1. #1
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    Prosa, stellenweise rhythmisch

    Platt

    In den Dampfschiffen alter Zeiten
    gingen in der Tiefe des Kesselraums
    unter der Wasserlinie rund um die Uhr
    mit großen Schaufeln Heizer ihrem lichtlosen Tagwerk nach.
    Sie beförderten nach bestimmten Maßgaben
    Die von Kohletrimmern aus dem Bunker zugeführte Kohle
    In die Feuerstellen der Heizkessel.
    Die machten Dampf in ausreichenden Mengen.

    Doch greifen wir nicht vor.
    Die Heizer führten schaufelweise
    Die zugeführten Kohlehaufen den Feuerstellen zu
    Trimmer und Heizer erledigten in der kreisläufigen Kette,
    die sich vom Anbeginn der Welt bis hinter ihr Ende ausbreitet
    genau die Handgriffe, die genau dafür erforderlich waren,
    dass genau das geschah, was einem genauen Zweck diente.

    Freilich bauten sie ihre Tätigkeit schon darauf auf,
    dass beispielsweise Hauer in einem Kohlebergwerk
    die in Flözen von der Natur angelegte Kohle abbauten,
    welche von Förderleuten zum Förderschacht befördert wurde
    und mittels Aufzügen an die Erdoberfläche gehoben wurde -
    beispielsweise.

    Was der Bunker des Dampfschiffes im Kleinen war,
    das waren die Kohlehalden der Zechen im großen Stil.
    Wie viele Menschen noch wie viele Handgriffe zu erledigen hatten,
    unter Zuhilfenahme welcher Gerätschaften, Hilfsmitteln, Tieren und Maschinen stellen wir in den Raum, ohne die entsprechenden Details auszubreiten.
    Jedenfalls ist es historisch verbürgt, dass Kohle von einer Halde in den Bunker eines Dampfschiffs verbracht wurde und von Trimmern als Haufen vor die Füße der Heizer abgelegt wurde. Geschichte strotzt bisweilen nur so vor Zwangsläufigkeiten.

    Die Heizer beförderten die Kohle mittels großer Schaufeln durch die Feuertür in die Feuerstellen der Dampfkessel.
    Wenn der Heizer die Feuertür oder –klappe wieder zuschlug, war sein Job gewissermaßen getan – bis zum nächsten Öffnen der Feuertür, Einführen der Kohle und Schließen der Tür.


    Hinter der Feuertür ging es weiter. Dampferzeugung, ausgeklügelte Nutzung des Dampfes als Antriebsenergie, am Heck dreht sich die Schiffsschraube und ist sogar noch ein bisschen Dampf übrig, um die Schiffssirene im Bedarfsfall zu betreiben mit ihrem sinistren Geheule.
    Das klingt alles schon reichlich pedantisch und ist es auch. Dabei ist es nur ein Hauch von Pedanterie. Denn die Vorgeschichte gehört ja auch noch dazu. Die haben wir nur angedeutet – in einem Satz – sie zieht sich endlos vom Anbeginn der Welt – bis sich irgendwann mal die Materie dazu bequemte oder aufraffte oder was auch immer, Kohle abzulagern. Eigentlich fängt die ganze Geschichte beim gedachten Urknall an und wer weiß, wo sie noch enden wird. Vielleicht gar beim lieben Gott.

    Wir hätten ebenso pedantisch die Geschichte jener Heizer herbeiführen können, die damals an den vier Feuerstellen der Kronprinzessin Cecilie aktiv waren, immerhin 76 Männer, die im Drei-Schicht-Betrieb täglich 760 Tonnen Steinkohle verfeuerten. Freilich hat sie auch der Urknall zu verantworten. Davon abgesehen hatten diese Männer sicher auch Familie, Angehörige, Frau, Freund, Freundin und/oder Kinder – jedenfalls können wir auch hier viele Ketten einschließlich der vom Zahnrad abgesprungen Ketten nur andeuten. Versichern aber glaubhaft, dass es sie gegeben hat. Jeder Historiker wird dem zustimmen. Und wer Zweifel hegen sollte, der bekommt den Urknall um die Ohren und die Trommelfelle werden ihm platzen.

