1. #1
    Registriert seit
    Jan 2013
    Ort
    OWL
    Beiträge
    1.196

    Eine nicht alltägliche Überraschung

    1.Version im Hinkjambus

    Erschöpft vom Sprint hinkt Hans nach Haus und ruft lauthals:
    Mein Schatz, ich bin zurück, der Magen knurrt - mega.
    Bettina räkelt sich lasziv im Bett, lockend:
    Gekocht? Nein, hab ich nicht, doch schau mal her, Süßer.

    2.Version im Hexameter

    Hungrig, völlig erschöpft vom Kung Fu, schleicht Johannes nach Hause.
    Liebling, seufzt er, bin wieder daheim - mit Knurren im Magen.
    Himmelchen lächelt und räkelt frivol sich auf ledernem Sofa:
    Lecker gekocht hab ich nicht, aber schau doch mal, wie ich hier liege.
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  2. #2
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.758
    Hallo manehans @all,

    Hier bewahrheitet sich wieder einmal Claudis Rat für Formübende: Schreib irgendetwas Sinnloses, damit du dich auf die Form konzentrieren kannst.

    Zum Hinkjambus kann ich nicht viel sagen, dem kann ich nicht viel abgewinnen; das kommt mir immer so ... wie soll ich sagen ... vielleicht "gestückelt" oder anders formuliert "arschlastig" vor, was hier symbolisch an sich nicht so verkehrt - ämh - also, ... unwitzig wäre. Nur diese Verslein sind so witzig wie ... also, ... wie ein veganer Schweinebraten vielleicht?


    Also ein paar Überlegungen zum Hexameter:

    Er könnte zunächst bildhafter sein, was in dieser Kürze natürlich schwer ist.

    V1 "erschöpft" ist zB eine Behauptung, diesen Zustand kann bzw. sollte man man sicher besser zeigen.

    im V2 steht dann hexa-angemessen ein (Geräusch)bild für "hungrig": "Knurren im Magen", damit ist das
    "hungrig" in V1 dann eigentlich überflüssig.

    V3: in ein, zwei Versen zu beschreiben, wie das nun aussieht, wenn sich die Dame nun "frivol räkelt", wäre natürliche auch ein lohnende Aufgabe für den Hexametristen ; "lederne" ist ein reines Füllsel.

    V4: "Lecker gekocht hab ich nicht, aber schau doch mal, wie ich hier liege."
    Dass dieser Vers in jeder Hinsicht ungenügend ist, ist dir wahrscheinlich selbst bewusst.

    Ich denke hier bist du wohl an der Kürze gescheitert. Das funkt bei dieser Form wohl nur, wenn man das so prägnant auf den Punkt bringt, wie in einem Epigramm, oder man muss eben ein bisschen ausholen (?)

    Ich habe, um mich verständlicher zu machen, versucht, in die Kürze des Witzchen ein bisschen mehr Bildhaftigkeit einzubauen:


    Zittrig die Knie, in den Waden ein Krampf, schleicht Peter nach Hause:
    „Stell mir Fleisch auf dem Tisch! Die Lust auf Schwein nach dem Kampfsport,
    Pummelchen, übermannt mich!" Flugs räkelt sich Pummel am Eßtisch
    mit geweitete Augen: "Schön. Rasch, schieb das Rohr in den Ofen!"

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (04.04.2019 um 11:40 Uhr)

  3. #3
    Registriert seit
    Jan 2013
    Ort
    OWL
    Beiträge
    1.196
    Hallo Ferdi,
    dein Vorschlag "Da sagt Sophie, die sich lasziv im Bett räkelt:" ist natürlich erheblich gefälliger. Es zeigt, dass die drittletzte Silbe schon ein bisserl mehr Wucht verträgt.

    Auch die Idee, Johannes in Peter umzutaufen, gefällt, da das "schleicht" für den Trochäus kräftig genug, in der Senke des Daktylus zu stark ist. Mehr Flexibilität, was die Begrifflichkeit/Namen angeht, ist von Nöten.
    Danke für deine Hinweise.

    Hallo albaa,
    schön, dass du dich so intensiv mit den hexametrischen Versen auseinandergesetzt hast.
    Du hast Recht, dass hier in 4 Versen die im Hexameter erwartete Bildhaftigkeit zu kurz kommt. Das ist auch nicht wirklich zu schaffen. Ferdi traute ich es zu?

    Du hast versucht, diese Bildhaftigkeit in einer Alternative darzustellen.
    1 Zittrig die Knie, in den Waden ein Krampf, schleicht Peter nach Hause:
    2 „Stell mir Fleisch auf dem Tisch! Die Lust auf Schwein nach dem Kampfsport,
    3 Pummelchen, übermannt mich!" Flugs räkelt sich Pummel am Eßtisch
    4 mit geweitete Augen: "Schön. Rasch, schieb das Rohr in den Ofen!"
    In V1 ist es gelungen.
    in V2 sind die Trochäen "Stell mir" und "Tisch! Die" von der Silbenlänge erheblich zu kurz und der dritte Trochäus "Lust auf" wäre mir einer zuviel.
    In V3 gilt für "über(mannt)" das gleiche. Und das "Flugs" als 3. Silbe im Daktylus ist im Vergleich mit "-mannt mich" zu kräftig.
    in V4 erneut ein anämischer Trochäus: "mit ge-". Das betonte "Schön" nach der Zäsur geht meines Erachtens gar nicht.

    Hier ist deutlich zu sehen, dass in 4 Versen Bildhaftigkeit oft geringer ausfällt, wenn ein Hexameter ein Hexameter bleiben soll.

