Thema: Ach Johnny

  1. #1
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    Ach Johnny

    Als ich nach Frankfurt kam
    merkte ich gleich
    dass ich mein eigenes Weidetier war:
    an den Heuschobern in den Vorgärten
    an den Sätteln
    in den Garagenfenstern

    Ach Johnny,
    lass uns zur Bertramswiese gehen
    dort gibt es Himbeereis
    im bitteren Februar
    dort bläst die Einsamkeit
    Luftballons auf: rote
    dann wunderbar blaue
    Geändert von Onegin (25.04.2019 um 00:55 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Hallo Onegin,
    ich würde Deine Gedichte gerne verstehen, brauche es aber nicht unbedingt immer. Denn irgendwie wickeln sIe mich jedesmal in ein Gefühl ein, das ich aber nicht immer definieren kann.
    Ich wünschte, ich könnte das auch!
    (und trotzdem wüsste ich gerne, worum es in diesem Gedicht geht.)
    LiebeLyrikGrüße.
    robbi
    Es geht ja so vieles schief.
    Doch keiner steht dafür grade!
    (ein echter robbi)

  3. #3
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    Lieber robbi,


    in dem Gedicht geht es erstmal auch um Einsamkeit und Kälte (bitterer Februar). Aber die Einsamkeit führt nicht in Isolation und Erstarrung, sondern zur Kreativität und zur Poesie. (Das sind die blauen Luftballons, die blaue Blume, das Blau bei Gottfrid Benn, Blau als Farbe der Transzendenz, denn das Gedicht transzendiert die Wirklichkeit). Deshalb ist das Gedicht letztlich kein trauriges Gedicht sondern positiv und ich habe es deswegen auch nicht in die entsprechende Kategorie eingereiht. Außerdem gibt es da auch noch Johnny, der direkt aus einem Western von Howard Hawks herübergeritten ist. Das LI ist also nicht vollkommen allein.

    Dem LI geht natürlich nicht wirklich gut und es sieht sich selbst als "Weidetier" (Pferd, Kuh, Schaf), Gutmütigkeit und eine gewisse mindere Intellgenz sind die Kennzeichen dieser Tiere. Dazu passen die Heuschober, die Sättel in den Garagen und auch die Bertramswiese, denn wohin geht ein Weidetier, natürlich auf die Wiese zum Grasen. Dazu passt auch der Cowboy Johnny.

    Die Vorstellung, dass sich Frankfurter Villenviertel so seltsam in "Agrarlandschaften" verwandeln, die Imagination, sein eigenes Weidetier zu sein, ist skuril und ich finde, sie hat auch etwas Humorvolles.

    Fazit: das Gedicht hat schon was Melancholisches, aber dann auch wieder nicht. Vielleicht kommt daher das Undefinierbare Deines Gefühls.

    Liebe Grüße

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Lieber Onegin,

    ich füge mich dem Kommentar von robbi an..
    Es ist sehr hilfreich, deine Erklärungen zu lesen. Als Lerndende bin ich dafür dankbar.
    Dein Gedicht klingt bei mir an und macht mich neugierig.

    Liebe Grüsse
    Esther

  5. #5
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    Hey Onegin, und ich widerspreche Esther, denn ein Gedicht sollte ohne Erklärungen auskommen. Entweder schildert es klar, worum es geht oder es ist so offen symbolisch gehalten, dass es einfach dadurch wirkt, dann halt für jeden anders. Der Johnny macht weder das eine noch das andere so ganz, wenn mich auch einzelne Bilder wirklich ansprechen. LG gugol

