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Thema: Elbflorenz

  1. #1
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    Elbflorenz

    Das virtouse Spiel Güttlers in der Semperoper war unser Gesprächsthema auf der Rückfahrt und auch noch zuhause bei einer Flasche Wein.
    Die überschäumende Begeisterung Jaquelines und die sachkundigen Einwürfe Evas ließen mich verstummen.
    Gegen Mitternacht schrillte die Klingel - vor der Eingangstür stand der ABV der Volkspolizei (der „Abschnittsbevollmächtigte“).
    War ich zu schnell gefahren?
    Wir wurden aufgeklärt: Der Vater ihres Exmannes ließ Eva bitten, so schnell wie möglich nach Leipzig zu kommen.
    „Was ist denn los?“ - „Na ja, eigentlich darf ich es Dir nicht sagen, aber Dein Ex-Schwiegervater liegt im Sterben und hat nach Dir verlangt.“
    „Na los, pack paar Sachen, ich fahr Dich hin.“
    Der ABV schaute erst mich, dann die halb geleerten Weingläser auf dem Tisch an und:
    „Na, das lassen Sie mal schön sein", und an Eva gewandt, "wenn Du Dich beeilst, schaffen wir es noch zum Nachtzug, ich bring Dich zum Bahnhof.“
    Viel Zeit zum Diskutieren und der Versicherung, ich habe doch nur ein halbes Glas getrunken, blieb nicht. Eva packte paar Sachen in ein Köfferchen, gab ihrem Töchterchen und mir ein Küsschen und:
    „Morgen Abend bin ich wieder da - tschüss!“, und weg war sie.
    „Macht Dir das gar nichts aus - Dein Opa stirbt und Du...“
    „Ich kenne ihn doch gar nicht, hab ihn als kleines Kind mal gesehen. Mama hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, sie ist für ihn wie eine Tochter.“
    Wir tranken unseren Wein aus und aus irgendeinem Grund fiel mir Willy Schneider ein.
    Willy Schneider? Na ja, eher sein Rheinweinlied: „Trinkst du mal Wein vom Rhein - gib acht auf den Jahrgang! Küsst du ein Mägdelein - gib acht auf den Jahrgang! Denn es ist wichtig und immer richtig: Der Wein muss alt und jung das Mädchen sein!“
    Ich verbannte alle in diese Richtung gehenden Gedanken in die Abgründe meiner schwarzen Seele, murmelte was von Duschen gehen und verschwand im Badezimmer.
    Jaqueline war nicht mehr im Wohnzimmer, als ich noch dampfend aus dem Bad kam, bis auf das Licht einer kleinen Stehlampe war alles dunkel und ich ging, immer noch diesen Ohrwurm „...küsst du ein Mägdelein - gib acht...“ vor mich hin summend, Richtung leeres Bett.
    Die Nachttischlampe ließ mich einen Zettel auf dem Kopfkissen entdecken - hatte Eva noch einen schriftlichen Gutenachtkuss hinterlassen? Damals noch unbebrillt konnte ich im kärglichen Licht des Lämpchens entziffern, was da zu lesen war:

    Gelegenheit macht uns zu Dieben,
    so stehts in Dresden in Granit geschrieben.
    Ich kleines Mädchen kann doch nichts dafür,
    dass ich dich mag, verschließ nicht deine Tür,
    versuch erst gar nicht dich zu wehren,
    du sollst mir die Liebe lehren.

