1. #1
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    Die Unbekannte (Sonett)

    Wer hat aus tiefstem Schlafe mich erweckt?
    Sie steht im weißen Schnee so sanft und leise
    Und ruht sich aus von ihrer langen Reise
    Hat ihre Arme weit hinausgestreckt

    Sie hat ein Herz aus Glas und voll bedeckt
    Durch ihrer Reise Schmerz mit frischem Eise
    Das durch ihr Lächeln schmilzt auf eine Weise
    Dass es mich in der nächsten Nacht noch neckt

    Sie ist der Sturm, der nimmermüde kreist
    Durch meinen wirren, wechselhaften Geist
    Das einz’ge Licht, das strahlt in meine Räume

    Der warme Blick, der mir den Atem bricht
    Ein süßes Wort, das einsam zu mir spricht
    Sie ist das Wunder längst verlor’ner Träume


    Leicht veränderte Fassung. Original aus:
    Ein Babyhase im Winter
    Copyright © 2019 Felix Erhard Rau

  2. #2
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    Das gefällt mir aber.
    Es ist schön. Es ist melancholisch. Es ist metrisch korrekt. Es ist Poesie!

    Du mußt nicht "Sonett" draufschreiben, das erkennt man.

    Bemängeln möchte ich:
    - die fehlenden Satzzeichen und
    - die großgeschriebenen Zeilenanfänge.

    Raten mag ich Dir (hier ist es aber noch vertretbar) sich selbst stets streng in seinem Adjektivverbrauch zu beobachten.

    Vielen Dank und weiter so!

    Der Alte

  3. #3
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    Hallo Felix Erhard Rau,

    der Titel macht Dein Gedicht "Auf", und man steigt in einen wunderbaren, geheimnissvollen Fluss mit emotinaler Wellenbildung. Bereits die ersten beiden Zeilen gefallen mir. Genug für einen Maler, FarbenFormen und Vorräte für die nächsten Monategesammelt.
    Beste Grüße
    lautmaler

  4. #4
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    Grüß dich, Erhard Rau,

    ganz kann ich mich dem Lob der Vorredner nicht anschließen, ein paar Dinge gefallen mir nicht. In den Quartetten hast du klassisch ABBA ABBA gereimt, klanglich passen "neckt/Reise" nicht ganz zu ihren respektiven Reimgeschwistern. Finde ich nicht dramatisch. Gut gefällt mir, dass die Zeilen alternierend mal betont, mal unbetont enden. Klanglich kommt das gut. Allerdings hast du ein Ungleichgewicht in den Terzetten, da gehts 4:2.

    Dein Jambus hinkt ganz leicht in S 2 Z 4..

    Um im Jambus zu bleiben müsste ich da "es" betont lesen und das ist schwierig durch das Übergewicht des "dass" davor.

    Was ich nicht mag, sind die E-Dative, Schlafe / Eise . In S1 ist das "weiße" für mich überflüssig. Das hat Schnee so an sich.

    S 2 ist langatmig formuliert und in S 2 Z 1 frage ich mich, wer bedeckt wen? Das Verb dort passt nicht auf beides, sonst müsste ich "sie hat..bedeckt" lesen.

    Das durch ihr Lächeln schmilzt auf eine Weise
    Dass es mich in der nächsten Nacht noch neckt
    Von deiner Satzlogik her ist es das Eis, das das LI durch seine Art zu schmelzen neckt.


    In den Terzetten ist es einigermaßen überraschend, dass das LD da unter anderem als "Sturm" beschrieben wird. Die anderen Zeilen beschreiben es eher als eine Traumsequenz, dazu hast du ja bis auf die Sturmzeile "liebliche" Bilder benutzt. Deswegen fällt das ab. Und wenn es als Kontrast dienen soll, dann würde es mE besser als Schlusssatz passen, aber das ist wohl keine Option für den Text.

    lG

    mp
    ........
    whiskey's getting deeper
    and I use it like a moat
    there's a blues man in the distance
    and he's lost inside his note
    ........
    (Savatage)

  5. #5
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    Hätteste mal was draufgeschrieben was man nicht gleich erkennt, dann hätte sich dieses drogenähnliche abgehobene noch irgendwo was vom Tower funken lassen können, wo dieser Flug hingehen soll, mal abgesehen vom ganzen Schlusshaftigen Melodramakkord. also ob wir uns nicht schon schmerzhaft genug winden würden wenn sowas wieder auftaucht.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  6. #6
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    Hallo zusammen,


    vielen vielen Dank für die lieben Worte und die (größtenteils) konstruktive Kritik. Ich werde gerne versuchen, die Ideen und Tipps beim nächsten Mal umzusetzen.
    Auf ein paar wenige Punkte würde ich gerne noch eingehen:

    Zitat Zitat von MimusPolyglotos Beitrag anzeigen
    In S1 ist das "weiße" für mich überflüssig. Das hat Schnee so an sich.
    Die Kritik habe ich tatsächlich am häufigsten bekommen. Interessant, da mir ebendieser Punkt beim Schreiben sogar sehr wichtig war: Die Tautologie verstärkt die unschuldige und reine Umgebung, in der die Unbekannte steht. Natürlich ist Schnee weiß aber darauf hinzuweisen, zeigt, dass eben die farbliche Symbolik und nicht z.B. die Konsistenz wichtig ist.

    Zitat Zitat von MimusPolyglotos Beitrag anzeigen
    In den Terzetten ist es einigermaßen überraschend, dass das LD da unter anderem als "Sturm" beschrieben wird. Die anderen Zeilen beschreiben es eher als eine Traumsequenz, dazu hast du ja bis auf die Sturmzeile "liebliche" Bilder benutzt. Deswegen fällt das ab. Und wenn es als Kontrast dienen soll, dann würde es mE besser als Schlusssatz passen, aber das ist wohl keine Option für den Text.
    Wohl wahr... Die Terzette generell etwas negativer zu halten, wäre auch eine Idee gewesen, um die inhaltliche Form des Sonetts einzuhalten (These-Antithese-Synthese oder, wie in diesem Fall, These-Antithese).

    Zitat Zitat von Terrorist Beitrag anzeigen
    Hätteste mal was draufgeschrieben was man nicht gleich erkennt, dann hätte sich dieses drogenähnliche abgehobene noch irgendwo was vom Tower funken lassen können, wo dieser Flug hingehen soll, mal abgesehen vom ganzen Schlusshaftigen Melodramakkord. also ob wir uns nicht schon schmerzhaft genug winden würden wenn sowas wieder auftaucht.
    Es kann nicht jeder von Allem angetan sein, das ist mir klar. Ich störe mich z.B. an modernen Elementen in Gedichten (wie bspw. Technik, Marken oder die Verwendung von Anglizismen) und verwende sie deshalb nicht in meinen Texten. Bevor ich mich aber beim Lesen eines solchen Gedichts "winden" muss, lasse ich es lieber.
    "Hätteste mal" - Uiuiui, zum Glück retten die Alliterationen deinen dadurch dann doch durchweg charmanten Post.
    Und vielen Dank für "Melodramakkord". Der ist mir echt gut gelungen, wa?


    Liebe Grüße
    Felix
    Geändert von Felix Erhard Rau (11.03.2019 um 10:19 Uhr)

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