1. #1
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    Der Baum und ich

    Da steht ein Baum auf weitem Feld.
    Wer hat ihn an den Platz gestellt?
    Nie glückt es ihm herumzuwandern,
    sich zu erkundigen bei andern,
    wie sieht es aus bei Nachbarbäumen
    mit Freuden, Pflichten, Ängsten, Träumen?
    Wann darf er spielen, essen, ruhn?
    Was muss und soll und kann er tun?

    Also erbarmte ich mich seiner,
    es tat ja offenbar sonst keiner:
    Du musst dich nicht total verrenken.
    Wag´ endlich einmal selbst zu denken.
    Du kennst doch die Empfehlung Kants,
    bedien` dich endlich des Verstands!

    So dachte ich in meinem Wahn,
    ich hätte meine Pflicht getan.

    Doch irrte ich mich offenbar,
    denn alles blieb, wie`s früher war.
    Er schüttelte zwar mit den Zweigen,
    vielleicht um Dankbarkeit zu zeigen,
    doch blieb im Grunde stumm und stur,
    von Denkbereitschaft keine Spur.

    Muss ich ihn schlicht gewähren lassen?
    Versuchen, ihn beim Stolz zu fassen?
    Bemüh´ dich endlich, blöder Baum,
    denn ohne Mühe schaffst du´s kaum!
    Dann landest du bald in der Gosse,
    mein lieber, armer Zeitgenosse!

    Er stand wie immer schweigend da.
    Galt das als Nein, hieß das nun: Ja?

    Ach Leser(in) – meist viel gescheiter,
    als ich es bin – hilf mir nun weiter:
    Ist´s meine Aufgabe und Pflicht,
    ihn zu veredeln – oder nicht?
    Ein ernster Mensch, der gerne lacht

  2. #2
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    Hallo silesio,

    einen feinen Humor hast Du - handwerklich gut verarbeitet...kommen dann Gedichte wie das obige dabei heraus.

    Einzige "Schwachstelle"

    Ist´s meine Aufgabe und Pflicht,
    Ists meine liebe Not und Pflicht


    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  3. #3
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    Lieber silesio
    Ich wollte hier nicht auftreten, weil ich dem Verfolgungswahn des Kollegen keinen Vorschub leisten wollte. Dann kam jedoch die Fragerei von albaa im Faden "Handwerk" dazwischen. Nun will ich selbst dir meine Rückmeldung geben. Hoffe, ich kann mich verständlich machen.

    Da steht ein Baum auf weitem Feld.
    Wer hat ihn an den Platz gestellt?
    Bäume werden nicht aufs Feld gestellt, Reim hin oder her.
    Nie glückt es ihm herumzuwandern,
    sich zu erkundigen bei andern,
    Hier begänne grammatikalisch eine neue Phrase.
    wie sieht es aus bei Nachbarbäumen
    mit Freuden, Pflichten, Ängsten, Träumen?
    Wann darf er spielen, essen, ruhn?
    Was muss und soll und kann er tun?
    Wer ist er?

    Also erbarmte ich mich seiner,
    es tat ja offenbar sonst keiner:
    Subjekt zu „tat“ ist „es“?
    Du musst dich nicht total verrenken.
    Wag´ endlich einmal selbst zu denken.
    Du kennst doch die Empfehlung Kants,
    bedien` dich endlich des Verstands!
    Hat Kant wirklich „endlich“ geschrieben?

    So dachte ich in meinem Wahn,
    Da fehlt ein Komma nach So
    ich hätte meine Pflicht getan.
    Hier müsste man die Syntax umstellen zu „hätt ich“

    Doch irrte ich mich offenbar,
    Wiederholung von „Offenbar“, könnte schon vorher vermieden werden.
    denn alles blieb, wie`s früher war.
    Er schüttelte zwar mit den Zweigen,
    Was heisst „mit Zweigen schütteln“?
    vielleicht um Dankbarkeit zu zeigen,
    doch blieb im Grunde stumm und stur,
    Was heisst hier „im Grunde“?
    von Denkbereitschaft keine Spur.
    „Dankbarkeit zeigen“ braucht ein gut Stück Denkleistung. Keine Logik, und das im Angesicht von Kant.