    Jugendliche Schwärmerei - ich werde es überleben. Rein ins Bett, Lampe ausgeknipst und: Was soll ich? Diesem kleinen Biest die Liebe lehren? Auf dem Gebiet waren meine pädagogischen Kenntnisse gleich Null. Wie lehrt man einem Teenager Lektionen, die man selbst nur mühevoll sich anzueignen bemüht war?
    Kaum hörbar, die Angeln der Tür waren wohl gut geölt, öffnete sich die Tür, auf leisen Sohlen näherte sich - stockdunkel wars, mein Herz klopfte lauter als die leise tickende Standuhr, die just in diesem Augenblick mit Westminsterklang die dritte Stunde verkündete und mich zusammenfahren ließ - Jaqueline. Ich tat, was ein erschrecktes Kaninchen tut - ich stellte mich schlafend, täuschte tiefe Atemzüge vor und spürte, dass sich die Matratze leicht senkte - Jaqueline saß auf der Bettkante: „Schläfst du schon?“, kam diese völlig überflüssige Frage, denn hätte ich schon geschlafen, hätten meine Ohren sie nicht vernommen.
    „Ja.“
    „Du lügst.“
    „Ja.“
    „Darf ich...“
    „Nein.“
    „Und wenn ich trotzdem..."
    „Dann...“, ich wollte noch etwas sagen, das ging aber nicht. Jugendfrische Lippen verhinderten Worte, vertrieben Gedanken (o Mann, du bist fast doppelt so alt!) und aus war es mit aller, eigentlich gar nicht vorhandenen Gegenwehr.
    „Küssen die Mädchen im Westen anders?“ Was sollte ich sagen?
    „Ja, nicht so zart und süß und..“
    „Komm, sag schon!“ Ich wollte was sagen, doch dieses flinke Zünglein, diese weichen Lippen, ihr begehrliches Anschmiegen, die wohlige Wärme ihrer Haut, das Rauschen des Blutes in meinen Ohren machten alle Worte überflüssig. „Wie...soll ich Dir die ...Liebe lehren...Du weißt doch...schon alles!?“ "Ich hab es aber noch nie mit einem Mann...“
    „Und da suchst du dir so einen alten aus?“
    „Du bist doch nicht alt, nur ein bisschen.“
    „Du bist also noch Jungfrau?“
    „Na, ja, so richtig nicht mehr.“
    „Gibt es auch unrichtige Jungfrauen?“
    So mancher Mann ist ja davon überzeugt, dass die Entjungferung eines Mädchens die Krönung seiner sexuellen Laufbahn ist. Diese Art Mannesstolz ist mir völlig fremd und - unbekannt. Hier sollte ich also die einmalige Gelegenheit haben und - Jaqueline sagt mir, sie sei keine „richtige“ Jungfrau.
    Im Dunklen sah sie das große Fragezeichen in meinem Gesicht nicht.
    „Oooch, ich hab ne Freundin, die ist zwei Jahre älter als ich und wir haben so lange miteinander rumgemacht, bis das Häutchen weg war. Hat ein bisschen geblutet, aber überhaupt nicht weh getan.“
    Unser Gespräch war von gegenseitigem Streicheln und hunderttausend Küssen begleitet, aus der wohligen Wärme war Hitze geworden und - seltsam - fast als hätten wir es verabredet, bisher hatte ich ihren seidig belockten Venushügel, den ich an meinem Oberschenkel spürte, genauso ausgespart wie sie sich wohl scheute, meinen pulsierenden, gar nicht mehr so kleinen Freund anzufassen.
    „Und jetzt willst du dich trauen, ...“
    „Wenn es nicht zu weh tut...“
    „Ich bin ganz vorsichtig.“ Meine Hand streichelte ihren Bauch, wanderte Stück für Stück tiefer, ich fühlte die feuchte Wärme und - nee, alles will ich nicht erzählen!
    Jaqueline war eine lernbegierige Schülerin, eine Wonne, ein hingebungsvolles junges und, wie sich herausstellte, unersättliches, anschmiegsames Weib. „Nimmst Du eigentlich...“, ich wollte nach der Pille fragen, reichlich spät und, sollte sie die nicht nehmen, eigentlich schon zu spät, aber ich brauchte die begonnene Frage nicht zu beenden: „Mach weiter, du brauchst keine Angst haben, ich bin aufge...o Gott, ooooh Gott!“ und „Komm, komm, jaaaa! O mein Gott - das war so schön, so ...“
    „Schön ist gar kein Ausdruck, du bist eine kleine Göttin!"
    Siebzehn Jahre kommunistische Erziehung hatten den Glauben an Gott nicht zerstört, Jaqueline - und das auf sächsisch: „Oooch, war das schön!“ Nun, wo sie Recht hat, hat sie Recht!
    Ruhe war, tiefe Ruhe, Frieden, abebbende Lust, Zärtlichkeit, mein Kopf zwischen ihren kleinen Brüsten und ich brummte behaglich und - satt, zufrieden, glücklich aus tiefster Brust.
    „Brumm mal ruhig so weiter, das geht mir durch und durch.“
    „Und Du nimmst wirklich die Pille?“
    „Seit zwei Jahren, Mama wollte das so.“
    „Kluges Mädchen!“
    „Aber zwei Jahre für umsónst.“
    „Aber jetzt hat es sich doch gelohnt?“
    „Gelohnt? Vielleicht.“
    "Wieso vielleicht?“
    „Wir könnten ja noch mal.“
    „Du vielleicht, ich brauch erst mal eine Pause.“
    „Du willst bestimmt eine qualmen - ich auch.“
    Jaqueline las mir noch andere Wünsche von den Augen ab, sprach ungeniert über ihre Begehrlichkeiten und fragte völlig schambefreit nach ganz exotischen Möglichkeiten der körperlichen Liebe. Der Begriff „im Dunkeln ist gut munkeln“ gewann eine ganz neue Bedeutung für mich, wir flüsterten, als könne uns jemand unsere Geheimnisse ablauschen, vertraut und so, als würden wir uns seit der Zeit kennen, in der noch Schachtelhalm und Bärlapp wuchsen. „Bin ich jetzt eine Frau?“ -
    „Nee, ein bisschen müssen wir da noch dran tun.“ Das „wir müssen“ hat sie offensichtlich angespornt, Aktivitäten zu entwickeln, die mich in allergrößtes Staunen und in einen Zustand himmlischer Selig- und Mattigkeit versetzten.

