1. #1
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    Des Winters letzter kalter Kuss (Wettbewerbsgedicht)

    Nebel liegt noch über‘m Fluss,
    will der Sonne noch nicht weichen.
    Des Winters letzter kalter Kuss
    birgt Schönheit ohne Gleichen.

    Es ist nur eine kurze Zeit,
    die den weißen Schleier trägt,
    bis die lichte Wirklichkeit
    allen Zauber fortgefegt.

    Dann wird dem Auge offenbar,
    was Wahrheit ist, was Träumerei.
    Und das Herz fühlt schrecklich klar
    - es ist vorbei.

    … doch schön war ohne Gleichen
    des Winters letzter kalter Kuss.

  2. #2
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    Liebe Leana,
    der Wechsel der Versfüße (mal trochäisch, mal jambisch) stört mich weiter nicht. Was stört, ist der überflüssige Apostroph (über'm - besser liest sich "überm") und das zweimalige "ohne gleichen" - richtiger wäre ohnegleichen.
    Die erste Stophe:
    "Nebel liegt noch überm Fluss,
    will der Sonne noch nicht weichen.
    Des Winters letzter kalter Kuss
    birgt Schönheit ohnegleichen."
    malt ein frühmorgendliches, schönes Bild und "des Winters letzter kalter Kuss" - geradezu wunderbar!
    Die zweite:
    "Es ist nur eine kurze Zeit,
    die den weißen Schleier trägt,
    bis die lichte Wirklichkeit
    allen Zauber fortgefegt."
    scheint mir durch den Reimzwang suboptimal. Die ersten beiden Verse mit dem Beginn "Es..." schmälern den Genuss.
    Nur eine kurze Zeit verhüllt
    ein weißer Schleier die Natur.
    Und aller Zauber wird hinfort gefegt
    von lichter Wirklichkeit.
    Wäre ein zwar ungereimter, aber gut gemeinter Vorschlag.

    Dem Auge wird die Wahrheit offenbar,
    du spürst, bisher war alles Träumerei.
    Das Herz, erfüllt von Licht, spürt sonnenklar
    - es ist vorbei.

    ...doch schön war ohnegleichen
    des Winters letzter kalter Kuss.

    Damit genug. Dass mir Dein Gedicht gefallen hat, reizte mich zu den Veränderungen.

    Liebe Grüße,
    Festival

  3. #3
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    Lieber Festival,

    vielen Dank für deinen Kommentar und die Tipps!
    Das mit " ohne Gleichen " sehe ich auch so. "Ohnegleichen" erscheint auf jeden Fall richtiger.

    Die 2. Strophe trägt 2 Bedeutungen in sich. Zum einen die Natur, die den Nebelschleier trägt, zum anderen als Anspielung auf die Zeit im Leben in der man bzw vor allem Frau den weißen Schleier trägt. Mit der Zeit kommt die Ernüchterung, der Nebel im Kopf lichtet sich und der Zauber ist fort.

    Die 3. Strophe hatte ich in Beziehung auf das Liebesthema gedacht und den letzten Satz als Aussage über den letzten Kuss bei dem die Liebe schon erkaltet ist und nicht mehr als Metapher für den Nebel wie in der ersten Strophe.

    Auf die Idee, dass der Leser das ganze Gedicht hindurch beim Thema Natur bleiben könnte, bin ich gar nicht gekommen. Aber der Gedanke gefällt mir sehr gut.

    Liebe Grüße und schönen Abend
    Leana


  4. #4
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    Liebe Leana,
    man ist zu Beginn der Dichterkarriere oft versucht, allzu viele Bedeutungen in die Verse zu packen.
    Der Leser/die Leserin wird das Gleichnis Mensch - Natur schon selbst erkennen, deswegen reicht es aus, die Natur in einen weißen Schleier zu hüllen. "Ohnegleichen oder ohnegleichen" scheint nicht nur richtiger zu sein, es ist richtig. Wenn Du bei der Formulierung
    "Es ist nur eine kurze Zeit,
    die den weißen Schleier trägt"
    kommt spätestens beim übernächsten Kritiker die Frage: "Wieso trägt sie (kurze) Zeit einen weißen Schleier?"
    Übrigens: Du ziehst die Natur gar nicht stringent durch, denn in der letzten Strophe wendest Du Dich einem "du" zu:
    "Dem Auge wird die Wahrheit offenbar,
    du spürst, bisher war alles Träumerei.
    Das Herz, erfüllt von Licht, spürt sonnenklar
    - es ist vorbei."
    Wo hätte die Natur Augen, wie spürt die Natur etwas, das Herz ist... (wo hätte die Natur ein Herz)?
    Hier ist eine klare Zuwendung an das LyrDu.
    Ich sehe (ich bin nämlich ein Prophet) ein Talent heran reifen. Weiter so!
    Liebe Grüße,
    Festival

  5. #5
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    Mir gefällt, der doppelte Boden dieses Textes,
    mir gefällt auch die Wiederholung.
    KP
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  6. #6
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    Das hört sich gut an, danke!



    An alle beide

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