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Thema: die uhr

  1. #1
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    die uhr

    im zimmer ist es still. ein mildes schweigen
    legt allem schmerz ein ruhekissen hin
    ich höre deinen atem fallen - steigen
    und schweige auf der suche nach dem sinn

    und halte hilflos deine weißen hände
    und halt mich selber knapp nur in der spur
    das weiß der laken schwärzt die weißen wände
    und an der schwarzen wand hängt eine uhr

    sie tickt und tickt und schlägt sekundenwunden
    in deine zeit, als hättest du genug
    mit jedem schlag betrügt sie uns um stunden

    ich lausche deinem nächsten atemzug

    doch lauter übertönt dich dieses ticken
    das ungedämpft in meinen ohren lärmt
    wie soll ich nur die zeitenrisse flicken
    wenn deine hand die meine nicht mehr wärmt

    verfluchte uhr!
    ich hasse sie! ich hasse dieses monstrum an der wand!
    ich hass sogar noch jenen, der dies ticken einst erfand!

    sie tut, was alle uhren tun: sie raubt die ewigkeit des lebens

    ich hoff auf deinen nächsten atemzug
    vergebens
    Geändert von lilisarah (31.08.2019 um 23:02 Uhr)

  2. #2
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    Hallo lilisarah,

    das ist ein sehr ausdrucksstarkes Gedicht, es fällt mir nicht so leicht, da von Formulierungen zu sprechen, die mMn nicht so rund sind. Nimms als Anregung nocheinmal über die angemerkten Stellen nachzudenken:

    ich höre deinen atem falln und steigen
    Das "falln" ist sehr unschön. Das müsstes du doch "wegkriegen" können?

    und schweige auch und suche nach dem sinn
    Das "auch" ist so gemeint, dass LD zusammen mit LI schweigt? Ich würde es gern auch entfernt sehen, vielleicht "bin still dazu...."?

    Das nenne ich ein Gedicht.

    lG

    mp
    ........
    whiskey's getting deeper
    and I use it like a moat
    there's a blues man in the distance
    and he's lost inside his note
    ........
    (Savatage)

  3. #3
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    Hallo lillisarah,

    wow, ich bin begeistert von Deinem Gedicht. Ich war während des Lesens Zeuge Deiner Aussage und konnte das Ticken der Uhr hören. Ich sah zwei Menschen in einem Raum – zwei Menschen, die Abschied voneinander nahmen.

    Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich Dein Gedicht berührt. Trauer, Wut und Verzweiflung kann ich aus jeder „Pore“ Deines Gedichtes herauslesen. Die Wiederholungen von und, und, und … unterstreichen das Gefühl der Hilflosigkeit.

    ich höre deinen atem falln und steigen
    Ich vermute, dass Du hier das Ein- und Ausatmen meinst. Einen Vorschlag zur besseren Formulierung habe ich allerdings auch nicht, aber ich denke noch darüber nach.

    Das Einzige, was mich immer ein bisschen stört, ist die durchgängige Kleinschreibung. Das ist aber reine Geschmackssache.

    Sehr gerne gelesen.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  4. #4
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    Liebe lillisarah,
    auch ich bin durch die Intensität deiner Worte sehr beeindruckt.
    Vorschlag: ich höre deinen atem mühsam steigen.

    LG, Cara

  5. #5
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    lilisarah, ich kenne genau dieses Ticken der Uhr während eines Streites. Mit meiner Partnerin vereinbare ich manchmal eine bestimmte Redezeit, wo nur einer reden darf und der andere schweigen muss. In derart regulierten Streits entstehen oft Pausen, wo beide nachdenken. und dann tickt die Uhr ... und ich nehme den Rhythmus auf und ... ja, und komponiere. Und dieses innerliche Musizieren beendet oft meine deprssive Verstimmtheit und erleichtert es mir, auf meine Partnerin zu zu gehen, den Streit positiv zu beenden. Also ich mag ein längeres Schweigen mit dem Ticken der Uhr. Es beruhigt mich....läßt mich den Streit für kurze Zeit vergessen.... die mir oft für neue Ansätze ausreicht.

    Ich kann auch deine Sicht teilen, wie du vermutlich auch meine. Oder?

    Ich wüsste allerdings nicht, wie mich das Ticken berührte, ging es um eine entgültige Trennung....

    Wie auch immer: sehr gern gelesen ohne Änderungswünsche.

    lg
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Hallo lillisarah

    weißt ja, dass ich deine Texte mag...da steckt meist eine gute Portion Gefühl mit drin.

    Auch dieser hier ist ein guter...aber kein ausgereifter Text


    im zimmer ist es still. ein mildes schweigen
    legt allem schmerz ein ruhekissen hin
    ich höre deinen atem falln und steigen
    und schweige auch und suche nach dem sinn
    Du hast es nicht nötig "falln" zu schreiben...das weiß ich. Da scheint mir eher deiner Ungeduld geschuldet zu sein.
    Die Interpunktion wird von vielen unterschätzt- mit ihrer Unterstützung lassen sich die meisten "Probleme" lösen.