  6. #6
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    Hallo ihr Drei



    verspüre ich da eine gewisse Skepsis gegen angeblich zu komplizierte Gedichte? Ich denke, dass sich Gedichte letztlich nicht durch Reime, Rhythmen, Versfüße usw von normaler Sprache unterscheiden, sondern durch eine Überfülle an Bedeutung. Die Sprache in ihnen ist aufgeladen, mehrschichtig" "verdichtet". Wer den Anspruch erhebt, Gedichte zu verstehen, muss diese Mehrschichtigkeit offenlegen, was immer mit der Mühe (oder dem Glück) der Interpretation verbunden ist. Das trifft für alle Gedichte zu. Die berühmten, scheinbar ganz einfachen Zeilen Goethes "Über allen Wipfeln ist Ruh..." haben einen riesigen philosophischen Hintergrund in seiner Naturauffassung. Sie sind, lieber Gugol, viel erklärungsbedürftiger als das, was ich fabriziert habe. Das merkt man aber nicht, weil sie eine einheitlich organisierte Oberflächenrealität beschreiben, an die sich der Leser halten kann. Moderne Gedichte bieten diesen Luxus nicht mehr. Sie bilden meistens keine irgendwie "realistische" Oberflächenrealität mehr ab und stellen deshalb ihre Interpretationsbedürftigkeit offen aus. Jeder Blick in eine Anthologie moderner Lyrik macht das klar. Auf den unvorbereiteten Leser kann das allerdings verstörend wirken.

    Aber nicht nur im Hinblick auf den Sinnüberschuss des Gedichts, sondern auch in Bezug auf die Leser ist die Förderung fragwürdig, ein Gedicht möge ohne Vorkenntnisse verstanden werden. Denn welcher Leser ist gemeint? Welche Vorkenntnisse besitzt er? Welche Erfahrungen hat er mit Lyrik gemacht. Wo verläuft sein Interpretationshorizont? Die Literaturwissenschaftler beschäftigen sich zum großen Teil damit, den Lesern genau die Vorkenntnisse zu vermitteln, die sie zum Verständnis literarischer Texte benötigen. Allerdings ist deren Geschäft unendlich Petrarcas Sonette werden professionell interpretiert werden, so lange die Welt besteht.

    Wir sterblichen Leser können uns deshalb ruhig mit weniger zufrieden geben. Wir sollten nicht den Anspruch an uns haben, Gedichte bis in alle Winkel auszuleuchten und wir sollten sie auch ganzheitlich dh „mit dem Herzen“ lesen. Wenn wir von irgendetwas eingenommen sind, wenn uns etwas ergreift, ist Zeit genug, die Interpretationsmaschine anzuwerfen. Meistens vertieft sich unser Gefühl nur noch.
    Als Schreiber, der Gedichte in diesen Foren publiziert, erwarte ich keine eingehenden Interpretationen und halte sie auch gar nicht für nötig. Nur die Generalrichtung sollte stimmen.

    Beste Grüße
    Onegin
    Geändert von Onegin (25.04.2019 um 16:16 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  7. #7
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    hallo Onegin, hallo Gugol,

    und wieder hab ich etwas gelernt...es stimmt schon. Es braucht eignetlich keine Erklärung betr. was wie gemeint ist. Es ist wie bei einem Bild: jeder kann sieht "seine Geschhichte" darin sehen.

    Grüsse Esther

  8. #8
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    Hey Onegin, ich stimme dir in quasi allem zu. Es ist auch so, dass ich z.B. viele Gedichte hier nicht verstehe, weil mir der (deutsch-politische) Hintergrund fehlt.
    Nicht anders ist es mit alten Gedichten, zu denen uns allen wohl der Hintergrund fehlt. Das trifft aber bspw. auch auf biblische Texte zu, die eine ganz andere Bedeutung bekommen, wenn man das Wissen dieser Zeit mit einbezieht. Das klassische Beispiel ist das Nadelör, das von uns mit einer Nähnadel in Verbindung gebracht wird (und das Kamel dann völlig absurd wirken lässt), damals aber das kleinste Stadttor war. So stimme ich dir zu, dass Hintergrundwissen sehr hilfreich sein kann, aber es ist mMn etwas anderes als das Erklären der eigenen Intention eines Gedichts. An deinem Beispiel: Gerne wüsste ich, was die Bertramwiese in Frankfurt ist, ich stelle mir eine Parkanlage vor, kann aber völlig falsch liegen. Warum hingegen die Ballone erst rot dann blau sind, sollte entweder klar aus dem Text hervorgehen oder einfach für sich wirken (was es durchaus tut).
    Ich denke auch, dass ein Gedicht nicht von jedermann verstanden werden muss. Wenn ich über Karfreitag schreibe, ohne das Ereignis an sich in allen Details zu erzählen, setze ich voraus, dass der Leser weiss, was an dem Tag passiert ist. Wenn nicht, wird ihn auch das Gedicht eher nicht interessieren, und das ist völlig okay.
    LG gugol