    Wie auch immer, Du siehst, einen perfekten Hexameter zu schreiben, ist ganz hohe Kunst. Und manchmal verzichte ich bewusst darauf, wie in V4, weil es mir genau auf diesen Satz ankam. Der Meister wird sagen, hier bricht er zusammen, der Schüler wird sagen, das nehme ich hier ausnahmsweise in Kauf.

    Hab Dank für deine Hinweise.
    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  4. #4
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.758
    Hallo manehans und Ferdi,

    Vielen Dank, Ferdi, für die vielen (und auch schönen - besonders Hölderlins) Beispiele.

    Gut, lieber manehans, dass Ferdi unsere Irrtümer so anschaulich aufklärt. Mit dem Loslassen dieser selbst auferlegten Paradigmen gewinnst du für die Zukunft sicher viel mehr Bewegungsmöglichkeiten an der Zäsur und in der zweiten Vershälfte und Mittel gegen die Gleichförmigkeit deiner Verseinstiege (also zugunsten von weniger „harten“ Einstiegen durch den Einsatz von - wie du es nennst - "anämischen" Verfüßen).

    Ich wollte selbst ein paar Beispiele suchen, bin aber noch nicht wirklich dazu gekommen.

    Das möchte ich dir aber nicht vorenthalten: Die ersten Verse aus Schillers "Spaziergang", auch wenn es Distichen sind (für weniger Bewanderte: Nur jeweils die ungeraden Verse sind Hexameter); ich habe die Trochäen im vierten Fuß und die "anämischen" Verseinstiege fett markiert:

    Sey mir gegrüßt mein Berg mit dem röthlich strahlenden Gipfel,
    Sey mir Sonne gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint,
    Dich auch grüß ich belebte Flur, euch säuselnde Linden,
    Und den fröhlichen Chor, der auf den Aesten sich wiegt,
    Ruhige Bläue dich auch, die unermeßlich sich ausgießt
    Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald,
    Auch um mich, der endlich entflohn des Zimmers Gefängniß
    Und dem engen Gespräch freudig sich rettet zu dir,


    Zitat Zitat von Ferdi
    (@ Albaa: Deine dreisilbigen Füße haben gelegentlich eine zu schwere Senkungs-Silbe - ich glaube, das nimmt dem Vers viel Klarheit und Überzeugungskraft?!)
    Zittrig die Knie, in den Waden ein Krampf, schleicht Peter nach Hause:
    „Stell mir Fleisch auf dem Tisch! Die Lust auf Schwein nach dem Kampfsport,
    Pummelchen, übermannt mich!" Flugs räkelt sich Pummel am Eßtisch
    mit geweiteten Augen: "Schön. Rasch, schieb das Rohr in den Ofen!"

    Ja, bei den letzten beiden Versen war ich wohl schlampig.

    Von „flugs“ würde ich mich ungern trennen, aber es ließe sich leicht durch ein weniger in die Betonung-springendes: „da“ oder „schon“ ersetzen.

    Bei V4 ist zugegeben echte Schlamperei. Ich wollte das „Schön“ unbedingt in der Senkung, also ironisch ausgesprochen: also relativ kurz und tonlos -, aber ich hatte bei der ersten Fassung ein betontes Wort vor der Zäsur, sodass ein Spondeus entstand:

    Also so:
    „in den Augen Gier: "Schön. Schieb das Rohr in den Ofen!"

    dann wurde mir klar, dass „Gier“ im Blick nur eine Metapher ist, aber keine „Wirklichkeit“ darstellt, die ein Hexa bräuchte und so wurden es die „geweiteten Augen“ und dann gefiel mir das „rasch“ auf der Hebung auch noch, ja, und dann war das metrische Austerlitz perfekt.

    Ist das besser?:

    Zittrig die Knie, in den Waden ein Krampf, schleicht Peter nach Hause:
    „Stell mir Fleisch auf dem Tisch! Die Lust auf Schwein nach dem Kampfsport,
    Pummelchen, übermannt mich!" Da räkelt sich Pummel am Eßtisch,
    Augen geweitet vor Gier: „Schön. Schieb schon das Rohr in den Ofen!


    Der letzte Vers ist ja wirklich völlig blödsinnig - nein, eigentlich das Ganze.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (05.04.2019 um 18:15 Uhr)

  5. #5
    Registriert seit
    Jan 2013
    Ort
    OWL
    Beiträge
    1.196
    Hallo Ferdi und albaa,

    die vielen Beispiele prominenter Dichter zeigen, dass häufiger, als ich dachte, schwachsilbige Trochäen benutzt werden, um die Geschichte einzuleiten oder in Gang zu halten. Das heißt aber nicht, dass es immer schön anzuhören ist. Vielmehr ist es vielleicht so, dass hier etwas in Kauf genommen wird, was eigentlich vermieden werden wollte.

    Paradigma, albaa, würde ich es nicht nennen. Dass ich noch so sehr an festen Strukturen festhalte, zeigt am Ende, dass ich kein Dichter sondern ein poetisierender Landwirt bin. Nicht mehr und nicht weniger. Je unsicherer im Thema, desto fester der Halt am Rahmen?

    Gruß manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Überraschung
    Von Mr.Bear im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 23.08.2018, 17:41
  2. Alltägliche Wahrheit
    Von Sti(e)lbruch im Forum Archiv
    Antworten: 39
    Letzter Beitrag: 09.09.2009, 12:58
  3. Kafka-Eine alltägliche Verwirrung
    Von Writing-Head im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 20
    Letzter Beitrag: 18.11.2007, 22:37
  4. Überraschung
    Von badico im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 13.09.2006, 11:06
  5. Alltägliche Ausscheidungen
    Von °Funke° im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 28.01.2004, 12:02

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden