Thema: Karg

  1. #1
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    Karg

    "Dokterst noch rastlos, Poet, und mit überfließendem Fässchen?"
    "Durstig jagt mein Kiel, wozu dann noch Harfe und Zirkel?
    Verse fließen alltäglich - wie Treibsand mir aus der Feder.
    Karg und matt sind sie schon, doch stopfen sie Lücke um Lücke."
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  2. #2
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    Guten Morgen Ferdi,
    schön, dass du vorbeigeschaut hast.

    In V2 könnte man aber vielleicht einen der drei Trochäen am Verseingang "daktylisieren"?! Das gemessene Schreiten der Trochäen passt ja nicht zum "jagt" (Und drei Versfüße einer Art sind ohnehin ein wenig langweilig).
    In V2 haben wir wieder das zuletzt besprochene Thema, wie unterschiedlich wir lesen.
    Die 3 Trochäen waren gewollt, weil sie mir die Geschwindigkeit, "Das Jagen", besonders verstärken. In rein trochäisch gebauten Versen ist es wirklich ein langsames Dahinschreiten. Eingebaut in den Hexameter empfinde ich sie beschleunigend.
    Folgte ich deiner Empfehlung, dann änderte ich in "Leichtfüßig jagt mein Kiel".


    In V3 setzte ich ein Pronomen wie "mir" nicht auf die Hebung hinter einem fallenden Spondeus
    Ja hier da hast auf jeden Fall recht.
    Ich könnte in "wie Treibsand aus meiner Feder" ändern. Aber Ist das "aus" wirklich stärker? Eher etwas mit "durch"? Du hast bestimmt einen besseren Vorschlag.


    Inhaltlich leuchtet mir die Bildlichkeit nicht überall ein - der "Zirkel" zum Beispiel;
    Nun, dann wäre mein Ziel ja erreicht. Denn das zu Wort kommende lyrI II ist ja gerade eins, das sich häufig in der Wortwahl vergreift. Ursprünglich hatte ich dort "wozu dann noch Metrum und Farbklang" stehen. Aber so differenziert wollte ich lyrI II nicht zu Wort kommen lassen. Deshalb die Änderung. Für mich stellte sich beim Schreiben ohnehin die Frage, ob das auch so verstanden würde. Wurde es leider nicht. Vielleicht auch deshalb, weil der Hexameter zwar mit Bildnissen, besser Gleichnissen arbeitet und nicht mit Metaphern?

    Überhaupt überlege ich, darüber las ich auch kürzlich in der Besprechung eines anderen Gedichtes hier im Forum, ob man im Dialog beiden Parteien ihre jeweils individualtypische Sprache einräumt, oder ob man als Versschreiber ausschließlich auf der eigenen Sprachebene bleibt?

    Gruß manhans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  3. #3
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    Hallo Manehans,

    freut mich sehr, hier mal wieder Hexameter zu lesen! Ferdi hat ja schon das Wesentliche dazu gesagt. Deine Absicht:


    Die 3 Trochäen waren gewollt, weil sie mir die Geschwindigkeit, "Das Jagen", besonders verstärken. In rein trochäisch gebauten Versen ist es wirklich ein langsames Dahinschreiten. Eingebaut in den Hexameter empfinde ich sie beschleunigend.
    kommt für mich leider auch nicht rüber. Natürlich kann man Zweisilber schneller sprechen als Dreisilber. Aber Hexameter sind nicht dafür gedacht, mal schneller und mal langsamer, sondern möglichst genau im Takt gelesen zu werden. Das bedeutet, dass dem Leser/Sprecher für einsilbige Senkungen die gleiche Zeit zur Verfügung steht wie für zweisilbige. Wenn man das beachtet, wirken die Trochäen im Vergleich langsamer als die Daktylen.


    Folgte ich deiner Empfehlung, dann änderte ich in "Leichtfüßig jagt mein Kiel".
    Das wäre sicher im Sinn der Parodie (schreibt das zweite LI Hexameter?), aber damit auch keine gute Füllung, weil "leichtfüßig" sich recht schwerfällig liest. "Durstig kleckert mein Kiel" wäre z.B. entsprechend absurd in der Formulierung, dafür aber rhythmisch schöner. Ich glaube nicht, dass sich die rhythmischen Unzulänglichkeiten im Hexameter gut parodieren lassen und würde mich eher auf die Stilblüten konzentrieren.

    Was mich etwas stört, sind die Anführungszeichen. Vielleicht könntest Du einfach die Frage kursiv schreiben und die Gänsefüßchen weglassen?

