Thema: Gott und Poet

  1. #1
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    Gott und Poet

    Zeus bin ich, ein Gott, und teils zufrieden, teils erschüttert,
    blicke ich erstaunt auf das, was meinem Haupt entsprungen.
    Mir ist, als ich von meinem eignen Geist umwittert,
    die Welt erfand mit lässig göttlicher Gebärde,
    so manches miserabel, vieles gut gelungen.
    Der Fehler größter war der Mensch auf dieser Erde.

    Ich dachte „faciamus homines“ und augenblicklich
    entstand aus der Idee die Tat, ich war fürwahr erschrocken;
    da stand es nun, mein Ebenbild - zum ersten Mal entdeckt ich mich
    und fragte - WEN?, es war ja außer mir in jenen ersten Stunden
    noch niemand da und Adam? - Der war hintern Ohren noch nicht trocken.
    Die Frage war: Wer hat hier wen und überhaupt warum erfunden?

    Ich sag‘s mal so: Bei mir ist nichts von Zeit und Raum begrenzt,
    drum schuf ich, Adam, dich, auf dass du meinen Schaffensdrang
    bewunderst und ihn dann mit deinem Tatendurst ergänzt,
    Du wirst der neuen Welt die größten Wunderdinge schenken -
    vernimm mein Gotteswort, befolg es treu und lebenslang!
    Gehorchst du nicht, werd ICH den goldnen Götterdaumen senken.

    Ganz nebenbei (ICH hab so meine göttlichen Gedanken)
    erschuf ich Lilith, diese fleischgewordne Poesie,
    und Adams Lobgesänge fanden anfangs keine Schranken.
    Aus unermesslich weiten Fernen schau ich auf mein Meisterstück,
    den Solitär des Alls - in meiner kühnsten Phantasie
    erträumt ich für die Menschenkinder Frieden, Freude, Liebesglück.

    Was ist aus meinem genialen Plan geworden?
    Nur selten sehe ich die Menschen fröhlich lachen;
    so viele Erdenwürmer lügen, stehlen, morden -
    weshalb hab ich die ganze Brut mit einem Donnerwort noch nicht vernichtet?
    Prometheus wagte es ein Feuer zu entfachen,
    und heller wurde es im Kopfe von Poeten und - ein Mensch, der dichtet,

    Erschaffer ganzer Welten ist, der darf sein Haupt bekränzen,
    als Genius auf dem Olymp an meiner Seite sitzen.
    Die Musen küssen ihn, Apollon schleift die ird‘schen Grenzen,
    die Welt wird schöner durch Gedichte - heller strahlt die Sonne,
    auf meinem Pupurmantel tausend goldne Sterne blitzen -
    und allem Ungemach zum Trotze siegen Glück und Liebeswonne.
    Geändert von Festival (15.04.2019 um 07:55 Uhr)

  2. #2
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    lieber Heinz,
    so hatte ich es noch gar nicht gesehen: Gleich dem Schöpfer dieser Welt, sind die Dichter fähig , sich ihre eigenen Welten zu schaffen,
    in denen sie nach Belieben schalten und walten können.
    Welch großartiges Geschenk, das ihnen da gegeben wurde!

    Sehr gern gelesen!

    LG, Cara

  3. #3
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    Liebe Cara,
    Dein Kommentar - ein schönes Geschenk zum Wochenende. Dafür danke ich Dir sehr!
    Meine Grundidee, dass Dichter schöpferisch eigene Welten erschaffen, soll aber nicht bedeuten, dass sie "schalten und walten können". Ja, können können sie schon, aber - ich nenne "Bedingungen":
    ICH (Gott) schuf den Menschen, auf dass er meinen Schaffensdrang
    bewundert (auch in der Eitelkeit scheinen wir ein Ebenbild Gottes zu sein) und mit seinem Tatendurst meine Schöpfung ergänzt. Er (der Mensch) soll der neuen Welt die größten Wunderdinge schenken,
    dem Gotteswort, treu und lebenslang gehorchen. (Das Gotteswort - vielleicht "Fiat Lux" und nicht: Du darfst den größten Mist bauen, die Welt verteufeln, das Hässliche gestalten).
    Gehorchst der Mensch (und auch der Dichter) nicht, geht der "Götterdaumen" runter.
    Im Hinterkopf hatte ich dabei, dass in meinem Verständnis z.B. die Verherrlichung von Mord und Totschlag
    kein Gegenstand der Dichtung (der ergänzenden Erschaffung "neuer Welten") sein sollte.
    Liebe Grüße,
    Festival

  4. #4
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    lieber Heinz,
    mit dem "schalten und walten" meinte ich Welten, die der Dichter erschafft, so wie er sie sieht.
    Dass nicht Mord und Totschlag verherrlicht werden sollen, ist schon klar, aber es gibt daneben genug andere "düstere" Welten.
    Du meinst doch nicht, dass die Poeten nur Positives erdichten sollen, weil das vielleicht gottgefälliger wäre, oder?

