1. #1
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    Eis und Marzipan

    „Du...“
    „Ja?“
    „Ich bin todmüde, die ganze Aufregung, mein Schwiegerpapa, weißt du, er hatte monatelang große Schmerzen und hatte einfach keine Kraft mehr, aber sich bis zuletzt geweigert, in ein Altenheim zu gehen - ich glaube, es war eine Erlösung für ihn, hat sich gefreut, dass ich so schnell gekommen bin, ach Heinz ...“,
    Eva kuschelte sich an mich und ich spürte, dass ihr Gesicht ganz nass war. Eva weinte, ganz still, und nichts konnte ihren Tränenfluss hindern.
    „Hast du mal ein Taschentuch?“ Ich trocknete das tränennasse Gesicht, strich ihr ganz vorsichtig übers Haar, Eva schneuzte sich die Nase und:
    „Du - lass uns schlafen...“ kam mit immer leiserer Stimme und sie schlief schon, bevor sie ihren Satz zu Ende gesprochen hatte. Zwei Träume weiter und:
    „Ach du Sch.....!“
    Eva konnte sehr „grobianisch“ und unverblümt sein und vor allem ziemlich laut den Weckvorgang bei mir einläuten.
    „Was ist denn los?“, ich schoss von der Waagrechten mit der Hälfte meines gerade noch schlummernden Leibes in die Senkrechte.
    „Die Rote Armee ist einmarschiert.“
    Wieso, was war los, die Russen sind doch schon lange hier und ich - der erste Kriegsgefangene? Halb vom Schlaf noch umnebelt:
    „Eva, was ist passiert?“
    „Ach, nix Schlimmes, aber ich hab das ganze Bett voll gesaut.“
    Sie hatte schlicht und ergreifend mitten in der Nacht ihre Tage gekriegt, ihre Tränen hatten sie seelisch entspannt, das vorgezogene Einsetzen ihrer Periode war die Antwort ihres Körpers auf die ganze Aufregung und Beanspruchung ihrer Kräfte und Anlass, schon am frühen Morgen die Spuren des Schlamassels zu beseitigen.
    „Kannste mal rüber in die Apotheke und mir paar Tampons besorgen?“
    „Klar, bin gleich wieder da.“
    Dresdner Apothekerinnen - das ist eine ganz besondere Spezies.
    „Guten Morgen, was darfs sein?“
    „Ich brauche ein Päckchen Tampons.“
    „Ääänne“, der Ruf nach der Kollegin war unüberhörbar, „der Herr braucht Tampons!“
    Meine Erklärungsversuche, die Tampons seien nicht für mich, verursachten allergrößte Heiterkeit, kichernd überreichte Änne mir ein Papiertütchen, Inhalt: Ein Päckchen der gewünschten Ware.
    „Tschüss und schönes Wochenende!“ Ich hörte die beiden noch beim Verlassen der Apotheke kichern, das von der kleinen Glocke an der Tür nicht übertönt wurde.
    „Schönes Wochende“ - Mamma mia, wir hatten ja schon Freitag und für den Abend war das große Familientreffen in Jena geplant.
    Im Esszimmer - eine verschlafene Jaqueline und eine emsige Mama, der Kaffee war fertig, die knusprigen Brötchen („die hat meine Nachbarin uns mitgebracht“) warteten darauf aufgegessen zu werden.
    Eva erzählte uns, wie der Aufenthalt in Leipzig war.
    „Ja, dein Papa war natürlich auch da, er lässt dich grüßen und denkt, dass du mit zur Beerdigung kommst.“
    Das Interesse Jaquelines an ihrem Papa hielt sich sehr in Grenzen, aber:
    „Ja, natürlich komm ich mit. Wann müssen wir denn hier los?“
    „Die Beerdigung ist am Montag. Wir fahren am Sonntag hier los und können bei Tante Ilona übernachten.“
    Mein Urlaub neigte sich dem Ende zu, aber zu gern hätte ich Elischa vor meiner Rückfahrt in anderthalb Wochen noch einmal gesehen.
    „Wenn du mich am Bahnhof abholst, komm ich nächsten Freitag gegen Abend nach Jena. Dann bin ich auch wieder fit wie ein Turnschuh.“
    Ich bezog die Bemerkung auf die zu erwartenden Belastungen wegen der Beerdigung, dann fiel mir der allerliebste Wunsch der Apothekerin ein, den ich einfach für das nächste Wochenende vereinnahmte.
    „Und du, Jaqueline, kommst du mit?“
    „Geht nicht, Monika veranstaltet ihr großes Gartenfest; ich habe ihr schon vor paar Wochen versprochen, da mitzuhelfen.“
    Monika? Ach ja, das war die Dame mit der Schlüsselgewalt über das kleine Paradies am Rande Dresdens.
    „Warst du mit Heinz schon im Grünen Gewölbe?“
    Das hielt ich zunächst für eine Umschreibung der „Datsche“ Monikas, wurde aber schnell eines Besseren belehrt.
    „Das musst du gesehen haben - macht ihr beide euch doch dahin, ich muss hier noch einiges erledigen - ach so, guck mal, was mein Schwiegerpapa mir vererbt hat.“
    Elischa kramte aus ihrer Handtasche ein Buch heraus - eine alte Familienbibel.
    „Ich soll in der Aussegnungshalle paar Worte sagen - ich hab nóch keine Ahnung, was die von mir hören wollen.“
    Ich blätterte ein wenig im Alten Testament herum und fand beim Prediger Salomo dessen Worte zur Vergänglichkeit des Menschen.
    „Du, ich les dir mal was vor, vielleicht findest du was passendes.“
    Ich gab mir Mühe, meine Stimme nicht gar zu pastoral klingen zu lassen und die beiden hörten zu:

    „Alles hat seine Zeit

    Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.
    Man arbeite, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn davon.
    Ich sah die Mühe, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie darin geplagt werden. Er aber tut alles fein zu seiner Zeit und lässt ihr Herz sich ängsten, wie es gehen solle in der Welt; denn der Mensch kann doch nicht treffen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Darum merkte ich, dass nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeglicher Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Gottes.
    Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht immer: man kann nichts dazutun noch abtun; und solches tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen; und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.
    Weiter sah ich unter der Sonne Stätten des Gerichts, da war ein gottlos Wesen, und Stätten der Gerechtigkeit, da waren Gottlose. Da dachte ich in meinem Herzen: Gott muss richten den Gerechten und den Gottlosen; denn es hat alles Vornehmen seine Zeit und alle Werke.
    Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, auf dass Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie an sich selbst sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes abwärts unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?
    Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, auf dass Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie an sich selbst sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes abwärts unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“

    Erst war Schweigen.
    „Sag mal, bist du in der Kirche?“
    „Nee, bin ich nicht; aber was der Salomo da so von sich gibt, das hat schon was.“
    „Aber so viel wollte ich doch gar nicht reden.“
    „Brauchst du auch nicht, ich schreib dir das ab und du hast im Zug genug Zeit zum Kürzen.“
    „Na, da werden die anderen Trauergäste aber gar nichts von sozialistischer Pflichterfüllung hören.“
    „Mama, da gibt es doch bestimmt paar alte Arbeitskollegen, die werden bestimmt mit den ollen Kamellen kommen.“
    „Komm, lies mir den Text vor, ich klopp ihn die Schreibmaschine.“
    Jaqueline zupfte an meinem Hemdsärmel, ich griff nach der Bibel, Elischa verschwand in der Küche und ich folgte meiner „Sekretärin“ ins Jungmädchenzimmer. Schnell waren Salomos weise Worte abgeschrieben; Jaqueline und ich sagten „tschüss bis neulich!“.
    Eva stopfte gerade die Bettwäsche in die Waschmaschine:
    „Macht keine Dummheiten, tschüss!“ und wir trollten uns.
    In der Nähe des Theaters fanden wir einen Parkplatz, nach wenigen Minuten kamen wir an dem Trümmerhügel der zerbombten Frauenkirche vorbei und:
    „Komm mal hier lang, ein Stückchen weiter ist ein tolles Tor, da müssen wir durch.“
    „Was gibt es denn da Tolles?“
    „Sag ich nicht, musst du selbst entdecken.“
    Wir durchschritten besagtes Tor, durch das vor Jahrhunderten die Kutschen der Edelleute gefahren waren.
    „So, jetzt musst du dich umdrehen.“
    Links und rechts des Tores bildeten zwei übermanns große Ritter sozusagen die Pfeiler, die Form des Tores (wenn ich mich richtig erinnere) war gotisch, das ganze Ding sehr beeindruckend. Nach gebührlicher Bewunderung:
    „Ja, das ist wirklich toll!“
    „Das Verrückteste hast du gar nicht gesehen.“
    „Dann zeig es mir doch.“
    „Da müssen wir noch mal durch das Tor zurück gehen.“
    Wir gingen zurück, nach ein paar Metern:
    „Stopp! Jetzt musst du dich wieder umdrehen.“
    Wollte sie meine Eigenschaft als Brummkreisel testen? Ich drehte mich rum, schaute - das
    „Tolle“ suchend, aus dem Inneren des Gebäudes in die Helligkeit des Dresdner Himmels und: „Na, siehste das denn nicht?“
    „Was soll ich denn sehen?“
    „Na guck mal nach rechts, da zeigt der Ritter allen Leuten seinen - ähhh - Pimmel.“
    Tatsächlich, der Steinmetz muss sich einen Spaß daraus gemacht haben - dieser edle Prügel, alle anderen Bezeichnungen wären untertrieben, in allen Feinheiten artig ziseliert, ragte von rechts Richtung Tormitte und, ich habe es kontrolliert, ist von draußen kommend nicht als die männliche Ritterzier zu erkennen.
    Von den Steinmetzkünsten beeindruckt betraten wir kurz darauf die Räume eines der wohl ältesten Museen Europas - das Grüne Gewölbe. Barockpracht vom Feinsten, kein Bernsteinzimmer, aber ein Bernsteinkabinett, gleich daneben das Elfenbeinzimmer. Gold, Silber, Juwelenpracht, ein Schnitzwerk (nur durch eine Lupe als ein Kirschkern zu erkennen, der ein paar Dutzend Elefanten beinhaltete), wundersamer Schmuck, Edelsteine, Gefäße aller Art - eine unglaubliche Schatzkammer! Ich schreibe, so kommentierte später mal eine Kritikerin, in einem "barocken" Stil - wenn die wüsste, was sie für ein Lob angesichts dieser Barockherrlichkeiten ausgesprochen hat!
    „Magst du Eis?“
    „Dieser Götterkörper, der hier vor dir steht, ist aus Eis geformt!“
    „Na, da taut doch dein bestes Stück bei der Hitze ab.“
    „Einige Teile sind aus Marzipan.“
    „Das glaube ich dir nicht!“
    Ich ahnte, worauf dieses Geplänkel hinaus laufen sollte und kaum im Auto sitzend, begann Jaqueline trotz aller Proteste und ernsthafter Einwände mit der Suche nach den Marzipanteilen. Die Behauptung, ansonsten bestünde ich aus Eis, war nicht so falsch - ich schmolz dahin und: „Und jetzt ein Eis!“ Dem Dresdner Eis eilt sein Ruhm voraus, es ist lecker, lecker und lecker und hat nur einen kleinen Nachteil: Es wird traditionsgemäß in zwei Kaurimuschelwaffeln (ich spreche von der Form - das Material waren zwei dünne Waffeln) serviert und wer sich dann nicht bekleckert, ist Meister/in des flinken Leckens und Saugens. Ich wurde es nicht und Elischas erste Frage nach unserer Heimkehr war:
    „Na, Eis geschleckt?“
    „Ja, und Marzipanschweinchen haben wir auch geknabbert!“, krähte Jaqueline aus dem Nebenzimmer.
    „Marzipan? Wo hast du das denn bekommen?“
    „Da war ein Konditor...“
    „Ja, weiß ich, aber der hat immer nur Persipan.“
    „Marzi- oder -Persi - Hauptsache lecker!“
    „Habt ihr denn schon was gegessen?" Von nebenan ersticktes Lachen:
    „Nee, nur Eis und Marzipan."
    „Ich mach mal Kaffee, Kuchen ist auch noch da. - Ich hab mir den Salomo noch mal durch gelesen, ich glaub, ich mach das.“
    Die Stunde des Abschieds rückte näher. Wir machten es kurz, trösteten uns damit, dass es ja nur ein paar Tage sind bis zum sommerlichen Fest in Jena.
    Die Sonne stand tief, blendete mich, aber die Autobahn Richtung Hermsdorfer Kreuz und Jena war so gut wie leer und nach knapp zwei Stunden hatte ich die Holperstrecke hinter mich gebracht.
    Geändert von Festival (17.06.2019 um 18:51 Uhr)

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