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (11.02.2019 um 12:53 Uhr)
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  4. #4
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    Guten Abend Claudi und Ferdi,

    sitze hier und grinse vor mich hin. Ich habe offensichtlich die Minderheitswahrnehmung. Vielleicht ist es etwas Genetisches. Die Familie hinter mir liest die Trochäen, eingebettet in Daktylen, auch flott. Ich denke aber, Claudi, du führst mich auf die richtige Fährte. Bei den Trochäen bremse ich beim Lautlesen nicht wirklich ein.
    Ferdi V3: "Verse fließen alltäglich aus der Feder hervor mir - wie Treibsand" oder ähnlich (nur ohne dreisilbige Senkung); das "Treibsand" ist am Ende gut aufgehoben. Sonst brauchst du noch eine Sinnsilbe, die die sechste, weitgehend unterrepäsentierte Hebung "standesgemäß" besetzt.
    Dein Vorschlag ist, was die Silbenlängen anbelangt, auf jeden Fall einleuchtend. Nur der Satzaufbau ist mir dabei zu ungewöhnlich, fast gekünstelt. Ich werde weiter darüber nachdenken.

    Ferdi: Bildlichkeit: Hm, da muss ich weiter ausholen. Ich kann mit einem "Zirkel" etwas anfangen in einem Gedicht - der hat ja eine lange zurückreichende, gut ausgebildete Symbolik. Ich kann auch "Treibsand" einordnen. Nur beide zusammen im selben Gedicht: das beißt sich und verunsichert mich. Um noch ein weiteres Element dazuzunehmen: In V3 vergleichst du die Verse mit "Treibsand". Warum nicht! Aber dann sagst du über die gleichen Verse in V4, sie würden "Lücken stopfen". Und da ist für mich einmal ein Konflikt, der die Bilder schwächt - Treibsand, der Lücken stopft?! Die beiden Bilder unabhängig voneinander zu bewerten, ist meiner Meinung nach sehr, sehr schwer; und darum finde ich es besser, Bilder unterstützen sich, statt sich zu widersprechen oder gar aufzuheben, meint: sie kommen aus einem einheitlichen Bereich. Das ist ein wenig das, was Gugol in Bezug auf "Netz" und "Firn" im "Warum" anmerkte.
    Langsam verstehe ich, was du meinst. Ja, und nun wird mir auch Gugols Einwand im "Warum" klarer. Ich hatte ihn da anders verstanden. Es geht also darum, die verschiedene Bilder stets in einer Sinnebene zu belassen.

    Ferdi: Zum anderen verunsichert es mich aber auch beim "Lesen" der Bilder: Das "Überfließen" in V1 zum Beispiel zeigt mir in diesem Augenblick ein Zuviel an Tinte (das "Fässchen" ist mir das "Tintenfässchen"); dann kommt aber der "durstig jagende Kiel" in V2, also der viel Tinte verbrauchende - und das lässt mich das "Überfließen" hinterfragen; ist vielleicht doch ein "Überspritzen" gemeint, die Feder verteilt beim "jagenden" Eintunken und Herausziehen Tinte?! Ich glaube, da verliert das Gedicht an Schärfe, und auch, wenn sich alle Fragen beantworten: an Eindringlichkeit, weil sich ja immer die analytische Instanz "Verstand" dazwischen schaltet.
    Auch das kann ich nachvolziehen. Es bleibt zwar im Bild, verliert jedoch an Genauigkeit.

    Claudi:
    Folgte ich deiner Empfehlung, dann änderte ich in "Leichtfüßig jagt mein Kiel".

    Das wäre sicher im Sinn der Parodie (schreibt das zweite LI Hexameter?), aber damit auch keine gute Füllung, weil "leichtfüßig" sich recht schwerfällig liest. "Durstig kleckert mein Kiel" wäre z.B. entsprechend absurd in der Formulierung, dafür aber rhythmisch schöner. Ich glaube nicht, dass sich die rhythmischen Unzulänglichkeiten im Hexameter gut parodieren lassen und würde mich eher auf die Stilblüten konzentrieren.
    Das passt rhythmisch gut. Und der Verzicht auf parodisierende Unzulänglichkeiten scheint im Hexameter wirklich nicht die bessere Entscheidung zu sein.

    Claudi: Was mich etwas stört, sind die Anführungszeichen. Vielleicht könntest Du einfach die Frage kursiv schreiben und die Gänsefüßchen weglassen?
    Das sehe ich nicht unbedingt, werde es aber in der zweiten Version zum direkten Vergleich übernehmen.

    Danke an euch Zwei. Feine Impulse zum Weiterdenken.

    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  5. #5
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    Hallo Ferdi,
    Hab Dank für deine ergänzenden Erklärungen.
    Und Claudi Dank fürs "Kleckern"; wies den Weg zu "Klecksen" als Alternative.
    Da ich V3 einfach nicht hinbekomme, versuche ich mal auf ein Distichon zu verkürzen und werde es als neues Thema einstellen.
    Gruß manehans
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    Eva Strittmatter

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