1. #1
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    Das Versprechen

    Die Sonne brennt seit endlos vielen Tagen,
    verwandelt gutes Ackerland in Staub,
    an Sträuchern und den Bäumen welkt das Laub.
    Kein Wunder, dass sich Mensch und Tier beklagen.

    Wir lechzen nach dem kleinsten Tröpfchen Tau,
    das sich aus Morgendunst gebildet hat.
    In dessen Spiegelbild, so rund und glatt,
    stellt Satan uns das Paradies zur Schau.

    Noch eh wir danach greifen, ist es fort.
    Es gibt kein Eden - nicht an diesem Ort!
    Uns bleibt nur beten und auf Regen hoffen.

    Dann, eines Tages, sind die Schleusen offen.
    Es schüttet, beinah wären wir ersoffen,
    doch diesmal nicht: Der liebe Gott hält Wort*.

    *Nie wieder werde ich durch eine Wasserflut die Erde und was darauf lebt vernichten. (Genesis 9.11)

    Ein Dankeschön an Hi,i

  2. #2
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    Hallo Gugol,

    ein in jeder Hinsicht (inhaltlich, handwerklich,...) schönes Sonett, das mE dennoch auch noch Luft nach oben hat. Mindestens zwei Stellen, die ich aus unterschiedlichen Gründen anders gestalten würde:

    Die Sonne brennt seit endlos vielen Tagen,
    verwandelt gutes Ackerland in Staub,
    an Sträuchern und den Bäumen welkt das Laub.
    Kein Wunder, dass sich Mensch und Tier beklagen.
    in/zu
    Kein Wunder/so fügt sich

    ...lyrischer

    Dann, eines Tages, sind die Schleusen offen.
    Es schüttet, beinah wären wir ersoffen,
    doch diesmal nicht: Der liebe Gott hält Wort*.
    diesmal/heute

    ändert aber nichts daran, dass Dir dieser Text gut geglückt ist - auch wenn er am Ende mit "ersoffen" den Pfad der Ernsthaftigkeit verlässt...

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  3. #3
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    Hey AD, danke für deine Vorschläge. "so fügt sich" mag ich. Oder doch nicht? Was ist denn eine Fügung? Doch eher ein Schicksal, eine Bestimmung. Aber hier ist es ja nur eine simple Kausalität. "So kommt es" würde passen, ist aber wiederum nicht besonders lyrisch.

    Mit "verwandeln" würde ich jetzt eher in etwas als zu etwas sagen, aber ginge sicher beides, genauso wie diesmal/heute. Ja, das "ersoffen"... damit bin ich aus von dir genanntem Grund auch nicht glücklich und sehe ich als die klare Schwachstelle des Textes an. LG gugol

  4. #4
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    Hallo Gugol

    nun gebe Du bitte nicht auch noch dem Reflex nach etwas übernehmen zu wollen/müssen

    Sind doch nur Beispiele

    Aber weil Du gefragt hast: "so fügt sich"...dahinter steht gedanklich "zusammen"...im übertragenen Sinne: kommt eines zum anderen. Hat also eine andere Bedeutung als er/sie fügt sich (unter/einordnen...)

    Mit "verwandeln" würde ich jetzt eher in etwas als zu etwas sagen
    ja, 99,9 % aller Menschen würden das so sagen...aber glaubst Du irgend jemand würde Goethe heute noch kennen...wenn er alles so gesagt/geschrieben hätte wie das für seine Zeitgenossen so üblich war?!? Seine Mitmenschen hätten auch nicht "..die Nacht hing an den Bergen" gesagt.

    Als Lyriker ist man aus Überzeugung Fetischist- die Fixierung...die Detailverliebtheit nicht als eine Notwendigkeit hinnehmen...sondern aus Leidenschaft leben...

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  5. #5
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    Hi Gugol, mir gefällt das Sonnet uneingeschränkt. Es drückt die Hoffnung des Menschen aus, dass es am Ende nicht so schlimm kommt, wie man fürchtet. Kann ich nachvollziehen.

    Ob sich etwas "in" oder "zu" etwas verwandelt, scheint mir zweitrangig, da ich eindeutig in beiden Fällen zum selben Ergebnis komme. "Zu" betont mMn stärker das Ergebnis, während "in" gefühlt stärker den kontinuierliche Prozess betont.

