IV. Ein Stofftier bringt Glück

Was ist mit dem Stofftier geschehen?
Es ist nicht Pu, der Bär und Rammler, der Hase, sondern Benno, der Hund...
Wo halten sich meistens Hunde auf? Natürlich auf der Straße.
„Oh, was ist denn das für ein schönes Tier!“, der kleine Junge beugt sich auf dem Fußgängerweg über das Stofftier, dessen Kopf an ihm herunterhängt. Er selbst hängt an der Hand seiner Mutter, die ihn versucht davon wegzuzerren. „Komm, puh, das ist dreckig.“ Schon hat sich der Junge von der klammernden Hand der Mutter befreit und hebt das mitleidserregenden Tier auf. „Mutti, schau mal, das ist ein Hund!“ „Ja, wirklich! Aber der Kopf hängt ihm weg. „Mutti, ich nehm ihn mit nach Hause!“ „Aber das geht doch nicht!“
„Das geht schon. Ich kann ihm den Kopf annähen, dann ist er wieder ganz und neu!“, sagt der Opa, der auf der Schwelle seines Ladens steht. Über ihn prangt ein Schild: Opa’s „Änderungsschneiderei“, über die Fensterauslage steht: „Änderungen; „Kleidungsflickerei“.
„Ich bin Schneider, ich näh den Hund zusammen. Er wird wieder wie neu sein. Kein Problem!“ „
„Ahja, Mutti, kann ich ihn dann haben und mit nach Hause nehmen.“
Der Opa wendet sich an die Mutter mitleidserheischend: „Wirklich, in einer Stunde habe ich ihn zusammengeflickt. Das ist nicht schwierig.“ „Aber ist doch schmutzig!“ „Ach richtig. Ich geb ihn meinem Argadasch.“ Dabei zeigt er an den übernächsten Laden in dieser Häuserzeile, ein Waschsalon.
„In diesem Waschgeschäft kann er den Hund zwischendrein in einen Waschauftrag stecken. Das kostet ihm nichts. Glauben Sie mir, ich mach das schon. – Dann kommen Sie morgen und fertig ist das Tier.“
Die Mutter, über so viel Großzügigkeit geschmeichelt, erwidert zögerlich: „Na gut! Also, mein Junge. Du hast gehört. Gib Hund Opa, morgen ist er frisch gewaschen und der Kopf wieder angenäht.“ Zunächst will der Junge seine Beute nicht wieder aus den Armen lassen, aber Mutter und Opa strahlen ihn so freundlich an, dass er, wiewohl die Worte und den Zusammenhang nicht ganz verstanden, kapiert, dass es gut gemeint ist und ihm sein Fund nicht wieder abgenommen werden wird.
„Glaub mir, mein Junge. Morgen hast Du den Hund samt Kopf. Kopf ist wieder angenäht“, beschwichtigt ihn noch einmal der leutselige, kinderfreundliche Opa mit den vielen Leberflecken auf seinem großen, kahlen Schädel.
„Nach dem Einkaufen kommen wir vorbei, morgen, zu selben Stunde etwa!“
„Ja, machen sie das!“
Sie nimmt den Jungen wieder an die Hand und dieser hüpft freudig an dieser die Straße hinunter gen Marktplatz.
Opa geht sofort zum Nachbarsladen mit dem Hund, dessen Kopf an ein paar Fäden herunterhängt.

Am nächsten Tag erscheinen Mutter und Kind aber nicht in Opas Laden. Mutter ist überhaupt nicht angetan davon, ein fremdes Stoffmonster in ihre sauber, ordentlich und tiptop gehaltene Wohnung zu lassen, auch wenn es zuvor durch eine Waschmaschine gegangen ist. Wer weiß, welche Viecher, Insekten, Parasiten, Bazillen, Viren, Spinnen, Skorpione noch darinnen verborgen sein mochten, resistent, unbeweglich und nicht wegzukriegen?
