Thema: 2084

  1. #1
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    2084


    2084


    Vor der Endzeit verleugneten viele
    die Warnsignale in der Atmosphäre,
    beruhigten Gewissensbisse
    mit gekaufter Wissenschaft,
    wollten sich nicht eingestehen,
    dass ihr bequemes Lebens-
    und Gewinnsystem auf die Dauer
    nur zum Schaden der Natur,

    machten weiter Massenreisen,
    schufen Staus auch in der Luft,
    vermüllten fremde Länder und die Meere,
    predigten Konsum für alle,
    ließen wachsende Verarmung zu.

    Als die Feuer von den Waldlandschaften
    nur noch Kohle übrig ließen
    und die Früchte auf den Feldern ausgeglüht,
    als die letzten Quellen ausgetrocknet,
    Flüsse Rinnen voller Trockenschlamm,
    trieben Böen aus der Steppe Asche,
    Sand und Brände in die Städte,

    wo kein Strom, kein Wasser, niemand mehr,
    wo die Türen, Läden zugenagelt,
    Magazine, Keller leer, wo kein Tropfen Regen,
    kein Erbarmen von den Göttern,
    wo auf kahler Flur ausgeplünderte Natur
    den Entmenschten in die Augen sprang.

    Damals internierte der erwachte Leviathan
    die letzten unbeugsamen Demokraten.
    Ohne Pardon galt das Gesetz der Waffen.
    Irgendwann erinnerten sich Geschundene
    an früher, fingen Schritt für Schritt mühsam an,
    Schritt für Schritt wieder Mensch zu werden
    kämpften gnadenlos um eine letzte Blume.

  2. #2
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    Hallo Carolus!

    Ein unglaublich starker Text, der mir ausgesprochen gut gefällt. Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf 1984 und zeigt eine dystopische Zukunft.

    Inhaltlich prangert das LI einige Probleme unserer Zeit an - Umweltverschmutzung, der Umgang des Menschen mit der Natur, Geldgier, Klimawandel, gesellschaftliche Probleme. Der Text packt diese Probleme in sehr kompakter, auf wenige Strophen verdichteter Form an. Die verwendest keinen Endreim, allerdings gibt es Assonanzen und Binnenreime, die den Text klanglich abrunden, z.B in Strophe 1
    Vor der Endzeit verleugneten viele
    die Warnsignale in der Atmosphäre,
    beruhigten Gewissensbisse
    mit gekaufter Wissenschaft,
    wollten sich nicht eingestehen,
    dass ihr bequemes Lebens-
    und Gewinnsystem auf die Dauer
    nur zum Schaden der Natur,
    Was mir an Strophe 3 besonders gefällt, sind die Bilder mti denen du arbeitest - Feuer, Hitze , Brand als Zeichen, Vorbote und Resultat der Zerstörung. Atmosphärisch ist diese Strophe sehr dicht, da du die Wortwahl sosehr auf diesen Aspekt fokussierst: Feuer, Kohle, glühen, austrocknen, Asche, Brände. Es erinnert mich diese Strophe auch leicht an den Spruch: "Erst wenn der letzte Baum gerodet ist, ..."

    Als die Feuer von den Waldlandschaften
    nur noch Kohle übrig ließen
    und die Früchte auf den Feldern ausgeglüht,
    als die letzten Quellen ausgetrocknet,
    Flüsse Rinnen voller Trockenschlamm,
    trieben Böen aus der Steppe Asche,
    Sand und Brände in die Städte,
    In der Strophe 4 hast du viele Aufzählungen, die hier aber keinesfalls störend wirken, sondern den Umfang und das Ausmaß erst verdeutlichen.

    In der Strophe 5 endet das Gedicht quasi mit einem bewaffneten Aufstand, einem Bürgerkrieg - die logische Konsequenz der Aufzählung der Zerstörung aus den vorhergehenden Strophen. Die Mühseligkeit des Unterfangens wird durch die Wiederholung von Schritt für Schritt verdeutlicht.


    Gerne gelesen!
    LG
    Nightfury

  3. #3
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    Seit letztes Jahr ein Wirbelsturm, Gottseidank ein kleiner, und ich dachte ich seh nicht richtig, direkt vor mir über die Straße drehte und mir ausgerissene Maisblätter und -Kolben aufs Auto klatschten, (ich habe immer noch einen kleinen Riss davon in der Frontscheibe) und dem entgegenkommenden Auto einen kleinen Baum vor den Kühler schleuderte, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das mit der Apokalypse nicht doch ..... oder? Früher gab es doch sowas bei uns nicht.

