1. #1
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    Abschied von einem Freund


    Abschied von einem Freund


    Vereint gaben wir den Freund
    der Erde zurück.
    Seine Asche wog leicht.
    Im erwachenden Frühlingsglück
    hatte die Seele ihr Daseinsziel erreicht,
    hatte sich, der Körperhülle entsprungen,
    empor zu ihrer Heimat geschwungen.

    Unsere Zeit hielt inne,
    als erinnernd wieder Augenblicke
    gemeinsamen Erlebens erstanden.
    Besser begriffen wir Urgründe seines Handelns,
    empfanden Existieren als kostbares Gut.
    Wir schieden, versöhnt mit dem Freund.
    Geändert von Carolus (23.03.2019 um 20:15 Uhr) Grund: "bedenkend abnehmende Lebensglut" gestrichen. Rat von Kaspar und Festival.

  2. #2
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    Hallo Carolus
    Schön, dass dein Freund nicht ohne ein paar Verse in seinen allerletzten Frühling startet.
    Eine Anmerkung: Deine letzte Zeile demonstriert, warum die Dichterfürsten vor dem Partizip Präsens warnen. Könnte man die nicht ganz weglasssen?
    KP
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  3. #3
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    Lieber Carolus,
    ein im typischen Carolus-Stil geschriebenes, berührendes Gedicht. Du verzichtest (bei diesem traurigen Geschehen) auf klappernde Reime und mir widerstrebt es, bei Deinem Gefühl für Sprachrhythmus, hier mit der metrischen Elle zu messen.
    Kaspar gebe ich Recht: Hau den letzten Vers in die Tonne.
    Liebe Grüße,
    Festival
    Geändert von Festival (23.03.2019 um 12:31 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Kaspar, hallo Festival,

    ich wußte zwar nicht, "warum die Dichterfürsten vor dem Partizip Präsens warnen", hatte aber schon immer gewisse Bedenken bei der Verwendung des Partizips Präsens. Deine Frage "Könnte man die nicht ganz weglasssen?" kann ich jetzt mit Abstand nur bejahen, zumal auch der zweite kompetente Gedichtverfasser mir diesen Schritt mit dem "kategorischen Imperativ "Hau den letzten Vers in die Tonne!" nahe legt.
    Freundlichen Dank dir und Festival!
    Carolus

  5. #5
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    Hallo Carolus

    ich sehe das, wen wunderts, etwas anders als Festival.

    Beginnen wir mit dem Sprachgefühl:

    Vereint gaben wir den Freund
    der Erde zurück.
    Seine Asche wog leicht.
    Im erwachenden Frühlingsglück
    hatte die Seele ihr Daseinsziel erreicht,
    hatte sich, der Körperhülle entsprungen,
    empor zu ihrer Heimat geschwungen.

    Du hast sicherlich ein gutes Sprachgefühl (das an anderer Stelle schon bewiesen)...dieses aber hier vermissen lassen...
    "hatte"...mit das hässlichste Wort unserer Sprache...lässt sich zwar nicht immer vermeiden...doch wenn es wie hier gleich zweimal in einem Satz auftaucht...dann verhindert das jede Form von (Sprach)Ästhetik. "Wog leicht" setzt dem dann die Krone auf.

    Unsere Zeit hielt inne,
    als erinnernd wieder Augenblicke
    gemeinsamen Erlebens erstanden
    Diesen Satz verstehe ich leider überhaupt nicht! Du meinst vermutlich "entstanden", aber auch dann verstehe ich den Satz nicht. Und warum "unsere" und nicht "die" Zeit? Es gibt nur eine Zeit...die zudem auch nicht innehalten kann. Innehalten ist eine ganz andere Aussage als "die Zeit blieb stehen". Innehalten ist nichts was einfach so passiert...sondern etwas...um das man sich bemüht. "Wieder Augenblicke". Wieder ist an dieser Stelle ein Füllwort...das man hätte leicht durch ein Adjektiv ersetzen können.


    Besser begriffen wir Urgründe seines Handelns,
    empfanden Existieren als kostbares Gut.
    Auch das ist für mich kein Satz - "besser" als was...?

    Mir ist schon klar was Du damit ausdrücken wolltes...: "Wir begriffen nun besser..."

