Thema: Seebestattung

  1. #1
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    Seebestattung

    Ein Wanderer im Wattenmeer:
    "Wo kommt denn jetzt das Wasser her?
    Es ist gerade erst halb sieben,
    verdammt, die Uhr ist stehngeblieben!".
    Die Frau, am Ufer hinterblieben:
    "Wo ist denn bloß mein Mann geblieben?".
    Den hat schon kurz nach sieben,
    die Flut davongetrieben.

    (man sieht ihn auf den Wellen treiben,
    bis Fische ihn sich einverleiben)

    Meine Frage: Ist das metrisch so in Ordnung?
    Geändert von Sidamm (11.04.2019 um 20:49 Uhr)

  2. #2
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    Hi Sidamm,

    das Metrum in den ersten sechs Versen ist der vierhebige Jambus xXxXxXxX(x). Der einzige Ausreißer ist hier:

    verdammt, die Uhr ist stehengeblieben!".
    xXxXxXxxXx

    Wenn Du "stehengeblieben" zu "stehngeblieben" verkürzt, passt es.

    Dann folgen zwei Verse im dreihebigen Jambus xXxXxX(x) und die letzten beiden sind wieder vierhebig. Der ganze Text sieht sehr nach Fingerübung aus. Was hältst Du davon, diesen Faden als Übungsfaden zu behalten? Dann könnten wir hier weitere Übungen, Erklärungen zu den Grundlagen, evtl. auch kleine Aufgaben anhängen.

    LG Claudi
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  3. #3
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    Ob die Metrik "stimmt", entscheidet nicht die Übereinstimmung von Dudenbetonung und Gedichtbetonung.... sondern eher die Frage, ob die Metrik des Autors die Ironie, Romantik oder Tragik der beabsichtigten Aussage authentisch rüberbringt.

    Mich berührt die Schnoddrigkeit des originalen Textes momentan gerade nicht so. Vielleicht, weil ich in wenigen Tagen ebenfalls im Watt wandern werde. Hm... Mir ist jedenfalls nach mehr Pathos.

    Ein Wanderer im Wattenmeer:
    "Wo kommt denn jetzt das Wasser her?
    Es ist doch grade erst halb sieben. -
    Wann sind die Zeiger stehn geblieben?".

    Die Frau am Ufer zu den andern:
    "Er wollte noch im Wattmeer wandern.
    Nun geht die Uhr schon gegen Acht!
    Was kann ich tun, ihr Leute, was???

    Die Hoffnung schwindet mit dem Licht
    So mancher schweigt und denkt bei sich:
    Nun muss er auf das Meer hinaus
    und seine Frau allein nach Haus....


    lg
    Geändert von Artname (11.04.2019 um 20:24 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  4. #4
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    Hi Claudi,
    stehngeblieben war auch beabsichtigt. Die Wortverbesserung hat das automatisch geändert.
    Bin aber froh dass es hier passt.
    Ich werde mich dann erstmal auf deinen Rat hin in diesen Fingerübungen versuchen.
    Ist das mit den unterschiedlichen Hebungen in Ordnung?
    Der Reim mit dem Ochsen ist da schon schwieriger.
    Habe mir deinen Kommentar schon durchgelesen.
    Werde versuchen da was draus zu machen.
    Wenn nur das Wort Kuhordinaten nicht wäre...
    Allerdings fällt ohne dies, alles zusammen.
    Es macht aber wirklich Spaß sich generell mit dem Dichten zu befassen. Hätte das nicht gedacht.
    LG Sidamm

    Hallo Artname,
    du hast da wirklich mehr Pathos reingebracht. Auch das offene Ende, wo jeder seinen eigenen Teil reindenken kann, ist gut.
    Die Schnoddrigkeit war allerdings nicht unbeabsichtigt.
    Ich liebe die Nordsee und war dort auch schon oft im Watt. Bisher kenne ich niemanden, den die Flut mitgenommen hat.
    Wünsche dir viel Spaß!
    LG Sidamm
    Geändert von Sidamm (11.04.2019 um 18:53 Uhr)

  5. #5
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    Hallo Sidamm

    im Prinzip ist es so ok...bis auf das fehlende Komma nach "die Frau"

    Mit der Betonung lässt sich spielen...so könntest Du z.B. statt

    "Wo kommt denn jetzt das Wasser her?
    Wo kommt das viele Wasser her

    ...schreiben.

    Das hat aber nichts mit richtig oder falsch...oder mit gut und besser zu tun...sondern mehr mit den regionalen Unterschieden in der Betonung und der "Geschwindigkeit".

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  6. #6
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    Hi A.D.
    danke auch für deinen Kommentar.
    Da hast du natürlich Recht.
    Ich kann ja nicht immer davon ausgehen, dass es gut ist, nur weil es meinen Ohren schmeckt.
    Das mit der regionalen Betonung verstehe ich nicht ganz. Meinst du damit die verschiedenen Dialekte?
    Gruß Sidamm

    PS: Oxford und Kuhril war witzig

  7. #7
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    Hallo Sidamm,

    Ist das mit den unterschiedlichen Hebungen in Ordnung?
    jein. Normalerweise tut es einem Gedicht sogar gut, wenn die Hebungszahl der Verse sich unterscheidet. Beim Klapphorn z.B. macht sich die Verteilung 4-4-3-3 Hebungen meist besser als vier vierhebige Verse. Oder wenn man Strophen im Kreuzreim hat, klingt die Verteilung 4-3-4-3 Hebungen auch prima. In Deinem Gedicht ist die Verteilung aber sehr unausgewogen. Hier wundert man sich als Leser, warum plötzlich ohne ersichtlichen Grund zwei Verse kürzer sind als die anderen.