    Ähnlich unentschieden switche ich zwischen "ersaufen" und "ertrinken". Ersteres fühle sich emotional etwas betroffener an und ist meinem Empfinden momentan etwas näher.

    lg
    Geändert von Artname (25.03.2019 um 11:49 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  6. #6
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    @ A.D.: Reflexartig sicher nicht, aber wenn mir jemand einen Vorschlag macht, der mir auf Anhieb und mit etwas Abstand aus guten Gründen gefällt, übernehme ich den gern.
    Ja, Detailverliebtheit und das Grübeln über einzelne Wörter... Hi, i und ich betreiben es mit Leidenschaft.
    LG gugol

    Hey Artname, freut mich, dass du es magst. Hätte ich reimtechnisch die Wahl gehabt, wäre ich immer mit ertrinken gegangen, einfach weil es zum Stil dieses Gedichts besser passt. In anderen fände ich ersaufen bestens. Aber wenn das "ersaufen" mehr Betroffenheit erzeugt, dann kanns mir nur recht sein. LG gugol
    Geändert von Gugol (25.03.2019 um 12:26 Uhr)

  7. #7
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    @Gugo

    und mit etwas Abstand
    das ist dann ok...denn solche Vorschläge mache ich (unter andere vielleicht auch) unmittelbar nach dem Lesen - das müssen dann noch lange nicht die besten sein...es gibt vielleicht auch andere Möglichkeiten....die besser passen-für die man sich aber etwas Zeit nehmen muss. Vielleicht sage ich künftig Lösungsansatz...im Sinne von "in eine andere Richtung denkend, aus einer anderen Perspektive betrachtet"...dazu.

    Gruß, A.D.
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  8. #8
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    Apropos "reimtechnisch", da hab ich als hiphop-er doch glatt übersehen, dass du die Katenzen der beiden Terzinen auf den Vokal "o" gereimt hast. So gesehen würde ich dem "ertrinken" erst recht keine Träne nachweinen: Eine gelungene Reimkette würde ich immer über die Wahl des optimalen Synonyms stellen. Speziell bei einer Gedichtsform, die ja auch "Klanggedicht" genannt wird.

    Ein überzeugender Stil bedeutet für mich, den Regeln meiner früheren Deutschlehrern während des Schreibprozesses möglichst wenig Platz einzuräumen. Alle Videos aus der Hirnforschung zeigen, wie unterschiedlich jedes Hirn das Leben verarbeitet. Jedes Gehirn erzeugt seine eigene Wahrheit. Allgemeinen Sprach-Regeln ermöglichen nur ein Minimum an Kommunikation. Je regulierter fremder Ausdruck, umso schwächer mein Eindruck. Regelabweichungen wecken mein Interesse stärker als gut formulierte Klischees!!
    Geändert von Artname (26.03.2019 um 08:21 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  9. #9
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    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Eine gelungene Reimkette würde ich immer über die Wahl des optimalen Synonyms stellen. Speziell bei einer Gedichtsform, die ja auch "Klanggedicht" genannt wird.
    Ja sicher, ich auch. Das "ertrinken" war nie eine wahre Alternative hier.

    Vielleicht fühle ich mich mit der offiziell korrekten Sprache einfach recht kompatibel, jedenfalls engt sie mich meistens nicht ein. Für manche Aussagen reichen jedoch die reglementierten Satzbauteile nicht aus, da bin ich auch gern bereit, eigene Wege zu gehen.

  10. #10
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    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Vielleicht fühle ich mich mit der offiziell korrekten Sprache einfach recht kompatibel, jedenfalls engt sie mich meistens nicht ein. Für manche Aussagen reichen jedoch die reglementierten Satzbauteile nicht aus, da bin ich auch gern bereit, eigene Wege zu gehen.
    Klar, keiner kommt ohne Regeln aus. Aber wenn Lyrik angeblich die persönlichste Ausdrucksform des Schreibens ist, dann sollte der Lyriker auch seinem ersten Impuls besondere Beachtung schenken. Da wo ich aufwuchs, sprechen die Leute einen starken Dialekt. Diese Prägung verunsichert mich beim Schreiben. Orthographisch muss ich die Regeln natürlich beachten. Aber syntaktisch, ja sogar semantisch wächst meine Lust, meine ursprüngliche Prägung bevorzugt zu behandeln. Auch wenn meine Deutschlehrer mich in dieser Heimat "hochdeutsch" prägen wollten.
    Genau so, oder eben ganz anders!

  11. #11
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    Für mich ist das Hochdeutsche ja sowieso eine Fremdsprache, denn im Schweizerdeutsch ist der Satzbau ein ziemlich anderer. Das mag mit ein Grund sein, weshalb mir das reglementierte Deutsch weniger in die Quere kommt; ich kenns einfach nicht anders. Ich schreibe hin und wieder gern berndeutsche (CH Dialekt) Gedichte, da lasse ich dann meiner urprünglichen Prägung freien Lauf. Interessante Sache jedenfalls, insbesondere mit dir zu diskutieren, von dem ich weiss, dass er "korrektes" Hochdeutsch eben könnte, falls er will.