    Ein nachdenklich machender Text, dein Gedicht! Ich habe 1984 auch gelesen, damals, gleich als es erschien und wie weit davon sind wir heute noch entfernt? Ich habe eine Decke überm Fernseher, wenn ich nicht schaue und die Kamera auf dem Laptop zugeklebt. Das Handy nehme ich nicht mehr überall hin mit - und die Leute schreien noch Juchu zur digitalen Krankenkarte und was da noch so geplant ist. Wie krank ist das eigentlich alles?
    Ein Hoch auf die Friday-for-Future-Kids, vielleicht wächst da eine vernünftigere Generation nach.

    LG Liara
    Geändert von Liara (27.04.2019 um 03:07 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Carolus,
    ich finde es auch gekonnt geschrieben. Auch die Kommentare dazu gefallen mir."Gekaufte Wissenschaft" ist genau richtiger Ausdruck, nichts übertrieben. Wir bekommen viel zu viele "Beruhigungspillen" geschenkt, leider werden sie zu gern genommen.
    Beste Grüße
    lautmaler

  5. #5
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    Hallo Nightfury,

    ein dickes Dankeschön für dein Lob "Ein unglaublich starker Text, der mir ausgesprochen gut gefällt." sowie für deine Mühe und Sorgfalt, auf Form und Thematik des Textes einzugehen!
    Gewisse beunruhigende Themen müssen m. E. jetzt schärfer, eindringlicher zu Papier gebracht werden, denn die (unsere) Zeit läuft (ab).
    Warum müssen "wilde, unzivilisierte" Naturmenschen uns einen Spiegel vorhalten? "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann."
    Ist der Homo sapiens als Verantwortlicher für diese Art von "Zivilisation" unfähig zur Umkehr? Oder gar einer Fehlentwicklung der Evolution?
    Jedenfalls erscheint es notwendig, gegen Natur-und menschenfeindliche Entwicklungen Widerstand zu leisten, denn die Trägheit etablierter Kräfte und Institutionen ist verheerend.

    Nochmals herzlichen Dank!
    Carolus

  6. #6
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    Hallo Carolus,

    ja, ganz stark ! "Ist der Homo sapiens als Verantwortlicher für diese Art von "Zivilisation" unfähig zur Umkehr? Oder gar einer Fehlentwicklung der Evolution?
    Jedenfalls erscheint es notwendig, gegen Natur-und menschenfeindliche Entwicklungen Widerstand zu leisten, denn die Trägheit etablierter Kräfte und Institutionen ist verheerend."!

    Beste Grüße
    lautmaler

  7. #7
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    Liebe Liara,

    du kannst dir schwerlich vorstellen, wie seltsam mich deine Schilderung des Erlebnisses mit dem Wirbelsturm berührt hat.
    Am Mittwoch spätnachmittags, kurz vor 18 Uhr stand ich im Garten, als eine extrem starke Böe durchs Tal fegte und mich beinahe zu Boden geworfen hätte. Im gleichen Augenblick hörte ich ein lautes Krachen - ich kenne dieses Geräusch von den Waldarbeitern, wenn ein Baum umstürzt - ein Stamm der alten Salweide lehnte auf Dach und Fassade. Fast zur gleichen Zeit im Tal ein schrilles Klirren. Ein Blick: Der Zug stand. Die Böe hatte einen Stamm über die Oberleitung geworfen. Die Strecke war bis Freitagabend stillgelegt. Per Notruf informierte ich die Freiwillige Feuerwehr;
    sie hatte am Mittwochabend noch weitere Einsätze.
    Deiner Feststellung "Früher gab es doch sowas bei uns nicht." kann ich nur zustimmen, ebenso auch dem Hoffnungsschimmer "vielleicht wächst da eine vernünftigere Generation nach."

    Gefreut habe ich mich darüber, dass das Gedicht "ein nachdenklich machender Text" ist.
    Herzlichen Dank für deine spontane Reaktion!
    Carolus




    Hallo Lautmaler,

    ein Leisetreter hätte der Feststellung über den "homo sapiens" und dem Widerstand "gegen Natur- und menschenfeindliche Entwicklungen" sicher nicht zugestimmt. Deiner Beobachtung "Wir bekommen viel zu viele "Beruhigungspillen" geschenkt, leider werden sie zu gern genommen." hingegen kann ich jederzeit - aufgrund eigener Erfahrung - zustimmen.

    Danke fürs Reinschauen!
    Herzlichen Gruß
    Carolus

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