1. #1
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    du bist am ende nicht ich

    fieber im bett mit manie wie noch nie
    mutter vermutet ich hab Entropie
    flößt mir zur abkühlung rotwein ein
    ich will nur sniffen und roll ein' schein
    könnte nach draussen gehn, starte nicht
    werde eh angestarrt wie schwarzes licht
    dylan kommt mit einem stroboskop rein
    times are changing so kopf hoch ein
    morgen wie jeder ausgang ungewiss
    ein filmriss beendet das leben und tschüss

    du bist am ende nicht ich
    nicht ich fick dich

    endlich die abendschau aufstehn und los
    shoppen bei edeka aufregung groß
    folg einem kopftuch mit straps unterm rock
    zück an der kasse mein handy und blogg's
    der straps geht zum auto und ich im bistro
    vertreib auf'm klo einen schlingernden po
    nehme mein tagebuch zieh eine line
    dylan kommt mit einem tamburin rein
    wir tingeln und tangeln bis morgengraun
    ein filmriss beendet das leben und ciao

    du bist am ende nicht ich
    nicht ich fick dich
    Geändert von Artname (22.02.2019 um 19:15 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  2. #2
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    Hey Artname,

    aus den Gründen, dass du es geschrieben hast und das da Entropie stand, las ich weiter.
    Es hat sich gelohnt, bis auf die Entropie (welch Tragödie, aus physikalischer Sicht, denn Entropie ist ein Maß, man kann es nicht "haben").
    Für mich ist es hier eine Story über einen Menschen, der vollgedröhnt / oder fiebrig, wie hier, sonstwiewas erlebt.
    Die Verweise auf Dylan, Kopftücher, Straps und co. passen, in die heutige Zeit, aber das ist für dich eh Standard.

    Liebe Grüße mal wieder!

  3. #3
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    Hallo, lieber Maikuh, herzlichen Dank für dein wohlwollendes feedback.

    Dieser Text markiert für mich einen Wendepunkt. Angefangen hat es scheinbar mit unserem Forenspiel "Könnt ihr das" Ich reagierte auf 5 Vorgaben. Eine davon war "Entropie". Dieser Begriff ähnelt mMn dem Begriff "Relativitätstheorie", also einem Wort, das jeder kennt und eventuell keiner schlüssig erklären kann.

    Ich verstehe Entropie als einen Hinweis auf die Wärmeentwicklung von Bewegungsenergie, demzufolge in einem geschlossenen System die Temperatur permanent steigen würde, da auch molekularen Bewegungen Wärme produzieren.

    Aber um Wissenschaft geht es mir in meinem Text gar nicht. Mir geht es um den Umgang mit Inhalten. Ich verfolge momentan recht begeistert die Karriere des deutschen Hiphoppers ALLIGATOAH. Vor allem, wie souverän er damit umgeht, dass alle seine Fans meinen: "Deine Texte versteht außer uns sowieso keine Sau". Diese im Grunde unlösbare Paradoxie und Arroganz machte Alligatoah klar, dass seine größten Fans eventuell seine größten Nichtversteher sein könnten.

    Es gibt vermutlich keinen guten Grund, seine Texte für Andere verständlicher schreiben zu wollen, als sie dem Autor sowieso erscheinen. Und deshalb beginnt der Text mit "Entropie". In einem großen Musikerforum wird mein Text mit ungewöhnlicher Einstimmigkeit regelrecht gefeiert... nur die Entropie wird als unbekannt oder verkopft in Frage gestellt. - Naja, Einige Wenige scheinen mich irgendwie zu verstehen.

    Übrigens: Nicht umsonst taucht deshalb Dylan in dem Text auf. Ich kenne keinen in der populären Musikgeschichte, der so unberührt von der Publikumserwartung sein Ding macht.

    Langer Rede kurzer Sinn: Der Autor kann es keinem recht machen, außer sich selber. Wenn er DAS versteht, kann er ohne Blockade schreiben und auch mit negativer Kritik gelassen(er) umgehen. Und deshalb hoffe ich, dass mein ambivalentes " du bist am ende nicht ich" Auftakt einer neuen Serie eigener Texten sein wird.

    liebe Grüße
    Geändert von Artname (23.02.2019 um 11:16 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  4. #4
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    Hey Artname,

    Alligatoah hat echt ein paar tolle Lieder. Ich mag die Kritik darin und mag die oft gelungene melodische Verwebung trotz des Hip Hopigen Gesangs. Textisch auch sehr amüsant, stellenweise aber hin und wieder zu gezwungen. "Du bist schön" "Denk an die Kinder" "Mama kommst du mich abholen (weil ich Scheiße gebaut hab ...)" Genau meine Art Humor.

    Was du ansprichst, den Zwang dem Publikum zu gefallen ... nicht!! Und stattdessen lieber selbst sein Ding zu machen, dann ist man auch das, was man ist.

    Grade im Moment finde ich, klingt ein Teil der Popmusik so furchtbar .. äh .. "logisch" und "vorhersehbar". Die Individualität in Text und Klang ist oft verloren gegangen. Manches wirkt gar melodisch so gespielt, dass es unbedingt eingäng sein muss, damit auch ja viele Leute es mögen, natürlich muss der Text passen.

    Erst gestern spielten doch Revolverheld auf dieser Eurovision-Songcontest-Vorauswahl. Das Lied, das sie spielten, hatte im Refrain immer wieder zum Schluss diese Stelle, die einfach zu oft in Liedern kommt.