    LG, Cara

  5. #5
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    Liebe Cara,
    "Du meinst doch nicht, dass die Poeten nur Positives erdichten sollen, weil das vielleicht gottgefälliger wäre, oder?"
    Nein, das wäre ein Missverständnis. Wäre ja schlimm, wenn der Dichter nicht auch die Abgründe, das Leid, den Krieg - alles Negative - als Gegenstand seiner Dichtung bearbeitet.
    Die Frage ist: Warum wendet er sich einem solchem Thema zu?
    Beschreibt er das Schreckliche, Abstoßende, Destruktive, Depressive (darf fortgesetzt werden), um den Menschen das Fürchten zu lehren, oder will er sie aus den Schrecknissen, dem Zerstörerischen heraus führen, Perspektiven aufzeigen, Warnungen vor falschen Wegen aussprechen - kurz, wie ich es im Gedicht sagte: "Du wirst der neuen Welt die größten Wunderdinge schenken", das Staunen wecken.
    Ganz nebenbei (und das hat nichts mit Deiner Frage zu tun) sollte der Dichter sich Mühe geben, Gewichtiges vom Profanen zu trennen und das alles in einer lesenswerten Art und Weise, also vom Lehrling mindestens zum Gesellen, was Inhalt und Form angeht, avancieren.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  6. #6
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    Der Dichter hat also eine "moralische " Aufgabe?

    LG, Cara

  7. #7
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    Ja.
    Meine ich zumindest (aber keine pädagogische).
    LG Heinz

  8. #8
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    Lieber Heinz,

    der Dichter erschafft gar nichts, er ist bereits etwas Erschaffenes. Kann sich im "besten Fall" dafür zur Verfügung stellen, dem was sich schafft ohne jemals zu schaffen.

    Herzlich, Skirke
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  9. #9
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    Liebe Skirke,
    in einem älteren Gedicht habe ich mal geschrieben "wir sind alle nur Interpreten". In diesem Gedicht steht
    doch sehr deutlich, dass der Mensch auf Grund göttlichen Willens ("...was meinem Haupt entsprungen.
    Mir ist, als ich von meinem eignen Geist umwittert,
    die Welt erfand mit lässig göttlicher Gebärde,
    so manches miserabel, vieles gut gelungen.
    Der Fehler größter war der Mensch auf dieser Erde.

    Ich dachte „faciamus homines“ (ich bin kein Lateiner, aber das heißt: Lasst uns Menschen machen) und augenblicklich
    entstand aus der Idee die Tat, ich war fürwahr erschrocken;
    da stand es nun, mein Ebenbild - zum ersten Mal entdeckt ich mich..."

    Dass ich den Gott "Zeus" nannte und damit eine Distanz zwischen meiner Überzeugung/Anschauung und mir schaffe, ist Absicht. Ich denke, dass ich keines Menschen Glauben angegriffen habe.

    Ob der Dichter aus eigener Kraft oder mit Hilfe göttlicher Inspiration "neue Welten" schafft, ist meiner Meinung nach eine Glaubensfrage. Wenn nichts ohne göttliche Einwirkung passiert, dann, liebe Skirke, wäre es logisch, dass auch der Vers "so viele Erdenwürmer lügen, stehlen, morden" seine Grundlage im göttlichen Wirken hat.

    Liebe Grüße,
    Heinz

  10. #10
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    Lieber Heinz,

    -Wenn nichts ohne göttliche Einwirkung passiert, dann, liebe Skirke, wäre es logisch, dass auch der Vers "so viele Erdenwürmer lügen, stehlen, morden" seine Grundlage im göttlichen Wirken hat.-
    Ja, so ist es. ..
    Bei mir ist das Interesse an neuen Welten schaffen nur noch selten vorhanden.

    Liebe Grüße, Skirke
    .
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  11. #11
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    Liebe Skirke,
    nur noch selten - das lässt hoffen, dass es doch noch hin und wieder passiert.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  12. #12
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    ...denke, es lässt sich nicht verhindern . Poste nicht mehr so viele Gedichte, vieles kann einfach missverständlich rüberkommt..

    Liebe Grüße, Skirke
    .
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  13. #13
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    Liebe Skirke,
    die Gefahr hin, dass Du mal missverstanden wirst, sollte Dich nicht daran hindern, Gedichte einzustellen.
    Liebe Grüße,
    Heinz

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