    Und was sind "Urgründe"? Auch hier weiß ich was Du ausdrücken möchtes...doch halte ich "Urgründe" für die schlechteste aller denkbaren Optionen...

    "empfanden Existieren"....

    entweder: empfanden zu existieren...oder empfanden die Existenz als solche als ein....

    Sorry Carolus, aber in meinen Augen ist das kein gelunger Text


    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  6. #6
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    Hallo Andere Dimension,

    danke für deine aufschlussreiche Stellungnahme mit dem Gedicht.
    Hier einige Anmerkungen.

    Wieso ist "hatte"...mit das hässlichste Wort unserer Sprache"?
    Warum "verhindert" es, "wenn es wie hier gleich zweimal in einem Satz auftaucht...dann (verhindert das) jede Form von (Sprach)Ästhetik?

    "Unsere Zeit hielt inne,
    als erinnernd wieder Augenblicke
    gemeinsamen Erlebens erstanden"


    Warum kann man dies nicht verstehen, noch sich vorstellen, wenn Freunde zusammen sitzen und die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Verstorbenen in Erzählungen wieder "erstehen", dass dabei keiner an die Uhrzeit denkt?


    "Besser begriffen wir Urgründe seines Handelns,
    empfanden Existieren als kostbares Gut."


    Warum ist das für dich "kein Satz". (Die fehlende Vergleichsform ergänzt der Leser mittels des Kontexts, was üblichem Sprachgebrauch entspricht.)

    Warum ist das in deinen "Augen ist das kein gelunger Text"?
    Warum enthält deine Stellungnahme keinerlei Hinweise über den Inhalt, die Form bzw. den Aufbau noch über die Verwendung weiterer sprachlicher Mittel?
    Warum ist für dich "(Sprach)Ästhetik" das alleinige Beurteilungskriterium?

    Freundliche Grüße
    Carolus

  7. #7
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    Lieber Carolus,

    diese Worte berühren. Sehr schön vormuliert.
    LG Esther

  8. #8
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    Hallo Carolus

    Wieso ist "hatte"...mit das hässlichste Wort unserer Sprache"?
    Warum "verhindert" es, "wenn es wie hier gleich zweimal in einem Satz auftaucht...dann (verhindert das) jede Form von (Sprach)Ästhetik?
    Ja, das ist meine persönliche Meinung - es steht natürlich jedem frei das anders zu sehen. Du wirst das aber bei keinem Autoren und auch bei keiner Autorin von Format so sehen. Und ich rede jetzt von tausendseitigen Romanen...und nicht von einem Zwölfzeiler. Ist aber irgendwie auch logisch...denn "hatte" unterstützt das Aufzählen...nicht das Erzählen. Oder anders ausgedückt: versuchst Du "hatte" nicht zu-schreiben...sondern zu um-schreiben...werden die Sätze viel lebendiger.

    aus dem Stegreif;


    Ich hatte letzte Woche einen Schnupfen
    und gestern hatte ich dann auch noch Zahnschmerzen


    Letzte Woche musste ich mich mit einem Schnupfen herumschlagen
    und seit gestern plagen mich jetzt auch noch Zahnschmerzen


    Du siehst; versucht man das tote "hatte" zu vermeiden, wird die Lücke meist durch ein lebendiges Verb gefüllt. Im Prinzip ist "hatte"...egal in welcher Konstellation...nichts anderes als ein Füllwort...eine Art "Ausholen"...um zum Wesentlichen zu kommen.

    Warum kann man dies nicht verstehen, noch sich vorstellen, wenn Freunde zusammen sitzen und die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Verstorbenen in Erzählungen wieder "erstehen", dass dabei keiner an die Uhrzeit denkt?
    natürlich kann ich das verstehen...weil ich weiß was Du "eigentlich" sagen willst - doch Du sagst es nicht. Wenn Du das schreiben willst..was du auch meinst...dann heißt es ohne wenn und aber "die Zeit".

    Warum ist das für dich "kein Satz". (Die fehlende Vergleichsform ergänzt der Leser mittels des Kontexts, was üblichem Sprachgebrauch entspricht.)
    existieren ist kein Gut...sondern eine Zustandsbeschreibung...bzw ein Satus Quo- und vom "Gut" spricht man gemeinhin nur im positiven Sinne...von Existieren spricht man genau im gegenteiligen Fall.