    „Guten Morgen! Ich habe schon Brötchen geholt, Kaffee ist auch schon fertig; los, raus aus den Federn - frühstücken!“
    Jaqueline, schön wie der junge Morgen, jagte mich aus dem Bett unter die Dusche, wir frühstückten und: „Mama kommt erst heute Nachmittag - was machen wir mit dem angebrochenen Tag?“
    „Hast Du eine Idee?“
    "Nee."
    „Aber ich. Was hältst Du vom Zwinger und der Galerie Alter Meister?“
    „Vorher oder nachher?“ Ich schaute sie wohl ein wenig verdattert an, sah dieses unnachahmliche Blitzen in ihren Augen und entschloss mich zu einem Kompromiss: „Zwischendurch!“
    „Zwischen was?“
    „Zwischen Zwinger und den Alten Meistern.“
    Geändert von Festival (30.04.2019 um 14:35 Uhr)

  2. #2
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    lieber Festival,
    du hast diese freudenreiche Episode unter "Märchen" eingestellt.
    Oder ist es vielleicht mehr "Dichtung und Wahrheit"?
    Wäre ich jemand mit einem moralinsauren Zeigefinger, würde ich sagen: Aus dem Leben eines Schwerenöters.
    So aber habe ich deinen "Bericht" mit einem Schmunzeln gelesen.
    Mit einem liebevollen Lächeln hast du erzählt.

    LG, Cara

    Hoffe nur, dass der Text nicht wegen Unmoral gelöscht wird!
    Wir sind hier schließlich in einem ehrenwerten Haus!

    Cara
    Geändert von Cara 1963 (29.04.2019 um 10:23 Uhr)

  3. #3
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    Liebe Cara,
    es war ein Märchen! Und Märchen beinhalten immer eine Moral! Der Protagonist hat sich gewehrt, aber die Urgewalt des Weibes hat den Sieg davon getragen. Du hast es mit einem Schmunzeln gelesen - was will der Autor mehr?
    Lieben Dank!
    Festival