    Muss ich ihn schlicht gewähren lassen?
    Wenn Du eine Option „Versuchen“ erwähnst, passt kein „Muss“, eher ein „Soll“.
    Versuchen, ihn beim Stolz zu fassen?
    Bemüh´ dich endlich, blöder Baum,
    denn ohne Mühe schaffst du´s kaum!
    Dann landest du bald in der Gosse,
    Wie landet ein Baum in der Gosse? Was soll überhaupt „in der Gosse landen“ bedeuten?
    mein lieber, armer Zeitgenosse


    Er stand wie immer schweigend da.
    Wie immer? Mit oder ohne Schütteln der Zweige? Vielleicht „nur immer“.
    Galt das als Nein, hieß das nun: Ja?

    Ach Leser(in) – meist viel gescheiter,
    als ich es bin – hilf mir nun weiter:
    Ist´s meine Aufgabe und Pflicht,
    ihn zu veredeln – oder nicht?

    Nach einem denkhemmenden Paarreim-Korsett folgt die Pointe leicht und locker. Krankt aber entscheidend daran, dass der Leser nicht erfahren hat, was eine Denkleistung des lieben, armen Zeitgenossen bringen soll. Lediglich die Furcht vor der Gosse wird beim Autor dank Verstand kleiner...
    Ein handwerklich eintöniges, überraschungsarmes (bis auf die Pointe) Stück Volksbelehrung, wie es keine grosse Denkleistung benötigt. Oder doch?
    Gruss KP
    Geändert von kaspar praetorius (10.02.2019 um 11:53 Uhr)

  4. #4
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    Hallo silesio,
    erst wollte ich dir zurufen:"lies doch mal das buch, die sprache der bäume!"

    aber nachdem ich den neuesten aldi-prospekt in händen hielt, dachte ich du meinst bestimmt eine living art kunstpflanze,
    da ist dann auch die gosse klar, wegwerfen, sperrmüll.


    lg vom GE-wicht
    bravecto plus und nexgard kann ich empfehlen, damit kommen meine lieblinge stressfrei durch den sommer und müssen sich nicht quälen,
    falls ein haustierhalter nur bernsteinketten, lavendelöl, frontline, advantage kennt, parasiten sind gegen diese mittel schon lange resistent.

  5. #5
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    hallo silesio

    lasse dich nicht beirren. zu 90% ist das von kp angekreidete an den haaren herbeigezogen. poesie und philosphie gehören meines erachtens nicht gerade zu seinen stärken...was aussagen wie...

    Bäume werden nicht aufs Feld gestellt, Reim hin oder her.
    ...beweisen. diese frage haben sich schon die philosophen aus der antike gestellt - sie ist, auch fern jeder poesie, absolut berechtigt. dabei spielt es auch überhaupt keine rolle...ob es darauf bereits wissenschaftliche antworten gibt.

    auch der nächste einwand...

    Hier begänne grammatikalisch eine neue Phrase.
    ...ist unfug-schon alleine deshalb...weil es im konjunktiv formuliert wird. entweder ich weiß es...bzw bin mir sicher...oder ich halte die klappe.

    geht dann so weiter...

    Subjekt zu „tat“ ist „es“?
    denn es steht im sinne von "es möge sich doch bitte jemand erbarmen". also nicht für das erbarmen selbst...sonder für den weg dahin. kp möchte gerne "tat das" (sich erbarmen) lesen...weil er eben nicht über seinen deutschlehrer-schatten springen kann. und wie ich schon oft sagte (weil man es gar nicht oft genug sagen kann); deutschlehrer sind in den seltensten fällen auch gute autoren. liegt in der natur der sache.


    gruß, a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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