So kann sie ihren Sohn ablenken, als es an diesem Tag zum Geburtstagsfeiern geht. Der hat danach sein neues Spielzeug wirklich vergessen. Die Mutter gleichfalls. Jedenfalls erinnert sie ihn nicht an ihn. Leider macht sie am übernächsten Tag den Fehler, dass sie gedanken- und ahnungslos wieder mit dem Kleinen in der Stadt Schoppen geht und an Opa’s Änderungsschneiderei vorbeikommt. Dieser steht an sder Schwelle seines kleinen Ladens, strahlt übers ganze Gesicht, die Platte, die Glatze mit den Unmengen Leberflecken vom Sonnenlicht bestrahlt, als hätte er auf die beiden gewartet.
Es wird ihnen feierlich den zusammengeflickten Hund überreicht, freudig entgegengenommen vom Jungen, die Augen weit aufgerissen und die Mutter ihre verdreht.
Dann suchen sie einen Döner-Laden auf. Der Junge legt den Hund in eine Ecke, zwei Kerle sitzen anschließend neben ihnen, am Nachbarstisch.
Erschrocken sehen sie ein Polizeiauto vorfahren, denken an eine bestimmte Fäkalie und suchen verzweifelt nach einem geeignetes Versteck für ihre in Silberpapier verstauten Haschisch-Plättchen.
Da der Hund reckt seinem Popos gegen sie. Einer erkennt seine Chance und steckt in den After die Plättchen, wonach er behutsam das Schwänzchen des Hundes darüber deckt.
Die zwei Polizeibeamten kommen herein, bestellen zwei Döner und nehmen neben den beiden Freaks Platz.
Der Junge bestaunt die Uniformierten, denn es ist nicht alle Tage, dass man solche leibhaftig vors Gesicht bekommt. Zudem ist der eine Polizist offenbar eine Frau. Polizisten sind doch Männer.
Die Mutter ereilt einen Anruf und drängt zum Aufbruch, so dass der Junge im Eifer des Geschehens sowie durch das Gebanntsein des faszinierenden Anblicks einer weiblichen Polizistin sein Pläsierchen vergisst.
Auch die Kiffer vergessen es. Allerdings weniger fasziniert vom Anblick der Polypen als aufgeschreckt, einerlei, beides sind Ursachen, zu vergessen, was sehr sehr wichtig ist, für den Jungen sein Pläsierchen, für die Jugendlichen ihre Drogen.
Der Hund döst in seiner Ecke bis zum Abend, bis nach Mitternacht, als Gina zufällig auch in das Restaurant kommt und ihren entwendeten Hund entdeckt. Sie schaut den jungen Verkäufer erstaunt an, bis ihr ein Verdacht aufglimmt. Aber darauf angesprochen, tut er, als wüsste er nicht, woher der Hund stamme.
„Du hast meinen Hund gestohlen! Gib’ zu!“
„Hund?“
„Ja, bist in meine Wohnung eingedrungen, wolltest mich vergewaltigen, ausrauben, was weiß ich. Der Hund ist der Beweis.“
„Hund?!“
Gina deutet auf das Stofftier. Nun kann der Döner-Mann nicht richtig Deutsch, erschwerend kommt hinzu, dass Hund in seinem Kulturkreis auch nicht besonders positiv belegt ist. Er verwundert sich sehr, warum diese Frau sich so aufregt. Da riecht sie auch noch komisch. Und dann „Hund“. Meint sie sich damit vielleicht? Sieht sie sich als Hund, weil sie so nach Schnaps und Alkohol riecht? Was will sie aber damit?
Ich kommt ein Verdacht. Der ist aber schon stark.
Sieht sie sich als Hund, so meint sie, sie sei eine Hure. Meint sie, sie ist eine Hure, dann bietet sie sich jetzt gerade an, dass er sie vögeln, nageln und bumsen darf.
So doch nur kann er das sehen. Das Angebot ist ihm zu delikat. Er ist verheiratet, er hat Kinder, wenn jemand dahinter kommt, jemand sieht es, trägt es seiner Frau zu Ohren zu, dann ist alles zu spät – es steht einfach zu viel auf dem Spiel – er kann sie nicht ficken!
Oder doch? Im Nebenraum. Nachts, nach dem Zapfenstreich?
Ihm fällt sein Chef ein, der Inhaber. Dieser macht in letzter Zeit auf multi-kulti. Wäre nicht schlecht fürs Geschäft, hat er letzthin verlauten lassen, wenn ein Bulgare oder Rumäne angestellt werden würde. Die kosten nicht so viel. Und da diese Osteuropäer immer mehr häufiger hier auftauchen, würde er sich eine neue Kundschaft erschließen. Gefahr!