    Was für die Kronprinzessin Cecilie gilt, hätten wir ebenso gut am Beispiel der Titanic darlegen können – jedenfalls für alle ihre Fahrten mit Ausnahme der Jungfernfahrt, die auch zugleich die Todesfahrt war. Denn auf dieser denkwürdigen Fahrt verhalf alles Trimmen, Schaufeln und Heizen dem Schiff bekanntermaßen nicht zur triumphalen Einfahrt in den Hafen von New York, sondern führte ohne Umwege auf den Grund des Nordatlantik in rund 3 800 Metern Tiefe.
    Die Verkettungen dieser ungeplanten Fahrt in die Tiefe sind ebenso detailreich wie es die Einfahrt im Hafen von New York hätte sein können. Nun ein Hindernis verhinderte die geplante Atlantiküberquerung, warf das Schiff aus seiner Bahn und verschaffte ihm eine unfreiwillige und völlig improvisierte Tauchfahrt von fast vier Kilometern, die das Schiff durchaus wacker überstand. Klopf auf genieteten Stahl.
    Über die Verkettungen von Umständen, die das Hindernis in jener Nacht genau den Rumpf der Titanic aufschlitzen ließen, könnte man umfangreiche Überlegungen anstellen. Von vielen Schneeflocken müsste beispielsweise die Rede sein, die sich verdichteten und unter tatkräftiger Mitwirkung atmosphärischer Faktoren zu Festlandeis betonierten, das schob und schob unendlich lang. Von der Titanic war noch gar nicht die Rede, von diesem Kalb, also diesem kalbenden Gletscher natürlich auch nicht. Niemand hatte diesem Eisberg, der irgendwann unbemerkt vom Stapel lief und sich auf seine Meeresreise begab, an der Wiege gesungen, dass er sich der Titanic, die ihrerseits am 31. Mai 1911 auf der Werft von Belfast vom Stapel gelaufen war, in den Weg schieben und sie auf den Meeresgrund schicken würde in jener denkwürdigen Nacht des 14. April 1912 gegen 23 Uhr 40. Während der Eisberg sich nach und nach verflüssigte und im Ozean der Wasser verschwand, hatte das Schiff seinen eigenen Untergang durchaus überlebt – wenn auch verrostet.

    Womit wir beim Verhinderer sind und seiner gedenken.
    Was wären alle Trimmer und Heizer dieser Erde, wenn es nicht den Verhinderer gäbe, der meist in Form von Hindernissen auftritt.
    Jede freie Fahrt muss hart erarbeitet werden. Das ist das Schicksal der Menschen. Der Urknall hat zwar wahnsinnig viel Materie, Energie, Leben, Räume und Zeiten freigesetzt, aber zugleich mit Hindernissen aufgeladen, ja reichlich gespickt. Irgendwas kollidiert immer, reibt sich aneinander, platzt, verschmilzt usw. Freilich geht alles immer weiter, aber so manches erst wieder hinter einem Hindernis.
    Das Hindernis aller Hindernisse ist der Tod. Er verhindert, dass das individuelle Leben sich endlos weiterlebt. Das individuelle Leben wird sich dabei zunehmend selbst zum Hindernis (wir nennen das Altern) und am Ende mutiert es zum unüberwindbaren Hindernis (wir sagen, es stirbt).


    Und dann ist das Leben weg, also der Geist, das Bewusstsein, die Seele, die Gehirnströme, alles weg, ganz einfach weg. Die komplette Steuerung abgeschaltet, kommt nicht wieder. Im Gegensatz zur sogenannten sterblichen Hülle, die wird ja von der Natur ordnungsgemäß recycelt, wird vielerlei Kreisläufen zugeführt, nichts geht verloren, alles wandelt sich.
    Nur dieser Geist da, der ist einfach weg, ausgehaucht, in den Himmel aufgefahren, zur Hölle hinabgefahren, im Fegefeuer zwischengelagert. Man weiß es nicht.
    Nun, manche (lebenden) Geister behaupten, der Geist eines Verschiedenen lebe ja weiter, in seinen Worten und Werken beispielsweise. Das hat natürlich etwas von einer Geisterbeschwörung, denn der verstorbene Geist lebt ja selbst gar nicht weiter wie zuvor. Indem man ihn zitiert oder ihn Dinge sagen lässt, die er möglicherweise gemeint hat, indem er dieses oder jenes gesagt bzw. nicht gesagt hat, bildet man sich ein, dass er lebe, jedenfalls als Hinterlassenschaft oder gesprächsweise.

    Und das Verblüffende daran ist, dass der Abschaltbefehl aus dem Körper heraus erfolgt. Der Körper entzieht irgendwann nach eigenem Ermessen dem Geist die Existenz. Er versagt seinen Dienst, könnte man sagen. Ein Leben lang hat er sich redlich bemüht, seinem Geist dienstbar zu sein. Und dann heißt es: ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr, ich hauche dich jetzt aus.
    Und der Geist mag sich auf den Kopf stellen, es hilft alles nichts. Er hängt in der Luft, vielleicht einen Augenblick, während der Körper sich selbst zum geheimnisvollen Hindernis wird, gegen das er stößt, einmal und nie wieder. Was bleibt dem Geist in diesem Augenblick noch übrig?

