1. #1
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    Tod einer Krähe

    .



    Wenn erst die Blüten der Schlehen
    weißstöbernd fallen aufs Dach
    beginnt das schwarze Verwehen
    flügellahm, ach!

    Wen sollte Südwind verführen
    der enge Höfe durchflog
    Den Nordwind mag sie noch spüren
    der nicht belog

    Kann sie die Schemen erahnen
    ihr Nest dort oben im Baum
    darüber schneeweiße Bahnen
    Alles nur Schaum

    Das Blechdach spendet ihr Wärme
    bricht auch das Auge am Grau
    inmitten steinerner Schwärme
    hängt hoch das Blau

    Dem Werden will ich nicht glauben
    Du, Frühling, wahrst nur den Schein
    Auf Dächern gurren die Tauben -
    Allein, allein






    .
    Geändert von albaa (23.04.2019 um 19:57 Uhr)

  2. #2
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    Hi albaa, die Frage mag doof erscheinen, ist sie aber zumindest fuer mich nicht, und wenn sie ueberhaupt jemand versteht, dann nur du, die mir hier ein derart diszipliniertes und fantastisches Metrum vorlegt, dass ich mir das Komma in der letzten Zeile einfach nicht erklaeren kann, da ich unbedingt XxxX lesen will, was fuer mich auch inhaltlich hinkommt, doch dafuer verwirrt mich das Komma und S4Z4. Braucht es das Komma in S5Z4 und wie soll S4Z4 gelesen werden? LG

    PS: Falls mit der Frage nichts anfangen kannst, bitte einfach missachten, danke
    Geändert von Hi, i (01.04.2019 um 12:45 Uhr)

  3. #3
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    Hi L.,

    Herzlichen Dank für dein Interesse und das metrische Lob. Das Metrum ist an die Benn-Strophe angelehnt.
    Der jeweils letzte Vers, soll grundsätzlich dem von dir aufgezeigtem Muster folgen, aber wie soll ich sagen -
    es muss nicht so "glatt" sein, darf ein bisschen holpern (ohne dass es aber wirklich stört - und das scheint ja gelungen, wenn du das Grundmuster erkannt hast und es so lesen willst) es geht ja schließlich ums Sterben.
    Der einzige Kurzvers der völlig "glatt gestrickt" ist, ist (bewusst) der mittige, also S3V4.

    S4V4 ist so etwas, was ich schon ein paar Mal beim Hexa probiert habe, so ein Unterstreichen der Bewegung noch oben,
    also "hängt hoch das Blau" X(X)xX, wo die Senkung prosodisch nicht verwirklicht wird. Es ist halt einfach ein "spielerisches Denken" der Verse, das wohl nur mir selbst Spaß macht, aber vermutlich für das Gedicht an sich nicht wirklich was bringt.

    Das Komma in der letzten Zeile stört dich, aber es muss wohl sein, außer ich lasse überhaupt alle Satzzeichen weg, nicht nur die
    am Versende. Was sagst du? In der letzten Zeile hätte ich halt gerne eine deutliche Pause vor der Wiederholung, wie eben beim Gurren.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (03.04.2019 um 07:41 Uhr)

  4. #4
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    Liebe Albaa,

    dieses Traurige hätte ich eher in der düsteren Rubrik untergebracht, aber vielleicht ist es auch nur meine Interpretation, die mich hier leitet. Ich sehe einen depressiven Menschen, der seine eigene Stimmung in dem sterbenden Vogel gespiegelt fühlt. Anfangs wird die Krähe noch in der Außenbetrachtung wahrgenommen (dafür steht das Personalpronomen "sie"), bis das LI gedanklich immer mehr mit dem Sterbenden verschmilzt und in der letzten Strophe in der Ich-Form erscheint.

    Die metrischen Variationen der Benn-Strophe gefallen mir hier ganz gut. Ich würde schon sagen, dass Du sie so nennen kannst, auch wenn die seltenere Form mit Auftakt hier dominiert. Gerade zu dem düsteren Thema finde ich es passend, dass ich nicht durch ein zu gleichmäßiges Metrum in eine Melodie hineingeschaukelt werde. Ich mag Dein Gedicht, könnte mir durchaus auch andere Interpretationen vorstellen, und bin gespannt, was Du dabei im Sinn hattest.

    LG Claudi
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  5. #5
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    Guten Abend albaa,
    ob als Metapher oder als Naturgedicht, für mich ist es eins, und Claudis Bezug zum Menschen ist ahnbar und macht das ganze besonders reizvoll.
    Sehr viel melancholische Poesie in einer schönen Benn-Strophen-Struktur.
    Mein Daumen steht senkrecht!
    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  6. #6
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    Liebe Claudi,

    Es freut mich, dass du dieses Dunkle magst, welches Genre ja nicht unbedingt deins ist. Muss dieses wahrnehmende LI wirklich depressiv sein?

    Hallo manehans,
    Ich freu mich sehr über den Daumen für Inhalt und Benn-Struktur (die mich noch immer umtreibt).

    Herzlichen Dank für euer Feedback!


    Lieben Gruß
    albaa

  7. #7
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    Liebe Albaa,

    Muss dieses wahrnehmende LI wirklich depressiv sein?
    nein, natürlich nicht. Ich sagte ja, dass das meine persönliche Lesart ist. Aber für den Übergang von der beobachtenden zur Ich-Perspektive müsste es schon eine Erklärung geben. Was hattest Du denn damit beabsichtigt?

    LG Claudi
    com zeit - com .com

  8. #8
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    Liebe Claudi,

    Genau das:

    Zitat Zitat von claudi.
    ... bis das LI gedanklich immer mehr mit dem Sterbenden verschmilzt und in der letzten Strophe in der Ich-Form erscheint.
    Aber es wäre ja auch eine Möglichkeit, dass das LI nicht depressiv ist und wie du sagst:

    ein depressiver Mensch, der seine eigene Stimmung in dem sterbenden Vogel gespiegelt fühlt
    aber es wäre ja auch möglich, dass ein (nicht depressives) LI einfach in diesem Moment die Wirklichkeit des (seines) Lebens wahrnimmt.

    Vielen Dank für dein Interesse!

    Liebe Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (08.04.2019 um 19:03 Uhr)

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