    Ich höre deinen Atem fallen, steigen
    schon ist das Problem gelöst

    und schweige auch und suche nach dem sinn
    und schweige auf der Suche nach dem Sinn

    dabei belasse ich es...möchte dein schönes Gedicht nicht zerreden. Denke Du weißt auch so wovon ich rede...wie auch ich weiß, dass Du den Willen und die Mittel mitbringst von Tag zu Tag besser zu werden.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  7. #7
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    hallo mp,

    ich danke dir für deine anregungen. das mit dem *falln* ist so eine sache - geschrieben sieht es hässlich aus, gesprochen geht es ganz gut. ich habe die stelle jetzt erstmal durch ein komma geändert, da das die einfachste variante ist, das dilemma zu lösen, bin aber nicht wirklich zufrieden damit. das komma halte ich deswegen nicht für die beste lösung, weil ein komma trennt, ein *und* aber verbindet. diese verbindung des atmens (das auf und ab, ein- und aus, fallen und steigen) wird durch das komma aufgelöst oder doch zumindest gestört. mal sehen, vielleicht fällt mir noch ein anderer vers dazu ein. wichtig ist mir hier aber die nennung des atems, da er so ziemlich das einzige vom LD ist (außer der kurzen erwähnung der hände), das im gedicht thematisiert wird.

    das *auch* bezieht sich auf das schweigen im ersten vers. wenn alles rundherum schweigt, dann stellt man fest: ich mach das auch, ich schweige auch. um das *auch* zu eliminieren, hat AD eine gute lösung angeboten, die ich übernommen habe, auch wenn das schweigen mir nun nur noch wie eine wortdopplung vorkommt und nicht mehr die bekräftigende wirkung (alles schweigt, also schweige ich auch) hat wie vorher (imho). vielleicht gibt es ja noch stimmen dazu.

    danke für deine zeit und wertschätzung.


    hallo dabschi,

    danke, dass auch du deine zeit meinem gedicht geschenkt hast und natürlich für dein einfühlungsvermögen. ja, mit dem fall(e)n und steigen ist das aus- und einatmen gemeint.

    die kleinschreibung fühlt sich für mich richtig an und ist für mich mehr als nur geschmackssache, sondern macht einen teil meiner gedichte aus, gehört einfach zu mir und meiner art, gedichte zu schreiben. früher war ich geneigt, dem leser zuliebe auch mal davon abzuweichen. heute gönne ich mir den luxus, da drüber zu stehen.


    liebe cara,

    dein vorschlag betont die krankheit des LD und wäre definitiv auch eine gute lösung. dabei fällt aber leider das auf- und ab des atmens weg und das finde ich schade. trotzdem, vielen dank.


    hallo artname,

    schön, dass du die positive seite des tickens einer uhr angeführt hast. natürlich kann ich das auch nachvollziehen. aber weißt du, wenn das leben gerade hart und ungerecht ist und du nach einem schuldigen suchst, bleibt manchmal nur eine uhr und ihr ticken übrig, an dem du deine wut und verzweiflung festmachst. danke für dein interesse.

    hallo AD,

    vielen dank für deine rückmeldung und deine vorschläge. ich habe beide übernommen (bzw. hatte das komma auch selbst schon in erwägung gezogen), bin aber noch nicht ganz zufrieden damit. damit ich mich nicht weiter wiederhole, lies bitte meine antwort an mp weiter oben - da habe ich meine bedenken dazu geäußert. vielleicht liege ich damit auch falsch ... mein gefühl sagt, dass es noch nicht stimmig ist. vielleicht wäre ein bindestrich die lösung? immerhin verbindet er wieder und trennt nicht. damit versuche ich es erstmal. mit z2 in s2 bin ich auch noch nicht wirklich glücklich. ansonsten habe ich noch ein wenig nachgebessert. ich danke dir für deinen zuspruch und den glauben an mich.


    liebe grüße
    lilisarah
    Geändert von lilisarah (27.03.2019 um 22:09 Uhr)

  8. #8
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    Hallo lilisarah,

    beides funktioniert, der Bindestrich wie das Komma. ME setzt das Komma eine Zäsur, die ich nicht daneben finde. In der Realität atmet ein so Schwerkranker eher stockend als so melodisch durch, wie deine Zeilen klingen. Aus meiner eigenen Erfahrung war das so, ausatmen, innehalten, wieder einatmen. Was du nun präferierst musst du wissen.