  4. #4
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    Liebes Festival,

    die Funktion der Märchen in einer Jung´schen Lesart, in ihrer Interpretation und in ihrem Therapieansatz bringt das Unbewusste nach oben, sodass sich mit dem Verdrängten arbeiten lässt.
    Nun, die Wahl der "Märchensparte" verdeutlicht wohl die Haltung des Autoren, die erst gar keine Gedanken zu realen Bezüge aufkommen lassen will, sich uns aber im Unbewussten in aller Gänze präsentiert.
    Meine Assoziationen an Altmeister Goethes Lieblingsstadt, seine Liebschaften, Faust und Gretchen, alt und jung, sind in diesem Zusammenhang vermutlich denn auch rein zufällig und subjektiv. Güttler bläst zum verführerischen Vorspiel, der die junge Jungfrau schon mal überschäumen lässt, ein bisschen Wein, ein bisschen Naivität gepaart mit Neugier. Das Klima einer offenen Sexualität in DDR-Tradition macht hier alles möglich. Es entspannt sich ein Verführungsdialog, der den Leser irgendwo zwischen Traum und Phantasie, Wein, Weib und Gesang einbettet und mitnimmt. Es scheint Goethes eigenes großes Lebensthema zu sein, dass der Staatsmann, Jurist, Poet und Forscher in seinem Hauptwerk verarbeitet hat.
    Wie auch sonst könnte jemand von etwas so intensiv schreiben, was ihm nicht völlig fremd wäre, was nicht sein Lebensthema ist.
    Alles nur wilde Interpretation, wirst du vielleicht sagen, mit dem senilen Club der Alten Meister, Swinger und zwischendurch Entjungferungs- Fantasien habe ich nichts zu tun.
    meinetwegen, trotzdem gut geschrieben.
    L.G.A.

  5. #5
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    Lieber Anjulaenga,
    Du holst weit aus und zugegeben - recht schwungvoll. Die Sache mit der Rubrikwahl hat allerdings einen ganz profanen Hintergrund: Ich habe es mal in jugendlichen Leichtsinn gewagt (und schäme mich heute noch, wenn ich meinem alten Prof Rölleke unter die Augen trete), in einem seiner Seminare eine dämliche Märcheninterpretation von mir zu geben. Darin war die Rede davon, dass eine Siebzehnjährige ein Märchen im Bett sein könne.
    Was mir rätselhaft ist: "...dem senilen Club der Alten Meister". An anderer Stelle habe ich mal geschrieben:
    "Meine Verwunderung überstieg jeden Begriff - ich setze das in Fettschrift, weil ich hier den jungen Goethe zitiere und es besser nicht ausgedrückt werden kann. Jaqueline lotste mich zu den Bildern, die sich ihrer größten Bewunderung erfreuten. Zuallererst zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“, um die sich Dutzende Besucher scharten. So jung und begehrenswert hatte ich Gottesmutter Maria nicht im Gedächtnis. Für mich sieht sie aus wie ein junges, hübsches Mädchen auf der Schwelle zur Frau und die beiden Engel im Vordergrund scheinen meine Meinung zu teilen. Das zweite Bild - Jaqueline in vollschlanker Ausführung! Tatsächlich war es die „Schlummernde Venus“ von Giorgone. Wie soll ich als Kunstbanause dieses Bild beschreiben? Ich lass es - schaut es euch in Dresden, ersatzweise bei Google an. An das nächste Bild war kaum näher heran zu kommen. Ein Dutzend zukünftige Kunstmaler hatten ihre Staffeleien aufgebaut und zeichneten, malten, kopierten eine Einzelheit des „Schokoladenmädchens“ auf deren Tablett, das sie vor sich her trägt, unter anderem ein gefülltes Wasserglas von einem Künstler namens Liotard gemalt ist. Ich fragte eine Kunststudentin, was daran so faszinierend ist und sie erklärte mir geduldig, wie schwer es sei, so naturgetreu ein Wasserglas zu malen. Ich glaubte ihr das aufs Wort - es ist schlicht wunderbar! Weiter gings im lärm- und eilevermeidenden Museumsschritt: Tizians „Zinsgroschen“, eine Szene, in der Jesus einen Zinsgroschen in den Fingern hält und den ihn Umringenden wohl erklärt, dass man dem Kaiser zu geben habe, was dem Kaiser gebührt.
    Lange standen wir vor dem heiligen Sebastian, der, an einen Pfahl gefesselt und von Pfeilen durchbohrt, in aller Schönheit stirbt. Der Maler, so war dem Schildchen zu entnehmen, hieß Messina. Dann - mein erster Blick auf ein Rembrandtgemälde: Ein Adler schnappt sich ein strampelndes, kleines, ziemlich fettes Kind mit seinen Fängen - aus der Mythologie war mir bekannt: Das ist der Adler des Göttervaters Zeus, der den lütten Ganymed zum Olymp bringt.
    Ganymed - der Glanzvolle - Goethe hat einen Hymnus auf den schönen Knaben, Sohn eines Trojanerkönigs, verfasst - Ganymed, den Zeus entführen ließ und der den Göttern als Mundschenk zu dienen hatte: ...".
    Meine Goethe-Bewunderung verschweige ich nicht und Du scheinst Dich nicht nur mit ihm, sondern auch mit den sexuellen Freiheiten in der ehemaligen DDR auszukennen.
    Vielen Dank für Deinen Kommemtar!
    Liebe Grüße,
    Festival

  6. #6
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    Liebes Festival,

    da kommst du mir mit deiner Schokoladenseite und präsentierst mir ein Glas unschuldiges Wässerchen, was nicht getrübt werden kann. Und das genau an der Stelle, wo ich gerade noch schwungvoll ausholen wollte, und mich an die thematische Abgründigkeit unserer Hochkultur herangemacht habe. Danke an dieser Stelle aber für deinen kleinen Bilderrundgang mit Jaqueline.
    Nicht desto trotz bliebe der unschuldige Umgang mit den vielen kleinen Engelsputten, schlafenden Schönheiten und lüsternden Darstellungen, unterm Traubensaftgehänge ob in Wort , Porzelan oder auf der Leinwand für mich mit Ausblendung dieser abgründigen Ebene suspekt. Das Bild entsteht im Kopfe des Betrachters, klar, es sind meine eigenen Bilder. Aber keiner kann mir in Anbetung und Bewunderung für diese Hochkultur erzählen, dass die evozierte andere Nicht- Schokoladenseite nicht ganz unbeabsichtigt wäre, und dass du in Wirklichkeit aus viel tieferen Brunnen schöpfst. L.G.A.

  7. #7
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    Lieber Anjulaenga,
    dass Du mir konsentierst , ich könne in Wirklichkeit aus tieferen Brunnen schöpfen, ehrt mich.
    Meine Ver- und Bewunderung beim Betrachten der Gemälde Alter Meister hat allerdings nichts mit Anbetung zu tun. Genauso perplex war ich bei meinem Rundgang im Dali-Museum in Figueras und manchmal ging mir durch den Kopf: Das kann ein Mensch nicht gemalt haben - das hat der Künstler nur entdeckt, einen Schleier weg gezogen, um uns einen Blick zu gönnen auf - ja, auf was? Ähnlich geht es mir beim Anhören ganz unterschiedlicher Kompositionen und auch beim Lesen meisterhafter Werke.
    Was sind wir doch für elende Stümper! Trösten kann mich dann nur der Gedanke, dass ich ansatzweise in der Lage bin, die Meisterschaft zu erahnen, die uns solche Werke hinterlässt.
    Liebe Grüße,
    Festival

  8. #8
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    Gut, dann will ich noch etwas deutlicher die zweite Ebene anreißen, die sich mir durch deinen Text nahezu aufdrängt.
    Da wird uns also eine heiße jungfräuliche Liebesnacht serviert, die es in sich hat. Diskutiert aber werden vollkommene Meisterwerke im Museum, mit der atemberaubenden Ästhetik, die vllt. irgendwann großen Einfluss auf den Zeitgeist einer Epoche gehabt haben, die sich mir aber aus dem Text nicht anbieten.
    Völlig legitim, leicht angetrunken und juristisch korrekt im gegenseitigen Einvernehmen, leistet das LI generationsübergreifende Schützenhilfe bei einer Entjungferung. Wunderbar, da ist nichts gegen einzuwenden.
    Und dann wird die gesamte kulturelle Hochburg zum Hauptakteur der textlichen Auseinandersetzung dieses threads, in aller Unschuld und Kulturbeflissenheit. - Vorgeschoben? Wie passt das zusammen?
    Wenn man die Genialität meisterlicher Werke in seiner Stümperhaftigkeit nicht begreifen kann, so lassen sie doch nicht selten ähnliche, unausgesprochene Gelüste einer stillen Obsession in Ihnen erahnen. Diese sind sozusagen werkimmanent. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem meisterlichen Kunstwerk selbst würde sich aber nur in seiner niveauvollen Erhöhung und Abstraktion gebieten. Warum wird der Zwinger besucht, was verschlägt uns an epochalen Kunstwerken den Atem? Wohl kaum, weil sich in ihnen geile Männerphantasien aufdrängen und wiederspiegeln, oder Übergriffigkeiten, Größenwahn, Narzismus, Machtmissbrauch, Perversionen und sonstige Verwerflichkeiten. Der Glanz überwiegt. Das Leben und speziell sein meisterlicher Protagonist will in der Schönheit seines Schaffens begriffen und bewundert werden. Er will mit seinem Werk nicht in seiner schäbigen Abgründigkeit und in seiner Vergänglichkeit kritisiert und erkannt werden. Die perfekte Pyramide z.B. wird zum Gegenstand der wohlfeilen Betrachtung, sie gehört zum Weltkulturerbe. Wobei sie gleichzeitig Sinnbild einer furchtbaren Unkultur und Barbarei darstellt. Das Monument steht immerhin für eine grausame Versklavung und einen narzistischen Hochmut, das heute in aller Ergebenheit bestaunt werden will. Vielleicht wird man in ferner Zeit mit der gleichen Naivität auf der Welt dem Hakenkreuz huldigen.
    Auf den Text bezogen: Du willst zwei Dinge zusammenführen. Wollte man sich nicht auf den alten geilen Sack beschränken, der sich nicht zurücknehmen kann oder will, der sich seine Welt in aller Unschuld schön zurecht legt, so bleibt dem Leser vielleicht eine Idee dahinter. Ob aber genau diese Idee in der heutigen Zeit von MeToo Debatten, Misbrauchsskandalen und narzistischen Machtmenschen wirklich weiterhilft, oder nur einer weiteren Normverschiebung Vorschub leistet, bleibt im Auge des Betrachters. Systemisch scheinen die Dinge ja irgendwie zusammenzupassen und sich in der bestehenden Kultur wiederzuspiegeln. Die Ambivalenz bleibt aber neben dem unangefochtenen Meisterwerk immer bestehen.
    L.G.A.
    ( Natürlich ist dem unvergleichbaren Aufbau Dresdens nichts entgegenzusetzen.)
    Geändert von Anjulaenga (30.04.2019 um 22:03 Uhr)

  9. #9
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    Lieber Anjulaenga,
    die Meisterwerke in einem Teilbereich des Dresdner Zwingers haben mit meiner kleinen Geschichte nichts zu tun. Die Story wird eingeleitet von einem Konzertbesuch in der Semperoper und die dort ausgelöste Euphorie wirkte lange nach. Der Besuch der Gemäldeausstellung war erst für den nächsten Tag vorgesehen.
    Die Tage in Dresden waren, vervollständigt durch einen Ausflug zur Moritzburg, ein Hochgenuss und brachten das Beste, was uns Menschen so passieren kann - das Staunen.
    Wie Du auf den "alten geilen Sack" kommst, erschließt sich mir nicht. Für eine Siebzehnjährige ist man schon "alt", wenn man selbst vielleicht 25 Jahre zählt.
    Aus der leichtfüßigen Geschichte - tolles Konzerterlebnis, euphorische Stimmung, sich bietende Gelegenheit, Verliebtheit eines Teenagers - wollte ich kein tiefschürfendes Sittengemälde schaffen, nur hineingreifen ins pralle Leben.
    Liebe Grüße,
    Festival
    Geändert von Festival (01.05.2019 um 20:06 Uhr)

  10. #10
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    Nun, liebes Festival, ich wollte hier weiß Gott keinen moralinsauren Essig auf deine beschwingte Deflorationsparty mitbringen, oder ein tiefschürfendes
    Sittengemälde entwerfen. Aber dieses Ambiente einer kulturellen Genussorgie lässt deinen leichtfüßigen Höhepunkt aus dem prallen Leben schon beinahe
    wieder zu einem Nebenschauplatz werden. Hier wird deine Geschichte letztendlich aber auch zu einer Herausforderung, wollte man sie nicht als banales
    Soft- Tête-à-tête eines Kulturbeflissenen abtun. Ich hatte auch nicht vor, jemanden in den alten geilen Sack zu stecken. Denn natürlich weiß ich nicht, wie
    alt das LI ist. Meine drastische Faust- Allegorie sollte vielmehr dazu dienen, die schillernde Welt und die vielschichtige Oberfläche meisterlicher
    Hochglanzkultur etwas differenzierter auszuleuchten. Dass die kulturellen Höhepunkte mit deiner kleinen Geschichte überhaupt nichts zu tun haben haben
    sollen, scheint mir nahezu unwahrscheinlich. Gerade diese machen doch erst diese Stimmung der Erzählung aus der Erinnerung heraus aus, auch wenn sie
    vielleicht zeitlich versetzt erlebt worden sind. L.G.A.

  11. #11
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    Lieber Anjulaenga,
    ich habe zu keiner Zeit vermutet, Du könntest oder wolltest moralinsaure Essenzen verteilen.
    Einen kritischen Blick auf Hochglanzkultur erlaube ich mir durchaus selbst, könnte allerdings anführen,
    dass aus dieser Siebzehnjährigen ohne jegliches Zutun von mir (sie war schon vor unserer Bekanntschaft ein großer Fan Ludwig Güttlers und war zwei Jahre später nach St. Petersburg zur Gesangsausbildung entschwunden, war mir bei meinen letzten Besuchen eine sachkundige "Cicerone" im Kahlaer Porzellanmuseum, der hübschen Moritzburg, im Grünen Gewölbe) ein glänzender Sopran geworden.
    Und natürlich hast Du Recht, wenn Du vermutest, dass meine Berührungen mit der Hochkultur nicht spurlos an mir vorüber gegangen sind. Durch meine Tätigkeit in Sachen Kultur bin ich mit zahlreichen, hochkarätigen Künstlern/Künstlerinnen zusammen gekommen und nehme gerade wieder Anlauf auf ein neues Kapitel. (Den "Anlauf" könntest Du mitverfolgen, wenn Du Dich meiner Einladung zu einem Treffen Anfang Oktober erinnerst.
    Liebe Grüße,
    Festival

  12. #12
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    Nun, liebes Festival, der direkte Zugang zu so hoher Hochkultur ist mir bislang leider verwehrt geblieben, wobei mich neben der grandiosen formvollendeten Umsetzung von Themen doch meistens die Idee dahinter mehr fasziniert. Davon wird dann auch eher mein Bedarf an Kultur bestimmt.
    Es ist diese Anbindung an eine Zeit, die uns leben und erleben lässt. Nehmen wir z.B. den Protagonisten aus deiner Erzählug. Er wird sich im Herzen sicherlich nicht als Einreiter von Jungfrauen verstehen, sondern er wird für einen Moment die Anbindung an seine Zeit (wieder) gefunden haben, die er vielleicht bereits aus dem Vollen erlebt, vermisst, oder nicht ausgelebt hat. Dahinter lässt sich die ewige Sehnsucht nach göttlicher Vollendung und Schönheit vermuten, die sich ja auch in der Hochkultur wiederfindet, die ihr hochglanzpolierte Gesicht zeigt, um als solche plakativ wahrgenommen zu werden und den Meister unsterblich werden lässt. Das prägt auch unseren Hunger nach Kultur, die wir uns mit allen Sinnen einverleiben wollen, um eine zeitliche Anbindung zu finden.
    Lass deine Jaqueline nur eins zwei Jahre jünger sein, und den Protagonisten vielleicht fünfzig oder sechzig, dann fängt die Idee dahinter schnell an zu kippen. Dasselbe Geschmäckle passiert auch, wenn du den Ort z.B. nach Thailand verlegst. Auch wenn die juristische Korrektheit, oder die moralische Komponente mal ganz außen vorgelassen wird, so wird die Metaebene für den Leser sichtbar und spürbar. Das nicht immer so unschuldige und unproblematische Verhältnis von den Musen und Modell- Steherinnen zu ihren angebeteten Meistern ist in unseren hochgepriesenen Kulturschätzen und Kulturerben gleichermaßen verborgen. Wieviele Abtreibungen und Abfindungen dahinter stehen, wird in breiter Öffentlichkeit selten oder nie diskutiert, um der Perfektion und Vollendung keine Kratzer zuzufügen und dem stümperhaften Lob der Superlativen nicht im Wege zu stehen. Uns wird eine göttliche Idee vorgegaukelt, und wir wollen sie nur allzu gerne glauben und vor allem staunen.
    Wehe, wenn die Entjungferung spürbare böse Kratzer bei Jaqueline hinterlassen hätte, weil sie einem erfahrenen Zapano unter Alkoholeinfluss ins Netz gegangen ist, der ihre naiven und kindlichen Träume geschickt zu nutzen gewusst hatte. So aber ist das ,,Märchen" schon richtig gewählt. Aus Jaqueline ist eine selbstbewusste erfolgreiche Sopranistin geworden, und alle sind glücklich und zufrieden, happy end. L.G.A.

  13. #13
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    Vielleicht auch ein happy end, weil das Märchen in der ehemaligen DDR spielt und weil dort ein anderer Frauentyp heranwuchs als im piefigen Westen?
    grübel!

    LG, Cara

  14. #14
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    Liebe Cara,
    Güttler, Semperoper und ABV ("Abschnittsbevollmächtigter" der Volkspolizei) signalisieren deutlich, dass die Story tatsächlich in einer Zeit spielt, in der es die DDR noch gab. Die erfrischende Direktheit der Mädchen aus Sachsen (die dort auf den Bäumen wachsen) stand tatsächlich im Gegensatz zu manchmal piefigen Einstellungen der aus dem Westen. Heute kann man Willy Brandt Recht geben für seine Prophezeihung, da wüchse zusammen was zusammen gehört.
    Liebe Grüße,
    Festival

  15. #15
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    Hallo Tincatinca,
    na, das nenne ich doch mal einen fachkundigen Kommentar! Die Bands, die Du anführst, haben sicher vielen Teenies Anfang der neunziger Jahre feuchte Augen gemacht. Der zarte Hinweis auf Güttlers Getröte verweist in die Mitte der siebziger und da waren die Wessigirls gemessen an den Ossimädels doch noch ziemlich piefig. Beim genauen Lesen wärest Du sicher drauf gekommen, dass "halbgeleerte" Weingläser nichts mit "unter Alkohol gesetzten" Mädchen zu tun haben (es sei denn, ein halbes Glas Wein macht Dich schon wuschig). Der Versuch, das LI in die Nähe des Stiefvaters zu rücken, zielt haargenau daneben. Auch Fachfrauen können sich mal irren. Was an der ganzen Geschichte eklig sein soll, müsste mal genauer untersucht werden. Vielleicht war der Satz über den "alten Mann" ein wenig irreführend. Für eine Siebzehnjährige ist auch ein Fünfundzwanzigjähriger schon ziemlich alt.
    Dennoch: Über scharfe Kritiken freue ich mich!
    Gruß,
    Festival
    Geändert von Festival (02.05.2019 um 13:50 Uhr)

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