    Warum ist das in deinen "Augen ist das kein gelunger Text"?
    aus den zuvor genannten Gründen - das sind mir bei einem solch kurzen Text einfach zu viele "Schwächen"...

    Das ist bei gedichte.com auch nicht viel anders als in anderen Foren dieser Art: es wird hauptsächlich über Inhalte gesprochen...mal auf den ein oder anderen Rechtschreib...oder Grammatikfehler hingewiesen...ge-xt und nach Zahlen gemalt.
    Das alles hat aber mit der Sprache als solche nichts zu tun - das sind ja "nur" Hilfsmittel um Sprache zu verpacken.

    Warum enthält deine Stellungnahme keinerlei Hinweise über den Inhalt, die Form bzw. den Aufbau noch über die Verwendung weiterer sprachlicher Mittel?
    Inhalte sind grundsätzlich beliebig. Du hättest über deine erste Klavierstunde schreiben können...die "Fehler" wären die gleichen gewesen. Über den Aufbau sagte ich etwas...denn dein Text baut auf "hatte". Von allen Kommentatoren bin ich doch der einzige...der überhaupt auf deinen Text eingegangen ist-und ich versuche stets möglichst ehrlich zu sein. Und für mich hat da nicht der Carolus....sondern das LY-I den Freund zu Grabe getragen. Rücksichtsnahme darfst Du in dieser Hinsicht nicht (von mir) erwarten.

    Aber egal wie Du (jetzt) dazu stehst..ich weiß aus Erfahrung...dass mein Kommentar nicht umsonst war.

    Viele Grüße, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  9. #9
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    Lieber Carolus,
    vielleicht tröstet Dich der (nicht auf Dich gemünzte) Spruch:
    Besser, du hättest geschwiegen,
    wärst ein Philosoph geblieben.

    Reimt sich nicht, besser steht ohne Bezug/Vergleich und das schlimmste Wort ist auch noch drin - und doch weiß jeder, was gemeint ist.

    Liebe Grüße,
    Festival

  10. #10
    Registriert seit
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    Hallo AndereDimension,

    "Im erwachenden Frühlingsglück
    hatte die Seele ihr Daseinsziel erreicht,
    hatte sich, der Körperhülle entsprungen,
    empor zu ihrer Heimat geschwungen."

    Noch einmal zu "hatte,hatte". Wie aus obigem Satzgefüge ersichtlich ist das verdächtige Wörtchen "hatte" ein Hilfverb zur Bildung des Plusquamperfekts. Viele Formulierungsmöglichkeiten der Vorvergangenheit wären ohne dieses Wort nicht möglich.
    Zur zweimaligen Aufzählung: Ich benutze die Aufzählung bewusst als stilistisches Mittel zur Verdeutlichung und intensivierten Steigerung eine Sachverhalts.

    "Unsere Zeit hielt inne,
    als erinnernd wieder Augenblicke
    gemeinsamen Erlebens erstanden."

    "Wenn Du das schreiben willst..was du auch meinst...dann heißt es ohne wenn und aber "die Zeit".
    Wieso? "Die Zeit" ist garnicht gemeint.Es ist das subjektive Zeitempfinden von Menschen, die in eine gemeinsame Vergangenheit eintauchen. Natürlich ticken die Uhren als Messinstrumente der Realzeit weiter.

    "existieren ist kein Gut...sondern eine Zustandsbeschreibung."
    Ich lebe, also existiere ich, oder ich existiere, also lebe ich. Für mich ist in gegebenen Zusammenhang "existieren" nur ein anderes Wort für "leben"

    "Inhalte sind grundsätzlich beliebig. Du hättest über deine erste Klavierstunde schreiben können...die "Fehler" wären die gleichen gewesen."...
    "Über den Aufbau sagte ich etwas...denn dein Text baut auf "hatte".

    Ich erlaube mir, mich jeglichen Kommentars zum Inhalt der beiden Sätze zu enthalten.

    Danke für deine Mühe mit dem in deinen Augen nicht gelungenen Text.

    Freundlichen Gruß
    Carolus

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