Thema: Anweisung

  1. #1
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    Anweisung

    Wirf dir etwas zu vom jüngsten Sommer. Den Staubmantel, wirf ihn weit durch den Regen, die Kälte, die Übelkeit. Schmuggelgut, das vor deinen Füßen landet mit Kirschkernen in den Taschen. Zieh ihn an! Du kannst den Kragen hochschlagen und dir Rückenwind einbilden; den Frosch im Hals verdrängen mit einem Grashalm im Mund. Nimm Deinen Hut. Verlasse die Höhlen der Knochen, ihr verborgenes Tun und Nichttun, die Farben rot und gelb. Wähle eine der Ausfallstraßen. Geh!
    Von all deinen Lieben erzähl dir alle ohne Ende.
    Koste die Kerne.
    Geändert von Okotadia (23.04.2019 um 21:50 Uhr)
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen
    Wirf dir etwas zu vom jüngsten Sommer. Den Staubmantel, wirf ihn weit durch den Regen, die Kälte, die Übelkeit. Schmuggelgut, das vor deinen Füßen landet mit Kirschkernen in den Taschen. Zieh ihn an! Du kannst den Kragen hochschlagen und dir Rückenwind einbilden; den Frosch im Hals verdrängen mit einem Grashalm im Mund. Nimm Deinen Hut. Verlasse die Höhlen der Knochen, ihr verborgenes Tun und Nichttun in den Farben rot und gelb. Wähle eine der Ausfallstraßen. Geh!
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    Koste die Kerne.
    liebe okotadia,
    ich war schon ein paar mal hier, hoffte, dass irgendein anderer als erstes kommentieren würde, weil ich unsicher bin. aber ich schreibe jetzt einfach einmal meine gedanken auf.

    zur form: ja, irgendwie passt das zu dem aufbruch, das li muss aus der höhle getrieben werden, mit nachdruck. es hat wohl keine zeit mehr zum verweilen, also auch nicht bei zeilenumbrüchen, oder es soll/will einfach nicht nachdenken.


    die sprache ist schön, präzise, mit wohlüberlegten wortspielen scheint mir: zb wer sagt heute noch staubmantel. vielleicht deshalb auch "schmuggelgut". aber einen staubmantel durch den regen werfen ist ein smybolträchtiges bild, ich muss an einen stierkämpfer denken und werde später bestätigt.

    Der hoch geschlagene kragen, der eingebildete rückwind sind tolle bilder, mit denen sich das verzagte li selbst überzeugen will, dass es keine angst haben muss, dass es geschützt bleibt, dass es aufbrechen will und kann (also ich denke, es ist ein selbstgespräch.)

    ja, die kirschkerne, einerseits erinnerungen an den sommer und andererseits enthalten sie gift. die geben mir rätsel auf , siehe noch unten.

    auch schön, der grashalm gegen den frosch im hals, ich würde ein anderes verb suchen, oder es überhaupt weglassen. eigentlich soll ja nicht mehr verdrängt werden, wenn ich das richtig verstehe.

    die höhle soll verlassen werden,ich muss an platons höhle denken. die "höhle der knochen" verlassen, eine innenschau. was tun die knochen oder nicht? die farben kann ich nicht recht entschlüsseln. rot empfinde ich hier als aggressiv, gelb mag mich hier auch nicht an etwas positives denken lassen.

    das verlassen , auch als ein sich-stellen? trost oder mut für diesen weg ist darin zufinden, dass das li an seine "lieben" denkt, eine art mantra: alle - endlos

    ja und so gestärkt (?) befiehlt sich das li, die kirschkerne zu "kosten". und da weiß ich jetzt nicht weiter.

    sehr gerne gelesen!

    lieben gruß
    Albaa
    Geändert von albaa (19.04.2019 um 17:17 Uhr)

  3. #3
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    Liebe albaa,

    ich war schon ein paar mal hier, hoffte, dass irgendein anderer als erstes kommentieren würde, weil ich unsicher bin. aber ich schreibe jetzt einfach einmal meine gedanken auf.
    Du bist eben hier eine der Mutigsten!

    Um es kurz zu machen: Es geht um Leukämie (rotes und gelbes Knochenmark). Mein Liebster hat gerade eine Chemotherapie abgeschlossen und ein Nachbar (mein Jahrgang) ist vor ein paar Wochen daran gestorben. Der Text ist ein Versuch, das irgendwie zu verarbeiten und ich denke, er ist eigentlich an mich selbst gerichtet - auch wenn ich keine Leukämie habe.
    Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf den Staubmantel gekommen bin, aber er schien mir sehr passend, weil er schützen soll und es doch nur ein klein wenig kann.

    LG
    Okotadia
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  4. #4
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    liebe okotadia,

    das tut mir sehr leid! mein gefühl, ich könnte viel falsch machen bei einer interpretation, hat mich also nicht getäuscht.
    der text ist jedenfalls gelungen, viel mehr als ein-sich-von-der-seele-schreiben (was natürlich ganz wichtig ist). ich sträubte mich gegen einiges darin, also das was er bei mir auslöste, und dann möchte ich auch viel lieber lesen: pflanze die kirschkerne.

    ich wünsche euch alles erdenklich gute!

    lieben gruß
    albaa

  5. #5
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    Liebe albaa,

    mein gefühl, ich könnte viel falsch machen bei einer interpretation, hat mich also nicht getäuscht.
    So kann man das mMn nicht sagen. Ein Text spiegelt sich ja immer am Bewusstsein des Lesers und wenn dabei Bilder entstehen (manchmal verzittert wie ein Spiegelbild auf einer Wasseroberfläche) ist das schon sehr viel, sogar oder besonders wenn sich der Leser dagenen wehrt.

    Danke jedenfalls für Dein Nachspüren und die guten Wünsche!

    Okotadia
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