  9. #9
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    Hallo Esther, Hallo Gugol.


    Ich glaube auch, dass ein Gedicht Interpretationsspielräume vorgibt. Der Leser ist aufgerufen, diese mit Eigenem zu füllen. Und je „dunkler“ das Gedicht ist, umso dringlicher ergeht dieser Apell. Damit verliert aber der Schreiber eines Gedichts an Autorität. :_)

    Also ja, Gugol, die Bertramswiese ist ein Park in Frankfurt (vertraue doch Deiner Imagination!) und die blauen Luftballons (Kreativität, Fantasie, poetische Intuition) brauchen Zeit kommen als Folgen der Einsamkeit nach den roten Ballons (den seelischen Schmerzen) . Ich hab mit das nicht alles vorab ausgedacht sondern hab das ein bisschen intuitiv so hingeschrieben und interpretiere mich jetzt selbst. Das Himbeereis und die Einsamkeit, die Luftballons aufbläst, sind als Gegenbild sommerlicher Kinderfeste in das Gedicht hineingekommen.

    Aber verstehst Du durch diese Infos das Gedicht wirklich besser?
    Ich glaube es ist falsch zu glauben, dass es zwischen den Elementen solcher komplexen Metaphern und den Elementen der realen Welt eine Eins-zu-Eins.-Beziehung gibt, so dass jedem Element der metaphorischen Welt genau ein Element der Alltagrealität entspricht. (rote Ballons bedeutet dies, blaue Ballons bedeutet das usw) Es gibt immer nur Annäherungen.
    Das Gedicht verschlüsselt nicht die Realität, sondern deutet sie ganzheitlich neu. Daher stimmt es mich etwas traurig, wenn ich solche Metaphern „erklären“ soll. Bedeutet ihre Erklärung, dh. Übersetzung in die reale Welt, nicht immer zugleich eine Verarmung? Weil sich der Sinngehalt dieser Bilder durch die Überführung in die Alltagsrealität eben nicht ausschöpfen lässt…

    So dacht ich

    Liebe Grüße

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  10. #10
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    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    die blauen Luftballons (Kreativität, Fantasie, poetische Intuition) brauchen Zeit kommen als Folgen der Einsamkeit nach den roten Ballons (den seelischen Schmerzen) ...
    Aber verstehst Du durch diese Infos das Gedicht wirklich besser?
    Ich glaube es ist falsch zu glauben, dass es zwischen den Elementen solcher komplexen Metaphern und den Elementen der realen Welt eine Eins-zu-Eins.-Beziehung gibt, so dass jedem Element der metaphorischen Welt genau ein Element der Alltagrealität entspricht.
    Ehh ja, das meinte ich doch! Die benamste Wiese mag ich durchaus gern als das erkennen, was ein Frankfurter darunter versteht, aber die Luftballons will ich nicht erklärt bekommen, die sind ja eine Metapher, da mach ich mir lieber mein eigenes Bild zu. Die sollst du eben genau NICHT erklären, das war doch meine Aussage in #5 und #8(sollten einfach für sich wirken), nicht? Entschuldige, wenn ich das oben missverständlich geschrieben hatte. Ich glaube, wir sehen die Sache sehr ähnlich. LG gugol
    Geändert von Gugol (26.04.2019 um 17:10 Uhr)

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