    Hinzu kommt noch die unausgewogene Verteilung der Reime. Erst zwei Verse mit männlichem Endreim, dann gleich sechs mit dem Haufenreim auf -ieben, wobei Du die Endung -sieben doppelt und -blieben sogar dreifach verwendet hast, und zum Schluss wieder zwei Verse mit weiblicher Kadenz. Das ergibt zusammen kein genussvolles Klangerlebnis.

    Wenn es nur als metrische Übung gedacht war (wie ich vermutet habe), ist die Qualität der Reime erstmal nicht so wichtig. Dann würde ich aber wenigstens auf eine regelmäßige Verteilung der Hebungen achten. Wenn es ein Gedicht zum Veröffentlichen werden soll, müsstest Du da m.E. nochmal richtig ran. Willst Du das?


    Habe mir deinen Kommentar schon durchgelesen.
    Werde versuchen da was draus zu machen.
    Wenn nur das Wort Kuhordinaten nicht wäre...
    Naja, der Grundstein ist ja gelegt. Wenn Du das dreisilbige Metrum vorher noch ein bisschen üben möchtest, empfehle ich Dir die Limerickschmiede. Ich schätze, Limericks werden Dir Spaß machen! Wir haben dazu (wie auch für Klapphornverse) auch einige Sammelfäden im Spieleforum, wo sich solche Sachen prima üben lassen. Ich hätte auch mal wieder Lust, da vorbei zu schauen.

    LG Claudi
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  8. #8
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    Wenn du das an einem Slam auf der Bühne vorträgst und dazu ein wenig die Augen rollst und vieldeutig schnaubst, spielt die Zeilenlänge absolut keine Rolle. Die Leute werden es lieben.
    KP
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  9. #9
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    Hi, Sidamm,

    die vorherigen - fachlich fundierten - Kommentare zu Betonungen, Anzahl und Zeilenlänge mal außer Acht lassend, schließe ich mich Kaspars Einschätzung an. Normalerweise stört es zwar, wenn plötzlich z. B. die Hebungszahl wechselt, aber im Klapphorn tut es das nicht und mich hier auch nicht. Habs ganz gern, in einem Humorgedicht plötzlich im Lesefluss ausgebremst zu werden.
    Meine (Einzel-)Meinung.

    LG
    Rich

  10. #10
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    Hallo Claudi,
    ich hatte den ganzen Tag die Worte genussvolles Klangerlebnis im Kopf...
    So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Ich muss versuchen mich mehr in die Rolle des Lesers zu versetzen. Das ist eine interessante Aufgabe.
    Übe mich gerade darin bei einem einheitlichem Versmaß zu bleiben, bzw nicht so wild zu wechseln.
    Denke aber auch, dass Rich damit Recht hat, wenn er schreibt, dass es gut sein kann, den Leser keinen allzu gleichförmigen Lesefluss zu bieten.
    Das ist dann aber vermutlich die ganz hohe Schule.
    In die Abteilung Limerickschmiede habe ich auch schon hineingeschaut. Jedoch hatte ich noch nicht genügend Zeit mich ausführlich damit zu beschäftigen.
    Die Idee von KP ist natürlich auch eine Möglichkeit. Zumal hier in der Nähe ständig Poetry Slams stattfinden. Aber dann müsste ich mich auf jeden Fall noch im dramatischen Augenrollen üben
    Zuerst werde ich mich an die Vorschläge von Claudi halten.
    Einen schönen Abend euch allen noch
    Sidamm

  11. #11
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    Hallo Sidamm,

    Denke aber auch, dass Rich damit Recht hat, wenn er schreibt, dass es gut sein kann, den Leser keinen allzu gleichförmigen Lesefluss zu bieten.
    Das ist dann aber vermutlich die ganz hohe Schule.
    das sehe ich ganz genau so! Um einen gekonnten metrischen Bruch hinzukriegen, muss man erstmal das Handwerk beherrschen. Und das geht am schnellsten, wenn man nicht versucht, sich jeden Schnitzer schönzureden und damit zu rechtfertigen, dass ein glattes Metrum zu langweilig wäre. Um allzu gleichförmigen Klang zu vermeiden, gibt es noch andere Maßnahmen als Metrumswechsel, aber davon später. Das kommt dann schon der hohen Schule ein Stückchen näher.

    Auf jeden Fall schaffst Du es jetzt gut, im zweisilbigen Takt zu bleiben. Ich hatte inzwischen auch Klapphornverse von Dir gesehen. Da hat es ja auch prima geklappt, den Takt zu halten. Vielleicht treffen wir uns dann bei den Limericks? Wenn Du Wünsche oder Fragen hast, kannst Du sie gerne hier reinschreiben. Ich freu mich sehr über Dein Interesse und darüber, dass es Dir Spaß macht, ein bisschen gefordert zu werden.

    LG Claudi
    com zeit - com .com

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