    Ich meine das hier:

    "So wie jetzt, so wie jetzt
    So wie jetzt, wird's nie wieder sein
    Leb doch einfach im Jetzt
    Lass dich endlich aufs Leben ein
    Und du kannst jeden Schritt im Voraus plan'n
    Am Ende kommst du doch eh wieder nur bei dir an

    So wie jetzt, so wie jetzt
    Kannst du mit allem hadern oder du lebst jetzt"

    Sowas finde ich zu ... vorhersehbar?

    Für mich als Physiker ist Entropie unter anderem ein Maß für die Zustands-realisierungsmöglichkeiten eines Teilchensystems (z.B. eines Gases) aus N-Teilchen. Aber das ist auch Wurst. Wen juckt das. Dein Text hat mit der Entropie ja gar nich so viel zu tun, er ist einfach ein an sich cooler Text und nutzt das Wort Entropie dabei mit AUßerdem ließe sich, dachte ich mir vorhin, selbst das (vermeintlich) falsche Verwenden des Wortes Entropie auf Hörschwierigkeiten / Wahrnehmungsschwierigkeiten des an Fieber leidenden Protagonisten interpretieren.

    Und damit hat sich meine kleine Kritik auch schon in wohlgefallen aufgelöst und kann zusammen mit der Suppe des Gedichtes einfach ausgelöffelt, verköstigt und verdaut werden. Was im Körper, dem Leser, also mir! bleibt? Tja. Ein Text von dir. Mit Straps

    Liebe Grüße

  5. #5
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    Lieber Miaukuh,

    zunächst das wichtigste Missverständnis: Weder Alligatoah noch ich will dem Publikum gefallen. Dass man nicht jedem gefallen kann, ist wohl allen Künstlern klar. Das Problem beginnt, wenn man sich beim Schreiben sagt: "Also ICH verstehe ja, was ich da gerade schreibe, aber ob das für das Publikum gilt?" Und hier beginnt das Abenteuer: Manche moderne Gedichte kann ich nicht decodieren. Und dann weiß ich nicht, ob ich der ominöse Otto Normalverbraucher bin, oder ob der Autor nicht aus seinem Elfenbeinturm kommt oder kommen will.

    Mir ist doch klar, aus welchen natürlichen Quellen meine künstlerischen Bilder stammen. Und doch, wie oft benutzt man dafür zwei statt einer Zeile: Eine für das Bild und eine IRGENDWIE zur Erläuterung. Dann bemüht man sich noch, dieses IRGENDWIE schööön zu formulieren... und schon wird der Inhakt schwammig. Alligatoah sagt in vielen Interviews, dass es ihm eigentlich nur um seinen eigenen Spielspaß geht. Aber beim Spielen muss ich doch mir selber nichts erklären?

    Alle meiner Gedanken sind ein Unikate. Ich spinnen sie genüsslich weiter oder lass sie fallen. Nur aus dieser Überlegung heraus bearbeitete ich den Forenspieltext weiter... und ließ das vorgegebene "Entropie" im Text! Und was passiert? die Meisten mögen den Text. Sie kritisieren die unkommentierte "Entropie" - mögen aber den Rest. Und ich bilde mir ein, dass mir meine Entropie clever gedient hat: der ungewöhnliche Beginn weckte Interesse... und am Ende mögen sie alles, nur den Türsteher nicht, der sie zu ihrem Glück überredet hat

    Aber wie viele einfache, schöne Happyends beginnen mit einer undurchsichtigen Situation?

    Deine Kritik am Song der Revolverhelden verstehe ich natürlich. Aber wie viele Kritiken verweisen HIER auf die Vorherbarkeit des entsprechenden Textes? Sowohl hiesige Dichter als auch Kritiker setzen hier oft die Massstäbe herunter. Warum hier und nicht beim Musikgeschäft? Weil die Autoren im Musikgeschäft einfach zu hoch bezahlt werden? Vergiss es! Weil hier Amateure schreiben? Ja und? Da darf man die Vorhersehbarkeit der Inhalte von Herbstgedichten plötzlich mehrfach liken? Vorhersehbar hat mMn eben die o.g. Ursachen: Die Autoren erklären ihren Lesern gereimt ihre Motive, statt sie mit authentischen Wahrnehmungen zu verwöhnen. Und da die Kritiker zugleich auch Dichter sind....

    Miaukuh, mein lieber kritischer Geist, hier sind die wahren Motive meiner Entropie. Halte ich mich authentisch aus... oder muss ich mich erklären?
    Geändert von Artname (23.02.2019 um 12:31 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  6. #6
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    Lieber Artname,

    ich halte dich sehr gerne authentisch aus und die Entropie war es auch, die mich anlockte :P wie ich ja schrieb
    Find ich gut. Aber irgendwas muss ich ja auch schreiben, nicht? (: Ich mags halt, mit dir zu kommunizieren.
    Und wenn ich mich zu sehr vom Gedicht entferne, gilt es als SPam Was irgendwie tragisch wäre ...

    Ein paar interessante Punkte sprichst du da an und naja, die Motivation zu Schreiben ist so und so, für jeden.

    Dein einer Satz, "Aber wie viele einfache, schöne Happyends beginnen mit einer undurchsichtigen Situation? " ja!!!! Das stimmt so gut
    Irgendwo fängt alles an und irgendwie hörts auf.

    Tjaja. Jetzt gibt es Mittag und schön, dass wir mal über das alles hier geredet haben.

    Liebe Grüße und guten Appetit!

  7. #7
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    Ich mag ebenfalls deine erfrischende Art zu schreiben. Mehr denn jeh!

    lg und schönes WE
    Genau so, oder eben ganz anders!

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