  12. #12
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    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Gedichte, da lasse ich dann meiner urprünglichen Prägung freien Lauf.
    Kann man das wirklich so einfach?
    ADs Abwägung, ob sich etwas "in" oder "zu" Staub verwandelt, machte mich sehr nachdenklich. Vermutlich sagte ich als Kind, dass etwas sich in Staub verwandelte. Ich habe das Gefühl, dass mich erst das Lesen dahin brachte, dass sich etwas zu Staub verwandeln kann. Gewöhnlich entscheide ich solche Wortkonflikte blitzschnell. ... Aber warum eigentlich? Wer spricht aus mir? Wen will ich beeindrucken? Warum nicht, vor allen anderen, mich?!

    Interessante Sache jedenfalls, insbesondere mit dir zu diskutieren, von dem ich weiss, dass er "korrektes" Hochdeutsch eben könnte, falls er will.
    Danke für das Kompliment. Es trifft nur teilweise in' s Schwarze.

    Das Forenschreiben verändert die Menschen. Wir geben vor, dass wir uns über Vorschläge freuen würden. Ist das ehrlich gemeint? Viele hiesige AutorInnen reagieren ablehnend auf Vorschläge. Sind ihre Gedichte bereits perfekt oder macht die Sucht nach zeitnaher Anerkennung blind?

    Früher, als man seinen Texte längere Zeit ohne die Möglichkeit eines Feedback in sich tragen musste, war der Autor zugleich sein eigener und einziger Kritiker. Beide trauten sich gegenseitig über den Weg, nahmen sich ernst, hörten sich zu, experimentierten grossszügig mit einander. und sie behandelten sich gut! So schliffen Autor und Kritiker lange an ihren Texten.

    Heute dauert die Schöpferfreude viel kürzer. Ungeduldig drückt man auf "send" und schon verwandelt sich Schöpferfreude blitzschnell in (oder "zu"- *grins*) Spannung.... bzw Verspannung. Fördern unsere verfrühten Veröffentlichung die gewünschte Individualität? Ich weiß es noch nicht. Kann nur vermuten.

    lg
    Geändert von Artname (26.03.2019 um 10:51 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  13. #13
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    Ich weiss es auch nicht, ist aber eine interessante Frage. Ich kann nur sagen, dass für mich die gemeinsame Arbeit an einem Gedicht etwas vom besten überhaupt ist, und die geschieht nicht hier im Forum, sondern im persönlichen Austausch. So bin ich eben oft nicht mein einziger Kritiker, sondern habe einen critical friend, den ich um nichts in der Welt hergeben würde. Und das gab es ja früher auch. Bspw. ist bekannt, dass Goethe und Schiller einen regen Austausch zu ihren Gedichten pflegten.

    Das Forum ist dann eine ganz andere Ebene, und ich muss zugeben, dass ich Kritik auch daran messe, ob der Kritikschreiber selbst in der Lage ist, ein gutes Gedicht zu verfassen. Das mag blöd sein, ist aber so. Bei Leuten, auf denen ich dichterisch grosse Stücke halte, hintersinne ich mich mehr, ob an der Kritik, die mir vielleicht im ersten Moment nicht mundet, doch was dran ist.
    Und was das Insichtragen anbelangt: Für mich ist das Forum auch ein Arbeits- oder Testraum, um zu sehen, wie ein Text bei fremden Lesern ankommt. Ein bereits eingestelltes Gedicht kann sich trotzdem immer noch weiter entwickeln.

    Und noch zu den Mundartgedichten: Ja, kann man (der Prägung freien Lauf lassen), weil Schweizerdeutsch wirklich seine eigenen Gesetze hat und es so gut wie keine festgelegte Grammatik, geschweige denn Orthografie für die einzelnen Dialekte gibt.

  14. #14
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    Hm... als Musiktexter habe ich ebenfalls im Reallife ständig Gespräche mit Interpreten und Produzenten. Aber da im Hintergrund ständig geschäftliche Interessen lauern, ist das ein Thema für sich...

    .... oder auch nicht. Denn ich plädiere ja dafür, dem eigenen Text freiwillig mehr Zeit zum atmen zu geben, bevor er sich öffentlich als Kunstwerk vorstellen darf. Vielleicht ist das aber eine Ilussion.
    Genau so, oder eben ganz anders!

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