Der Döner-Verkäufer wird jetzt laut und weist ihr unmißverständlich die Tür.
„Kannst gehen. Hure!“
Sie ist entsetzt! Staunt einen langen Moment. Ist ganz entgeistert.
Erbost greift sie ihre Tasche und den Stoffhund unter ihre Arme und verschwindet wie ein Wirbelwind aus diesen von Zwiebeln, Kohl, Knoblauch und Fleisch angeräucherten Raum.

Sie kommt ins Nachdenken.
Ihr kommt ein Verdacht, weil sie ihm nicht glaubt, weil sie schon ein bisschen in ihn verliebt ist, auch nach diesem unappetitlichen Wortwechsel.
Er ist in ihr Gemach eingedrungen, wollte etwas von ihr und hat aus unerfüllter Liebe ihren Hund unter den Nagel gerissen.
Als sie ein paar Tage später das Haschisch entdeckt, sich einen Joint dreht, ist sie schließlich restlos davon überzeugt: der will etwas von ihr. Man muss ihn nur ein bisschen auf die Beine stellen, dann wird das schon werden, was sie sich erhofft.
Inzwischen hat der Döner-Verkäufer seinem Chef von der besoffenen deutschen Tussi und ihrem undelikaten Auftreten des Nachts erzählt.
Sie sind gerade beim Ausladen neuer Fleischware, tragen es von dem alten VW-Bus heraus in das Hinterzimmer des Dönerladens hinein. „Wer ist es?“ „Na, du weißt schon, die, da um die Ecke wohnt, mit...“ In der Kleinstadt kennt man sich. Der Chef nickt. Hier im Hinterzimmer lagern alle Waren, einschließlich die Kühltruhen fürs Fleisch. Aus denen dringt Eisdampf, wenn man den Deckel aufmacht und sie werfen die Fleischkegel dahinein –keine angenehme Arbeit.
Der Chef verzieht das Gesicht bis zu den Ohren und stößt aus: „Fick Sie, die braucht das!“
Da war das Signal. In diesem Raum fiel das Losungswort, die Einwilligung des Chefs, in diesem Ort, dem Nebenzimmer des Ladens, in dem schließlich auch die folgenden wichtigen Dinge geschehen.
Er zweifelt, ob sie wiederkommen würde, schließlich hatte er sie gelinde gesagt nicht gerade wie eine Dame behandelt, auf deren Begegnung man gesteigerten wert legt.
Aber er braucht nicht lange zu warten.
Bereits einige Tage später schmachtet sie in eine Ecke gekuscht unscheinbar vor sich hin und verfolgt das den schicken Fleisch-Kegel-Schneider bei seinem galanten Treiben.
Der Dönnerverkäufer schweigt erst einmal, nachdem er den Schock ihres Erscheinens, das so klammheimlich über die Bühne gegangen war, verwunden hat. Würde ein Donnerwetter erfolgen? Er getraut sich nicht einmal, sie nach ihren Wünschen bezüglich Essens und Trinkens zu fragen. Gina plagen indessen andere Gelüste.
Es ist nicht mehr lange bis zur Sperrstunde, es ist schon eine Stunde nach Mitternacht.
Als niemand mehr im Laden ist, springt Gina mit einemmal auf und stelltt ihn zur Rede, der nicht weiß und versteht, sind es Anschuldigungen oder Liebeserklärungen, eigenartig, er tippt zunächst auf letzteres.
Er findet verschämtes Grinsen und zweideutiges Lächeln als den besten Weg in dieser Situation.
Gina ist sich somit ihrer Sache sicher. Angesichts dieses Schuldeingeständnisses presst sie sich unmittelbar an ihn, rückt ihren Körper zu seinem hin und umfängt ihn. Der junge Mann nützt die Gelegenheit, macht sich frei, verrammelt und schließt schnellstens den Laden zu und zerrt, wenn Gina nicht gewollt hätte, in den Nebenraum, in die Rumpelkammer, dort, wo alle Waren gelagert werden und aus dem lecken Kühltruhen weißer Kühldampf dringt. Auf einem alten Sofa macht er sich über die stark betrunkene und freudig erregte Gina her.