    Beides ist/wäre gut gesetzt, ebenso wie das verborgene "vergebens".

    lg

    mp
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  9. #9
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    hallo mp,

    ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand das *vergebens* entdeckt. dank an den hellseherischen leser.

    was die zäsur angeht, ist deine erklärung einleuchtend.

    lg
    lilisarah

  10. #10
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    hallo
    wie du hier mit farben und geräuschen und implizierten reimen eine szene erstehen lässt, ist grosses kino! die korrekturen haben das ihrige dazu getan. gratuliere, ein wenig neidisch
    kp

  11. #11
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    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    im zimmer ist es still. ein mildes schweigen
    legt allem schmerz ein ruhekissen hin
    ich höre deinen atem fallen - steigen
    und schweige auf der suche nach dem sinn

    und halte hilflos deine weißen hände
    und halt mich selber knapp nur in der spur
    das weiß der laken schwärzt die weißen wände
    und an der schwarzen wand hängt eine uhr

    sie tickt und tickt und schlägt sekundenwunden
    in deine zeit, als hättest du genug
    mit jedem schlag betrügt sie uns um stunden

    ich lausche deinem nächsten atemzug

    doch lauter übertönt dich dieses ticken
    dass ungedämpft in meinen ohren lärmt
    wie soll ich nur die zeitenrisse flicken
    wenn deine hand die meine nicht mehr wärmt

    verfluchte uhr!
    ich hasse sie! ich hasse dieses monstrum an der wand!
    ich hasse sogar jenen, der dies ticken einst erfand!

    sie tut, was alle uhren tun: sie raubt die ewigkeit des lebens

    ich hoff auf deinen nächsten atemzug
    vergebens
    liebe lilisarah,
    ich muss gestehen, es klingt blöd, aber wenn ich sehe, du hast etwas eingestellt,
    dann freu ich mich drauf es zu öffnen - wie ein geschenkpackerl.
    nach dem ersten wow!: es hat mich berührt, und dein feines gespür für poesie und
    dramaturgie und emotionale grenzgänge ist beeindruckend.

    kleinigkeiten: "lauter übertönt" ist ein weißer schimmel.
    wenn du die verstärkung suchst, würde ich das "lauter" in den nächsten vers nehmen:
    "doch übertönt dich dieses ticken
    das laut in meinen ohren lärmt"


    der vorletzte halbvers, ist mir persönlich zu umständlich, auch ein wenig zu pathetisch vielleicht (?)
    vielleicht einfach:
    "sie tut, was alle uhren tun: sie raubt uns zeit."

    schön, danke!

    lieben gruß
    albaa

  12. #12
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    @ lilisarah, ich kann mich nicht mehr an die ursprüngliche Version erinnern. Vermutlich war sie nicht besser.

    @ albaa, ich seh schon einen spürbaren Unterschied zwischen den beiden ( schönen) Formulierungen:

    "sie [die Uhr] raubt die Ewigkeit des Lebens" und
    "sie raubt uns Zeit"

    Nur Lillissarahs Vers spricht eindeutig vom Tod.

    lg
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  13. #13
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    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen

    @ albaa, ich seh schon einen spürbaren Unterschied zwischen den beiden ( schönen) Formulierungen:

    "sie [die Uhr] raubt die Ewigkeit des Lebens" und
    "sie raubt uns Zeit"

    Nur Lillissarahs Vers spricht eindeutig vom Tod.

    lg
    Lieber Artname,

    Du hast natürlich Recht. Ich wollte halt auch ein bisschen Textarbeit machen, so sehr mich der Text auch erreicht hat. Mir persönlich erscheint halt, "die Ewigkeit des Lebens" ein bisserl dick aufgetragen und vielleicht auch zu katholisch . Mein Zugang zu dieser Uhr - also eigentlich nur mein ganz persönliches Empfinden - ist halt viel eher, dass die Zeit abläuft.
    Lyrisch betrachtet, mag es einfach eine Geschmacksache sein, ob man sich an diese "großen Begriffe" heranwagt, ohne sie "auszufüllen", oder prosaisch bleibt; spannend wäre, ob es dazwischen auch noch etwas gibt, wenn dem so ist, dann findet es lilisarah bestimmt .

    LG
    albaa

  14. #14
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    hallo kp,

    so ein großes lob aus deiner feder hatte ich auch noch nicht. ich danke dir!


    liebe albaa,

    wow! also das ... puhh ... das ist wohl das schönste kompliment, was ich bisher für meine lyrik bekommen habe. danke! dann kann ich nur hoffen, dass sich die *geschenkpackerl* immer lohnend für dich öffnen. versprechen kann ich aber leider nichts.

    danke auch für deine textarbeit. den *weißen schimmel* habe ich tatsächlich übersehen. deine lösung scheint mir allerdings ebenfalls einer zu sein, oder? *laut ... lärmt*, kann man auch leise lärmen? na egal, diese zeile werde ich definitiv in einer ruhigen minute nochmal überarbeiten.

    was den vorletzten vers angeht: ja, die zeit läuft ab, die lebenszeit. momentan finde ich dennoch meinen vers so in ordnung, auch wenn er leicht pathetisch ist. lass ich erstmal so. trotzdem danke für deine überlegungen dazu (und auch dank an artname für die *schützenhilfe*).


    liebe grüße
    lilisarah

  15. #15
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    Liebe lilisarah,
    Dein Gedicht hat mich sehr beeindruckt und nach allem, was bereits geschrieben wurde, bleibt mir nur noch Chapeau zu sagen!
    Liebe Grüße,
    Festival

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