzen, können wir von ihm lernen. Dieser subjektiveAnsatz ist ein anderer als das Drama nur objektiv als sprachliches Kunstwerk zu betrachten.

Zuerst ist da die Sitte, junge Mädchen an Männer zu verheiraten, die sie sich nicht selbst gewählt haben. In Shakespeares Zeit war das Mindestalter für die Ehe eines Mädchens zwölf Jahre, Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich fünfzehn. Mit dem Ehevertrag konnte der Gatte über die Frau verfügen wie über einen Dienstboten. Noch heute werden Mädchen im Orient und in Indien von ihren Eltern verheiratet. Man stelle sich vor, einem muslimischen Mädchen fiele es ein, sich heimlich mit einem Mann zu treffen, diesen ohne Wissens ihrer Eltern zu heiraten und die Hochzeitsnacht klammheimlich im Elternhaus zu verbringen. Wäre das nicht Grund für einen „Ehrenmord“? Von hier aus kann man sich vorstellen, wie revolutionär Shakespeares Denken war und wie mutig von ihm, derartiges nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern diese Freiheit auch noch zu rechtfertigen.

Von Eltern, die ihre Kinder verloren haben, sei es durch Krankheit oder Unfall, wissen wir, daß nach dem Tod ihrer Lieben nichts, worüber sie sich früher geärgert hatten, noch irgendeine Bedeutung gehabt hätte. Manch zerstrittenes Ehepaar soll sich am Grab ihres gemeinsamen Kindes auch wieder versöhnt haben.

Liebe auf den ersten Blick wird nicht jedem zuteil, doch die meisten glauben, daß es so etwas gibt. Daß Liebe die Poesie beflügelt, dafür gibt es hier im Forum mancherlei Belege. Liebe gibt manchen auch die Kraft für solche Bravourstückchen wie Romeos nächtliches Eindringen in Capulets Garten. Julias Mißtrauen an der Beständigkeit der Gefühle verliebter junger Männern ist den meisten Frauen auch vertraut. Viele wollen sich auch nicht so leicht erobern lassen und sind vorsichtig, ihre wahren Gefühle zu früh zu offenbaren. Wer vertrauensselig sein Herz entblößt, läuft Gefahr, daß es einen – für die Liebe – tödlichen Stich erhält.

Julia spricht von ihrer Liebe als so grenzenlos und tief wie das Meer, je mehr sie gibt, so mehr bekommt sie zurück.
My bounty is as boundless as the sea,
My love as deep, the more I give thee,
The more I have, for both are infinite. (II.2. 133-135)
Auf eine solche Liebe zu treffen, ist großes Glück. Hier begegnet Romeo einer Frau, „für die man(n) sterben könnte“. Romeo tut es am Ende.

Julia könnte man „emanzipiert“ nennen, da sie sich aus den Händen ihrer Eltern befreit und selbst bestimmt, was gut für sie ist. Emanzipation kommt vom lateinischen emantipatio, was so viel heißt wie die Freilassung des Sohnes aus der Hand des Vaters bzw. der des Sklaven von seinem Herrn. Eine „Emanze“ ist sie deshalb aber nicht, denn einer solchen fiele es doch niemals ein, ihrem Ehemann – sollte einen solchen überhaupt geben - unbedingte Loyalität und Gefolgschaft zu schwören. Daß Julia ihren Romeo vor Angriffen in Schutz nimmt, ist schön, doch nicht selbstverständlich. Oft gehen Ehefrauen zu ihren „besten Freundinnen“ und beklagen sich über ihre Männer in der Erwartung, bei ihnen Verständnis zu finden.

Ephraim Kishon gefiel es, ein „heiteres Trauerspiel“ als Fortsetzung von Shakespeares Tragödie zu schreiben: Deutscher Titel „Es war die Lerche“. Die deutschsprachige Uraufführung fand1974 im Schauspielhaus Zürich statt. Darin stellt Kishon sich vor, was geschehen wäre, hätten Romeo und Julia die damaligen Umstände überlebt. Nach 29 Jahren hätten sie allen Glanz und alle Noblesse verloren, stritten sich den lieben langen Tag und lebten mit zwei mißratenen Kindern. Die Zeit und der Alltag hätten die große Liebe korrumpiert.

Ich glaube nicht, daß Shakespeare damit einverstanden gewesen wäre, auch nicht bei einem weniger krassen Verlauf. Große Liebe läßt sich bewahren, man darf sich nur nicht so gehen lassen wie die Figuren in Kishons Stück. Die Korrosion einer Liebe ist nicht zwangsläufig, sie folgt keinem Naturgesetz.

Eine Liebe wie die von Romeo und Julia ist möglich, allerdings recht selten. Voraussetzung dafür ist nicht nur die Gunst der Stunde, demjenigen oder derjenigen zu begegnen, für den man vorbestimmt ist, es hat wohl auch mit dem Aussehen und dem Charakter der Beteiligten zu tun. Romeo und Julia sind schön, jung und intelligent. Wie kann man sich für jemand so rückhaltlos begeistern, wenn dieser schwerfällig, einfältig und von gewöhnlichem Aussehen ist?

In „Hamlet“ spricht Shakespeare von seiner Auffassung vom Zweck des Theaters. Das Drama spiegele uns die Natur wider.

The purpose of playing (..) is, to hold, as ‘t were the mirror up to nature (II.2.19)
Was Shakespeare vor über 400 Jahren „gespiegelt“ hat, ist auch heute noch sichtbar. Die Natur des Menschen bleibt, wie sie ist. Ich denke, es lohnt sich, Romeo und Julia nicht nur als gute Unterhaltung zu genießen.