1. #1
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    Optische Täuschung

    Ein Holzwurm saß mit finst'rer Miene
    vor einer prächtigen Vitrine.
    Er hatte diese auserkoren
    um sie genüsslich zu durchbohren.

    Doch wollte es ihm nicht gelingen,
    in die Vitrine einzudringen,
    wie er auch bohrte und sich wand
    sich nirgendwo ein Einlass fand.

    Er lehnte sich erschöpft zurück
    und musterte das noble Stück,
    und fand ein Etikett vom Werk
    mit einem Qualitätsvermerk.

    Sah aus wie Holz, doch war, oh je,
    die Herrlichkeit aus PVC.
    Da nahm er seine sieben Sachen,
    um anderswo sein Glück zu machen.

  2. #2
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    Das ist nur konsequent zu Ende gedacht bzw. gebracht, liebe Wilhelmine: Vom Vollholz über Furnier bis hin zu Vollplastik.
    Ich habe mal gelesen dass angebliche Antiquitäten mit kleinem Schrot beschossen werden, um Holzwurmlöcher vorzutäuschen.
    Mit der PVC-Vitrine rottet man solchen Schwindel aus - leider auch das Holzwürmchen.

    Süße Geschichte! Ich hoffe, was Würmchen wird anderswo fündig - aber nicht bei mir!

    Liebe Grüße,
    Stefan
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  3. #3
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    Keine Sorge, lieber Stefan, das Würmchen hat sicher noch ein passendes Quartier gefunden, vielleicht sogar in einem Holzkopf?
    Ich freu mich über deinen netten Kommentar.
    Liebe Grüße
    Wilhelmine

  4. #4
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    Liebe Wilhelmine,

    schön, nach einiger Zeit der Abstinenz wieder was von Dir zu lesen. Ich schließe mich Stefan an. Eine wirklich süße kurze Story mit einem ebenso putzigen Schluss: Ich seh das Würmchen vor mir mit einem langen Stock auf der Schulter, wo das Bündelchen aus rot-weißem Baumwollstoff dranhängt. Vielleicht kommts ja zu mir. Ich hätte da noch einen alten Sekretär (Schrank, nicht Schreibkraft), der bislang verschont wurde.

    Lieben Gruß
    Rich

  5. #5
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    Liebe Richmodis!
    Ich freue mich, dass es dir gefällt.
    Ja so ungefähr hat er sein Bündel geschnürt und ist losgezogen. Hoffentlich hat er das jetzt nicht gelesen, dass du da noch so einen wunderbaren Sekretär hast. Oh, oh.....
    Danke dir für deinen netten Kommentar.
    Liebe Montagsgrüße
    Wilhelmine

  6. #6
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    Gefällt mir wirklich gut. Die Pointe kam auch unerwartet! Ich habe bis zum Schluss mit einer Glas-Pointe gerechnet.

    In einem Paralleluniversum lief es vielleicht so ab:

    Der Narzisstenwurm

    Dem Holzwurm stand die finstre Miene
    - fand er, im Bild der Glasvitrine..
    ja dieses Glas hat ihm geboren
    ein Spiegelbild und nie verloren.

    Vertanzt - dem Spiegelbild gefiels
    und glich ihm - welch perfides Spiel
    verliebt war er - und wie es saß -
    verliebt in dieses hohle Glas.

    Da dachte er und hatte recht:
    im Grunde tanz ich gar nicht schlecht
    und blieb bei sich - doch für wie lang?
    Zu kühl war ihm des Glases Hand.

  7. #7
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    Liebe Wilhelmine,

    ich finde Dein Holzwurmgedicht einfach köstlich, der Holzwurm wohl eher nicht. Ach Menno, der arme – er versteht die Welt nicht mehr.

    Hoffentlich hat er anderswo sein Glück noch gefunden.

    Sehr gerne gelesen und geschmunzelt. Reimtechnisch aus meiner Sicht einwandfrei.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  8. #8
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    Hallo TieferGrund!
    Ein Holzwurm, der sich in sein Spiegelbild in einer Glasvitrine verliebt, auch nicht schlecht...
    Hab mich über deinen Kommentar gefreut. Danke dir.

    Hallo Dabschi !
    Ich danke dir für deinen mitfühlenden Kommentar. Ja, da isser mal ganz schön reingefallen der Arme.
    Danke auch für dein Lob zur "Reimtechnik ".

    Eine schöne Woche noch euch beiden
    Liebe Grüße
    Wilhelmine

  9. #9
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    Grüß dich Wilhelmine,

    das ist ein nettes Stück (Holzwurm)Geschichte. An deiner S 2 könntest du etwas feilen. Da du in den anderen Versen einen normalen Satzbau gebraucht hast, fällt der Satzverdreher unschön auf.

    Doch wollte es ihm nicht gelingen,
    in die Vitrine einzudringen,
    wie er auch bohrte und sich wand:
    Das Möbelstück hielt allem stand.

    so auf die Schnelle in etwa.

    lG

    mp
    Geändert von MimusPolyglotos (06.03.2019 um 13:34 Uhr)

  10. #10
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    Zitat Zitat von MimusPolyglotos Beitrag anzeigen
    Grüß dich Wilhelmine,

    das ist ein nettes Stück (Holzwurm)Geschichte. An deiner S 2 könntest du etwas feilen. Da du in den anderen Versen einen normalen Satzbau gebraucht hast, fällt der Satzverdreher unschön auf.

    Doch wollte es ihm nicht gelingen,
    in die Vitrine einzudringen,
    wie er auch bohrte und sich wand:
    Das Möbelstück hielt allem stand.

    so auf die Schnelle in etwa.

    lG

    mp
    guter vorschlag, lb mp, den ich wie folgt optimieren würde:
    Der Glasschrank hielt dem Bohren stand.
    tolles gedicht, lb Wilhelmine!

    lg W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  11. #11
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    Hallo MinusPolyglotos, Hallo Walther!
    Ich freue mich über euer Interesse an dem Stück.
    Danke auch für die kritischen Hinweise.
    Aber diesmal bleibt alles so wie es ist, ich bin zufrieden damit.
    Liebe Grüße
    Wilhelmine

  12. #12
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    Wie man sich gerne mal fühlt, wenn man irgendwas nicht kapiert. Sofort eingeordnet und anhand billigster Rhethorik die Rechnung präsentiert, weil es ja scheinbar Tiere gibt die wir für Charakterisierung brauchen und um uns zu freuen dass wir Holz und Plaste unterscheiden können. Wenn es dabei um Identität und Einzigartigkeit ist die Botschaft etwas untergegangen.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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