    Früher haben die Menschen noch ihre Fantasie angestrengt und sich eine Fortsetzung der Geschichte ausgedacht. Das kann man doch nicht einfach so stehen lassen, den Geist einfach in der Luft hängen lassen, einsam und verlassen, während sich der Körper aus dem Leben davon macht und sich recycelt. Also hat man den Geist beispielsweise in eine Seele verwandelt, manchmal auch mit imaginären Flügelchen versehen, damit sie da nicht so hilflos in der Luft hängt. Und die Flügel waren natürlich kein Zierat, sondern Antriebe, wie bei den Vögeln des Himmels. Ganz scharfsinnige Geister ersannen sogar die dimensionslose Fortbewegung, die gar keine mehr war. Sie nannten diese Superpräsenz Ubiquität, Allgegenwart in allen Dimensionen. Deshalb fuhr Jesus ja auch ohne Flügelchen in den Himmel auf, indem er sich schlicht und einfach verklärte. In SF-Filmen findet man dieses Motiv wieder als Beamen oder Fortbewegung in Null-Transmittern.
    Außerdem lassen sich nur so die vielfältigen Erscheinungen erklären. Wie Jesus beispielsweise durch die verschlossene Tür mitten unter seine Jünger trat.
    Gut, also das ist klar. Entlassen wir die Seelen in die Dimensionslosigkeit, wo sie in alle Ewigkeit gut aufgehoben sind.

    Beim Untergang der Titanic ertranken mehr als zwei Drittel der über 2200 Menschen an Bord. Viele Seelen mussten damals vermutlich erst aus dem eiskalten Wasser, 0 Grad Celsius, auftauchen, sicher keine leichte Arbeit, da hatten die Körper keine Last, ließen sich mit Eiswasser volllaufen und dann ab in die Tiefe. Wer von den frei schwimmenden Toten mag überhaupt bis an den Meeresgrund gelangt sein? Vermutlich kein einziger. Irgendwo unterwegs gefressen. Die größte Chance hatten die Eingeschlossenen. Der Schiffskörper sauste mit an die 80 km/h in die Tiefe, schlug auf und bohrte sich bis zu 15 Meter tief in die dicke Schlammschicht am Grund des Ozeans.
    Nun die damaligen Bewohner der Tiefe werden nicht schlecht gestaunt haben, das sah ja eher nach einem Unterwasser-Meteoriteneinschlag aus. Da müssen aber einige Biotope platt gemacht worden sein, sozusagen das Grab der unbekannten Tiefseebewohner, denn damals hatte man ja noch gar keine Vorstellung vom maritimen Leben in derartigen Tiefen.


    Wenige Jahre später sollte man so gar keine rechte Vorstellung vom Leben auf den Schlachtfeldern besitzen und sprach vom unbekannten Soldaten, also von jemandem, der dieses Leben nicht überlebte -- dieses mit brüllenden Hindernissen gespickte Leben, das aussah wie ein gesengtes Schwein.

  2. #2
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    Was erwartest Du auf diesen Text für eine Antwort?

    Als ich vor vielen Jahren in meiner Spätpubertät hockte und plötzlich "Amiwrite" auf meinem 1200er lief, soff ich mich durch die Nächte und schrieb ebensolchen Heckmeck. Aber irgendwann wird man erwachsen. Ich warf diese ganze Texte weg. Und weißt Du was? Das war gut so!

    Mein Rat: Wechsel zur Prosa oder fang noch einmal neu an!

    D.A.

  3. #3
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    Moin,
    och, sei nicht so streng mit mir. Da gab es doch mal in der spätpubertären Zeit der Nachkriegsgesellschaft den Schlager von Ricky Shayne (George Albert Tabett) "Ich sprenge alle Ketten".
    Ich sprenge alle KAUSAL-Ketten, d. h. lasse die vom Menschen gemachten und jene der Natur aufeinanderprallen. Das ist das Modell "Titanic/Eisberg". Und zum Schluss lasse ich vom Menschen gemachte Kausalketten aufeinanderprallen. Das waren dann die Schlachten des WK I. Überhaupt wenn menschliche Kausalketten-Maschinen (Machtgefüge) aneinander geraten, erzeugt das zumeist einen Krieg. Dass Menschen und Natur dann aussehen wie gesengte Schweine ist mein persönliches Bild - das muss man nicht teilen. Irgendwelche schönen Seelen (oder "unbekannte Sodaten" oder gar "Helden"?) mit oder ohne Flügelchen eignen sich vielleicht für manche besser als "in memoriam".
    Gruß
    chaton
    Geändert von chaton (09.03.2019 um 08:00 Uhr)

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