Thema: Karg 2

  1. #1
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    Karg 2

    Dokterst noch immer, o Dichter, an deinen verbogenen Versen?
    Schau! Wie der klecksende Kiel Karges und Krummes kaschiert.

    2. Version
    Sitzt du noch immer, o Dichter, an deinen missratenen Versen?
    Schau! Wie mein klecksender Kiel Karges und Krummes kaschiert.
    Geändert von manehans (18.02.2019 um 12:45 Uhr) Grund: 2.Version angeregt durch Blobstar und Ferdi
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  2. #2
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    Ich fang mal mit Vers 2 an: Ja, "schau" als Imperativ kann man allein als Ausruf setzen, aber ist denn der Wie-Satz ebenso ein Hauptsatz-Ausruf oder nicht doch eher ein w-Nebensatz abhängig von "schau"? So oder so reicht der w-Satz zumindest nicht bloß bis zum Kiel; der ist Subjekt, " Karges ..." das Objekt - heißt: dazwischen gehört wirklich kein Komma, auch nicht der Zäsur wegen.
    Also etwa:
    Schau! Wie der klecksende Kiel Karges und Krummes kaschiert!
    Oder auch:
    Schau, wie der klecksende Kiel Karges und Krummes kaschiert.

    An Vers 1 stört mich noch etwas, auch wenn es zwar nicht ganz grammatisch, aber wohl doch hinnehmbar wäre, und du dir sicher Gedanken auch um Zäsuren und so weiter gemacht hast - mich stört, dass dieser Satzfrage das explizite Subjekt "du" fehlt, dafür durch ein Possessivpronomen überangedeutet ist (braucht es das?).
    Ein Vorschlag, es noch einzubauen:
    Dokterst noch immer, o Dichter, Du an verbogenen Versen?
    XxxXx|xXx|X|xxXxxXx
    Dokterst du, Dichter, noch immer über verbogenen Versen?
    XxxXx|xXx|XxxXxxXx
    Oder so ähnlich eben.

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  3. #3
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    Guten Morgen Blobstar,
    da liest du und liest du zwei Verse viele Male und siehst nicht, dass da noch ein Komma steht, das lediglich den Hebungsprall markieren soll und in der Endfassung natürlich weg muss. Beschämt sage ich Danke für deine Aufmerksamkeit.
    Die Version mit dem Ausrufzeichen gefällt mir besser, obgleich natürlich beides möglich ist.

    Das fehlende "Du" in Vers 1 fand ich eigentlich entbehrlich.
    Dein erster Vorschlag:
    "Dokterst noch immer, o Dichter, Du an verbogenen Versen?" geht nicht, da nach der Hauptzäsur keine betonte Silbe folgen kann.
    Der zweite Vorschlag
    "Dokterst du, Dichter, noch immer über verbogenen Versen?" geht auch nicht. Hier liegt die Hauptzäsur zwischen "immer und über". Da hätten wir mit "über" wieder eine Hebung nach der Zäsur, was nicht geht. Außerdem wäre "immer" nach meinem Empfinden als Trochäus zu schwach. Egal, ich freue mich, dass du so genau hingeschaut hast. Danke!

    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  4. #4
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    Hallo Ferdi,
    Mir ist nicht ganz klar, ob das zwei Sprecher sind, Betrachter (V1) und Dichter (V2) - doch, oder? Zur Not hilft da, den zweiten Vers kursiv zu setzen oder ein "mein" oder ähnliches drin zu haben (aber vielleicht bin ja auch nur ich zu blöd gerade.)
    Nein du bist nicht zu blöd. Ich habe lange überlegt, ob ich die Rollen eindeutig zuweisen oder es auf eine Rolle beschränken sollte.
    Ich hatte deshalb in V2 sowohl die Version "dein klecksender Kiel" und " mein klecksender Kiel" zur Alternative. Dann wäre es ja klar gewesen. Ich entschied mich dann für das unbestimmte "der" um es dem Leser zu überlassen, sich eine Position auszusuchen. Ob so etwas überhaupt sinnvoll ist? Ich weiß das nicht. Es war mir erst einmal ein Versuch wert, schon ahnend, dass sich da jemand bei dieser "Ungenauigkeit" zu Wort meldet.

    Hast du einmal versucht, den Hexameter ganz frei von Bildlichkeit ("doktern", "verbogen") zu halten? Denn das ließe den Unterschied zwischen den beiden Versen ja größtmöglich werden. Also etwa

    Sitzt du noch immer, o Dichter, an deinen misslungenen Versen?

    Das ist kein sehr einprägsamer Vers, gegen den sich der Bombast des zweiten aber stark abhebt?! (Und das "doktern" und das "verbogen" passen ja auch nicht so recht zueinander.)
    Ich habe von dir gelernt, den Hexameter möglichst bildreich zu gestalten. Das gilt jedoch, wie ich jetzt ahne, nur für längere Erzählverse.

    Der Hexameter im Distichon, das ja, wenn es nicht elegisch ist, eher eine präzise Aussage machen will, bleibt dann also nüchtern aussagebezogen? Hätte ich eigentlich selbst herausfinden können.

    Dein Vorschlag für S1 erhält dann natürlich das von Blobstar vermisste "du". Warum nicht auch so?
    Ich werde es mal als 2. Version daruntersetzen.
    Danke!
    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  5. #5
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    Ferdi,
    Na, so ungefähr. Ich glaube, da gibt es tausend Abstufungen ... Aber vielleicht wird ja im Ansatz klar, was mich da gerade umtreibt.
    Es wurde sehr klar, was du sagen willst. Aber deine pädagogischen Fähigkeiten muss ich hier nicht loben.

    Folgendes nehme ich mit und das gilt im Prinzip ja für jede Form der Dichtung:
    Trennung von Anschaulichkeit und Bildlichkeit
    Bildbereiche nicht verlassen
    Ein einzelnes Distichon eignet sich auch und besonders für Lebensregeln ( Gedankliches D.)

    Ich danke dir!
    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

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